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Titel
Zwölf Wege ins Archiv. Umrisse einer offenen und praktischen Archivwissenschaft


Autor(en)
Keitel, Christian
Erschienen
Stuttgart 2018: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
285 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter M. Quadflieg, Staatsarchiv in Eupen, Belgisches Staatsarchiv

Das Standardwerk der Archivwissenschaft, der sogenannte „Papritz“[1], ist eine im Selbstverlag hektographierte, vierbändig-ausufernde, strapaziös geschriebene, völlig veraltete und zudem auf dem Buchmarkt schon seit Jahrzehnten vergriffene Lesezumutung. Christian Keitel hat nun einen Aufschlag gewagt, mit seinen „Zwölf Wegen ins Archiv“ zumindest ein Aperçu des heutigen Standes der wissenschaftlich fundierten Archivkunde zu formulieren.

Der Verfasser ist selbst als Archivar des höheren Dienstes beim Landesarchiv Baden-Württemberg und als Dozent für Archivwissenschaft an der Fachhochschule Potsdam tätig. Er verbindet also in seiner Person den akademischen Blick auf die Archivierung von relevanten Informationen für die Nachwelt mit der Erfahrung, unter Praxisbedingungen analoge und digitale Unterlagen für die dauerhafte Aufbewahrung in einem Archiv auszuwählen, sie für die Forschung zu erschließen und (zumindest theoretisch) für einen unendlich langen Zeitraum nutzbar zu halten.

In seiner Darstellung konzentriert sich Keitel auf die akademische Perspektive, lockert diese jedoch immer wieder mit konkreten Beispielen aus der Archivpraxis und statistischen Auswertungen auf. Der etwas wolkige Titel „Zwölf Wege in Archiv“ konkretisiert sich dabei in zwölf Themenfeldern, die – nach Keitel – im Fokus einer „neuen Archivwissenschaft“ stehen sollten. Ihre interdisziplinäre wissenschaftliche Bearbeitung könnte dann, so die Hoffnung des Verfassers, nicht nur für die Arbeit klassischer Dokumenten-Archive, sondern für jede Form von heritage institution, ob im analogen, digitalen oder hybriden Raum, fruchtbar gemacht werden.

Die zwölf Themengebiete bilden entsprechend auch die Hauptgliederung des Bandes, werden aber zusätzlich unter den Begriffen „Institutionen“ (Themen 2–4), „Objekte“ (Themen 5–10) und „Subjekte“ (Themen 11–12) im Inhaltsverzeichnis geclustert, was nicht unbedingt nötig gewesen wäre und sich auch aus dem Inhalt wenig erschließt.

Die erste Frage, wie „Archivwissenschaft“ zu definieren sei, wird in einem Vorwort abgehandelt, das auf Keitels Antrittsvorlesung an der FH Potsdam beruht. Hier werden zudem die elf weiteren Fragestellungen vorgestellt. Was die Definition der Archivwissenschaft betrifft, entwirft Keitel bereits seine Hauptthesen und plädiert angesichts der digitalen Transformation für einen möglichst breiten und offenen „Plattformbegriff“. Unter diesem sollen sich „alle Fragestellungen rings um das Archiv“ (S. 21) begegnen können. Gleichzeitig tritt er bei seiner definitorischen Eingrenzung für eine Ausrichtung der Archivwissenschaft auf das Archiv als Institution und damit für eine Abkehr von der Fokussierung auf die aufbewahrten „Records“ ein.

Im zweiten Abschnitt wird entsprechend die Frage nach dem Wesen eines „Archivs“ gestellt. Keitel präsentiert zunächst einen archivhistorischen Überblick. Dieser streift neben der Entwicklung der Institution „Archiv“ von der Antike bis zur Gegenwart die Konzepte der digitalen (Langzeit-)Archivierung und postmoderne, zur „klassischen Archivwissenschaft“ wenig anknüpfungsfähige Archiv-Begriffe etwa Michel Foucaults oder Jacques Derridas. Letztendlich plädiert Keitel dafür, Archive als „spezialisierte Einrichtungen“ zu definieren, „die Dokumente und Informationen erhalten und ihren Nutzern zu Verfügung stellen“ (S. 71).

Dass Keitel dieser definitorischen Herleitung rund 45 Seiten widmet, verdeutlicht die Reflexionsebene, auf der sich der Band bewegt. Der Verfasser adressiert ein Publikum, das sich bereits mit theoretischen Reflexionen über das Wesen und die Ziele von Archivierung auseinandergesetzt hat. Denn tatsächlich bedeutet Keitels zunächst wenig überraschende Definition eine Abkehr von bisherigen Axiomen der „klassischen Archivwissenschaft“. Durch die Verwendung des Begriffs „Information“ anstelle von „Unterlagen“ oder „Records“ schließt Keitel andere Gedächtnisinstitutionen wie Museen und Bibliotheken ebenso wie Sammlungen digitaler Forschungsdaten in seine Archivdefinition ein. Gleichzeitig zielt sie auf die Aufgabe ab, Archivgut zu erhalten und bereitzustellen, nicht jedoch es auch im materiellen Sinne zu verwahren. Dies bedeutet im Zusammenhang mit der Archivierung digitaler Objekte die Abkehr von einer bisher als zentral angesehenen Archivaufgabe. Mithin weitet Keitel den Archivbegriff von seiner bisher vorherrschenden Fokussierung auf die Einrichtung des Archivs im baulichen Sinn zu einer umfassenderen, auf die Aufgaben ausgerichteten Definition aus.

Leser, die an dieser Form der intellektuellen Reflexion über das Wesen von Archiven Gefallen finden, werden auch die folgenden Abschnitte des Bandes mit Gewinn lesen. Dabei fragt Keitel als Drittes nach dem zeitlichen Horizont, für den archiviert wird. Hier rät er zu einer Abkehr vom bisher vorherrschenden legitimatorischen „Ewigkeitsanspruch“. Stattdessen plädiert er für eine stärkere Betonung der Befähigung zum Erhalt der Informationen in geistig fassbaren Zeitdimensionen, ohne das Ziel einer theoretisch unendlichen Aufbewahrung ganz aufzugeben. Als vierten Punkt folgt Keitel der Frage, wann die Trennung relevanter von nicht-relevanten Informationen, die sogenannte archivische Bewertung, erfolgen solle und inwieweit unterschiedliche Archive beim Erhalt und in der Bereitstellung aufeinander abfolgen sollten. Nach einer Diskussion der Lebenszyklustheorien von Unterlagen wägt Keitel die Vor- und Nachteile einer Zwischenarchivierung und einer zweiten Bewertung der Unterlagen nach dem Ablauf einer solchen Zwischenarchivierung ab. Diese seit Jahrzehnten in der archivischen Fachwelt immer wieder diskutierten Fragen hält er dabei für so relevant, dass er sie in den „Kanon der zukünftigen Archivwissenschaft“ (S. 95) aufnehmen möchte, verzichtet dabei selbst aber auf eine abschließende und eindeutige Positionierung.

Fünftens diskutiert Keitel die Frage, welche Informationen in einem Archiv erhalten werden und welche der Vernichtung zugeführt werden sollten. Der entsprechende Abschnitt, der mit einer historischen Übersicht in die wichtigsten methodischen Grundsätze der Bewertung einführt, dürfte besonders für noch wenig mit der archivischen Auswahlmethodik in Berührung gekommene Leser spannend sein. Als Sechstes wird die Frage diskutiert, wie man den Erhalt der Informationen im Archiv organisieren solle. Hier schlägt Keitel einen Bogen von den Kopiertechniken des Altertums bis zur Frage des digitalen Datenerhalts durch regelmäßiges Umkopieren in der Gegenwart. Er hebt dann auf den Begriff der Authentizität ab, der im digitalen Zeitalter stets mit dem Begriffspaar „Kopie-Original“ mitgedacht werden sollte. Siebtens widmet er sich der Frage nach der Struktur und Ordnung innerhalb des Archivs, um dann als achte Frage die Beschreibung und Kontextualisierung der Informationen zu untersuchen. In der Diskussion der Begriffe „Information“ und „Kontext“ stellt der Autor den Forschungsstand historisch hergeleitet vor, betont die Bedeutung unterschiedlicher Metadatentypen und plädiert abschließend dafür, die bisherigen Standards und Denkschulen unterschiedlicher Gedächtnisinstitutionen in einem umfassenden Informations- beziehungsweise Kontextsinn zu diskutieren, um sie weiterzuentwickeln.

Als neunter Punkt wird die Frage aufgegriffen, wie die Binnenstruktur der Informationen in einem Archiv aufgebaut sein sollte und wie die einzelnen Informations- und somit Beschreibungseinheiten zu definieren seien. Die Frage, wie die Informationen innerhalb eines Archivs in Gattungen eingeteilt und somit strukturiert werden können, bilden den zehnten Fragebereich. Keitel beschäftigt sich also mit den Informationseinheiten und deren Verbindung. Diese Fragen drängen sich als Themen für eine zukünftige Archivwissenschaft auf, da bei der Digitalisierung analoger Archivalien und der Archivierung von digitalen Objekten unterschiedliche Repräsentationsformen ein und desselben Originals entstehen. Gleiches gilt für den bisher nicht gefundenen Common Sense bei Gattungsbegriffen, die sowohl analoge wie auch digitale und hybride Archivalien erfassen.

Abschließend widmet sich Keitel der menschlichen Komponenten im Archivierungsprozess. Entsprechend fragt er im elften Kapitel nach der Rolle und dem Einfluss des Archivars bei der Archivierung, um abschließend im zwölften Abschnitt die Perspektive der (zukünftigen) Benutzer von Archiven einzunehmen. Während er im ersteren Kapitel das Bewusstsein für die Subjektivität jeglicher archivarischer Entscheidungsprozesse in den Vordergrund stellt, fordert er im zweitgenannten die Ausrichtung der Archive auf gegenwärtige und zukünftige Nutzungs- und Nutzererwartungen ein – Letzteres freilich, ohne bereits Hinweise geben zu können, wie diese bestimmt und validiert werden können, zumal die „Marktforschung“ von Archiven noch in den Kinderschuhen steckt.[2]

Insgesamt ist Keitels Buch entgegen der Suggestion seines Titels wenig als Einstiegslektüre zum Thema Archivierung und Archivwissenschaft geeignet. Zwar finden sich in den darstellenden Teilen durchaus umfassende methodische Abrisse, die nicht nur die Entwicklung des Forschungsstandes historisch umreißen, sondern insbesondere auch aktuelle und internationale Trends darstellen. Ihre wenig stringente Einbettung und die wenig intuitive Struktur des Buchs sowie das tiefe Eindringen in fachliche Diskurse heben jedoch die Schwelle zur Durchdringung von Keitels Ausführungen. Lesern, die sich also erstmalig mit den Aufgaben und Herausforderungen der Archivierung befassen möchten, seien andere Werke ans Herz gelegt.[3]

Verdienst des Buchs ist es hingegen, die bereits seit Entstehen der modernen Archivwissenschaft vor rund 150 Jahren immer wieder in Schüben diskutierten methodischen Kernfragen für die kommenden Jahre neu, kenntnisreich und aktuell formuliert zu haben. Vielleicht hätte man sich dabei für alle Abschnitte und nicht nur in einzelnen Kapiteln eine stärkere Positionierung des Autors, sei sie auch noch so thesenhaft, gewünscht. Damit hätte sich Keitels Absicht, mit seinem Band den Anstoß für eine „neue Archivwissenschaft“ im Digitalen Zeitalter zu geben, die die Grenze der Archivars-Community und deren zementierte Glaubensgrundsätze bewusst überschreitet, vielleicht impulsiver niedergeschlagen. Doch auch ohne diese Zuspitzung bieten Keitels kluge Ausführungen genügend Gesprächs- und Streitpotential für den zur Zeit doch wenig lebendigen archivwissenschaftlichen Theoriediskurs.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Johannes Papritz, Archivwissenschaft, 4 Bde., Marburg 1976. Auch die weiteren Standardwerke der klassischen Archivwissenschaften, auf deren Positionen Christian Keitel ausführlich in seiner Arbeit eingeht, sind lange veraltet. Vgl. Adolf Brenneke, Archivkunde. Band 1: Ein Beitrag zur Theorie und Geschichte des europäischen Archivwesens, Leipzig 1953 (Reprint München 2011) und Theodore R. Schellenberg, Modern Archives. Principles and Techniques, Chicago 1956.
[2] Eine Ausnahme im deutschsprachigen Raum bildet die Nutzerstudie 2016 des Hessischen Landesarchivs. Vgl. zu den ersten Ergebnissen online: https://landesarchiv.hessen.de/erste-ergebnisse (03.04.2019).
[3] Vgl. Marcus Stumpf / Hans-Jürgen Höötmann (Hrsg.), Praktische Archivkunde. Ein Leitfaden für Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste – Fachrichtung Archiv, 4. Aufl., Münster 2018, und Marcel Lepper / Ulrich Raulff (Hrsg.), Handbuch Archiv. Geschichte, Aufgaben, Perspektiven, Stuttgart 2016.