S. Samida: Die archäologische Entdeckung als Medienereignis

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Titel
Die archäologische Entdeckung als Medienereignis. Heinrich Schliemann und seine Ausgrabungen im öffentlichen Diskurs 1870–1890


Autor(en)
Samida, Stefanie
Reihe
Edition Historische Kulturwissenschaften 3
Erschienen
Münster 2018: Waxmann Verlag
Anzahl Seiten
336 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tobias Schade, Universität Tübingen

In einem Beitrag in der Allgemeinen Zeitung unterrichtete Heinrich Schliemann die deutsche Öffentlichkeit 1873 über den Fund des „Priamosschatzes“, den er bei Grabungen im sagenumwobenen Troia entdeckt hatte. Dem folgte eine regelrechte „Publikationsoffensive“ (Zintzen 1998, bei Samida S. 83), mit der Schliemann die Öffentlichkeit über Zeitungsartikel an seinen Forschungsergebnissen teilhaben ließ. Stieß der Autodidakt und Laie zumindest in der deutschen Fachwelt auf Skepsis und Widerspruch, so war ihm doch eine breite mediale Öffentlichkeit gewiss, die sicherlich auch die Basis dafür bildete, dass der „[…] Dreiklang – bestehend aus Troia, Schliemann, Archäologie […]“ (S. 19) entstehen konnte, der bis heute „nachklingt“. Heinrich Schliemann gilt so zum Beispiel als „Gründerheros“, die Entdeckung Troias sogar als „Geburtsstunde“ der modernen Archäologie (Cobet 1990; 2006, bei Samida S. 19). Daher scheint es nicht verwunderlich, dass Stefanie Samida im Rahmen ihrer Untersuchung auf Schliemann und seine Ausgrabungen rekurriert. Die Grundlage der Publikation bilden dabei zwei Forschungsprojekte – „Die ‚archäologische Entdeckung‘ als Medienereignis: Quellenkritisch-vergleichende Studien“ und „Heinrich Schliemann und seine Ausgrabungen im Spiegel der Presse: Popularisierung und Medialisierung archäologischer Entdeckungen im 19. Jahrhundert“ – die Samida 2006 bis 2010 durchführen konnte. Trotz zuvor publizierter Artikel liegt erst mit dieser Abhandlung eine umfassende Bearbeitung des Themenkomplexes vor.

Samida ist eine Kennerin der Materie, die sowohl die Quellen als auch die relevante Literatur überblickt. Zudem besticht das Buch durch einen strukturierten Editionsteil, in dem 91 transkribierte Briefe von und an Heinrich Schliemann sowie zehn Briefe aus dem Nachlass Rudolf Virchows angehängt sind, die bislang nur vereinzelt publiziert wurden. Darüber hinaus finden sich ein Personen- sowie ein Sach- und Ortsregister am Ende der Abhandlung.

Im ersten Kapitel skizziert Samida die gesellschaftliche Situation im zeitgenössischen Deutschland des 19. Jahrhunderts und konstatiert das Bild einer medialisierten und archäologisch gut informierten (bürgerlichen) Gesellschaft. Dieser Prämisse folgt die These, dass sowohl die Entdeckung Troias, als auch Schliemann „[…] das Paradebeispiel für das Tagesereignis und den Tagesheld des 19. Jahrhunderts […]“ darstellen würden (S. 27). Die Quellengrundlage der Studie bilden zeitgenössische Texte aus Zeitungen und Briefe aus der Zeit von 1870 bis 1890.

Das zweite Kapitel beleuchtet die Fachgeschichte der Ur- und Frühgeschichte, ausgehend von den bürgerlichen Altertumsvereinen des 19. Jahrhunderts bis hin zur Institutionalisierung und auch Nationalisierung der Fachwissenschaft. Als Akteure sind dabei Rudolf Virchow und unter anderem Heinrich Schliemann zu erwähnen, der die archäologische Methode stark beeinflusste und auch bis heute maßgeblich das Bild der Archäologie prägt.

Die ausdifferenzierte Presselandschaft zur Zeit Schliemanns ist Thema des dritten Kapitels. Samida liefert einen Überblick über die zeitgenössische Presse und erläutert die gesellschaftlichen Konfigurationen (technischer Fortschritt, Alphabetisierung, Pressefreiheit usw.), die eine Entwicklung zur Massenpresse ermöglichten.

Die Analyse der Zeitungsartikel erfolgt unter anderem im vierten Kapitel. Hier widmet sich Samida der medialen (Selbst-)Inszenierung Schliemanns, aber auch seiner Rezeption. So stand Schliemann früh in Briefkontakt mit der Allgemeinen Zeitung. Als die Zusammenarbeit 1875 endete, wandte sich Schliemann an die Times (London). Gründe für das Ende der Zusammenarbeit erkennt Samida einerseits in einer möglichen Unzufriedenheit Schliemanns (S. 99), andererseits schien auch der Allgemeinen Zeitung ein Ende der Zusammenarbeit gelegen zu kommen, schloss die Redaktion sich doch der Kritik der Fachwelt an und musste sich womöglich Schliemann erwehren, der durch Geldzuwendungen versuchte, Einfluss auf Veröffentlichungen zu nehmen (S. 100f.). Samida zeichnet stringent nach, wie Schliemann nach Publikum und Akzeptanz suchte und mit der Presse zusammenarbeitete, um sich, seine Grabungen und seine Familie zu präsentieren. Diese (Selbst-)Inszenierungen, eng verbunden mit den Überhöhungen und Interpretationen seiner Forschungen, provozierten ambivalente Rezeptionen, die teilweise von Bewunderung, teilweise von Spott geprägt waren – nicht nur in der Fachwelt oder in Tageszeitungen, sondern auch in anderen Periodika sowie in Satireblättern.

Im anschließenden fünften Kapitel thematisiert Samida die Kritik, die Schliemann entgegengebracht wurde, fachlich sowie öffentlich, berechtigt wie unberechtigt – und zum Teil auch missgünstig. Zu erwähnen ist der Streit mit Ernst Boetticher, einem Laien, zum Beispiel um die Frage, ob Schliemanns Troia wirklich eine Siedlung oder nicht doch eine Brandnekropole wäre. Samida zeichnet aber auch die generelle Konfliktlinie nach, die Grenzziehung zwischen Stubengelehrten und Praktikern, zwischen Wissenschaftlern und Entdeckern bzw. zwischen Gelehrten und Laien. Dabei orientiert sie sich an T. Gieryns Konzept des „boundary work“ (S. 31). Ein spezieller Fokus liegt in diesem Kapitel auch auf William Simpson, einem in der Forschung vernachlässigten „Schmähschreiber“ (S. 153), an dessen Beispiel Samida nachweist, dass Schliemann in der Lage war, sich mit einstigen Gegnern auszusöhnen und diese als Unterstützer zu gewinnen.

Im sechsten Kapitel stellt Samida die Ausgrabungen in Olympia/Pergamon und Troia gegenüber und vergleicht die dazugehörigen Popularisierungsstrategien – einerseits einer staatlich organisierten Grabung eines Gelehrten (E. Curtius) in Olympia und andererseits der durch Privatmänner organisierten Ausgrabungen in Troia (H. Schliemann) und Pergamon (C. Humann). Sie konstatiert, dass bezüglich Olympia auf „[…] professionelle Art […] Wissenschaftspopularisierung betrieben wurde“ (S. 167), bezüglich Pergamon hingegen „[…] keine systematische Pressearbeit“ (S. 171) stattfand, was der Beliebtheit Pergamons jedoch keinen Abbruch tat. Interessanterweise wurde aber der Pergamon-Ausgräber in der Fachwelt, obwohl ebenfalls Laie, wohlwollender rezipiert als Schliemann, was Samida unter anderem auch auf individuelle Gründe in den Persönlichkeiten zurückführt (S. 171).

Im abschließenden analytischen Kapitel widmet sich Samida dem Tod Heinrich Schliemanns – einem „transnationalen Medienereignis“ (S. 173). So ging der Tod Schliemanns im Laufe eines Tages um die Welt und wie in einer Art Wettbewerb versuchten Zeitungen sich mit aktuellen bzw. genaueren Informationen über die Todesumstände zu überbieten. Die Nachrufe waren dabei oft pathetisch und überhöht und der selbst-inszenierte „Mythos Schliemann“ wurde tendenziell kritiklos fortgeschrieben (S. 190f.). Eine Tendenz, die in der Rezeption Schliemanns der letzten rund 125 Jahre als archäologischer Abenteurer wiederholt auftaucht und die sich auch in der immer noch gültigen Verknüpfung der Archäologie mit seiner Person wiederfindet.

Stefanie Samida ist eine lesenswerte und anregende Publikation gelungen. Dabei liefert sie keine weitere Schliemann-Biographie, sondern widmet sich stattdessen einem Forschungsdesiderat – der Wissenschaftspopularisierung in der Archäologie. Mittels wissenschafts- und zugleich medienhistorischer Zugänge erhellt sie schon bekannte Aspekte des „Mythos Schliemann“ aus einer völlig neuen Perspektive. Dabei identifiziert Samida verschiedene Stile der Popularisierung nach A. Daum (S. 30–33). Schliemann zählt sie so zum Beispiel „[…] zu den einflussreichsten Popularisierern […]“ der Archäologie des 19. Jahrhunderts (S. 197). Nicht nur über Fachartikel, sondern auch über den Einbezug der Öffentlichkeit wollte Schliemann Anerkennung erfahren und wurde, so Samida, zu einem zeitgenössischen „Medienstar“ (S. 195) – stets auch im Spannungsfeld der Grenzziehungen zwischen dem „Populären“ und dem „Professionellen“. Samida formuliert mindestens drei Faktoren, die einen wissenschaftlichen Medienstar auszeichnen (S. 194): 1. eine bahnbrechende Entdeckung, 2. Medienpräsenz und 3. Heroisierung der Person. Nicht zu unterschätzen ist in diesen Dynamiken aber auch ein Unterstützernetzwerk. Immer wieder wird deutlich, wie wichtig dieses für Schliemann gewesen sein muss, dies hätte an anderer Stelle der Publikation weiter vertieft werden können. Insbesondere der interdisziplinäre Zugang der Publikation ist hervorzuheben. Interdisziplinarität ist bei Samida mehr als eine Bekundung oder Worthülse, stattdessen befindet sich die Arbeit tatsächlich in dem „[…] Dazwischen der beteiligten Fächer“ (S. 29).

Die archäologische Entdeckung als Medienereignis bleibt ein spannendes und aktuelles Thema: Verschränkungen zwischen medialen, öffentlichen und wissenschaftlichen Diskursen sind immer gegeben und gerade im Kontext medialer Verkaufsstrategien und universitärer Eigen- und Einwerbungen sind Praktiken der Wissenschaftspopularisierung fortlaufend (auch kritisch) zu beobachten.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.03.2019
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