Th. Deswarte u.a. (Hrsg.): Frühmittelalterliche Briefe

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Titel
Frühmittelalterliche Briefe: Übermittlung und Überlieferung (4.–11. Jahrhundert). La lettre au haut Moyen Âge: transmission et tradition épistolaires (IVe–XIe siècles)


Herausgeber
Deswarte, Thomas; Herbers, Klaus; Scherer, Cornelia
Reihe
Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte 84
Erschienen
Köln 2018: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
379 S.
Preis
€ 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Clemens Gantner, Institut für Mittelalterforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Der vorliegende Band ist eines der Ergebnisse des Projekts „EPISTOLA. Der Brief auf der iberischen Halbinsel und im lateinischen Westen. Tradition und Wandel einer Gattung (4.–11. Jahrhundert)“, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Agence Nationale de la Recherche finanziert wurde und von 2012 bis 2015 am Centre d’études supérieures de civilisation médiévale, an der Universität Erlangen-Nürnberg, sowie der Casa de Velázquez angesiedelt war. Die beiden Projektleiter Thomas Deswarte und Klaus Herbers fungieren auch bei diesem Band als Herausgeber und wurden in dieser Aufgabe von Cornelia Scherer unterstützt. Konkret präsentiert der Band die Ergebnisse der Tagung „Von A nach B – von damals bis heute: Übermittlung und Überlieferung von Briefen (4.–11. Jahrhundert)“, die im Mai 2014 in Erlangen stattfand.

Oftmals ist es bei Sammelbänden schwierig, eine kohärente Linie in den heterogen gestalteten Beiträgen aufrecht zu erhalten, ganz besonders bei Tagungsbänden. Die Herausgeber waren sich dieses Problems im vorliegenden Fall sehr bewusst und bieten eine recht innovative Lösung an, die hoffentlich Nachahmer in anderen Sammelwerken finden wird: Zu jeder der vier thematischen Sektionen, in welche das Buch gegliedert ist, wurde nicht nur, wie üblich, ein Titel gestellt, sondern jeder dieser Abschnitte wurde auch mit einer Art Abstract versehen, in welchen kurz die Zielsetzung desselben erläutert wird. Diese kurzen Zusammenfassungen werden auf Deutsch geboten.

Die Einleitung zum Band wurde hingegen von Thomas Deswarte auf Französisch verfasst. Vielleicht ist diese Aufteilung erfolgt, um die Internationalität des Projektes zu unterstreichen. Manch einen Leser mag sie verwirren. Doch auf Grund der augenscheinlich guten Kooperation innerhalb des Projektes greifen diese Teile des Buches, die sich ja konzeptionell ergänzen müssen, gut ineinander und vertreten eine relativ einheitliche Position. Die Einleitung selbst gibt in groben Zügen eine Einführung zu Genre „Brief“ im frühen Mittelalter, bescheidet sich aber mit einem Umfang von knapp 6 Seiten. Klarerweise können die Teile einer Einleitung, die sich mit dem Aufbau des Bandes befassen würden, hier ob der alternativen Anlage des Buches entfallen. Die Einleitung schafft es trotz der Kürze, die entscheidenden Aspekte der Briefüberlieferung gebührend anzusprechen und damit den Leser auf die kommenden Fragen einzustimmen.

Der erste Abschnitt widmet sich der Frage, von wem und auf welche Weise Briefe übermittelt wurden. Sabine Panzram skizziert dabei die Veränderung des Botenwesens in der Spätantike, weg von einem öffentlichen System hin zu persönlich dem Absender verbundenen Überbringern. Volker Scior und Philippe Depreux beleuchten dann in der Folge die Bedeutung des Botenwesens im Karolingerreich genauer, wobei beide verschiedene Arten von Vorschriften für die Gesandten mit einbeziehen. Der Beitrag von Ludwig Vones geht in eine etwas andere Richtung: er nimmt interkulturelle Briefwechsel zwischen christlichen und muslimischen Herrschern in den Blick und untersucht das Verhalten bei der Übermittlung von Briefen, die Bedeutung von Geschenken und etwaigen Vorträgen der Boten – alles Aspekte, die für eine gelungene Kommunikation entscheidend waren.

Auch der zweite Abschnitt ist weiterhin der Übermittlung von Briefen im frühen Mittelalter gewidmet, nimmt nun aber die Aspekte „Verbreitung“ und „Verlust“ in den Blick. Gernot Michael Müller analysiert zunächst den Erhalt der Briefkultur der römischen Antike im Zuge der Romanisierung der „Barbaren“. Gerade diese Integration hat dazu geführt, dass die Briefe weiterhin gesammelt und für die Nachwelt aufbewahrt wurden. Georg Strack betrachtet dann die Verbreitung von Kreuzzugsbriefen im ausgehenden elften Jahrhundert. Er zeigt die mehreren Versionen zugrundeliegenden heterogenen Strategien, die teilweise von lokalen Interessen bestimmt waren. Katharina Götz und Klaus Herbers beschäftigen sich am Anschluss mit verschiedenen Fragen zum Verlust von Briefen. Götz zeigt am Beispiel Hispaniens vor der arabischen Eroberung, wie sinnvoll die Arbeit mit aus anderen Briefen erschlossenen Deperdita sein kann. Herbers widmet sich hingegen dem absichtsvollen Verschwinden-lassen von Briefen im Zuge von Briefraub. Er illustriert anhand von Beispielen aus dem päpstlichen Umfeld aus der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts, dass dieser Raub gar keine Seltenheit war, weswegen auch Gegenstrategien entwickelt wurden, um die Zustellung päpstlicher Entscheidungen in wichtigen Fragen sicherzustellen.

Mit dem dritten Abschnitt wechselt der Fokus des Bandes zur Frage der Überlieferung der Briefe. Dabei ist der erste Teil, der zugleich umfangreichste des Bandes, Briefsammlungen gewidmet, der häufigsten Form, in welcher frühmittelalterliche Briefe erhalten sind. Roland Zingg liefert eine Einführung zum Thema, in der er zurecht darauf hinweist, dass die Briefe der Zeit aus unsere heutigen Sicht unbedingt auch immer im Kontext der Sammlung zu verstehen sind, in der sie erhalten wurden. Veronika Unger greift dann noch einmal auf die Briefboten zurück und zeigt, dass Briefsammlungen, die bekanntlich selten chronologisch angeordnet sind, sich in ihrem Ordnungsprinzip zumindest für die Papstbriefe des neunten Jahrhunderts häufig an der Person des Überbringers orientierten. Die Artikel Bruno Judics und Alberto Ricciardis beschäftigen sich dann mit der Briefsammlung Papst Gregors des Großen, einer der wichtigsten des Mittelalters. Judic zeigt, dass man anhand des Befundes der nach Spanien gesendeten Briefe einiges über deren Verbreitung und Verwendung, aber auch über Gregors Briefregister selbst herausfinden kann. Ricciardi wiederum analysiert einen verfälschten Brief des Papstes an Secundinus, der wohl angepasst wurde, um ihn gegen den sogenannten Ikonoklasmus einsetzen zu können. Peter Orth befasst sich schließlich mit dem Wiederaufgreifen spätantiker Briefsammlungen des Symmachus, Ennodius und Cassiodor im elften und zwölften Jahrhundert – ein neues Interesse an stilisierten Briefen, das diesen Sammlungen erst den Erhalt bis in unsere Zeit sicherte.

Der vierte und letzte Abschnitt ist dann genau der umgekehrten Situation gewidmet: der Überlieferung von Briefen zusammen mit anderen Texten. Dominique Moreau analysiert zunächst die Erwähnung von Papstbriefen in den frühen Viten des sogenannten römischen Liber Pontificalis, dem Buch der Taten der römischen Bischöfe; die meisten der genannten Schreiben sind jedoch nicht als echt anzusehen. Der Beitrag schließt mit zwei sehr praktischen Listen aller 89 relevanten Textstellen des umfangreichen Werkes bis zum Pontifikat Felix III. (526–530). Salvador Iranzo Abellán widmet sich dann der Überlieferung von hispanischen Briefen aus Spätantike und wisigotischer Zeit (und schließt damit gut an den Beitrag von Götz in Abschnitt 2 an). Er zeigt sowohl die Möglichkeit der Überlieferung in einer Briefsammlung (zu Abschnitt 3) und vergleicht dann diese Übermittlung mit jener im Verbund mit historiographischen, literarischen oder wissenschaftlichen Werken. Maddalena Saparagna beschäftigt sich dann dazu passend mit der Umwandlung von Begleitbriefen aus dem Umfeld des gallischen Bischofs Eucherius von Lyon hin zu Vorwörtern der zunächst begleiteten Texte. Eine ähnliche Detailstudie legt Miguel Franco vor, der seinen Beitrag dem Briefwechsel zwischen Isidor von Sevilla und Braulio von Saragossa widmet und dessen Transformation in eine Art Standard-Vorwort der Etymologien Isidors nachzeichnet.

Insgesamt liefert dieser Sammelband ein sehr umfassendes und abgerundetes Bild der Übermittlung und Überlieferung von Briefen im Frühmittelalter. Durch die absichtliche Beschränkung auf diese zwei Themenbereiche, die noch dazu sehr gut ineinandergreifen, ist es gelungen, ein sehr praktisches Buch für alle interessierten Forscher/innen zu schaffen. Auch äußerlich liegt ein schönes Buch vor, die Umschlagabbildung, die den Briefwechsel Isidors mit Braulio illustriert, passt nicht nur perfekt zum Beitrag von Franco, sondern steht wunderbar sinnbildlich für den ganzen Band.