J. Herzberg u.a. (Hrsg.): Ice and Snow in the Cold War

Cover
Titel
Ice and Snow in the Cold War. Histories of Extreme Climatic Environments


Herausgeber
Herzberg, Julia
Reihe
The Environment in History: International Perspectives 14
Erschienen
New York 2019: Berghahn Books
Anzahl Seiten
VIII, 322 S.
Preis
€ 74,58
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Sophie Lange, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Dass ausgerechnet der Kalte Krieg die internationale Forschung über Gletscher, Eis und Schnee befeuerte, wird eindrücklich in den zwölf Aufsätzen des Sammelbandes „Ice and Snow in the Cold War. Histories of Extreme Climatic Environments“ dargestellt. Das von Julia Herzberg, Christian Kehrt und Franziska Torma herausgegebene Buch enthält Beiträge zu überraschenden Themen wie der Jagd nach Yetis (Carolin F. Roeder und Gregory Afinogenov) oder das Konzept einer Geschichte der Kälte (Sverker Sörlin). Für die Umwelthistoriker/innen wird zudem die wichtige Frage der Klimaforschung angerissen – vom Schmelzen der Eisberge über das Szenario eines „nuklearen“ Winters bis hin zum Nutzen des Eises als Material. Das Buch erzählt somit von Abenteuerlust und Entdeckerfreuden, neu verhandelten Männlichkeiten, Machtpositionen und Interessen sowie von den Möglichkeiten und Grenzen, die diese unbeugsame Naturlandschaft mit sich bringt. Geografisch erstreckt sich der untersuchte Gegenstand – die extremen Kälteregionen dieser Erde – von der Arktis und Antarktis über Grönland bis hin zum Himalaya und dem Tian Shan-Gebirge. Das Attribut „kalt“ erfährt mit dem Blick auf diese spezielle Peripherie für die Beschreibung des Kalten Krieges damit eine neue Dimension. Noch im Jahr 2010 attestierten Corinna Unger und John McNeill den Umwelthistoriker/innen und Kalten-Kriegs-Forscher/innen eine mangelhafte gegenseitige Wahrnehmung.[1] Mit diesem Band scheint nun das „Eis“ zwischen beiden gebrochen zu sein.

Die Erforschung von Eis und Schnee entwickelte sich im Untersuchungszeitraum des Bandes von einer teilweise von Hobby-Forscher/innen betriebenen zu einer systematischen Wissenschaft. Wie Dania Achermann in ihrem Aufsatz am Beispiel der Schweiz herausstellt, trug dazu maßgeblich das Interesse bei, sich gegen Naturgewalten wie Lawinen schützen zu wollen. Doch erst mit dem aufkommenden militärischen Interesse während des Zweiten Weltkrieges und zu Beginn des Kalten Krieges gelang der fulminante Aufstieg der Erforschung von Kälteregionen. Die enge Verknüpfung der Erforschung von Polarkappen und Gletschern mit militärischem Nutzen wird beispielsweise für die US-Amerikaner vor allem im Falle eines Angriffes der Sowjets über die nördliche Eisbrücke bei Alaska ausschlaggebend. Nach Janet Martin-Nielsen erkannten die USA, dass sie nun im Vergleich zur Sowjetunion hier ihr Kenntnisdefizit aufholen mussten, weshalb die Forschung zu Beginn des Kalten Krieges massiv ausgebaut wurde.

Gleichzeitig gebar der innermilitärische Konkurrenzkampf zwischen US-amerikanischer Luftwaffe, Marine und Heer so ein abstruses Vorhaben wie das „Project Iceworm“, das Ingo Heidbrink in seinem Beitrag veranschaulicht. Der letztlich an der Umsetzbarkeit gescheiterte Plan sah eine unterirdische Tunnel-Militärbasis zur Stationierung von Nuklearraketen in Grönland vor – ohne Wissen der dänischen Regierung, eines NATO-Mitglieds. Geschützt durch das Eis, so der Plan, seien die Raketen praktisch unsichtbar für weiträumige sowjetische Aufklärungsflüge und böten sogar Erstschlagskapazitäten. Um die entsprechende Ausrüstung zu betreiben und die Lebensfähigkeit unter dem Eis zu garantieren, sollte die Militärbasis mit kleinen Atomanlagen versehen werden. Damit wollte dieser Teil der amerikanischen Streitkräfte einen anspruchsvollen Beitrag in der militärischen Auseinandersetzung mit den Sowjets leisten.

Spionage und militärischer Wettbewerb um Vormachtstellungen sind jedoch nicht die einzigen Merkmale des Kalten Krieges. Der Antarktis-Vertrag von 1961 symbolisierte auch die Möglichkeit der Kooperation und „friedlichen Koexistenz“ beider Supermächte. Der Vertrag, der den unberührten Südpol vor politischer Einflussnahme schützte und wissenschaftliche Kooperation förderte, gilt in dem Beitrag von Roger D. Launius als Vorbild für das Outer Space Treaty von 1963. Auch den Weltraum – die neue frontier im Kalten Krieg – sollte keine Nation nur für sich reklamieren. Ähnlichkeiten zwischen Weltraum und Antarktis stellte jedoch nicht nur der politische Umgang mit ihnen dar. Wie Sebastian Vincent Grevsmühl herausarbeitet, bildete die Antarktis auch eine gute Übungsfläche für andere feindliche Umgebungen, um den Menschen auf lange U-Bootfahrten oder Weltraumflüge vorzubereiten.

Der Fokus des sehr gut geschriebenen, sich teilweise wie eine Geschichte aus einem Guss lesenden Bandes liegt in den meisten Beiträgen auf dem Systemwettbewerb – ob im Militär, im Wintersport, bei der Technik oder vor allem in der Wissenschaft. Somit stellt der Sammelband zwar richtige und wichtige Entwicklungen dieser eisigen Peripherie im Kalten Krieg heraus. Die Beiträge reflektieren jedoch kaum Veränderungen im bipolaren politischen Gefüge, wie die Entspannungspolitik und erneute Krisen oder auch Auflösungserscheinungen gegen Ende der Ära. Dadurch wird die Sicht auf gegenläufige Entwicklungen zum Wettbewerb bzw. dessen Unterlaufen verstellt. Statt einer starken Perzeption der Systemauseinandersetzung in der Peripherie schwächt sich diese mit der Entspannungspolitik gerade dort und insbesondere im lokalen Bereich wieder ab. So konnte insbesondere die wissenschaftliche Kooperation im Kalten Krieg auch eine Auflösung der bipolaren Deutungsmuster bedeuten, gerade in solch extremen Gegenden, in denen der Mensch ums Überleben kämpfen muss.[2] Das kommt leider etwas zu kurz. Angedeutet wird eine, wenn auch anders gelagerte, Ablehnung der Systemkonkurrenz und ein damit zusammenhängender technisierter Umgang mit den Kälteregionen am Ende des Kalten Krieges in dem Beitrag von Pascal Schillings: In den weißen Weiten der Antarktis kämpfte der Mensch, in diesem Fall Reinhold Messner bei seiner Durchquerung des Südpols, gegen die feindliche Natur und gegen sich selbst, seinen inneren Schweinehund, und weniger gegen anderslautende Ideologien.

Dafür werfen die Kältehistoriker/innen andere weiterführende Fragen auf: Sophie Elixhauser, die einzige Ethnologin im Autor/innenteam, sieht in den Gender-Beziehungen zwischen „native“ und „non-native“ Männern mit indigenen Frauen ein Forschungsdesiderat (S. 126). Marc Elie sieht weiteren Bedarf darin, über den unerreichten und umstrittenen Charakter sowjetischer Naturbeherrschung zu forschen (S. 202). Auch das Schlusskapitel der Herausgeber/innen wirft weitere, in dem Sammelband nur sehr kurz angedeutete oder gar nicht behandelte Fragen auf, wie die Rolle von Greenpeace und anderen Umweltschutzorganisationen oder das Geoengineering zur Veränderung des Klimas. Ein weiterer Aspekt aus der Umweltgeschichte, der in den Beiträgen von Sophie Elixhauser und Pascal Schillings leider nur angeschnitten wird, ist die Frage des Umgangs mit dem Müll im Schnee. Denn: wer räumt hinterher auf? Schließlich verrotten Ölfässer und kaputte Fahrzeuge nicht im Eis.

Damit schließt der Sammelband „Ice and Snow in the Cold War“ zwar eine interessante Forschungslücke, zeigt zugleich aber auch, dass dieses Thema noch ausbaufähig ist. Ihrem Anspruch, Beiträge aus Ost und West in dieser Auseinandersetzung ausgewogen darzustellen, werden sie – anders als diese Rezension – ebenfalls gerecht. Der Antarktis-Vertrag ist ein noch heute bestehendes Erbe aus dem Kalten Krieg. Die Neuaufteilung der Welt nimmt mit heutigen russischen und amerikanischen, norwegischen und dänischen Ansprüchen auf den Nordpol jedoch gerade wieder an Fahrt auf. So gesehen bleibt das Thema also ein „Labor“ (S. 10) für Umwelthistoriker/innen und eine „Werkstatt“[3] für die Cold War Studies – spannend und aktuell. Auch wenn das Eis zwischen beiden Disziplinen nun gebrochen scheint, könnte hier eine weitere wissenschaftliche Erwärmung nicht schaden.

Anmerkungen:
[1] John R. McNeill / Corinna Unger (Hrsg.), Environmental Histories of the Cold War, New York 2010, S. 4.
[2] Gabriele Metzler, Unter Polarforschern, in: Berliner Kolleg Kalter Krieg, 25.05.2016, https://www.berlinerkolleg.com/de/blog/unter-polarforschern (07.04.2019).
[3] Bernd Greiner, Kalter Krieg und „Cold War Studies”, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010, http://docupedia.de/zg/greiner_cold_war_studies_v1_de_2010 (24.04.2019).

Redaktion
Veröffentlicht am
24.05.2019
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Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/