Cover
Titel
Rechtsextremismus. Band 3: Geschlechterreflektierte Perspektiven


Herausgeber
Forschungsgruppe ­Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU)
Reihe
kritik & utopie
Erschienen
Anzahl Seiten
342 S.
Preis
€ 19,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johanna Gehmacher, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien

Frauen sind häufig medial besonders sichtbare Protagonistinnen rechtsextremer Gruppen und Parteien – nicht zuletzt deshalb, weil diese Organisationen oft stark männlich dominiert sind. Bereits dieses Spannungsverhältnis in der Repräsentation sollte die Bedeutung der Kategorie Geschlecht bei Analysen des Rechtsextremismus zeigen. Verwiesen ethnisch definierte Konstruktionen von Zugehörigkeit und Reproduktion zumindest implizit lange schon auf Geschlechterbeziehungen als Thema rechtsextremer Ideologie, so haben die Rechten überdies vor geraumer Zeit den Feminismus als einen Lieblingsgegner entdeckt.[1] Geschlechtersensible Rechtsextremismusforschung ist gleichwohl auch heute keine Selbstverständlichkeit. Brigitte Bailer-Galanda hat in Österreich 1989 besonders früh auf das Thema aufmerksam gemacht.[2] Die Arbeiten von Autorinnen wie Renate Bitzan, Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr haben bereits um die Jahrtausendwende in differenzierter Weise nach Geschlechterverhältnissen im Rechtsextremismus gefragt.[3] Seit mehr als einem Jahrzehnt liegen auch Arbeiten zu spezifischen Formen männlicher Vergemeinschaftung in rechtsextremen Milieus vor.[4] Gleichwohl werden auch weiterhin rechte Ideologien und Aktionsformen häufig als geschlechtsneutrale Phänomene analysiert, an denen scheinbar zufällig vor allem Männer partizipieren. Dem tritt der hier zu besprechende Sammelband mit einer Reihe spannender Aufsätze engagiert entgegen. Der dritte Band der im Mandelbaum Verlag erscheinenden Reihe zur kritischen Rechtsextremismusforschung macht deutlich, dass nicht nur die Geschlechterideologie des Rechtsextremismus, sondern auch die ihn prägenden geschlechtsspezifischen Praktiken in den Blick genommen werden müssen, um ein differenziertes Bild rechter und rechtsextremer Organisationen und Parteien entwerfen zu können. Mit dem expliziten Fokus auf Geschlecht interveniert die herausgebende Forschungsgruppe daher zum einen in eine immer noch häufig geschlechterblind argumentierende Forschung und reagiert zum anderen auf die steigende Bedeutung von Geschlechterdiskursen in der extremen Rechten.

Wie die Beiträge des handlichen Bandes deutlich machen, muss die Frage nach Geschlecht auf mehreren Ebenen in die Analyse einbezogen werden. Dies betrifft zum einen die Ideologie der Ungleichheit, in der Hierarchien über die Naturalisierung sozialer Beziehungen legitimiert werden. Der Verweis auf eine vorgeblich natürliche Geschlechterdifferenz dient dabei als Stabilisator einer ganzen Reihe von hierarchisierenden Differenzbehauptungen. Zum anderen setzt rechtsextreme Ideologie den komplexen Erfahrungen der modernen Industriegesellschaft die scheinbar harmonische Idylle einer auf ethnischer Homogenität beruhenden Gemeinschaft entgegen. Eine rigide Geschlechterordnung ist ein Kernelement dieser die Komplexität und Interessensgegensätze ausblendenden Gesellschaftsordnung. Vor diesem Hintergrund figurieren, wie Stefanie Mayer und Judith Goetz in einem Beitrag zu Ideologie und Rhetoriken des rechten Antifeminismus zeigen, Frauenemanzipation, Infragestellungen von normativer Zweigeschlechtlichkeit sowie Gender-Mainstreaming (von rechten Ideolog/innen oft undifferenziert miteinander vermengt) als Feindbilder. Sie werden als Bedrohung stabiler (hierarchischer) Geschlechterverhältnisse wie auch einer vorgeblich natürlichen Heterosexualität wahrgenommen. Des Weiteren kann, wie Carina Klammer und Nico Bechter in ihrem Beitrag zu aktuellen Entwicklungen des rechtsextremen Antifeminismus einleuchtend argumentieren, der „Anti-Gender“-Diskurs als ein Erkennungszeichen und als eine ideologische Klammer zwischen unterschiedlichen rechtsextremen, rechten und reaktionären Bewegungen fungieren. Doch nicht nur auf der Ebene der politischen Ideologie spielt Geschlecht eine bedeutende Rolle. Das rechtsextreme Milieu stellt jene Geschlechteridentitäten, die es als „natürliche“ postuliert, auch durch seine Organisationsformen und Praktiken her. Dazu zählt eine auf Geschlechterpolarität setzende autoritäre Erziehung und Jugendarbeit, wie sie Lisa Auzinger differenziert nachzeichnet, ebenso wie der männerbündische Charakter der Bewegung. So begründet Heribert Schiedel den großen Überhang an Männern im organisierten Rechtsextremismus nicht zuletzt mit den Angeboten an männerbündischer Vergemeinschaftung und Remaskulinisierung, die ihre Attraktion insbesondere auf jene (oft jungen) Männer ausüben, die sich angesichts der gesellschaftlichen Transformationen in ihrer Geschlechterrolle verunsichert und marginalisiert fühlen (S. 296f.). Rechtsextremismus ist schließlich maßgeblich über einen apologetischen Zugang zur NS-Geschichte und die Leugnung oder Verharmlosung des Holocaust definiert. Daher erscheint die Frage nach dem Zusammenspiel von Geschichts- und Geschlechterpolitik als besonders relevant. Anknüpfungspunkte bietet hier vor allem der Aufsatz von Carina Klammer zu Körper- und Geschlechterbildern im Nationalsozialismus, der auch die historische Aufarbeitung des Nationalsozialismus thematisiert. Gerade dieser Text irritiert allerdings durch den eklektizistischen Umgang mit verwendeter Literatur, wenn ohne wissenschaftsgeschichtliche Einordnung Arbeiten unterschiedlicher disziplinärer Ausrichtung und theoretischer Ansätze von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis zur aktuellen NS-Forschung für Belege zu historischen Körper- und Geschlechterbildern herangezogen werden. Überdies verzichtet die Autorin auf eine notwendige historische Argumentation, wenn sie etwa mit den folgenden Sätzen fast übergangslos von Johann Gottfried Herders Zivilisationskritik im 18. Jahrhunderts zum NS-Ideologen Alfred Rosenberg gelangt: „Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Narrativ vom ‚Kulturproblem Frau‘, welches zu jener Zeit einen Gemeinplatz darstellte, verstärkt nationalistisch und antisemitisch aufgeladen werden würde.“ (S. 63) Historische Prozesse werden in solchen Formulierungen naturalisiert, ohne dass dabei erkundet wird, was sie vorantreibt.

Eine tragende Rolle haben in der inhaltsreichen und nützlichen Sammelpublikation hingegen die von Judith Goetz (mit-)verfassten Beiträge. Neben einem informativen Überblick über die geschlechterreflektierte Rechtsextremismusforschung in Österreich, die insbesondere von einer Generation jüngerer Politikwissenschafter/innen vorangetrieben wurde, stellt gerade ihre Auseinandersetzung mit TransXfeindlichkeit[5] und rechten TransXpersonen in mehrfacher Hinsicht einen Angelpunkt dieses Bandes dar. Die Autorin zeigt darin zum einen, wie antifeministische, homo- und transXfeindliche Denkmuster etwa im politischen Diskurs der FPÖ eng miteinander verwoben sind. In Polemiken gegen Conchita Wurst oder gegen ein Life-Ball-Plakat, das die nackte TransXperson Carmen Carrera zeigte, wurde das auch öffentlich manifest. Zum anderen aber geht Goetz ausführlich auf den Fall der rechten TransXaktivistin Monika Sommer ein, der durch ihr Engagement für die Aufhebung des Operationszwanges als Bedingung einer Personenstandsänderung „eine wichtige Rolle im Kampf für Rechte von TransXpersonen“ zukam, die aber auch mit einer Vielzahl von rechtsextremen, antisemitischen und verschwörungstheoretischen Positionierungen hervortrat (S. 132). Die differenzierte Analyse dieses Falles ist wissenschaftlich wie politisch produktiv. So kann Goetz zum einen deutlich machen, wie wichtig es ist, politische Positionen unabhängig von sexuellen Identitäten zu analysieren und zu kritisieren. Zum anderen zeichnet sie (etwa am Beispiel von AfD-Politiker/innen) detailliert Strategien rechtsextremer TransXpersonen nach. Sie verweist unter anderem auf Naturalisierungen von TransXidentität (S. 149) und auf die Leugnung der in rechtsextremen Kreisen evidenten TransXfeindlichkeit (S. 141). Darüber hinaus geht sie auf die Phänomene Homonationalismus und TransXchauvinismus ein und zeigt, wie Erfahrungen von Verfolgung und Marginalisierung in ein ethnozentristisches und rassistisches Feindbild verschoben werden. Dies geschieht etwa, wenn die in der ethnisierten Wir-Gruppe geleugnete Homophobie und TransXfeindlichkeit Muslimen zugeschrieben werden (S. 143, S. 145f.). Diese Analyse ist nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil sie die Wandlungs- und Adaptionsfähigkeit rechtsextremer Ideologie verdeutlicht und aufzeigt, wie es einer Partei wie der AfD gelingen kann, sich als „moderne“ und „offene“ Partei darzustellen und damit den Weg in die Mitte der Gesellschaft auch durch die Funktionalisierung sexueller Minderheiten zu verwirklichen. Dieses Szenario hält Goetz auch in Österreich für denkbar, wiewohl sich etwa in der FPÖ derzeit keine der AfD vergleichbare Organisierung von TransXpersonen und Homosexuellen abzeichnet.

Insgesamt entwirft das von der Gruppe FIPU vorgelegte Handbuch relevante und differenzierte geschlechterreflektierte Perspektiven zur Analyse von Rechtsextremismus und trägt dazu bei, die drohende politische Transformation offener Gesellschaften in fremdenfeindliche Wir-Kollektive zu reflektieren und damit kritisierbar zu machen. Wenn etwas kritisch anzumerken ist, so ist es das große Übergewicht bei Fragen der Ideologiekritik. Dies ist zwar nachvollziehbar: Propaganda und publizistische Selbstdarstellungen sind weitaus leichter greifbar als Material aus dem Inneren rechtsextremer Organisationen. Gleichwohl verbinden sich damit auch Leerstellen. Dies betrifft zum einen die Frage nach Bezügen zwischen rechtsextremer Geschichts- und Geschlechterpolitik, zum anderen wäre auch ein genauerer Einblick in das doing gender im Organisationsleben rechtsextremer Gruppen wünschenswert. So bleibt die Frage, wie Geschlecht in den Praktiken rechtsextremer Organisationen und Parteien realisiert und transformiert wird, vor allem im Hinblick auf die an diesem politischen Milieu partizipierenden Frauen, ihre Motivationen und die Bedingungen ihrer Teilhabe offen. Gerade hier ließen sich möglicherweise auch spannende Überlegungen zur aktuellen Debatte um die Kritik von linker Identitätspolitik entwickeln, haben doch die Frauen- und Geschlechtergeschichte wie die Sexualitätsgeschichte relevante reflexive Positionen dazu entwickelt. Doch diese und weitere Aspekte zu Ideologie, Dynamiken und Praktiken rechtsextremer Organisationen sind, so steht zu hoffen, einem weiteren Band der Forschungsgruppe vorbehalten.

Anmerkungen:
[1] Thomas Gesterkamp, Geschlechterkampf von rechts. Wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren, in: WISO Diskurs. Expertisen und Dokumentationen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, Arbeitsbereich Frauen- und Geschlechterforschung. Friedrich-Ebert-Stiftung, März 2010, http://library.fes.de/pdf-files/wiso/07054.pdf (03.02.2020).
[2] Brigitte Bailer-Galanda, Frauen und Rechtsextremismus, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.), Jahrbuch 1989, Wien 1989, S. 151–161.
[3] Renate Bitzan (Hrsg.), Rechte Frauen. Skingirls, Walküren und feine Damen, Berlin 1997; Helga Amesberger / Brigitte Halbmayr, Rechtsextreme Parteien. Eine mögliche Heimat für Frauen?, Opladen 2002.
[4] Robert Claus / Esther Lehnert / Yves Müller (Hrsg), „Was ein rechter Mann ist …“. Männlichkeiten im Rechtsextremismus, Berlin 2010.
[5] Infolge der formalen Vorgaben seitens H-Soz-Kult musste der sonst übliche Stern durch ein X ersetzt werden.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.05.2020
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