A. Dittmann: Carl Stangen – Tourismuspionier und Schriftsteller

Cover
Titel
Carl Stangen – Tourismuspionier und Schriftsteller. Der deutsche Thomas Cook


Autor(en)
Dittmann, Alina
Reihe
Polnische Studien zur Germanistik, Kulturwissenschaft und Linguistik 8
Erschienen
Frankfurt a.M. 2017: -
Anzahl Seiten
515 S.
Preis
€ 96,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hasso Spode, Historisches Archiv zum Tourismus, Technische Universität Berlin

„Giants of Tourism“ heißt eine Sammlung historisch-biographischer Portraits von Tourismuspionieren wie Thomas Cook.[1] Cook ist zweifellos der prominenteste Vertreter dieser Spezies. Doch verdutzt stellt man fest, dass auch alle anderen „Riesen“ aus englischsprachigen Ländern stammen – als ob der Tourismus eine exklusive Angelegenheit dieser Länder sei.[2] Und so findet sich in der Sammlung auch kein Wort über den deutschen Reiseveranstalter Carl Stangen. Stangen – 25 Jahre jünger als Cook – war im Kaiserreich eine Berühmtheit. Während er in der anglophonen Forschung eine unbekannte Größe ist, fand er in der deutschen durchaus Erwähnung, doch eine gründliche Würdigung, wie sie Cook mehrfach zuteilwurde, stand bislang aus. Diese Forschungslücke zu schließen, unternimmt nun die polnische Literaturwissenschaftlerin Alina Dittmann.

Das reich bebilderte Buch zerfällt in vier Hauptteile. Auf einführende Bemerkungen zum Forschungsstand und zur Tourismusgeschichte im 19. Jahrhundert (Kap. I und II) folgt die breite Darstellung von „Leben und Werk” Carl Stangens (Kap. III), unterteilt in Jugendzeit, die Aktivitäten als Reiseveranstalter und das literarische Oevre. Abschließend wird auf die „Rezeption“ Stangens bis hin zu jüngeren Ausstellungen (an denen die Autorin beteiligt war) eingegangen (Kap. IV).

Stangens „Werk“ bestand primär im Auf- und Ausbau eines Reisebüros. Seine schriftstellerische Arbeit war ein Nebenprodukt dieser Aktivitäten und fällt als solche – abgesehen von einigen lyrischen und erzählerischen Versuchen – ins Genre der Gebrauchs- und Unterhaltungsliteratur. Geboren 1833 im schlesischen Ziegenhals, versuchte sich Carl Stangen als Soldat und als Drucker, um schließlich Postbeamter zu werden. Da blieb offenbar viel Freizeit. Nebenbei veröffentlichte er Selbstverfasstes und um 1863 begann er zusammen mit seinem Bruder Louis von Breslau, fünftägige „Exkursionen“ nach Wien und anderen Städten zu organisieren. Bereits im Folgejahr führte Louis Stangen eine Touristengruppe via Konstantinopel, Smyrna und Jerusalem nach Kairo zu den Pyramiden – eine Pioniertat fünf Jahre vor Cooks erster Ägyptenreise. Carl kündigte seine Beamtenstelle und die Brüder eröffneten 1867 in Berlin offiziell ein Reisebüro. Da Louis aus dem Geschäft weitgehend ausstieg, firmierte es bald als „Carl Stangen’s Reise-Bureau“. Der „Orient“ wurde quasi der Markenkern. 1869, etwa, nahmen Stangens Kunden an der Eröffnungsfeier des Suez-Kanals in Port Said teil. Neben und teils vor Cook war Stangen der Wegbereiter der touristischen Erschließung des Nahen Ostens, wofür ihn der Sultan mit Orden dekorierte. Zumal da die Infrastrukturen bisweilen noch ziemlich abenteuerlich waren, erforderten solche Fernreisen großes organisatorisches Geschick und Impovisationstalent. Stangen war hierin ein Meister. Beständig perfektionierte er die Angebote und weitete zugleich seine Aktivitäten und seinen Aktionsradius aus. Bahn- und Schiffbilletts, Hotelzimmer, Zelte, Esel, Dolmetscher etc. – detailliert ließ sich vorab eine Reise individuell zusammenstellen. Neben dem „Orient“ waren besonders Italien, Skandinavien und Frankreich im Programm, aber auch Amerika, Indien, Zentral- und Ostasien; zudem wurden Gesellschaftsreisen mit Sonderzügen zu mitteleuropäischen Destinationen und zu einigen Weltausstellungen angeboten. 1878 dann die erste „deutsche Reise um die Erde“ – zwar sechs Jahre nach Cook aber kein Geringerer als Bismarck hatte die Schirmherrschaft übernommen. In Zeitungen und Büchern wurde eifrig über Stangens Reisen berichtet; die Autorin hat dazu sogar zwei verschollene Operetten-Libretti ausgegraben. Man war stolz, dass er dem Engländer Paroli bot.

Doch nur eher zwischen den Zeilen dieser Biographie wird die scharfe Konkurrenz zwischen Stangen und Cook deutlich, eine Rivalität, die sowohl symbolisch-nationalistischer als auch handfest-ökonomischer Natur war. In Ägypten, das faktisch eine britische Kolonie wurde, hatte Stangen dem Engländer weitgehend das Feld überlassen müssen; seine „Orient-Reisen“ führten fortan bevorzugt in nördlichere Teile des Osmanischen Reichs, zumal nach Palästina und Syrien. Etliches, wie das Couponsystem oder die Herausgabe eigener Reiseführer und Zeitschriften, hatte Stangen von Cook übernommen (der wiederum Etliches von englischen Konkurrenten, wie Henry Gaze, übernommen hatte). Firmenoffiziell freilich galt nicht der große Rivale als Vorbild, sondern die weithin unbekannte Verlegerfamilie Galignani, die im frühen 19. Jahrhundert in Paris Briten betreute und auch Reisen organisiert haben soll. Letzteres wird von der Autorin für bare Münze genommen: „Es unterliegt keinem Zweifel, das [sic] J.A. Galignani das wichtigste Vorbild“ war, „denn“ Stangen lobte ihn in höchsten Tönen (S. 50); weitere Belege fehlen – schon Fuss hatte ein Reisebüro Galignani ins Reich der Legende verwiesen.[3] Ein klassischer Fall von erfundener Tradition. Generell bleibt das latente Spannungsverhältnis zu Cook etwas unterbelichtet. Dies zeigt sich selbst bei Schilderung der größten Niederlage, die Stangen einstecken musste: die pompöse Jerusalem-Reise des Kaisers im Oktober/November 1898. Zum Hauptorganisator machte Wilhelm ausgerechnet Thos. Cook & Son. Wohl fast schlimmer noch: Auch die kleine, erst 1890 gegründete Konkurrenz-Agentur von Carl Stangens Neffen – „Hugo Stangen’s Reise-Bureau“ – wurde offiziell mit einbezogen. Hugos prominenter Onkel – dieser „treue, deutsche Mann“, wie ihn ein Biograph 1908 titulierte – musste sich damit begnügen, zeitgleich eine eigene „Orient-Sonderfahrt“ ins Heilige Land durchzuführen, was Seine Majestät lediglich huldvoll zur „Kenntnis“ nahm, wie ihm Eulenburg schrieb. Da mutet es fast wie ein Wiedergutmachungsversuch an, dass er noch in Jerusalem den Roten Adlerorden angeheftet bekam – freilich nur vierter Klasse. All dies deutet darauf hin, dass Carl Stangen bei Hofe in Ungnade gefallen war; doch dazu erfahren wir nichts. Und so liest sich die „Orient-Sonderfahrt“ im Herbst 1898 letztlich als ein weiterer Erfolg Carl Stangens; es wird nicht recht deutlich, welch ein Desaster es gewesen sein muss, vom Kaiser an den Katzentisch verbannt worden zu sein und warum dies geschah. Allmählich zog er sich dann aus dem aktiven Geschäft zurück. 1905 ging die Firma an die Reederei Hapag, wo sie zunächst als eigenständiger Betriebsteil unter der Direktion von Stangens Söhnen fortgeführt wurde. 1911 stirbt Carl Stangen.

Breiten Raum in der Arbeit nehmen die literarischen Produktionen Stangens ein; im Titel wird er ja auch als Schriftsteller bezeichnet. Aus kulturhistorischer Sicht aufschlussreich sind hierbei die Schilderungen der Menschen und „Sitten“ in den bereisten Regionen. An solchen Berichten wird ja oft kein gutes Haar gelassen. Doch Alina Dittmann vermeidet den erhobenen Zeigefinger der Post-Colonial-Studies. Stattdessen lässt sie Stangen selbst (und Teilnehmer seiner Reisen) ausführlich zu Wort kommen und stellt seinen wachen, manchmal humorvollen, aber nicht überheblich-paternalistischen Beobachtungen ein gutes Zeugnis aus: „Gängige Klischees“ habe Stangen vermieden, vielmehr sei er ein „Verfechter eines nach Verständigung strebenden interkulturellen Austausches“ gewesen (S. 316). In der Tat fügt er sich schlecht ins Schema der Orientalismusthese.

Kritisch anzumerken bleibt, dass der Band ein gründliches Lektorat verdient gehabt hätte. Bisweilen verliert sich der Text in exkursartigen Abschweifungen, die besser nicht in Druck gegangen wären. Der Stil ist gut lesbar, aber da und dort stößt man auf lustige Fremdwörter, vielleicht aus dem Polnischen, wie „Protoplasten“ (gemeint sind Vorgänger), die ein engagierter Verlag korrigiert hätte. Schwerer wiegt, dass sich immer wieder irritierende Fehler finden, von falschen Autoren (S. 16) und Vornamen (S. 21) über die falsche Behauptung, Stangen habe das „erste Reisebüro Deutschlands“ gegründet (S. 491 u.ö.) bis zu einer Skizze des bundesdeutschen Veranstaltertourismus, bei der nahezu alles falsch ist (S. 125). Solch Mangel an Sorgfalt ist der ansonsten liebevoll gemachten Arbeit abträglich. Zudem hatte die Autorin bisweilen keine ganz glückliche Hand bei der Auswahl und Bewertung ihrer Sekundärliteratur. Kurz: fachhistorische Standards werden nicht immer eingehalten. Freilich ist zu bedenken, dass Alina Dittmann Germanistin ist. Und als solche hat sie Pionierarbeit geleistet, indem sie mit Fleiß und viel, bisweilen vielleicht zu viel Sympathie „Leben und Werk“ eines „Giant of Tourism“ in den Fokus der Forschung gerückt hat.

Davon ganz unabhängig wirft der Band – im Zeitalter des Internet – einmal mehr die Frage nach der Existenzberechtigung von Verlagen auf, die nichts anderes tun als eingereichte Texte gegen Bezahlung zwischen zwei Buchdeckel zu klemmen.

Anmerkungen:
[1] Richard W. Butler / Roslyn A. Russell (Hrsg.), Giants of Tourism, Wallingford u.a. 2010.
[2] Den bornierten „Ethnozentrismus“ der anglophonen Tourismusforschung monieren z.B. Graham M. S. Dann / Giuli Liebman-Parrinello (Hrsg.), The Sociology of Tourism. European Origins and Developments, Bingley 2009, Kap. 1.
[3] Karl Fuss, Geschichte der Reisebüros, Darmstadt 1960, S. 26. Der meist zuverlässige Fuss steht zwar in der Literaturliste, wurde aber nicht verwendet. Zu Galignani führt die Autorin lediglich zwei Internet-Texte an; dort findet sich nichts über ein Reisebüro.

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Veröffentlicht am
22.10.2018
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