S. H. Krause: Bringing Cold War Democracy to West Berlin

Cover
Titel
Bringing Cold War Democracy to West Berlin. A Shared German-American Project, 1940–1972


Autor(en)
Krause, Scott H.
Reihe
Routledge Studies in Modern European History 61
Erschienen
London 2019: Routledge
Anzahl Seiten
XV, 284 S.
Preis
£ 105.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Moritz Föllmer, Afdeling Geschiedenis, Europese Studies en Religiewetenschappen, Universiteit van Amsterdam

Die Neugründung der Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg im westlichen Teil Berlins war vor allen Dingen ein Gemeinschaftsprojekt amerikanischer Cold War Liberals und remigrierter deutscher Sozialdemokraten. Das ist offensichtlich und bereits in wichtigen Studien zur politischen Geschichte der geteilten Stadt thematisiert worden, unter anderem in Michael Hochgeschwenders Analyse des Kongresses für kulturelle Freiheit sowie in den Biografien Ernst Reuters von David Barclay und des Kulturmäzens Shepard Stone von Volker Berghahn.[1] Scott Krauses mit dem Willy-Brandt-Preis für Zeitgeschichte ausgezeichnete Arbeit schließt an diese Vorgänger an, geht jedoch insofern einen Schritt weiter, als er den kollektiven Charakter dieses Projekts in den Mittelpunkt stellt. Er behandelt zwar eine Reihe von Einzelpersonen, doch sein eigentlicher Akteur ist ein Netzwerk, welches sich die Demokratisierung auf die Fahnen geschrieben hatte, inspiriert durch die Vereinigten Staaten und in Abgrenzung vom kommunistisch regierten Ostteil der Stadt. Diese analytische Perspektive wird konsequent durchgehalten und in zahlreichen Formulierungen konkretisiert. Sie ermöglicht, wenn auch keine Neuinterpretation der frühen Geschichte West-Berlins, so doch eine stringente Darstellung mit einer Reihe interessanter Befunde.[2]

Der Vorzug dieses Ansatzes ist, dass neben Stone, Reuter und Willy Brandt weniger bekannte Protagonisten in den Blick geraten. Das Kapitel zur Formierung des Netzwerks im Exil behandelt unter anderem Hans E. Hirschfeld. Hirschfeld, der in der Weimarer Republik ein profilierter Medienpolitiker gewesen war, konnte nach Stationen in der Schweiz und im Elsass während des Zweiten Weltkriegs in die Vereinigten Staaten flüchten. In Manhattan wandelte er sich vom radikalen zum gemäßigten Sozialdemokraten und knüpfte zahlreiche Kontakte mit Amerikanern, unter anderem Harold Hurwitz, der bei Max Horkheimer, Otto Kirchheimer und anderen deutschen Emigranten Soziologie studierte. Wie so viele deutsche Exilanten wurde Hirschfeld im US Office of Strategic Services (OSS) tätig, wo er Charlotte Stone (geb. Hasenclever) kennenlernte, die mit Shepard Stone verheiratet war. Nach 1945 engagierte sich das entstehende deutsch-amerikanische Netzwerk, das nun auch Remigranten aus anderen Ländern wie Reuter und Brandt einschloss, für eine Besatzungspolitik, die demokratische Überzeugungen zu reaktivieren oder erst herzustellen suchte. Seine Mitglieder konzentrierten sich auf Berlin und erklärten alsbald dessen westliche Sektoren zum „Vorposten der Freiheit“ – ein Narrativ, zu dessen Verbreitung Hirschfeld als Leiter des Presse- und Informationsamts maßgeblich beitrug.

Der Erfolg des deutsch-amerikanischen Projekts beruhte entscheidend auf lokalen und gleichzeitig international wahrgenommenen Erfahrungen mit der Politik der sowjetischen Besatzungsmacht und dann der DDR-Regierung, aber auch auf dem Bewusstsein, dass dieser Politik in Form der Luftbrücke so konkret wie symbolkräftig entgegengetreten werden konnte. Hinzu kam, dass John McCloy als neuer Hoher Kommissar mit Shepard Stone und dessen Mitstreitern wie Harold Hurwitz oder Melvin Lasky zusammenarbeitete. Das schlug sich ebenso in finanzieller Unterstützung nieder wie in politischem und medialem Einfluss. Die örtliche Sozialdemokratie wurde auf Kosten des von Franz Neumann angeführten nationalen Flügels auf einen moderateren, amerikafreundlichen Kurs gebracht. Der Rundfunk im amerikanischen Sektor ermöglichte es Reuter, sich in der Sendung „Wo uns der Schuh drückt“ nach dem Vorbild Franklin D. Roosevelts direkt an die Berliner zu wenden. In den folgenden Jahren musste sich der RIAS, bei dem unter anderem der junge Egon Bahr tätig war, sowohl der Unterwanderung durch die Staatssicherheit der DDR erwehren als auch politischer Attacken aus den Vereinigten Staaten im Zeichen des McCarthyismus.

Mit dem Tod Reuters im September 1953 verlor das deutsch-amerikanische Netzwerk seinen führenden Protagonisten. Dessen designierter Nachfolger Brandt konnte sich anfangs nicht gegen seinen Konkurrenten Neumann durchsetzen – nicht zuletzt, weil dieser Gerüchte über Brandts Exilvergangenheit verbreitete. Brandt begann daraufhin, seinen Antikommunismus statt seines Antifaschismus zu betonen, und wurde 1957 mit tätiger Unterstützung des RIAS zum Regierenden Bürgermeister gewählt. Als solcher konnte er auf Stones Ford Foundation ebenso bauen wie auf Hurwitz’ Meinungsumfragen und Bahrs Pressearbeit. Gemeinsam modernisierten sie das Image West-Berlins als „Vorposten der Freiheit“, lancierten Brandts bundespolitische Karriere und machten ihn in den Vereinigten Staaten bekannt. Der Bau der Mauer legte jedoch die Fragilität des deutsch-amerikanischen Projekts bloß. Die Erfahrung West-Berliner Machtlosigkeit veranlasste Brandt, sich immer deutlicher auf die Bonner Politik zu richten, was sich in entsprechenden Umdeutungen seiner Biografie im Sinne eines demokratischen Patriotismus niederschlug. Sie legte gleichzeitig die pragmatische Verständigung mit der DDR-Regierung nahe, auch wenn dies etwa bei Hurwitz skeptische Reaktionen auslöste.[3] Dass Hurwitz und Richard Löwenthal, der ihm eine Professur für Politikwissenschaft an der Freien Universität verschafft hatte, schon bald zur Zielscheibe studentischer Attacken wurden, zeigt an, dass die Dominanz der Cold War Democrats in der West-Berliner Politik an ihr Ende gelangte.

Scott Krauses Studie überzeugt als präzise Rekonstruktion eines politischen Netzwerks, der Erzählung, die es verbreitete, und des sich rasch verändernden Kontexts, in dem es agierte. Ebenso wie in einigen anderen neuerdings publizierten first books äußert sich hier eine Wertschätzung derjenigen deutschen Intellektuellen und Politiker, die der demokratischen Mitte nach 1945 zur Dominanz verhalfen und dabei ihre im Exil geknüpften Verbindungen nutzten.[4] In der sympathisierenden Binnenperspektive liegt die Stärke der Arbeit, aber in gewisser Hinsicht auch ihre Grenze. Etwas unterbelichtet bleibt nämlich das Berliner Umfeld des deutsch-amerikanischen Netzwerks. Dass Franz Neumann die aus den CDU-Wahlkämpfen der 1960er-Jahre bekannten schmutzigen Angriffe auf den Remigranten Willy Brandt erfand, lässt ihn nicht eben in positivem Licht erscheinen – wobei es auch nicht unbedingt fair war, wenn der RIAS seine Unterstützer als „Alte Kämpfer“ titulierte. Gerade weil der Hauptteil des Buches mit Neumanns Verfolgungserfahrung im Nationalsozialismus beginnt, hätte man jedoch gern mehr darüber erfahren, wie der frühere Fabrikarbeiter mit Reinickendorfer Stallgeruch die kosmopolitischen und intellektuellen Neuankömmlinge wahrnahm. Auch das Verhältnis zur Bevölkerung der geteilten Stadt hätte eine nähere Betrachtung verdient. Reuter und Brandt genossen bei dieser zweifellos große Popularität, aber sie äußerten sich wiederholt kritisch über Berliner, die aus ökonomischen Motiven nach Westdeutschland verzogen, am 17. Juni zum Baden an den Müggelsee fuhren oder persönliche Unterstützung über ein realistisches Maß hinaus einforderten.[5] Schließlich gehörten zur späteren Abkehr von der Cold War Democracy in West-Berlin nicht nur die Attacken der Neuen Linken. Wichtig war auch der ausgeprägte Lokalismus der Berliner Politik in den 1970er- und 1980er-Jahren, der den Frontstadtstatus weniger ideell denn instrumentell begriff, nämlich als Subventionsgarant, und der trotz aller Kritik bis heute nachwirkt.[6] Auch wenn es weder zeithistorische Forschungen inspirieren noch dem weltstädtischen Selbstbild schmeicheln dürfte: Mittlerweile ist Berlin mehr als doppelt so lange von den Tempelhofern Eberhard Diepgen, Klaus Wowereit und Michael Müller regiert worden wie von Ernst Reuter und Willy Brandt.

Anmerkungen:
[1] Michael Hochgeschwender, Freiheit in der Offensive?. Die Deutschen und der Kongress für kulturelle Freiheit, München 1998; David E. Barclay, Schaut auf diese Stadt. Der unbekannte Ernst Reuter, Berlin 2000; Volker R. Berghahn, Transatlantische Kulturkriege. Shepard Stone, die Ford-Stiftung und der europäische Antiamerikanismus, Stuttgart 2004.
[2] Einige davon bereits in: Stefanie Eisenhuth / Scott H. Krause, Inventing the ‘Outpost of Freedom’. Transatlantic Narratives and the Historical Actors Crafting West Berlin’s Postwar Political Culture, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 11 (2014), S. 188–211, hier S. 202–206, https://zeithistorische-forschungen.de/2-2014/id=5093 (08.02.2019).
[3] Nicht geschadet hätte für Krauses Darstellung in diesem Kontext eine Rezeption der Studie von Wolfgang Schmidt, Kalter Krieg, Koexistenz und kleine Schritte. Willy Brandt und die Deutschlandpolitik 1948–1963, Wiesbaden 2001.
[4] Udi Greenberg, The Weimar Century. German Émigrés and the Ideological Foundations of the Cold War, Princeton 2015; Noah Benezra Strote, Lions and Lambs. Conflict in Weimar and the Creation of Post-Nazi Germany, New Haven 2017.
[5] Belege bei Moritz Föllmer, Jenseits der Liberalisierungsthese. Individualität in Westberlin zwischen Kriegsende und Mauerbau, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 58/2 (2010), S. 134–155, hier S. 146, S. 149, https://zeithistorische-forschungen.de/sites/default/files/medien/material/2014-2/Foellmer_2010.pdf (08.02.2019).
[6] Dazu mit dem pejorativen Etikett einer „political culture of mediocrity“ David E. Barclay, A „Complicated Contrivance“. West Berlin behind the Wall, 1971–1989, in: Marc Silberman / Karen E. Till / Janet Ward (Hrsg.), Walls, Borders, Boundaries. Spatial and Cultural Practices in Europe, New York 2012, S. 113–130, hier S. 125, https://zeithistorische-forschungen.de/sites/default/files/medien/material/2014-2/Barclay_2012.pdf (08.02.2019).