V. Knigge (Hrsg.): Jenseits der Erinnerung – Verbrechensgeschichte begreifen

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Titel
Jenseits der Erinnerung – Verbrechensgeschichte begreifen. Impulse für die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nach dem Ende der Zeitgenossenschaft


Herausgeber
Knigge, Volkhard
Reihe
Buchenwald und Mittelbau-Dora – Forschungen und Reflexionen (4)
Erschienen
Göttingen 2022: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
428 S.
Preis
€ 26,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Simone Erpel, Leitung, Gedenkstätte KZ Engerhafe

Wie können und sollen die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus sowie die Arbeit der Gedenkstätten heute und in Zukunft aussehen? Welchen Stellenwert, welche Notwendigkeit hat dabei das Adjektiv „kritisch“? Wie können die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und zugleich der Systemzusammenhang der Massenverbrechen auch künftig im Bewusstsein bleiben? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der Publikation „Jenseits der Erinnerung – Verbrechensgeschichte begreifen“. Herausgegeben wurde der Sammelband, der 28 sehr unterschiedliche Beiträge zusammenfasst, von Volkhard Knigge, Historiker, Geschichtsdidaktiker und früherer Direktor (1994–2020) der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, unter Mitarbeit der Historikerin Ulrike Löffler.[1] Der Band geht zurück auf die Tagung „70 Jahre danach. Historisches Begreifen und politisch-ethische Orientierung in der Gedenkstättenarbeit des 21. Jahrhunderts“, die Ende 2015 in Berlin stattfand. Einer editorischen Bemerkung ist zu entnehmen, dass die Publikation wegen einer schweren Erkrankung des Herausgebers erst in diesem Jahr – also mit deutlicher Verzögerung – erscheinen konnte (S. 423).

Gegliedert ist das Buch in die Abschnitte „Theoretische Interventionen und Orientierungen“, „Kontexte im Wandel“ und „Reflektierte Praxis“. Während im ersten Teil einige „Schlaglichter“ (S. 32) aus kulturwissenschaftlicher, moraltheologischer, psychoanalytischer sowie geschichtstheoretischer und -didaktischer Perspektive gesetzt werden, geht es im zweiten Teil um die Frage, wie die „keineswegs glatte Geschichte der Aufarbeitung“ (S. 33) in der Bundesrepublik sich in den vergangenen 30 Jahren auf die Gedenkstättenarbeit ausgewirkt hat. Im dritten und zugleich umfangreichsten Teil finden sich theoretisch grundierte Praxisbeispiele, die „Impulse für die Weiterentwicklung der Arbeit“ (S. 33) geben wollen und – um es vorwegzunehmen – das auch tun. Anstelle einer Einleitung ist dem Ganzen ein programmatischer Beitrag Knigges vorangestellt, der titelgebend für den Sammelband ist, sowie ein kurzes Statement des serbischen Schriftstellers, Übersetzers, Diplomaten und KZ-Überlebenden Ivan Ivanji (geb. 1929) mit der prägnanten Überschrift „Warum ich kein Zeitzeuge mehr sein will“.

In seinem einführenden Aufsatz nennt Knigge vier Probleme, vor denen die NS-Gedenkstätten im 21. Jahrhundert nach „verbreiteten Diagnosen“ stehen (S. 10; dort auch die folgenden Zitate). Erstens erscheine vordergründig das „unabwendbare Schwinden der Zeitzeugen“ als Verlust, so als könnten die Erinnerungserzählungen mit dem Tod der letzten Überlebenden gleichsam entschwinden. Dies ist jedoch keineswegs der Fall – was nicht zuletzt die Beiträge der Historiker Lutz Niethammer und Axel Doßmann in diesem Band zeigen, die sich mit Oral History beschäftigen. Zweitens erscheine der Einsatz moderner, digitaler „Surrogate und Vergegenwärtigungsmittel“ unerlässlich, um Jugendliche überhaupt zu erreichen und gegen rassistische und antidemokratische Haltungen zu „immunisieren“. Drittens gelte es als „Herausforderung“, „Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund in die Erinnerungskultur“ einzubinden. Und viertens schließlich sähen sich auch Gedenkstätten zunehmend mit „Rechtspopulismus“ konfrontiert. Gleichwohl, das Kardinalproblem sieht Knigge an ganz anderer Stelle, nämlich in der bereits seit den 1970er-Jahren einsetzenden Verschiebung einer kritischen Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen hin zu Phänomenen einer Erinnerungskultur, „die die emanzipatorischen Aufklärungs- und Einspruchspotentiale historischer Erkenntnis zugunsten von Vergemeinschaftung und kollektiver Identität in den Hintergrund drängen, wenn nicht suspendieren“ (S. 14). Eine zunehmend von „Wissen und Begreifen“ losgelöste Erinnerung führe – so Knigge in seiner leidenschaftlich, ja streckenweise zornig vorgetragenen Kritik an der Erinnerungskultur – in „eine Sackgasse für die historisch-poltisch-ethische Bildung“ (S. 23), „zu Gunsten eines politisch und moralisch eingespurten, kenntnisarmen, oft stereotypisierten und in erster Linie antiquarischen und affirmativen Erinnertwerdens“ (S. 32).

Für das Selbstverständnis der Gedenkstätten und für deren Bildungsarbeit zentrale Ansätze sehen Knigge und weitere Autor:innen des Bandes in der Geschichtsdidaktik, die sich erst ab den 1960er-Jahren zu einer eigenen Disziplin entwickelte. Die universitäre Geschichtsdidaktik habe von den NS-Gedenkstätten jedoch lange keine Notiz genommen, wie der Historiker und Geschichtsdidaktiker Thomas Sandkühler in seinem Beitrag über historisch-politische Bildung und Gedenkstättenarbeit in der „alten“ Bundesrepublik ausführt. Béatrice Ziegler, die ehemalige Direktorin des Zentrums Politische Bildung und Geschichtsdidaktik der Pädagogischen Hochschule FHNW (Nordwestschweiz), spricht in ihrem Beitrag sogar von einer „Sprachlosigkeit der Geschichtsdidaktik gegenüber dem ‚Holocaust-Erinnern‘“ (S. 309).

Während Sandkühler für die Entwicklung einer „Didaktik der Gedenkstättenarbeit“ plädiert (S. 118), steht Falk Pingel, der frühere stellvertretende Direktor des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig, einer eigenständigen „Theorie der Gedenkstättenpädagogik“ „mit Skepsis“ gegenüber (S. 269). Einerseits erscheint ihm dafür der Gegenstand – Gedenkstätten als außerschulische Lernorte – zu speziell, andererseits gebe es seit den 1980er-Jahren verwandte Bereiche wie die Museumsdidaktik, die sich bereits mit außerschulischen Lernorten beschäftigten (S. 269f.). Die Museumdidaktik habe sich allerdings bisher noch kaum mit den Herausforderungen einer „negativen“ Geschichte und Erinnerung befasst, wie sie die Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus darstelle (S. 271). Hier sieht Pingel eine Aufgabe der Geschichtsdidaktik, die emotionale Faktoren aufgreifen müsse und sie zum Ausgangspunkt für ein „[v]erstörendes Lernen“ (S. 279) nehmen könne.

Was kann die Geschichtsdidaktik überhaupt für die historisch-politische Bildung in der Gedenkstättenarbeit leisten? Eine Menge – denn sie stellt, laut Sandkühler, mit der keineswegs neuen, aber weiterhin und wieder wichtigen Kategorie „Geschichtsbewusstsein“ eine Begrifflichkeit zur Verfügung, die sehr viel präziser sei als der Begriff der Erinnerung bzw. Erinnerungskultur. Geschichtsbewusstsein – so auch der Geschichtsdidaktiker Holger Thünemann in seinem Beitrag „Lernen aus der Geschichte?“ – ist ein maßgeblich von Karl-Ernst Jeismann seit den 1970er-Jahren geprägter geschichtsdidaktischer Terminus, unter dem der „Zusammenhang von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive“ (S. 291) verstanden wird.

Geschichtsbewusstsein wird von überindividuellen Kontexten mitgeprägt, aber individuell angeeignet. Die Absicht dabei ist aus der Perspektive der Geschichtsdidaktik der Kompetenzerwerb für ein eigenständiges Denken. Das Pendant zum individuellen Geschichtsbewusstsein ist die Geschichtskultur. Für Ziegler erscheint gerade „die Verbindung zwischen der Geschichtskultur, also dem gesellschaftlichen Umgang mit Historischem jeglicher Ausprägung, und der gesellschaftlich kontextualisierten, aber individuellen Aneignung von Geschichte (Geschichtsbewusstsein) [als] die Spezifizität der Geschichtsdidaktik“ (S. 309). In der Praxis seien die hohen Ansprüche, die an historische Lernprozesse gestellt werden, jedoch nur schwer zu erfüllen, wie Pingel, Thünemann und Ziegler (S. 266, S. 287, S. 309) einhellig konstatieren. Dessen ungeachtet ist der geschichtsdidaktische Ansatz zukunftsweisend, unter anderem weil Geschichtsbewusstsein nicht zur „Vergemeinschaftung“ führen muss, um eine Formulierung Knigges aufzugreifen, bzw. zur Bildung nationalstaatlicher Identität. Ganz im Gegenteil – und das zeigt die Erziehungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt in ihrem Beitrag eindrücklich – ermöglicht Geschichtsbewusstsein auch eine „kritische Gedenkstättenpädagogik in der Migrationsgesellschaft“, die auf „Verantwortung statt Identität“ setzt (S. 383). Man hätte sich in einem solchen Band allerdings mehr migrantische und auch jüngere Stimmen gewünscht.

Bei aller Begeisterung der Rezensentin gibt es somit auch Kritik, die die Konzeption des Sammelwerks betrifft. Bei der Vielzahl von Beiträgen kommt es zwangsläufig zu Redundanzen, etwa bei den Texten über geschichtspolitische Kontroversen und über die Konzeptionierung historisch-politischer Bildung (Dietmar Süß und Thomas Sandkühler). Zudem wirkt der Abschnitt „Theoretische Interventionen und Orientierungen“ in seiner Zusammensetzung etwas disparat, vermutlich durch ihre unterschiedliche Dichte, denn drei Beiträge sind ausgearbeitete Aufsätze, während es sich bei einem weiteren um den Abdruck eines in freien Rede gehaltenen Vortrags handelt sowie ferner um eine „überarbeitete und ergänzte Fassung der verschriftlichen Bemerkungen in der Schlussdiskussion“ (S. 63). Aufgrund des hohen Reflexionsgrades der Praxisbeispiele sind die Unterschiede zwischen Theorie und Praxis oft nur graduell – insofern ist die Sektionsüberschrift „Reflektierte Praxis“ durchaus treffend und hätte sich auch auf weitere Beiträge beziehen lassen (etwa diejenigen von Cornelia Siebeck und Detlef Garbe).

Die große zeitliche Verzögerung beim Erscheinen des Buches tut der Relevanz der dort verhandelten Fragen keinen Abbruch, zumindest wenn man keine direkten Bezüge zu postkolonialen und anderen sehr aktuellen Debatten erwartet. Gleichwohl gilt es festzuhalten, dass in der Zwischenzeit sechs der Beiträge auch schon an anderer Stelle veröffentlicht wurden.[2]

Anmerkungen:
[1] Es bietet sich an, diesen Band parallel zu lesen mit den bereits 2020 erschienenen ausgewählten Schriften Knigges: Volkhard Knigge, Geschichte als Verunsicherung. Konzeptionen für ein historisches Begreifen des 20. Jahrhunderts. Herausgegeben von Axel Doßmann im Auftrag der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Göttingen 2020; rezensiert von Alexandra Klei, in: H-Soz-Kult, 13.01.2021, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-49863 (22.08.2022).
[2] Dies betrifft folgende Texte und ist im Band auch entsprechend gekennzeichnet: Astrid Messerschmidt, Kritische Gedenkstättenpädagogik in der Migrationsgesellschaft (2016); Omar Kamil, Zum Antisemitismus bei arabischen Migranten und Migrantinnen in Deutschland (2019); Micha Brumlik, Globales Gedächtnis und Menschenrechtsbildung (2016); Klaus-Dietmar Henke, Für eine kategoriale Asymmetrie bei der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und der SED-Zeit (2017); Volkhard Knigge, Unannehmbare Geschichte begreifen (2016); ders., Geschichte von gestern für Deutsche von morgen? (2019).