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Titel
Richard Walther Darré. Der "Reichsbauernführer", die nationalsozialistische "Blut und Boden"-Ideologie und Hitlers Machteroberung


Autor(en)
Gies, Horst
Erschienen
Anzahl Seiten
746 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Willi Oberkrome, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Die vorliegende Studie zielt auf eine Herkunfts- und Entwicklungsgeschichte der „Blut und Boden“-Lehre vom 19. Jahrhundert bis in die frühen 1930er-Jahre ab. Sie sollte daher nicht mit einer Biographie Richard Walther Darrés verwechselt werden, obgleich Horst Gies vor allem im ersten Teil Darrés Lebensweg ausführlich schildert. Das nach wie vor schmerzliche Desiderat einer methodisch ambitionierten, inhaltlich diversifizierten und – im Hinblick auf Ostmittel- und Südosteuropa – vergleichenden Kulturgeschichte des „bauerntümelnden“ Denkens vermag auch diese Studie nicht zu beseitigen. Gies bezweckt dies auch ganz ausdrücklich nicht. Sein voluminöses Werk setzt auf eine konventionelle nationale Ideengeschichte, der teilweise jahrzehntelang unveröffentlichte Studien über das ergänzungsbegriffliche Ideologem und seinen prominentesten Verfechter, Richard Walther Darré, zugrunde liegen. Ob der Verfasser bei diesem Griff in die Schublade gut beraten war, lässt sich nicht eindeutig beantworten.

Denn einerseits gelingt es Gies als einem ausgewiesenen Experten für die Agrargeschichte der späten Weimarer Republik, verschiedene komplexe Ergebnisse mit beeindruckendem Sachverstand zu synthetisieren. Das betrifft unter anderem die Entwicklung des von Darré als Reichsbauernführer, als Leiter des Reichsnährstandes und als späterem Agrarminister unter Aufbietung beträchtlicher politischer und propagandistischer Energien initiierten Reichserbhofgesetzes. Mit ihm wurde nicht nur die „Bauernwürdigkeit“ der Hofeinheiten und ihrer Betreiber festgestellt. Darüber hinaus diente es – neben der im Zeichen nationalsozialistischer Machtentfaltung rasch durchgesetzten Marktordnung – auch zur Herauslösung weiter Teile der deutschen Landwirtschaft aus dem System der einzelunternehmerischen bzw. genossenschaftlichen Eigenverantwortung im Wirtschaftsleben. Zutreffend wird auf die bis ins 19. Jahrhundert zurückzuverfolgenden Vorläufer und ersten Anstöße eines dementsprechenden „Bauernschutzes“ jenseits aller markt- und faktisch auch betriebswirtschaftlichen Regelwerke abgestellt. Einer Vielzahl beredter und namhafter Befürworter der einschlägigen Maßnahmen wird die geringer gewichtige, aber durch den Nationalökonom Max Sering und seine Mitarbeiter prominent vertretene Gruppe gegenübergestellt, die leidenschaftliche Kritiker dieser Maßnahmen waren.

Einen weiteren Höhepunkt der Darstellung markiert die Vor- und Frühgeschichte des Nährstandes, wenn man so will, des agrargesellschaftlichen Pendants zur umfassender angelegten, viel beschworenen „Volksgemeinschaft“. Auf den spektakulären Erntedankfesten im Raum Hameln sowie anlässlich der anschließenden Funktionärsversammlungen in der „Bauernstadt“ Goslar inszenierte sich die dem Führerprinzip unterworfene Standesvertretung des „deutschen Landvolks“ als „klassenlose Gemeinschaft“ landsässiger Produzenten. In ihr reichten sich, so wurde bild- und wortreich suggeriert, der besitzstolze niederdeutsche Großbauer und der Eigner einer kargen Almwirtschaft ebenso einvernehmlich die Hand wie die adlige „Bauernführerin“ und die masurische Katenwirtin. Diese offiziöse Reklamation eines sozial übergreifenden gesamtbäuerlichen Gemeinsinns führt Gies mühelos ad absurdum. Er zeichnet nämlich das überzeugende Gegenbild des Reichsnährstandes als eines rigiden Zwangskartells mit bürokratisch monströsen Zügen, dem die Verantwortung „vom Weizenkorn, das auf dem Acker ausgesät und später geerntet wurde, bis zum Brötchen, das am Küchentisch verspeist wurde“ (S. 487) oblag, ohne dass dabei auf die Stimmungen und Bedürfnisse der Landbevölkerung nennenswerte Rücksicht genommen wurde.

Das langfristige Versagen, sogar die allenfalls randständige Aufmerksamkeit Darrés sowohl an den Sachfragen der agrarischen Erzeugung, Verarbeitung und Warenverteilung als auch an der Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Landwirts-, Erbhofbauern- und Landarbeiterfamilien unterstreicht Gies mit Nachdruck. Der Reichsbauernführer war bereits in den frühen 1930er-Jahren weit davon entfernt, jener Manager des primären Sektors zu sein, als der er sich, gern in der Uniform eines SS-Obergruppenführers, öffentlich präsentierte. Der hohe SS-Rang spiegelt allerdings zumindest indirekt wider, worum es Darré tatsächlich, beinahe ausschließlich zu tun war: die „rassische“ Optimierung des deutschen Volkstums. Mochten manche Bauern unter „Blut und Boden“ so etwas verstehen wie „Familienbande und ererbter Hofbesitz“, ließ Darré solche Verharmlosungen seiner emblematischen Kernkategorien unter keinen Umständen gelten.

„Blut“ umschrieb für ihn „Rasse“ in ihrer züchterischen Generierbarkeit und die „Hochzucht“ der „nordischen Rasse“ verfolgte er mit der Unbeirrbarkeit eines wahrhaft Gläubigen. Die Ahnengalerie kongenialer, für Darré richtungsweisender Rassenutopisten reicht weit zurück. Gies nennt ein ums andere Mal Gobineau, Willibald Hentschel, die Rassenhygieniker im wissenschaftlich-universitären Raum und die unmittelbaren Ideenlieferanten Hans F.K. Günther sowie Paul Schultze-Naumburg, der den jungen „Rassentheoretiker“ mit der nationalsozialistischen Führungsmannschaft in Kontakt brachte. Die älteren und aktuellen „Rassenlehren“ kombinierte der Absolvent verschiedener landwirtschaftlicher Bildungsstätten mit eigenen Einsichten in Zuchtabläufe bei Nutztieren, um daraus seine originäre „Heilsbotschaft“ abzuleiten. Ihre essentielle Programmatik verdichtete sich in den Titeln von Darrés „Schrifttum“. In ihm wurde, von antisemitischen und eugenischen Bekenntnissen flankiert, das „Bauerntum als Lebensquell der nordischen Rasse“ ausgerufen bzw. der kommende „Neuadel aus Blut und Boden“ zur prädestinierten Avantgarde einer generellen deutschen „Volkwerdung“ erklärt.

Seinen Ausgangsort fand dieser neue Adel in den besonders avancierten Erbhöfen. Ganz konkret und absolut ernsthaft verfolgte Darré das Projekt einer „völkischen Aufzucht“ auf sogenannten Hegehöfen. Zu ihrem Besitz waren lediglich rassisch prädestinierte Ehepaare bestimmt, die durch spezifisch qualifizierte „Zuchtwarte“ zusammengeführt werden sollten. Aus diesen Bindungen werde ein mit der Zeit in alle gesellschaftlichen Sphären vordringender Adel reinsten nordischen Blutes hervorgehen, aus dem alles „Fremde“ unter Berücksichtigung der Erblehren Mendels herausgefiltert worden sei. Solche Ideen übten erkennbaren Einfluss auf Heinrich Himmler aus, der den Bauernführer zum Leiter des „Rasse- und Siedlungshauptamtes“ seines Totenkopf-Ordens machte. Ob oder in welcher Weise die Vorstellungswelt Darrés auf die agrarsoziale Praxis und die bäuerliche Referenzschicht der 1920er- und 1930er-Jahre eingewirkt hat, muss dahingestellt bleiben.

Diese und andere Ergebnisse hat Gies einwandfrei und unstreitig verdienstvoll zutage gefördert. Jedoch hat er sie – und damit zum andererseits – ohne einen auch nur ansatzweise ausmachbaren Anspruch auf Prägnanz vermittelt. Das liegt in erster Linie an einer deskriptiven Technik, bei der Hauptsächliches im Nebensächlichen verborgen wird, und die überdies noch die Redundanz zum Strukturprinzip erhebt. Immer und immer wieder, mit rätselhafter Beharrlichkeit und mit irritierender Monotonie werden der Leserschaft die „Meisterdenker“ des Rassismus, der Revolution von rechts und der ruralistischen Gesellschaftslehren vor Augen geführt. Ihre Abgrenzung von oder ihre Ahnherrenschaft für Darré sind gewiss bedeutsam, aber, wenn man über Oswald Spengler und Edgar Jung im vierten oder fünften Aufguss liest, kann das die Rezeptionsfreude durchaus trüben.

Neben die formalen Einwände tritt ein inhaltliches Problem. Es gründet auf der Entscheidung, dem Thema bloß bis 1933 beziehungsweise im Ausblick bis 1936 nachzugehen. Sie erscheint für eine Phase der Zeitgeschichtsschreibung nachvollziehbar, die vor allem nach den Gründen für „Weimars Scheitern“ gefragt hat. Heute ist sie es nicht mehr, jedenfalls nicht ohne Weiteres. Denn die agrarhistorische Forschung konnte inzwischen verdeutlichen, welche analytischen Möglichkeiten ihr engeres Feld – auch beziehungsweise gerade mit Blick auf das eklatante Scheitern Darrés nach 1936 – für die Deutung des NS-Systems insgesamt bereithält. Natürlich ist an den Aufstieg des vernichtungspolitisch exponierten Technokraten Herbert Backe zum Nachfolger des, wie spöttische Zeitgenoss/innen zu sagen pflegten, „Blubo“-Predigers Darré zu erinnern und im Anschluss daran an die rüstungswirtschaftliche Zäsur des zweiten Vierjahresplanes mit ihren eruptiven Effekten nicht allein in der deutschen Landwirtschaft. Andere wissenschaftlich längst ventilierte Fragenkomplexe von beträchtlicher Relevanz sind ebenfalls generell aussagekräftig. Die lebensstilistische Praxis von dörflichen Soziotopen unter der Kuratel des Nährstandes, der Einsatz von unfreien Arbeiterinnen und Arbeitern im Agrarwesen, die Bedingungen einer landwirtschaftlichen Produktion unter dem Vorzeichen der unbedingten kalorischen Maximalerzeugung, die Maßnahmen und wissenschaftlichen Planungen zur „Aufrüstung des Dorfes“ als letztes Mittel gegen die „Landflucht“ zählen pars pro toto dazu.

Die Berücksichtigung solcher Aspekte der Agrargeschichte hätte wenigstens indirekte, dennoch trennscharfe Einblicke in die Bedeutung Darrés, der „Blut und Boden“-Semantik und der „Agrarromantik“ im Generalkontext des Nationalsozialismus ermöglicht. Ganz unmittelbar gilt dieser Befund ebenfalls. Die von Gies geübte Polemik an der von Anna Bramwell und anderen vertretenen Behauptung, sein Protagonist habe „grüne“ Interessen gehegt, lässt sich in einer perspektivischen Engführung auf die Zeit bis 1933 nicht einleuchtend begründen.[1] Darrés Aufmerksamkeit erlangten „lebensgesetzliche“ Probleme, etwa in Gestalt der biologisch-dynamischen Anbauweise, erst im Verlauf der 1930er-Jahre.

Das Buch von Horst Gies demonstriert, dass mit kurzen Griffen wissenschaftliche Meilensteine kaum einzupflanzen sind. Dies schmälert jedoch nicht die aufgeführten Verdienste der Studie, sodass insgesamt ein ambivalenter Eindruck zurückbleibt.

Anmerkung:
[1] Vgl. Anna Bramwell, Blood and Soil: Walther Darré and Hitler's Green Party, Oxford 1985.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.10.2019
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