Cover
Titel
Fires of Hatred. Ethnic Cleansing in Twentieth-Century Europe


Autor(en)
Naimark, Norman M.
Erschienen
Anzahl Seiten
256 p.
Preis
$ 26.50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dr. phil Hans-Lukas Kieser, Schweizerischer Nationalfonds und Universität Zürich

Norman Naimark, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität von Stanford (Kalifornien), hat bei Harvard University Press ein Buch veröffentlicht, das die negative Seite der ethnischen Ordnungsentwürfe des 20. Jahrhunderts in Europa beleuchtet: Bevölkerungstransfers, Vertreibungen und Völkermord. Sein breiter Ansatz bezieht Kleinasien mit ein und spannt den Bogen über das ganze Jahrhundert. Dabei betrachtet der Autor ethnische Gewalt prononciert unter dem Zeichen des “Hochmodernismus” (high modernism). Sein Buch hat grosse Qualitäten. Nicht die geringste davon ist es, dort mit dem modernen Begriff Völkermord einzusetzen, wo - bei Ausblendung der kolonialen Bezüge - historisch einzusetzen ist, nämlich bei der inneren Umgestaltung des Osmanischen Reiches im Kontext des Ersten Weltkriegs (ein namentlich von der deutschsprachigen Historiographie trotz dicker eigener Aktenbestände sträflich vernachlässigtes Thema). Vorweg positiv zu vermerken ist auch die bei einem so breiten komparatistischen Ansatz keineswegs selbstverständliche Sorgfalt bei Faktendarstellung, Belegen und argumentativen Verknüpfungen auch dort, wo der Autor von seiner eigenen Spezialisierung her nicht zu Hause ist.

Nach einer begrifflichen und methodischen Einführung teilt sich das Buch in fünf Kapitel auf, die je einer Fallstudie gewidmet sind: dem Völkermord an den Armeniern in Kleinasien und der Vertreibung der Griechen, der Shoah, den sowjetischen Deportationen der Tschetschenen und Krimtataren, der Vertreibung der Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei sowie den Balkankriegen der 1990er Jahre. Eine konzise Konklusion fasst den Gedankengang des Bandes unter den Stichworten “Gewalt”, “Krieg”, “Totalität” (als Postulat hochmodernistischer Entwürfe), “Eigentum” (Enteignung) und “Geschlecht” (mysogyner Aspekt ethnischer Gewalt) zusammen.

Naimark gebraucht den für ihn zentralen Begriff “ethnische Säuberung”, der aus der Balkanberichterstattung der 1990er Jahre stammt, ohne Anführungszeichen. Er hat sich trotz des euphemistischen Beiklanges bewusst für diesen Terminus entschieden, da er den von ihm gewählten konzeptuellen Ansatz am besten wiedergebe: Bevölkerungstransfer, Vertreibungen und Völkermord liege der übereinstimmende primäre Wunsch zugrunde, ein Territorium von einer Ethnie zu säubern mit der bevölkerungspolitischen Absicht, es zu “homogenisieren”, um es ethno-national zu dominieren. (Er stützt sich dabei auf eine sehr offene Definition von Ethnizität als einer Grenzziehung, die sich in der Interaktion von Gruppen konstituiert.) Bevölkerungsverschiebung ist in dieser Sicht legalisierte Vertreibung, Völkermord “misslungene Vertreibung”, die - in improvisierter, aber bewusster Planung - zur tödlichen Vernichtung gerät. Er stellt daher die Vorgeschichte der Shoah bis Ende 1941 unmissverständlich als die des nationalsozialistischen Unvermögens dar, die Juden wunschgemäss zu vertreiben.

Grundsätzlich böse - daran lässt der Autor keinen Zweifel - ist die dem Transfer, der Vertreibung und dem Völkermord zugrunde liegende Absicht, den andersethnischen Nachbarn wegzuschaffen, anstatt sich auf eine multiethnische Situation einzulassen. Dem Autor ist die Kritik nicht erspart geblieben, er favorisiere zu einseitig das multikulturelle Modell, anstatt geregelten Transfer als Lösungsmöglichkeit in schwierigster Lage anzuerkennen (Butcher, Bernard, “Review. A History of Hatred”, Stanford Magazine, Mai-Juni, 2001http://www.stanfordalumni.org/news/magazine/2001/mayjun/shelf_life/review.html). Angebracht scheint mir mehr Skepsis gegenüber Interventionen der real existierenden internationalen Gemeinschaft (mit der NATO und den USA als tragendem Rückgrat), auf die der Autor als positive Akteure der Gegenwart und Zukunft setzt (S. 199). Lief doch gerade deren Intervention im Bosnienkrieg im Zeichen drohenden Genozids parallel zum völligen Desengagement gegenüber dem sich tatsächlich vollziehenden Völkermord in Ruanda ab.

Naimark unterscheidet klar zwischen Transfer, Vertreibung und Völkermord, wenn er auch einräumt, dass im einzelnen die Abgrenzung nicht immer deutlich auszumachen sei. Beim Völkermord im Unterschied zur ethnischen Säuberung planten die Täter den Tod möglichst vieler Mitglieder der Gruppe ein, deren Existenz sie auf einem bestimmten Territorium auszulöschen trachteten. Naimark setzt sich damit ab von einem inflationären Gebrauch des Begriffes “Genozid”, der namentlich im Kontext der Balkankriege der 1990er Jahre zu einem politischen Kampfbegriff wurde. Im Rahmen der Beispiele in seinem Buch qualifiziert er einzig die Vernichtung der Armenier und der Juden als Genozid. Konsequenterweise rückt er aber auch die grösste ethnische Säuberung der Geschichte, die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa gegen Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg, in ein sehr kritisches Licht. Darin erweist sich die Stärke seines komparativen Ansatzes, dass er dies ohne schillernden Nebenton tun kann. Man kann sich allerdings fragen, ob er es sich in der Schlussfolgerung mit dem historischen Problem nicht etwas zu einfach macht, wenn er schreibt, dass der damalige Tod oder Ruin von Millionen deutscher Zivilpersonen “in der letztlichen Analyse dem von der Nazi-Politik in der Region gesäten Hass zugeschrieben werden sollte” (S. 136).

Der Autor räumt dem Nahostfriedensvertrag von Lausanne 1923 an mehreren Stellen mit Recht einen prominenten Platz ein. Für viele Politiker des 20. Jahrhunderts, von Churchill und Benesch bis hin zu Franjo Tudjman, galt er als Paradigma für die friedliche Lösung ethnisch aufgefasster Konflikte mittels Umsiedlung. Der Autor macht in seinem Abschnitt über die Vertreibung der Griechen deutlich, wie grundfalsch diese Annahme war und zitiert den britischen Delegationsleiter und Aussenminister Lord Curzon, der den sogenannten Bevölkerungsaustausch “als eine durch und durch schlechte und böse Lösung” bezeichnete, “für welche die Welt während der nächsten hundert Jahren noch eine schwere Busse werde zahlen müssen” (S. 55). In der Tat legitimierte der Vertrag von Lausanne zwar die Bevölkerungsverschiebung der griechisch-orthodoxen (meist türkischsprachigen!) Bevölkerung nach Griechenland und der muslimischen (oft griechischsprachigen!) Bevölkerung nach Kleinasien, insgesamt rund zwei Millionen Menschen. Der Vertrag sah auch eine internationale Überwachung der Übersiedlungen vor. Aber allzuoft vergassen oder verdrängten diejenigen, die sich später auf den Vertrag von Lausanne beriefen, dass dieser zur Hauptsache schon geschehene Vertreibungen legitimierte und sie zu Ende führen liess.

Bei der Thematisierung von Lausanne werden im übrigen auch einige Grenzen des Buches sichtbar, was historische Tiefe und kohärente Kontextualisierung angeht. Die Darstellung dieses epochemachenden Vertrages hätte deutlicher herausgearbeitet werden können: An jener Konferenz hatte eine rechtsnationale Bewegung erfolgreich den Pariser Vorortsvertrag revidiert und eine zehn Jahre dauernde gewaltsame bevölkerungspolitische Homogenisierung absegnen lassen, bei tunlichster Verschweigung eines Völkermords. Der Ausstrahlungskraft dieser Konferenz auf die Nationalsozialisten geht Naimark nicht nach, wenn er auch die Bedeutung des unbestraften Völkermords an den Armeniern für die Hitlerbewegung anspricht (S. 57). Man mag es auch vermissen, dass er trotz seinem breiten Ansatz die inhaltlich naheliegende, Europa und den post-osmanischen Raum verbindende Palästinafrage nicht erwähnt. Zumal der in Lausanne beschlossene Bevölkerungstransfer gerade auch in der politischen Vorstellung zionistischer Akteure eine wichtige Rolle spielte.

Naimark stellt das Faktorenpaar “Hochmodernismus” und “Rassismus” in den Phänomenen, die er behandelt, prominent heraus und charakterisiert damit den für ihn entscheidenden Bruch in der europäischen Geschichte, den er zu Beginn des 20. Jahrhunderts ansiedelt. Es zeugt von der Informiertheit des Autors, dass er dabei auch die sonst nur Spezialisten der Türkeigeschichte vertraute Bedeutung der in Konstantinopel “fortschrittlich” ausgebildeten osmanischen Militärärzte für die Entwicklung der jungtürkischen Ideologie und Praxis seit dem Fin de Siècle unterstreicht. Dennoch ist seine Zäsur in dieser Schärfe fragwürdig. Einerseits beginnt die Moderne mit der französischen Revolution, und diese lieferte mit ihrem jakobinischen Unitarismus und ihren Vendée-Massenmorden einen bedenkenswerten, noch kaum rassistisch verbrämten Vorläufer moderner “Sozialtechnologie”, der gerade auch für das Fallbeispiel über die Deportation der Tschetschenen, Inguschen und Krimtataren 1944 relevant ist. Andererseits ist gerade bei dem an erster Stelle stehenden Beispiel Naimarks, dem Völkermord an den Armeniern, die Schwelle zur Moderne ein entscheidendes Charakeristikum: Verantwortlich zeichnete zwar eine hochmodern inspirierte Elite, diese nahm aber massiv religiöse Ideologie (Islamismus) zu Hilfe, um die Entfernung des ethnisch Anderen zu bewerkstelligen. Sie insinuierte den gedungenen Mördern vor Ort, darunter zahlreichen Kurden, mit der Tötung der “verräterischen gavur” (Ungläubigen) ein gottgefälliges Werk zu tun. Pikanterweise löschte die machthabende Elite genau jene (christlichen) Gruppen aus, die in der edukativen und ökonomischen Modernisierung am weitesten fortgeschritten waren. Entscheidend war hier also die Verknüpfung von reaktionärem Rechtsnationalismus einer Elite mit autoritärem Modernismus, auf dem Hintergrund einer noch weitgehend vormodernen Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang ist auch eine Hinterfragung von Naimarks Sicht der Balkankriege der 1990er Jahre angebracht. In seinem Bemühen, die, wie er moniert, von den Massenmedien portierte Sicht zu korrigieren, der Konflikt habe jahrhundertealte Wurzeln, bringt er zu Recht die Pax ottomanica ins Spiel, überzeichnet sie jedoch, wenn er die Konfliktgenese dezidiert auf das 20. Jahrhundert einschränkt. Gerade die modernen, nationalistischen Vorläufer der ethnischen Säuberungen reichen im Balkan deutlich ins 19. Jahrhundert zurück. Dort manifestiert sich die säkularisierende Verschärfung religiöser Trennlinien. Sie legitimierte - in diesem Falle - die Umkehrung der einstigen Hierarchie von muslimischem Herrenvolk (millet-i hakime) und untergeordnetem “gavur” beziehungsweise “zimmi” (sondersteuerpflichtiger Schutzbefohlener) und inspirierte die Vertreibung der Muslime.

Beim beachtlichen Echo, welches das Buch gefunden hat, wird es wohl bald zu einer zweiten Auflage kommen können. Das wird Gelegenheit zu einigen Berichtigungen bieten, die mehr das Detail betreffen. Hier nur einige Hinweise:
- Die Reformbewegung der Tanzimat entstand nicht erst in den 1860er Jahren (S. 20), sondern parallel zu entsprechenden Bewegungen in Europa schon in den 1830er Jahren. Sie kam nicht “zu spät”, sondern war zu sehr auf die militärische und administrative Elite zwecks Machterhalt fixiert. Daher musste sie gesamtgesellschaftlich scheitern.
- Das Comité Union et Progrès, die nach 1908 dominierende jungtürkische Partei, wurde nicht 1900 in der Istanbuler Universität (S. 24), sondern 1889 in der militärischen Ärzteschule (einem militärisch geführten Hochschulinternat) in Istanbul gegründet.
- Die türkischen Einheiten in Van, die 1915 das armenische Quartier belagerten, wurden nicht von einem deutschen, sondern einem venezuelischen Offizier in osmanischen Diensten kommandiert (S. 30).
- Bezeichnenderweise war 1915 Bekehrung zum Islam im Gegensatz zu den Pogromen von 1895 keine Rettungsmöglichkeit mehr für die Armenier (S. 41). Die im Osmanischen Archiv in Istanbul heutzutage zugänglichen Deportationsbefehle des Innenministeriums sprechen in diesem Punkt eine klare Sprache.
- Die organisierten Massaker der Pontus-Griechen durch den im Solde Mustafa Kemals stehenden Bandenchef Topal Osman sollten im Zusammenhang der Griechenvertreibung erwähnt werden (S. 53).
- Die antiarmenischen Massaker in Adana fanden im April 1909, nicht 1908 statt (S. 83).
- Der Autor widmet der Massenvergewaltigung als Methode ethnischer Kriegführung im Abschnitt über die “jugoslawischen Nachfolgekriege” ein eigenes Unterkapitel (S. 167-70). Im Interesse des komparativen Ansatzes und der historischen Vertiefung würde es sich lohnen, diesem Aspekt schon in den Balkankriegen vor 1914 sowie bei den Armenierverfolgungen nachzugehen.

Norman Naimarks ist eine lesenswerte, anregende und weiterführende Studie. Der Autor meistert insgesamt mit Geschick die bei allen komparativen Arbeiten bestehende schwierige Herausforderung, ein sinnvolles Gleichgewicht von historischer Kontextualisierung und erkenntnisförderndem Vergleich verschiedenartiger Fälle zu finden.

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Veröffentlicht am
28.02.2002
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