J. Danyel u.a. (Hrsg.): Kommunismus unter Denkmalschutz?

Cover
Titel
Kommunismus unter Denkmalschutz?. Denkmalpflege als historische Aufklärung


Herausgeber
Danyel, Jürgen; Drachenberg, Thomas; Zündorf, Irmgard
Reihe
Forschungen und Beiträge zur Denkmalpflege im Land Brandenburg 16
Anzahl Seiten
178 S., zahlr. Farb- und SW-Abb.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ingrid Scheurmann, Deutsche Stiftung Denkmalschutz / Technische Universität Dortmund

Negativ konnotierte Geschichtsorte unter Denkmalschutz zu stellen, ist ein vergleichsweise junges Phänomen in der Geschichte der Denkmalpflege. Noch während der 1970er-Jahre wurden Gebäude und Stätten aus der Zeit des Nationalsozialismus aus dem Aufgabenfeld der institutionalisierten Denkmalpflege ausgeschieden und in die Zuständigkeit der Geschichtswissenschaften delegiert. Erst Jahre später sollte eine vorsichtige Öffnung gegenüber den „unbequemen“ Hinterlassenschaften der Vergangenheit erfolgen. Es war der Münchener Kunsthistoriker Norbert Huse, der diesen Begriff in die Fachdebatte der späten 1980er-Jahre einführte und ihn in seinem Buch von 1997 mit der Frage nach Erhalt, Schutz und Pflege verknüpfte. Zu dieser Zeit galten nicht mehr nur Relikte des Nationalsozialismus als politisch belastete Hinterlassenschaften, sondern auch die Zeugnisse des Staatssozialismus. Engagiert forderte Huse die Kollegenschaft auf, sich auch mit einem „Erbe“ auseinanderzusetzen, das zwar keiner haben wolle und das doch nicht ausgeschlagen werden dürfe. Alles andere bedeute, „Geschichte à la carte“ zu betreiben und würde die Denkmalpflege auf eine Pflege des Ästhetischen, eine zustimmungsfähige Vergangenheit, reduzieren.[1] Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz hat diese Impulse aufgenommen und bereits 1995 unter dem Titel Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? über Architektur und Städtebau der DDR diskutiert.[2] Weitere Forschungen sollten folgen; zu nennen wären etwa das Ostmoderne-Projekt von Ulrich Hartung und Andreas Butter aus dem Jahr 2005 sowie die gleichnamigen Publikationen der Bauhaus Universität Weimar aus den Jahren 2012 und 2016.[3]

Dass die hier besprochene Dokumentation von 2018 dennoch auf eine Forschungslücke antwortet, liegt inhaltlich an der klug gewählten Fokussierung auf die Symbolbauten der ehemaligen sozialistischen Staaten – „politische Denkmäler“ in der Diktion der Herausgeber (S. 7) – und methodisch an ihrem interdisziplinären Zuschnitt. Hier kommen außer Denkmalpfleger/innen auch Zeithistoriker/innen und Museolog/innen zu Wort und sorgen einerseits für die notwendige Kontextualisierung der Thematik, andererseits für Aufmerksamkeit gegenüber der zuweilen schwierigen Vermittlungsthematik. Dennoch ist der einführenden Zuspitzung Jürgen Danyels zu widersprechen, dass die fächerübergreifende Kooperation „in gewisser Hinsicht ein Novum“ darstelle, den „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ (S. 9). Die Interdisziplinarität von Tagungen und Publikationen hat sich in den letzten Jahren durchaus etabliert und zu einer erfreulichen Perspektivenerweiterung auch in der Diskussion von Erhaltungsfragen geführt. Wenn unter dem Begriff der „Zusammenarbeit“ jedoch mehr als wissenschaftlicher Austausch verstanden werden, wenn er methodische Innovation und Differenzierung implizieren sollte, hätte der Publikation ein Resümee gut zu Gesicht gestanden, das den Mehrwert der multidisziplinären Betrachtung im Detail darlegt und für den Umgang mit jüngerem Erbe insgesamt fruchtbar zu machen sucht. Bedauerlicherweise verbleiben die Beiträge des vorliegenden Bandes indes ohne eine solche Querschnittsanalyse und ohne entsprechende Zusammenfassung.

Das schmälert den historisch-theoretischen Ertrag dieser wichtigen Studie, tangiert aber nicht die Qualität der einzelnen Beiträge. Diese fördern in drei nicht ganz schlüssig differenzierten Kapiteln („Vom Denkmal zur historischen Aufklärung“, „Das Nachleben kommunistischer Denkmale aus der DDR“, „Denkmalschutz als Strategie der historischen Aufarbeitung“) mehrheitlich weitgehend unbekannte Details sowie komplizierte Erhaltungs- und Vermittlungsfragen ans Licht. Das gilt etwa für die Beiträge von Leo Schmidt über Panzerdenkmale, Peter Leonhardts Beschäftigung mit dem sowjetischen Pavillon der Alten Leipziger Messe, Katja Prottes Darlegung des musealen Umgangs mit Großplastiken der NVA oder Ilona Rohowskis Beitrag über die Jugendhochschule der FDJ am Bogensee und die Pionierrepublik am Werbellinsee. Notwendige Kontextualisierungen liefern Mischa Gabowitschs lesenswerter Überblick über den Umgang mit sowjetischen Kriegsdenkmälern in den postsowjetischen und ihnen befreundeten Staaten sowie Dieter Hübeners differenzierte Betrachtung der Neubewertung politischer Denkmale nach 1990. Letzterer schildert den Weg der in der DDR als Geschichts- oder politische Denkmale klassifizierten Objekte zu Denkmalen im Sinne des neuen brandenburgischen Denkmalschutzgesetzes unter anderem am Beispiel der Gedenkstätten der ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen. Im Unterschied zu der weitgehenden Akzeptanz dieser Denkmale auf deutscher Seite, erläutert Krzysztof Ruchniewicz die intendierte „symbolische Umorganisierung Polens“ infolge des sogenannten Dekommunisierungsgesetzes von 2016, demzufolge die nach 1989 ohnehin dezimierten Denkmale des Kommunismus in Polen wegen ihres vermeintlich schädlichen Einflusses auf die Bevölkerung entfernt werden sollen (S. 45). Vertraglich ausgenommen von solchen Geschichtskorrekturen sind hier wie andernorts Kriegsgräberstätten, über deren Schicksal zwischen Neubau und Umdeutung Gabowitsch in seiner vergleichenden Studie berichtet. Dass der Begriff des politischen Denkmals in der Publikation nicht ganz konsequent angewendet wird, zeigt die Tatsache, dass die Planstadt Eisenhüttenstadt durchaus als solches gewertet wird (Beitrag Ruth Klawun), das sicherlich größte politische Denkmal der DDR, die Berliner Mauer, hingegen nicht. Infolgedessen erfährt sie auch keine Einzelbetrachtung.

Thematisch sind die meisten Texte mit gesetzten Denkmalen im Sinne Alois Riegls befasst, denen bereits intentional eine Lenkung der Überlieferungsbildung zu eigen ist. Im konkreten Fall geht es von der Beschwörung der deutsch-sowjetischen Freundschaft, der Feier Lenins und anderer sogenannter Helden der Arbeiterbewegung bis zur Gestaltung von Gedenkstätten und Soldatenfriedhöfen. Als „Staatsbauten“ avancierten viele der hier vorgestellten Beispiele im Sinne Paul Clemens zu Wahrzeichen der sozialistischen Staaten und nach der politischen Wende von 1989/90 folgerichtig auch zu möglichen Hassobjekten der Bevölkerung. „Unbequem“ geworden im Sinne Huses, rückten sie als negativ konnotierte Symbole nun in den Fokus gesellschaftlicher Debatten über Geschichtspolitik. Zu Denkmalstürzen, das betont die Publikation verschiedentlich, ist es dennoch viel seltener gekommen, als es die publikumswirksame Demontage des Berliner Lenin-Denkmals im Jahr 1991 hätte vermuten lassen. In der Regel wurde der Denkmalstatus der politischen Denkmale nach 1990 bestätigt. Daneben prägten vereinzelte Translozierungen, künstlerische Interventionen oder Neugestaltungen von Denkmalumgebungen das Spektrum gesellschaftlicher Auseinandersetzung.

„Mit wachsendem Abstand“ stellen die Herausgeber für die Gegenwart einen gelassenen Umgang mit diesen Objekten fest. Sie seien inzwischen mit „Alltagserfahrungen der Menschen“ verbunden (S. 7), dienten vielen als „Anker und Projektionsfläche lebensgeschichtlicher Erfahrungen“ und avancierten zuweilen gar, wie der Chemnitzer Marx-Kopf von Lew Kerbel, zu marketingfähigen neuen Symbolen von Kommunen (S. 10f.). Das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil es die ohnehin komplizierte Arbeit von Konservator/innen und Restaurator/innen im Einzelfall erleichtert. Schlecht, weil es von Aneignungsprozessen zeugt, die kommerziellen Interessen an Alleinstellungsmerkmalen zu folgen scheinen und mit der Rezeption der Form den möglicherweise problematischen Inhalt von Geschichtszeugnissen verdrängen. Der von Gabi Dolff-Bonekämper verschiedentlich betonte Streitwert solcher Denkmale scheint sich im Alltag schnell abzunutzen. Auch ehedem strittige Objekte werden „bequem“. Haben sie wie die Waldsiedlung der SED-Elite in Wandlitz ihren Stachel verloren, bedürfen sie, wie Elke Kimmel ausführt, besonderer Vermittlungsanstrengungen, um überhaupt noch „lesbar“ zu sein. Neben der Tendenz zur Veralltäglichung weist die Publikation aber auch auf die Gefahr der Reaktivierung politisch konnotierter Geschichtsorte und damit auf die Beschwörung ihrer ursprünglichen Symbolwerte hin. Das macht den Umgang mit politisch aufgeladenen Denkmalen solange zu einem gesellschaftspolitischen Drahtseilakt, wie die fraglichen Bauten noch strittig sind. Die langjährigen Diskussionen über das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, Hitlers Geburtshaus im österreichischen Braunau und – wenn auch in anderer Weise – den „Palast der Republik“ sind dafür einschlägig.

Politische Denkmale, das zeigt die Veröffentlichung, machen auch Denkmalpflege zu einem Politikum. Insofern spielen Vermittlungsfragen hier eine deutlich größere Rolle als bei Bauwerken, deren Substanz vermeintlich für sich selbst spricht. Und noch eines wird deutlich: Bei den Symbolbauten der DDR handelt es sich unstrittig um Denkmale, aber im Sinne Huses auch um ein „Erbe“ Aller, das der Gesellschaft anhaltend auf den geschichtspolitischen Zahn fühlt und sperrige Gegenbilder zu unserer gegenwärtigen Rekonstruktionswut liefert. Betrachtet man die in diesem Band diskutierten Fragen unter einer solchen erweiterten Perspektive, ist der Verzicht auf die Integration erinnerungskultureller Zugänge und damit auf die Stimmen von Zeitzeugen, engagierten Vereinen und Initiativen bedauerlich. Ungeachtet der verschiedentlich betonten Bedeutung lokaler Akteure für die Erhaltung der besprochenen Denkmale, bildet die vorliegende Publikation ausschließlich die Sichtweise der Institutionen und der Wissenschaft ab. Gerade an diesem teilweise noch unbequemen Erbe ließe sich jedoch auch zivilgesellschaftlich über Geschichtsbilder, Erbe und gemeinsame Verantwortung diskutieren. Ein solches Weiterdenken über Kommunismus unter Denkmalschutz? hätte die Erkenntnisse dieser verdienstvollen und wichtigen Publikation abrunden können.

Anmerkungen:
[1] Norbert Huse, Unbequeme Denkmale, in: Georg Mörsch / Richard Strobel (Hrsg.), Die Denkmalpflege als Plage und Frage, München 1989, S. 96–101; ders., Unbequeme Baudenkmale. Entsorgen? Schützen? Pflegen?, München 1997.
[2] Verfallen und vergessen oder aufgehoben und geschützt? Architektur und Städtebau der DDR – Geschichte, Bedeutung, Umgang, Erhaltung, hrsg. vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, Bonn 1995.
[3] Deutsches Werkbundarchiv (Hrsg.), Ostmoderne: Architektur in Berlin 1945–1965, bearb. von Andreas Butter und Ulrich Hartung, Berlin 2005; Mark Escherich (Hrsg.), Denkmal Ost-Moderne. Aneignung und Erhaltung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne, Berlin 2012; ders. (Hrsg.), Denkmal Ost-Moderne II. Denkmalpflegerische Praxis der Nachkriegsmoderne, Berlin 2016. Bei den beiden letztgenannten Publikationen handelt es sich um Dokumentationen gleichnamiger Tagungen an der Bauhaus Universität Weimar.

Redaktion
Veröffentlicht am
26.03.2019
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