Der Blick aufs Gegenwärtige: Zeitdiagnosen als (historisches) Forschungsfeld

Alkemeyer, Thomas; Buschmann, Nikolaus; Etzemüller, Thomas (Hrsg.): Gegenwartsdiagnosen. Kulturelle Formen gesellschaftlicher Selbstproblematisierung in der Moderne. Bielefeld  2019. ISBN 978-3-8376-4134-9

: Deutungen der Gegenwart. Zur Kritik wissenschaftlicher Zeitdiagnostik. Stuttgart  2019. ISBN 978-3-476-04841-7

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Geulen, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau

Ergrübelte Prophetien – so nannte Max Weber 1919 jene zeitgenössisch populären Versuche, ausgerechnet mithilfe der Wissenschaft aus der Verwissenschaftlichung auszubrechen und eine Zukunft zu erträumen, in der die entzauberte Welt wieder verzaubert und sinnlich erlebbar wäre. Wenn die Wissenschaft dezidierte Gegenwartsdiagnosen formuliert, wenn sie also ihren Standort in dieser Gegenwart imaginär verlässt, um sie generalisierend zu beschreiben und die Zukunft optimistisch oder skeptisch zu skizzieren, steht sie fast immer in der Gefahr, eben solche Prophetien zu „ergrübeln“, vor denen Weber eindringlich warnte.

Doch wie am Beginn des 20. Jahrhunderts ist auch am Beginn des 21. das Bedürfnis nach solchen Prophetien groß. Angesichts scheinbar unaufhaltsamer Veränderungsprozesse (Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel etc.) fordern hierzulande Gesellschaft und Politik von der Wissenschaft immer direkter und expliziter Orientierungswissen ein. Und zugleich ersehnt auch die Wissenschaft selber eine Erneuerung ihrer politisch-gesellschaftlichen Relevanz. So ist in den letzten etwa zehn Jahren die Zahl wissenschaftlicher Gegenwartsdiagnosen mit öffentlichem Wirksamkeitsanspruch wieder so massiv gestiegen, dass sogar die Verleihung entsprechender Buchpreise wegen inhaltlicher Überlappungen kompliziert zu werden beginnt.

Umso sinnvoller erscheint es, das Phänomen wissenschaftlicher Gegenwartsdiagnose und Gegenwartsorientierung selber zum Gegenstand einer kritischen, historisierenden und nüchternen Analyse zu machen. Eben das verspricht der Titel eines jetzt bei Transcript erschienenen, von Thomas Alkemeyer, Nikolaus Buschmann und Thomas Etzemüller herausgegebenen Sammelbandes über „Gegenwartsdiagnosen. Kulturelle Formen gesellschaftlicher Selbstproblematisierung in der Moderne“. Mit 30 Aufsätzen auf gut 600 Seiten hat der Band fast Handbuchcharakter und scheint eine interdisziplinäre, systematisch-kritische Entfaltung der Geschichte, Theorie und Phänomenologie der Gegenwartsdiagnose zu versprechen.

Beim Einlesen aber wird deutlich, dass hier Systematik, Kritik und nüchterne Analyse ein wenig zu kurz kommen – zumindest mit Blick auf das Hauptthema. Vielmehr macht der Band zunächst den Eindruck, als wolle er sich schnell in die aktuellen Gegenwartsdiagnosen einreihen, seinem Historisierungsanspruch also selber höchste Gegenwartsrelevanz abringen, um ihn in der gegenwärtigen Diskussion um die Gegenwart noch mitmischen zu lassen. Zwar heißt es in der Einleitung, der Band wolle nicht „weitere Gegenwartsdiagnosen präsentieren oder bereits publizierte kritisieren“. Stattdessen gehe es um das „Making“ von Gegenwartsdiagnosen, also darum, „wie sie entstehen und wirksam (gemacht) werden und welche Phänomene sie dabei als existenzielle Probleme oder Chancen zu sehen geben“ (S. 9f.). Eben das aber läuft in den meisten Beiträgen dann doch eher auf eine Evaluierung hinaus als auf eine Geschichte des Phänomens.

Dass wissenschaftliche Gesellschaftsdiagnostik eine Praxis der Wissensproduktion ist, die das moderne Denken und seine Ordnungsentwürfe immer schon massiv geprägt hat und konstitutiver Teil dessen ist, was wir seit Weber Rationalisierung nennen, steht außer Frage und wurde nicht zuletzt in Thomas Etzemüllers Arbeiten grundlegend untersucht. Doch diese soziale Funktion des Diagnostischen kurzerhand auf das Phänomen „Gegenwart“ zu übertragen, erscheint problematisch. Denn hier werden die Begriffe Gegenwart und Gesellschaft schlicht in eins gesetzt, was die in der Einleitung skizzierten Begriffsbestimmungen willkürlich bis zirkulär macht: „Gegenwart lässt sich auf der sozialen Makroebene als Zeithorizont eines vielstimmigen, umkämpften gesellschaftlichen Raums bestimmen.“ Die „Diagnose“ sei „eine Form der Problematisierung von Wirklichkeit, die sich durch eine zielbezogene Zeitstruktur auszeichnet und eine Aufforderung zu einem gerichteten intervenierenden Handeln umfasst.“ Oder auch: „Gegenwartsdiagnosen lassen sich vor dem Hintergrund dieser begrifflichen Annäherungen als eine kulturelle Form der Selbstproblematisierung des Sozialen und seiner Akteure begreifen, die eine Gegenwart erzeugt, in der eine bedrohliche oder aussichtsvolle Zukunft als Möglichkeit angelegt ist.“ (S. 12f.)

Gegenwart als Zeithorizont eines sozialen Raums; Diagnose als zielbezogene Handlungsaufforderung; Gegenwartsdiagnose als „Selbstproblematisierung des Sozialen […], die eine Gegenwart erzeugt“ – mit anderen Worten: Gegenwartsdiagnosen sind Gesellschaftsdiagnosen mit zeitlicher Ausrichtung. Was hier unproblematisiert bleibt und regelrecht aus dem zu untersuchenden Phänomen wegdefiniert wird, ist aber gerade die Gegenwart als Zeitlichkeitsform: ihr Bezug zu Vergangenheit und Zukunft, ihr Verhältnis zu historischer Erfahrung, Erinnerung und Erwartung, ihr immer doppelter Sinn als aktueller Geschichtsvollzug und als Moment der Machbarkeit von Geschichte – oder auch der fundamentale Bezug allen Sprechens über Gegenwart zu den je aktuellen Formen des Zeit- und Geschichtsbewusstseins, der Fortschritts- oder Verfallsvorstellungen, der Kontingenz- oder Prozessannahmen und der vielen anderen möglichen Formen, Geschichte zu denken.

In diesem Sinne ist der Titel des Bandes leicht irreführend und hätte mit dem Begriff „Gesellschaftsdiagnosen“ sein Thema angemessener markiert. Denn auch die beiden einleitenden Texte von Johann Kreuzer und Achim Landwehr, die sich explizit mit dem Begriff der Gegenwart befassen, tun dies nicht als theoretische Grundlegung einer Geschichte von Gegenwartsdiagnosen, sondern sind selber zeittheoretische und geschichtsphilosophische Versuche, von Augustinus ausgehend zu diagnostizieren, was Gegenwart sein mag. So klug und aufschlussreich diese Überlegungen auch sind: Sie setzen das zu behandelnde Phänomen der Gegenwartsdiagnosen eher in einer bestimmten, hier zeittheoretischen Weise fort, als dass sie Wege seiner historisch-kritischen Analyse aufzeigen.

Ein ähnliches Problem prägt auch die meisten anderen Beiträge: Entweder werden einzelne Beispiele gesellschafts- und gegenwartsdiagnostischer Dokumente analysiert und evaluiert oder es wird an einer übergreifenden Theorie des Diagnostischen gearbeitet. Die Bandbreite der dabei behandelten Themen ist erstaunlich: von der Popmusik, Fotografie und Soziologie über die Familie, die Bildung und das Geschlechterverhältnis bis zu Lärm, Literatur und Sport. Viele dieser Texte sind hochinteressant und lehrreich – allein ihre Zusammenstellung in einem Band verwundert. Natürlich geht es immer irgendwie auch um Gegenwartsdiagnosen, doch gerade damit wird dieser Begriff am Ende zu einer Art Chiffre für Weltwahrnehmung und Gesellschaftsbeobachtung überhaupt.

Wenn, wie der Mitherausgeber Thomas Etzemüller ausführt, Gegenwartsdiagnose allein bedeutet, „etwas als etwas sichtbar zu machen“ und dabei Vergangenheit und Zukunft als bloße „autopoietische Konstrukte“ (S. 105f.) keine Rolle spielen, dann ist – und eben das scheint eine der impliziten Thesen des Bandes zu sein – eine Geschichte der Gegenwartsdiagnosen gar nicht möglich. Vielmehr markiert dann ausgerechnet der Begriff Gegenwartsdiagnose ein zeitloses Feld der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung, das sich auch in ihrer hier vielfältig präsentierten nachträglichen Analyse nur fortsetzen kann.

Eine erhellende Distanz zum Phänomen gelingt am ehesten dort, wo klassische Genres der Gegenwartsdiagnose in einer gewissen Breite, in ihrer zeitlichen Entwicklung und von mehreren Autoren in den Blick genommen werden: die soziologische Gegenwartsdiagnostik etwa (untersucht von Hubert Knoblauch, Uwe Schimank / Ute Volkmann, Matthias Leanza und Fran Osrecki) oder die historischen Studien zu Chroniken des 17. Jahrhunderts (Achim Landwehr), zu Bedrohungs- und Untergangsvisionen des 19. Jahrhunderts (Nicolai Hannig und Gunilla Budde), zu Rektoratsreden des 20. Jahrhunderts (Dieter Langewiesche) oder zur Geschichte der heutigen „Volkskrankheit“ ADHS (Yvonne Ehrenspeck-Kolasa). Doch auch hier geht es mehr um eine wissenssoziologische und wissensgeschichtliche Analyse der Strukturen, Methoden, Medien und Formen der Diagnose und des Diagnostischen als um das jeweilige Verständnis von Gegenwart und Gegenwärtigkeit.

In den weiteren Abschnitten finden sich ebenfalls hochinteressante Einzelstudien, etwa zur Nachhaltigkeit (Nikolaus Buschmann), zur Digitalisierung (Juliane Engel / Benjamin Jörissen) oder zu anderen gegenwärtigen Formen des diagnostischen Denkens. Gerade diese Untersuchungen aktueller „Diagnosen“ aber können um eine Bewertung ihrer Angemessenheit kaum herumkommen und verwandeln sich so automatisch selber in Formen der Gegenwartsdiagnose. Und auch hier wird die Frage, welche Semantik der Gegenwart und Gegenwärtigkeit heute eigentlich dominiert, welche Art von Geschichtsbewusstsein und Zeitverständnis unsere Wahrnehmung des Aktuellen also ausmacht, höchstens am Rande berührt. Hauptsächlich geht es auch hier um die Konstruktionsleistungen des Diagnostischen.

Insofern steht am Ende die Einsicht, dass es dem Band nicht um eine Geschichte und historisch-kritische Analyse des Phänomens der Gegenwartsdiagnosen geht, sondern um eine historisch exemplifizierte interdisziplinäre Theorie des Diagnostischen, um die Bedingungen der Möglichkeit, Gegenwart bzw. Gesellschaft bzw. Welt zu diagnostizieren – und damit zu erschaffen. Eben das ist dann auch der Beitrag, den der Band laut Einleitung für seine Gegenwart leisten will: „[…] das Diagnostizieren […] als ein Moment der Welterzeugung zu begreifen, das […] eine eigene performative, wirklichkeitsschaffende Macht entfaltet“ (S. 19). Diese Performanz setzt der Band selber nahtlos fort. Bei allem Anspruch zu historisieren ist er am Ende vor allem eine Anleitung zum Diagnostizieren.

Der Politikwissenschaftler Walter Reese-Schäfer, im eben beschriebenen Sammelband mit einem Aufsatz zu Reaktionen der französischen Belletristik auf die „Migrationskrise“ vertreten, hat im Metzler-Verlag einen Band mit dem Titel „Deutungen der Gegenwart. Zur Kritik wissenschaftlicher Zeitdiagnostik“ vorgelegt, bestehend aus eigenen Aufsätzen, Vorträgen und Essays der vergangenen 25 Jahre. Sein Interesse gilt dabei nicht dem Diagnostischen – der Begriff der Diagnose wird hier schlicht „als Metapher“ (S. 18) verwendet –, sondern der Zeitkritik als einem speziellen sozial- und kulturwissenschaftlichen Genre, das Reese-Schäfer in Fallstudien vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart verfolgt. Im Zentrum stehen zeitdiagnostische Texte von Max Weber und Oswald Spengler über Arnold Gehlen und Jürgen Habermas bis zu Michael Walzer und Andreas Reckwitz, die den Anspruch erhoben bzw. erheben, makrotheoretische Einsichten in die „geistige Situation der Zeit“ (Habermas) zu liefern, der jeweiligen Gegenwart also ihre eigene soziale und kulturelle Signatur inklusive möglicher Zukunftsszenarien vor Augen zu halten.

Dabei wird die untersuchte Textgattung relativ klar mit Blick auf die Zuspitzung ihrer Thesen, in ihrem synthetisierenden Anspruch und ihrem prognostischen Gehalt umrissen, was sie für Reese-Schäfer zu einem besonderen Materialkorpus macht, das eine eigene wissenssoziologische Untersuchung erlaubt. Obgleich man den hier wiederabgedruckten Studien ihre je eigene Gegenwärtigkeit ansieht, bilden sie insgesamt sehr aufschlussreiche Streifzüge durch die Zeitdiagnostik des 20. Jahrhunderts, die in ausgewogener Balance Strukturanalysen, inhaltliche Bewertungen und historische Einordnungen der untersuchten Gegenwartsdeutungen liefern. Auch Reese-Schäfer will nicht eine Geschichte der Zeitdiagnosen schreiben, sondern eher das Genre wissenssoziologisch aufschlüsseln und als zentrale Form moderner Selbstreflexion in seinen Grundzügen skizzieren.

Besonders faszinierend erscheinen dabei aber die heimlichen Korrespondenzen, die sich zwischen Texten und Autoren herausstellen, die zeitgenössisch in scheinbar unauflöslichem Widerstreit miteinander standen. Die berühmten Debatten zwischen Habermas und Luhmann etwa werden bei Reese-Schäfer als eine Auseinandersetzung zwischen zwei sich bisweilen regelrecht komplettierenden Varianten deutlich, das Nachmoderne innerhalb des soziologischen Verständnisses von Moderne zu denken, was rückblickend ihre Zeitgenossenschaft interessanter macht als ihren damaligen Konflikt.

Auch wenn Reese-Schäfer seine Studien – zu Recht – als „Kritik wissenschaftlicher Zeitdiagnostik“ bezeichnet und ihm daran gelegen ist, diese Zeitdiagnostik wissenschaftlich zu sezieren, um ihre Funktionsweisen und ungewollten Nebenwirkungen freizulegen, will er das Genre alles andere als verabschieden. Vielmehr sieht er in der Zeitdiagnostik weiterhin eine der großen Aufgaben soziologischen Denkens, die von ihrer rückblickenden Analyse und Selbstkritik nur profitieren kann.

Damit machen beide hier vorgestellten Bücher vor allem eines nachdrücklich klar: die Notwendigkeit, angesichts der heutigen neuen Bedürfnisse nach Orientierung, Diagnose und Prognose eben nicht auf ihre rasche Erfüllung zu setzen, sondern die Gegenwartsdiagnose als eigene Gattung selber zu einem Gegenstand kritisch-rückblickender Forschung zu machen. Das aber erfordert wohl auch eine Perspektive, die in diesen Studien noch zu kurz kommt: Bei aller Wirklichkeitskonstruktion, die diagnostisches Denken und Schreiben leisten mag, und bei aller Binnenkommunikation des Genres reagieren Zeit- und Gegenwartsdiagnosen immer auch auf externe Bedürfnisse und damit auf Erfahrungen ihrer Zeit. Welche Erfahrungen dabei eine Rolle spielen und woher Orientierungsbedürfnisse (etwa die heutigen!) eigentlich kommen – das ist die im engeren Sinne historische Frage, die das wissenssoziologische Interesse an Zeitdiagnosen wohl ergänzen muss, um sie eben nicht nur als ergrübelte Prophetien zu behandeln.