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Titel
Marktmacht und Politik. Das internationale Kartell der Ölgesellschaften 1960–1975


Autor(en)
Glässer, Wiebke
Reihe
Schriftenreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 32
Erschienen
Anzahl Seiten
VIII, 303 S.
Preis
€ 64,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Donges, Abteilung Volkswirtschaftslehre, Universität Mannheim

Im 20. Jahrhundert löste Erdöl die Kohle als wichtigsten Energieträger ab. Große anglo-amerikanische Ölkonzerne dominierten lange den globalen Ölmarkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet deren Vormachtstellung aufgrund geopolitischer Entwicklungen jedoch zunehmend unter Druck. So entstand mit der 1960 gegründeten Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) ein Staatenkartell, dem es gelang, ein Gegengewicht aufzubauen. Die arabischen Staaten, zugleich Mitglieder der OPEC, spielten ihre wirtschaftliche Macht 1973 aus, indem sie eine massive Drosselung der Fördermengen veranlassten, während die Organisation den Erdölpreis stark anhob. Der erste „Ölpreisschock“ führte in der westlichen Welt nicht nur zu einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums, sondern offenbarte auch ihre ökonomische und strategische Verwundbarkeit. Diese Entwicklungen und die Reaktionen der anglo-amerikanischen Ölkonzerne untersucht Wiebke Glässer in ihrer Dissertation, die 2018 mit dem von der Gesellschaft für Unternehmensgeschichtete gestifteten Preis für Unternehmensgeschichte ausgezeichnet wurde.

Im Zentrum der Arbeit steht die Kooperation der sieben führenden Ölkonzerne, der sogenannten „Majors“ des globalen Erdölmarkts – zeitgenössisch und in der Literatur auch „Seven Sisters“ genannt. Drei der sieben Majors – Exxon, Mobil und Socal – waren aus dem 1911 zerschlagenen Standard Oil-Konzern hervorgegangen. Ferner zählten dazu die US-Gesellschaften Gulf und Texaco sowie die britische BP und die britisch-niederländische Royal Dutch Shell. Alle genannten Gesellschaften entwickelten sich zu vertikal integrierten Konzernen. Ihre Aktivitäten umfassten die Exploration neuer Erdölvorkommen, die Erdölförderung, die Raffination sowie die Distribution mithilfe eigener Tankstellennetze.

Innerhalb der Gruppe der Majors gab es Unterschiede hinsichtlich des geografischen Schwerpunkts. Die amerikanischen Konzerne verfügten in den USA über eigene Förderkapazitäten, wenngleich das Entwicklungspotential dieser Vorkommen – aus Sicht des frühen 20. Jahrhunderts – sehr begrenzt war. Als Folge ihrer internationalen Expansion entwickelten sich die US-Majors zu global agierenden Konzernen. Gleiches gilt für die europäischen Majors, BP und Royal Dutch Shell, wenngleich deren Explorations- und Förderaktivitäten schon zu Beginn internationaler ausgerichtet waren. Zum Beispiel lag bei BP der Fokus auf den Vorkommen des Nahen Ostens, insbesondere dem damaligen Persien, was auch der ursprüngliche Gesellschaftsname „Anglo-Persian-Oil Company“, unter dem BP gegründet worden war, widerspiegelt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewannen die Vorkommen des Nahen Ostens, die aufgrund der geologischen Bedingungen kostengünstig erschlossen werden konnten, zunehmend an Bedeutung und die Majors weiteten ihre Explorations- und Förderaktivitäten dort schrittweise aus. Die Konzessionen zur Erschließung der Ölvorkommen erwarben in der Regel Konsortien, an denen mehrere westliche Ölgesellschaften beteiligt waren. Die Regierungen der Ölstaaten profitierten von der Vergabe der Konzessionen, wenngleich der Großteil der Gewinne an die Majors floss. Diese verfügten über das notwendige technische und betriebswirtschaftliche Know-how, um die Vorkommen zu erschließen und das geförderte Erdöl zu vermarkten.

Glässer zeigt, dass sich die Struktur des globalen Ölmarkts Anfang der 1960er-Jahre durch die Ausweitung sowjetischer Ölexporte veränderte. Aufgrund der relativ niedrigen sowjetischen Exportpreise erzeugte dies Preisdruck, was die Majors dazu veranlasste, die Listenpreise für Erdöl (die sogenannten „Posted Prices“) zu senken, die sie mit den Regierungen des Nahen Ostens vereinbart hatten. An diesen Listenpreisen, die unter den Marktpreisen lagen, orientierten sich die an die Ölstaaten zu zahlenden Abgaben. Folglich zog eine Senkung der Listenpreise in diesen Staaten einen Rückgang der Staatseinnahmen nach sich. Als Reaktion auf diese Entwicklung gründeten die Ölstaaten die OPEC mit dem Ziel, die Politik gegenüber den westlichen Ölkonzernen abzustimmen, mehr Einfluss auf die Preisgestaltung zu erhalten und einen größeren Gewinnanteil abzuschöpfen.

In der Forschung standen bislang die politischen und makroökonomischen Auswirkungen der OPEC-Gründung sowie die Perspektive der Ölstaaten im Vordergrund.[1] Demgegenüber legt Glässer den Fokus auf die mikroökonomische Ebene und stellt die strategische Kooperation der Ölkonzerne ins Zentrum ihrer Analyse. Sie argumentiert, dass die Ölgesellschaften als Reaktion auf die Veränderungen auf dem Ölmarkt ein „internationales Kartell“ gebildet hätten – so auch der Untertitel des Buches – und knüpft damit an die jüngere unternehmenshistorische Kartellforschung an.[2] Im Unterschied zu legalen Kartellen, die in der Zwischenkriegszeit verbreitet waren (ein Beispiel ist das internationale Stickstoffkartell), handelte es sich hier um einen inoffiziellen Zusammenschluss, der sich im Grenzbereich zwischen Legalität und Illegalität bewegte, was in erster Linie an der US-amerikanischen Kartellgesetzgebung lag. Kartelle waren in den Vereinigten Staaten per Gesetz verboten und die Regierung setzte das Kartellrecht mit Nachdruck durch. Die Kooperation der Ölkonzerne macht aber deutlich, dass es hier Spielräume gab, die sich mit der strategischen Bedeutung der Ölindustrie begründen ließen. Glässer zeigt, dass die Absprachen der US-Regierung bekannt waren und diese die Kooperation der Ölkonzerne billigend in Kauf nahm. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Absprachen nicht darauf abzielten, den US-Markt für Öl zu verknappen, um so höhere Preise durchzusetzen. Vielmehr ging es darum, die Position gegenüber den Ölstaaten zu stärken und deren Einfluss auf die Preisbildung zu begrenzen, was auch aus Sicht der amerikanischen Konsumenten nicht von Nachteil sein musste. Damit ist das „Kartell“ der Ölgesellschaften nur bedingt mit den legalen Kartellen der Zwischenkriegszeit vergleichbar, da Letztere in der Regel die Marktregulierung zur Durchsetzung höherer Preise zum Ziel hatten. Gleiches ist für die heutigen, im illegalen Bereich operierenden Kartelle anzunehmen. Aus diesem Grund lassen sich aus dieser Studie auch nur eingeschränkt allgemeine Rückschlüsse ziehen, was den unternehmenshistorischen Mehrwert der Dissertation aber nicht schmälert.

Die Stärke der Studie ergibt sich aus der Frage, wie unter den gegebenen rechtlichen Rahmenbedingungen ein (informelles) Kartell aufgebaut werden konnte und wie die Durchsetzung von Kartellbeschlüssen und die Kooperation der Konzerne in der Praxis funktionierte. Eine Schlüsselstellung nahm hier der von den Ölkonzernen beauftragte Jurist John Jay McCloy ein, der in den USA über beste politische Kontakte verfügte. 1962 schloss McCloy mit jeder beteiligten Ölgesellschaft einen Beratervertrag ab und vermittelte fortan zwischen den Gesellschaften. Damit stand er im Zentrum des informellen Kartells, der sogenannten „Oil Group“, das nach außen hin nicht in Erscheinung trat und deshalb in der Literatur bislang noch nicht näher untersucht wurde. Die Oil Group diente dem gegenseitigen Informationsaustausch und der Abstimmung der Interessen. Aufbauend auf diesem „Kartell“ schufen die Ölkonzerne zu ähnlichen Zwecken weitere informelle Gremien.

Hinsichtlich der Auswirkungen der OPEC-Gründung stellt Glässer fest, dass die Majors „trotz der großen Herausforderungen […] ihre Marktmacht weiterhin erhalten konnten“ (S. 252). Dies macht sie empirisch am Anstieg der Unternehmensgewinne fest, wobei sie argumentiert, dass „die Majors in der Lage waren, die erhöhten Zahlungen, die sie an die OPEC-Staaten leisten mussten, auf den Marktpreis umzulegen“ (S. 75). Fraglich ist aber, inwieweit dieser vermeintliche Erfolg auf das Kartell zurückzuführen war oder ob er nicht vielmehr die preisunelastische Mineralölnachfrage widerspiegelt. Hier wäre eine präzisere Analyse angebracht, zumal sich Glässer auf die Entwicklung der (absoluten) Unternehmensgewinne stützt, ohne die Umsatzentwicklung zu berücksichtigen. Da sich als Folge des Ölpreisschocks auch die Umsätze erhöhten, ist nicht klar, wie sich die Gewinnmargen entwickelten. Weitgehend unbeachtet bleibt außerdem die Frage, in welchem Umfang die Ölgesellschaften als Reaktion auf die OPEC-Gründung ihre Aktivitäten diversifizierten, beispielsweise durch die Ausweitung der Offshore-Förderung, und inwieweit hier kooperiert wurde.[3]

Zusammenfassend ist festzustellen, dass diese quellenfundierte Studie einen substantiellen Beitrag zur historischen Kartellforschung leistet. Es wäre wünschenswert, dass sie nicht nur von Unternehmens- und Wirtschaftshistorikern wahrgenommen wird, sondern auch von Ökonomen, da sie wertvolle Einblicke in das Innenleben eines informellen Kartells liefert.

Anmerkungen:
[1] Exemplarisch: Giuliano Garavini, The Rise and Fall of OPEC in the Twentieth Century, Oxford 2019.
[2] Exemplarisch: Espen Storli, Cartel Theory and Cartel Practice. The Case of the International Aluminum Cartels, 1901–1940, in: Business History Review 88 (2014), S. 445–467.
[3] Abgesehen von den oben genannten Punkten ist noch eine kleinere technische Ungenauigkeit anzumerken: Auf S. 117 argumentiert Glässer, dass die Majors „Ressourcen mit dem Ziel der Gewinnmaximierung und gemäß dem Gebot Preis = Grenzkosten“ eingesetzt haben. Dies würde aber Nullgewinne bzw. Verluste (da Fixkosten vorliegen) implizieren, da Gewinne langfristig nur dann erzielt werden können, wenn der Preis über den Grenzkosten liegt.