S. Solterbeck: Blaues Blut und rote Zahlen

Cover
Titel
Blaues Blut und rote Zahlen. Westfälischer Adel im Konkurs 1700–1815


Autor(en)
Solterbeck, Sven
Reihe
Internationale Hochschulschriften 653
Erschienen
Münster 2018: Waxmann Verlag
Anzahl Seiten
455 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Weber, Archivberatungs- und Fortbildungszentrum Rheinland

Die an der Universität Münster von Barbara Stollberg-Rilinger und Ulrich Pfister betreute Dissertation befasst sich mit dem in der vormodernen Adelsgeschichte noch wenig erforschten Phänomen des Konkurses (S. 11–15). Methodisch (S. 15–32) orientiert sich die mikrohistorische Studie (S. 15, 39, 149) an Clifford Geertz und dessen Modell der „dichten Beschreibung“. In Konkurssituationen sollen die Interdependenzen zwischen Individuen (Norbert Elias) und ihre kulturellen Umfelder entschlüsselt und sichtbar werden (S. 10f.). Die Interpretation von detailliert beschriebenen Fallbeispielen bedient sich hierzu Theorien von Marcel Mauss (Gabentausch als reziprokes Verpflichtungsverhältnis) und Pierre Bourdieu (Differenzierung ökonomischer, sozialer, kultureller und symbolischer Kapitalsorten) im Kontext einer moralischen bzw. symbolischen Ökonomie der Vormoderne (S. 19, 20, 30). Konkurse erscheinen damit nicht nur als Ergebnis einer reinen wirtschaftlichen Kreditbeziehung, sondern zugleich als Resultat einer (freilich strapazierten) regelbasierten sozialen Beziehung, deren Folgen weit über die einer bloßen ökonomischen Pleite hinausgehen. Folglich war auch für eine privilegierte systemrelevante Herrschaftsschicht der vormodernen Gesellschaft Konkursvermeidung von weitaus größerem als nur einem ökonomischen Interesse. Denn das adelige Sozialgefüge war in hohem Maße durch (teilweise widersprüchliche) Normen und Erwartungshaltungen bestimmt, deren Verletzung die daran beteiligten Akteuren ihren privilegierten Status kostete, mehr noch, die mit Adeligkeit umschriebene Identität eines gesamten Standes desavouieren konnte.

Wie Adelsfamilien im 18. und frühen 19. Jahrhundert agierten, um die für ihren sozialen Status negativen Folgen eines Konkursverfahrens abzuwenden, wird am Beispiel von vier stiftsfähigen (landtagsfähigen) katholischen Adelsfamilien aus dem Hochstift Münster (Familien v. Kerkerinck zur Borg; v. Nagel zu Loburg und Keuschenburg; v. Plettenberg-Wittem zu Nordkirchen; v. Wendt zu Crassenstein, Hardenberg und Holtfeld) untersucht. Die Auswahl folgte praktischen Gesichtspunkten. So gilt der westfälisch-münsterische Adel als relativ gründlich erforscht (immer noch einschlägig die Studie von Heinz Reif), und dank einer Reihe gut erschlossener Adelsarchive stand ein hinreichendes Quellenreservoir zur Verfügung, um sinnvolle Vergleiche zwischen den untersuchten Konkursfällen anzustellen. Da sich kein ausreichend dokumentierter Konkursfall aus dem Kreis des nicht stiftsfähigen Adels finden ließ, entstammen die in der Studie untersuchten Probanden – man mag es bedauern oder nicht – allesamt aus einer homogenen sozialen Schicht. Dieser Landadel wird als Inhaber eigener Herrschaftsrechte und landtagsfähiger Güter (folglich auch als Partner von Landesherren) beschrieben, der als katholischer Stiftsadel (im Unterschied zum protestantischen Landadel), gestützt auf besitzwahrende Lehen- und Fideikommissrechte, zudem ausgestattet mit Zugriffsmöglichkeiten auf kirchliche Pfründe, besser abgesichert und weniger konkursanfällig zu sein schien. Dieser Befund passt zur relativ niedrigen Konkursquote von (angesichts noch unerschlossener Quellen z.B. des Reichshofrates) weniger als 15 Prozent, bezogen auf alle landtagsfähigen Adelsfamilien im Hochstift (S. 41).

Kredite gehörten für den Adel zum vormodernen Finanzierungsalltag. Sie waren unproblematisch, solange sie nicht in unkalkulierbare Verschuldungssituationen führten. Hier setzt die Untersuchung an, indem sie den Weg in die Verschuldung der Konkursfamilien nachzeichnet und sich intensiv mit dem biografischen und sozialen Background, den Verschuldungsursachen und dem vormodernen Kreditmarkt (Kreditarten und Kreditgeber) auseinandersetzt (S. 47–135).

Wie unterschiedlich Herkunft, Besitzverhältnisse, Amtsfunktionen oder Heiratsverbindungen bei den untersuchten Familien auch gewesen sein mögen, die Dramaturgie der Konkurse ähnelte sich sehr. Irgendwann entstand ein Missverhältnis zwischen Einkünften und Ausgaben. Der Ausgleich über Kredite misslang, die Anhäufung von Schulden folgte, die durch immer wieder neue Kredite bedient werden mussten. Nicht mehr beherrschbare Zinslasten führten schließlich in ein Konkursverfahren, in dem über die Schuldentilgung verhandelt wurde – entweder direkt zwischen Gläubigern und Schuldnern oder unter Hinzuziehung Dritter, meist vor Gerichten oder der Obrigkeit. Blieb eine Einigung aus, drohten empfindliche ökonomische und soziale Kollateralschäden, die die Familie und sonstigen sozialen Netzwerke der Schuldenverursacher mehr oder minder unmittelbar trafen. Die Analyse der Schuldenursachen ist quellenbedingt weniger ausführlich behandelt, unterm Strich führte meist wohl ein allzu teurer Lebensstil bei unzureichenden Einkünften zwangsläufig in Verschuldung und Konkurs (S. 60, 150, 216). Auf dem dezentral organisierten vormodernen Kreditmarkt wurden Kredite über soziale Netzwerke vermittelt, der Kredit selbst war Teil einer sozialen Beziehung. Er begründete und perpetuierte gegenseitige Ansprüche und Verpflichtungen. Das betraf in besonderer Weise Kreditbeziehungen zu Gläubigern, die in einem Dienst- oder Verwandtschaftsverhältnis zum Schuldner standen. Folglich standen in Konfliktsituationen häufig soziale und symbolische Kapitalwerte gleichzeitig auf dem Spiel. Zugleich waren diese Verflechtungen vor dem Hintergrund eines fein austarierten Systems untereinander konkurrierender Normen geeignet, um mitunter langwierige Auseinandersetzungen zur Konkursabwendung oder Schadensbegrenzung positiv zu gestalten. Dass die Konkurse stiftsfähiger Adelsfamilien in keine finalen existenziellen Katastrophen mündeten, darf man auf dieses systembedingte Angebot flexibler Handlungsoptionen zurückführen, die den am Konkursverfahren beteiligten Akteuren notwendige Spielräume für Kompromisse boten. Wie diese Mechanismen im Einzelfall funktionierten, wird in den Kernkapiteln der Studie „Konkurs und Norm“ (S. 136–321) und „Konkurs und symbolisches Kapital“ (S. 322–391) sorgfältig herausgearbeitet.

Im Ergebnis spielten sich Kreditbeziehungen wie ihr Scheitern, die in Konkurssituationen besonders eindringlich sichtbar werden, in einem allgemein akzeptierten Rahmen einer vormodernen moralischen Ökonomie ab, die wirtschaftliche Interessen zwar nicht ablehnte, sie aber im Zweifelsfall zur Stabilisierung sozialer Beziehungen, ja des vormodernen Sozialgefüges insgesamt, hintanstellte. Die rein monetäre Seite von Konkursverfahren wurde von reziproken auf Ausgleich bedachten sozialen Beziehungen überlagert, von nicht eindeutigen Verfügungsrechten an der Konkursmasse, einer mehr oder weniger ausgeprägten schutzwürdigen Familienehre, die die Konkursfamilie in die Pflicht nahm, und nicht zuletzt einer Standessolidarität, die den konkursbedrohten Adel wie seine Gläubiger durch Disziplinierungsmaßnahmen zu Kompromissen ebenso befähigte wie nötigte.

Der Schlüssel der Bewältigungsstrategien lag in einem akzeptierten Nebeneinander von so widersprüchlichen Anforderungen wie Statuswahrung auf der einen und Gläubigerbefriedigung auf der anderen Seite. Von daher wundert es nicht, dass diese Normenkonkurrenzen meist nur durch Vergleich neutralisiert werden konnten.

Die konkreten Resultate solcher Vergleichsabschlüsse konnten höchst unterschiedlich ausfallen. Trotz unterschiedlicher Verteidigungsstrategien erreichte die Familien von Nagel, von Wendt und vor allem von Plettenberg günstige Vergleichsbedingungen und teilweise hohe Schuldennachlässe, die bei der Familie von Plettenberg aufgrund ihres herausragenden herrschaftlichen Status durch politische Unterstützung von außen ermöglicht wurden. Trotzdem mussten vom Konkurs betroffene Familien mitunter massive ökonomische und soziale Kosten hinnehmen. So war der öffentlich zum Verschwender erklärte Franz Josef von Plettenberg desavouiert, ein standesgemäßes Auftreten nicht mehr möglich. Die von Nagel büßten den Reichsritterstatus ein, und die Familie von Kerkering hatte den Verlust des einzigen landtagsfähigen Gutes zu beklagen, was sie zeitweise die Mitgliedschaft in der münsterischen Ritterschaft kostete.

Die Arbeit von Sven Solterbeck erfüllt die Erwartungen des wissenschaftlich interessierten Lesers in mehrfacher Hinsicht. Die Rezeption der einschlägigen Literatur wie auch die sorgfältige Aufbereitung der ausgewählten Quellen bieten dank des mikrohistorischen Ansatzes genügend Raum für detaillierte Beschreibungen und sorgfältig hergeleitete Deutungen von Handlungen in ihren gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten. Ebenso souverän wie konsequent werden die sich als fruchtbar erweisenden theoretischen Modelle auf das verfügbare Textmaterial angewandt und als Deutungsmuster herangezogen, zugleich überprüft und gegebenenfalls modifiziert. Fragestellungen, Hypothesen und Antworten, die weit ausholen, werden in einer verständlichen Sprache mit profunden Erklärungen und Rekapitulationen ausgestaltet. Der Wert dieser vorzüglichen Untersuchung ist keineswegs nur in einer kulturgeschichtlichen Annäherung an eine gesellschaftlich privilegierte Elite der Vormoderne und ihre Deutung als ein eigenständiges robustes Kulturmodell (Adeligkeit) zu sehen, sondern die prosopographisch angelegte Studie bietet einen Eldorado für biografische Details zur Geschichte der behandelten Familien, was auch im genealogischen Anhang wie dem sorgfältig zusammengestellten Personenindex Ausdruck findet. Letztlich ist die Studie ein Beleg für die Virulenz regionalgeschichtlicher Forschung. Gerade die bekanntermaßen heterogenen Adelslandschaften bieten sich für weitere Untersuchungen zum Thema Konkurs und für eine Überprüfung der hier am Beispiel einer kleinen Gruppe von Probanden erzielten Ergebnisse an. In der Summe gelingt es Solterbeck in beeindruckender Weise, der Adelsgeschichte einen weiteren Baustein zur Beschreibung adeliger Lebenswelten hinzuzufügen.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.01.2019
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