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Titel
Wert der Familie. Ehescheidung, Frauenarbeit und Reproduktion in den USA des 20. Jahrhunderts


Autor(en)
Heinemann, Isabel
Reihe
Family Values and Social Change 3
Erschienen
Anzahl Seiten
XIII, 534 S.
Preis
€ 79,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Elberfeld, Institut für Pädagogik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

In ihrer Geschichte der Familie in den Vereinigten Staaten des 20. Jahrhunderts untersucht Isabel Heinemann eindrucksvoll die komplexe Beziehung zwischen sozialem Wandel und Wertewandel. Im Mittelpunkt stehen öffentliche Debatten, die häufig emotional und kontrovers geführt wurden, galt – und gilt! – die Familie doch als Fundament der Nation, an dem sich der Zustand der Gesellschaft ablesen und mittels dessen sich ihre zukünftige Entwicklung beeinflussen lässt. Heinemann verortet ihre Arbeit in der historischen Wertewandelsforschung, wobei sie dafür plädiert, eine Langzeitperspektive einzunehmen, die bei ihr von 1890 bis 1990 reicht. Der Fokus liegt auf drei Bereichen: Ehescheidung, Frauenarbeit und Reproduktion. Da ein gesondertes Augenmerk der Rolle der Sozialexperten gilt, schließt sie zum einen an Lutz Raphaels Konzept der „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ und Thomas Etzemüllers Überlegungen zum Social Engineering an. Zum anderen beruft sie sich auf die Geschlechtergeschichte sowie Theorien der Intersektionalität, um die Bedeutung von Ungleichheitskategorien analytisch zu akzentuieren. Die Studie ist weitgehend chronologisch gegliedert, wenngleich die sechs Kapitel unterschiedliche thematische Schwerpunkte setzen. Sie beginnen mit einem sozialgeschichtlichen Überblick und enden mit einem Zwischenfazit, das die Ergebnisse im Hinblick auf die übergeordnete Fragestellung erörtert. Dazwischen findet sich eine differenzierte Analyse der Debatten in Politik, Medien sowie den Human- und Sozialwissenschaften, die auf publizierten Quellen, Zeitschriften und der Tagespresse basiert. Diese wird ergänzt durch die vertiefende Auseinandersetzung mit einzelnen Verbänden und Bewegungen sowie einflussreichen Protagonisten, wozu nichtveröffentlichtes Material herangezogen wird. Angesichts der dichten, detailreichen Darstellung kann und soll im Folgenden nur der Argumentationsgang nachgezeichnet werden.

Das erste Kapitel wendet sich den Ehescheidungsdebatten der „Progressive Era“ zu. Erst mit dem statistischen Nachweis einer Zunahme habe sich Ende des 19. Jahrhunderts eine breite Diskussion über Scheidung entfaltet. Während Liberale und Frauenbewegung darin ein Bürgerrecht sahen, warnten konservative und kirchliche Kreise vor einem Niedergang der Familie. Mit dem Bedeutungszuwachs der Sozialwissenschaften habe sich der Diskurs von moralisch-theologischen Erwägungen hin zur Frage nach sozialen Ursachen und gesellschaftlichen Folgen verschoben, wodurch eugenische Argumente an Bedeutung gewannen. Im Kontext bevölkerungspolitischer Schreckensszenarien eines „race suicide“ sei die Förderung gewünschten – sprich weißen – Nachwuchses zum entscheidenden Kriterium geworden. In Kapitel 2 wird die Verbreitung der Eugenik an der Verwissenschaftlichung von Mutterschaft weiterverfolgt. Vor dem Hintergrund eines wachsenden Interesses an Kindheit sowie Auseinandersetzungen um Bevölkerungsentwicklung und Immigration wurde in den 1920er- und 1930er-Jahren vermehrt über die Möglichkeit staatlicher Eingriffe in reproduktive Belange diskutiert und Sozialexperten ersannen verschiedene Methoden. So dienten landesweite „Fitter Family Contests“ zur Propagierung des Ideals einer weißen, erbgesunden Kernfamilie. Parallel wurde eine „negative“ Eugenik praktiziert. Beispielsweise gehörten die USA zu den Vorreitern bei Zwangssterilisationen, wovon überwiegend weibliche African und Mexican Americans betroffen waren. Anhand des bekannten Eheberaters Paul Popenoe verdeutlicht Heinemann zudem, dass es eine Kontinuität eugenischen Denkens über die Familie gab, die in den 1940er-Jahren keineswegs abbrach.

Die Debatten um die Erwerbstätigkeit von Frauen und speziell Müttern ist Gegenstand des dritten Kapitels. Obschon der Trend zur „dual income family“ seit den 1950er-Jahren unaufhaltsam voranschritt, hielt sich das Leitbild des männlichen Ernährers. Allerdings verschob sich der Diskurs unter dem Einfluss der Sozialwissenschaften insofern, als es weniger um die grundsätzliche Berechtigung von Frauenarbeit ging, sondern um die Folgen für Familie und Gesellschaft. Unabhängig vom politischen Standpunkt rückte hierbei die Psyche in den Mittelpunkt. Während Kritiker auf die negativen Folgen für die seelische Gesundheit von Mutter und Kind hinwiesen, machten ab den 1960er-Jahren Vertreterinnen der zweiten Frauenbewegung im eintönigen Hausfrauendasein eine Ursache für psychische Erkrankungen aus. Allerdings blieb die Debatte auf weiße Mittelschichtsfrauen fixiert, obschon schwarze Frauen eine traditionell höhere Beschäftigungsquote aufwiesen. Den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um „Black Family Pathologies“ der 1960er-Jahre widmet sich Kapitel 4. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Moynihan-Report zur Lage der afro-amerikanischen Bevölkerung. Ambivalent an ihm sei, dass er zwar im Geist des „War on Poverty“ für staatliche Unterstützung plädierte, die Ursachen für die Probleme aber in den Familien selbst verortete. Gegner der Gleichstellungspolitik hätten dies aufgegriffen, um die Sinnlosigkeit wohlfahrtsstaatlicher Leistungen zu demonstrieren. Demgegenüber habe sich die Bürgerrechtsbewegung zwar gegen eine Übernahme von Werten der weißen Mittelschicht, die dem Report zugrunde lägen, verwahrt, jedoch prinzipiell Sympathien für Ansätze des Social Engineering gehegt, ohne die damit einhergehende Kontrolle der Familien zu problematisieren. Die Black Power-Bewegung wiederum habe ein Konzept der Hypermaskulinität postuliert, das auf biologistischen Geschlechterrollen und einem patriarchalen Familienbild fußte.

Kapitel 5 befasst sich mit den Konflikten um Reproduktion in den 1970er-Jahren. Das Urteil des Supreme Court im Fall Roe versus Wade von 1973 habe diesbezüglich keinen Endpunkt markiert, sondern mit der Formierung des „pro life-movement“ den Auftakt für erbitterte Auseinandersetzungen gebildet. Auf der Gegenseite sei es zu unerwarteten Koalitionen zwischen feministischer „pro choice“-Bewegung und Gruppen gekommen, die für eine Senkung des Bevölkerungswachstums eintraten, wobei sie unverhohlen an eugenisches Gedankengut anknüpften. Schlussendlich sei reproduktive Selbstbestimmung ein Privileg für wenige Frauen gewesen, da es von den Kategorien race und class bestimmt blieb. Kapitel 6 nimmt Ronald Reagan und die „Culture Wars“ der 1980er-Jahre in den Blick. Angesichts zunehmender Diversität habe Reagan ein idealisiertes Bild der weißen Kernfamilie beschworen. Die Auswirkungen dieser Politik seien indes hinter seiner ultrakonservativen Rhetorik zurückgeblieben. Einschneidend sei hingegen die forcierte Debatte um eine Krise des Wohlfahrtsstaates gewesen, die sich rassistischer Topoi wie dem der schwarzen „Welfare Queen“ bediente. Infolgedessen habe das neoliberale Mantra einer Stärkung der Familie durch Rückzug des Staates an Plausibilität gewonnen. Umsetzung fand dies jedoch erst unter Bill Clinton mit der Abkehr vom Prinzip der Leistungsberechtigung, wodurch bedürftige Familien unter ökonomischen wie moralischen Druck gesetzt wurden.

Das Fazit bündelt die Ergebnisse überzeugend in neun Thesen. So müsse man die klassischen Zäsuren der 1960er- und 1970er-Jahre neu vermessen, denn in der Langzeitperspektive zeigten sich widersprüchliche Trends und Gegenbewegungen zu Liberalisierungs- und Pluralisierungsprozessen. Ferner gebe es kein lineares Verhältnis zwischen sozialem und Normenwandel, da es sowohl nachholende Anpassungen als auch vorausschauende Neuaushandlungen gegeben habe. Schließlich seien auch Kontinuitäten festzustellen. So sei die Familie eine Domäne der Frau geblieben, was auf die Zählebigkeit biologistischer Geschlechternormen hinweise. Desgleichen habe das sozial und ethnisch exklusive Familienideal, trotz gewisser Erweiterungen ab den 1960er-Jahren, Bestand gehabt. Heinemann schlussfolgert daher, dass es den einen Wertewandel nicht gegeben habe. Stattdessen müsse man ergebnisoffener nach dem gesellschaftlich umkämpften Wert der Familie fragen.

Im Hinblick auf zukünftige Forschungen sind drei Punkte kritisch anzumerken. Erstens kommen nicht-hegemoniale Familienkonzepte, wie die Arbeiterfamilie oder alternative Beziehungsmodelle, durch den Fokus auf das dominierende Ideal und dessen primäre Distinktionsfolie der afro-amerikanischen Familie zu kurz. Zweitens beruft sich die Arbeit dezidiert auf die Moderneforschung und wendet sich gegen die Idee eines „American Exceptionalism“. Angesichts dessen überrascht, dass Transferprozesse und insbesondere der Vergleich kaum eine Rolle spielen. Drittens betont die Studie zurecht die Bedeutung von Sozialexperten für die Umsetzung wissenschaftlich-politischer Programme, beschränkt sich aber weitestgehend auf die Analyse ihrer Konzepte. Gerade im Hinblick auf die Ambivalenzen von Social Engineering und die Frage der Aneignung müsste die soziale Praxis mehr Beachtung finden. Ungeachtet dieser Einwände bleibt festzuhalten, dass Isabel Heinemann ein Standardwerk zur Familiengeschichte der USA vorgelegt hat, an dem sich künftige Arbeiten messen lassen müssen.

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Veröffentlicht am
08.10.2020
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