A.M. Kirchhof u.a. (Hrsg.): Nature and the Iron Curtain

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Titel
Nature and the Iron Curtain. Environmental Policy and Social Movements in Communist and Capitalist Countries 1945–1990


Herausgeber
Kirchhof, Astrid Mignon; McNeill, J.R.
Erschienen
Anzahl Seiten
312 S.
Preis
$ 40.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ruža Fotiadis, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Entstehung von zivilgesellschaftlicher Umweltbewegung und staatlicher Umweltpolitik fällt zeitlich mit dem Kalten Krieg zusammen. Es handelt sich dabei jedoch um keinen Zufall, wie Astrid Mignon Kirchhof und J.R. McNeill in der Einleitung ihres gemeinsam herausgegebenen Bandes zu Recht feststellen (S. 3). Anhand von 13 geschickt komponierten und gut korrespondierenden Fallstudien legen sie eine vergleichende Geschichte des Einsatzes für Umweltschutzbelange in Ost und West (und dem blockfreien Jugoslawien) vor, die das Thema vor dem Hintergrund von Systemkonkurrenz und Entspannungspolitik zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Staatssozialismus ausleuchtet. Sie tappen dabei nicht in die Falle der Verallgemeinerung eines vermeintlichen Ost-West-Gegensatzes, sondern zeigen die Porosität des Eisernen Vorhangs in Umweltangelegenheiten, die zu vielen Gemeinsamkeiten zwischen sozialistischen und kapitalistischen Staaten und der Zusammenarbeit über Systemgrenzen hinweg führte. In dieser Anlage der Verzahnung von Umweltbewegung, Politik und vergleichender Perspektive gehen sie über den 2010 von J.R. McNeill und Corinna Unger herausgegebenen Sammelband zur Umweltgeschichte des Kalten Krieges hinaus.[1]

In ihrer Einleitung (S. 3–14) zeichnen die Herausgeber/innen die enge Verbindung der Entwicklung von Umweltbewusstsein und -aktivismus nach 1945 mit der Antiatomkraftbewegung, den Ängsten vor Überbevölkerung und Nahrungsmittelknappheit sowie der industriell bedingten Luft- und Wasserverschmutzung nach. Neben diesem zivilgesellschaftlichen Engagement bildet sich ab den 1960er-Jahren schrittweise eine staatliche Umweltpolitik heraus. Sowohl in Ost als auch in West bleiben Umweltbelange jedoch lange ganz unten auf der Agenda: Aus Sicht der staatlichen Eliten und der breiten Öffentlichkeit wird immer wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Fragen der Vorrang gegeben. Doch auch wenn Wirtschaftswachstum und nationale Sicherheit oberste Priorität haben und die Anliegen der Umweltbewegung nur selten den Weg zu den Entscheidungsträgern finden, so eröffnet dieser Umstand doch einen gewissen Freiraum, in dem die Umweltaktivist/innen unter dem Radar der staatlichen Kontrolle wirken können. Dies ermöglicht auch einen Austausch in Umweltbelangen über den Eisernen Vorhang hinweg, der durch die UN-Weltumweltkonferenz von 1972 in Stockholm sowie die Öffnungspolitik von Gorbatschow seit der Mitte der 1980er-Jahre intensiviert wird.

Die Fallstudien sind in drei Themenblöcke gegliedert. Sie sind empirisch gut unterfüttert und weisen eine breite Literaturbasis vor. Neben dem Blick auf das konkrete Fallbeispiel verlieren die Autor/innen nicht die Verflechtungen über den Einzelfall hinaus aus den Augen und tragen somit zur Kohärenz des gesamten Sammelbandes bei. Der erste Themenblock Communist and Capitalist Systems Revisited. A Comparison of Their Environmental Politics analysiert anhand von sieben Studien verschiedene umweltpolitische Ansätze in Ost und West. Die ersten beiden Aufsätze beschäftigen sich mit Fragen der Wasserversorgung und -verschmutzung in der Sowjetunion (Laurent Coumel) sowie in Litauen (Anolda Cetkauskaite und Simo Laakkonen). Inbesondere Coumel gelingt es dabei, anhand der Analyse von Bemühungen um eine nachhaltige Wasserverwaltung in der Sowjetunion von den späten 1950er- bis zum Ende der 1980er-Jahre nicht nur das interne Kompetenzgerangel innerhalb der sowjetischen Bürokratie nachzuzeichnen, sondern auch die Verflechtungen zwischen Expert/innen und Wissenschaftler/innen aus Ost und West aufzuzeigen. So sei seit den frühen 1960er-Jahren über den Eisernen Vorhang hinweg eine „virtuelle epistemische Gemeinschaft“ von Wasserspezialist/innen entstanden (S. 18ff.). Während zu Beginn die Berufung auf negative Beispiele der Wassernutzung im Westen vor allem als diskursive Strategie dazu diente, auf Umweltprobleme in der Sowjetunion hinzuweisen und diesbezüglich Kritik zu üben, wurden im weiteren Verlauf vermehrt auch positive Praktiken der kapitalistischen Wasserverwaltung als Vorbilder in der sowjetischen Diskussion angeführt. Das Erstarken einer nachhaltigen Wasserbewirtschaftung und Umweltbewegung in der Sowjetunion bewertet Coumel dabei nicht als Ergebnis des Konkurrenzkampfes zwischen Ost und West, sondern als Resultat der Annäherungen zwischen den Mächten in der Tauwetterperiode und der Perestroika (S. 33f.). Weitere Beiträge legen einen Schwerpunkt auf die Nuklearenergie, sei es das Beispiel der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und der Auswirkungen auf die Entstehung einer Umweltbewegung in der Ukraine (Tetiana Perga), das Zusammenwirken von Antiatomkraft- und Friedensbewegung in der BRD (Stephen Milder) oder der Fall Montanas und der Entstehung einer lokal verwurzelten antinuklearen Initiative (Brian James Leech). Eine Studie befasst sich mit der Luftreinhaltung am Beispiel von Energieversorgungsunternehmen in der BRD (Hendrik Ehrhardt), während eine weitere die Rolle des Automobils und Individualverkehrs in Italien im Gegensatz zur Bevorzugung des öffentlichen Verkehrs in den Ostblockstaaten herausarbeitet (Wilko Graf von Hardenberg).

Der zweite Themenblock The Porous Iron Curtain widmet sich dem grenzüberschreitenden Austausch zu Umweltthemen. Zwei Beiträge befassen sich mit der Entwicklung von Umweltbewegungen als Reaktion auf die massive Industrieverschmutzung – zum einen anhand der Tschechoslowakei vor dem Hintergrund des Prager Frühlings (Eagle Glassheim), zum anderen mit Blick auf die Zusammenarbeit von Umweltaktivist/innen aus der DDR und Polen in den 1980er-Jahren (Julia E. Ault). Ault betont hierbei vor allem die Rolle des „Polski Klub Ekologiczny“ (Polnischer Ökologischer Klub), dem es im Unterschied zu ostdeutschen Umweltaktivist/innen gelang, bis zu einem gewissen Grad eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen aufzubauen. Vor dem Hintergrund des weniger restriktiven Umgangs des polnischen Staates mit der Umweltbewegung und der lockereren Reisebestimmungen im Vergleich zur DDR habe sich Polen in den späten 1980er-Jahren nicht nur zu einem Zentrum der Zusammenarbeit verschiedener Umweltgruppen innerhalb des Ostblockes, sondern auch des internationalen Austausches zwischen Aktivist/innen aus Ost und West entwickelt, die sich auf dortigen Zusammenkünften vernetzten, wie zum Beispiel auf einer einwöchigen Konferenz im Juli 1988 in Krakau (S. 164ff.). Ein weiterer Beitrag arbeitet die Entstehung einer Umweltbewegung und -politik im blockfreien Jugoslawien heraus und zeigt hier die Einflüsse von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs auf (Hrvoje Petrić), während sich der letzte mit der Modernisierung der westdeutschen Landwirtschaft im Spannungsfeld des Kalten Krieges beschäftigt (Scott Moranda).

Im dritten Themenblock Environmentalism and Détente? wird das Zusammenspiel von Umweltbewegungen und Entspannungspolitik ausgelotet. Dies geschieht am Beispiel eines nuklear betriebenen Entsalzungsprojekts in Israel vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts (Jacob Darwin Hamblin) sowie anhand einer Analyse der internationalen Anerkennungsbestrebungen der DDR mit Hilfe der Umweltdiplomatie im Vorfeld der Weltumweltkonferenz von 1972 (Astrid Mignon Kirchhof).

In der Gesamtschau rüttelt der Sammelband durch seinen umweltgeschichtlichen Zugang an dem starren Konzept der Blocktrennung, indem er in einer vergleichenden Perspektive den ausbeuterischen Umgang mit natürlichen Ressourcen, die Entstehung einer Umweltbewegung und die nur zögerlich ergriffenen politischen Maßnahmen zum Schutz von Mensch und Natur in den sozialistischen und kapitalistischen Staaten darstellt. Die Fallstudien zeigen den vielfältigen Austausch über den Eisernen Vorhang hinweg und die sich in den 1980er-Jahren verstetigten Aktivitäten von Umweltbewegungen in Ost und West. Entgegen landläufiger Meinungen konnten sich Umweltaktivist/innen auch in den repressiven staatssozialistischen Gesellschaften organisieren und gewisse Veränderungen im Natur- und Umweltschutz anstoßen – wenn auch unter sehr viel schwierigeren Bedingungen und mit geringerer Breitenwirksamkeit als in den westlichen Staaten. Abschließend regen die Herausgeber/innen dazu an, durch die Ermächtigung der Zivilgesellschaft, die Stärkung der Redefreiheit und einen anderen Umgang mit Gemeingütern über neue Möglichkeiten eines nachhaltigen und global gerechten Wirtschaftens im Einklang von Mensch und Natur nachzudenken.

Anmerkung:
[1] J.R. McNeill / Corinna Unger (Hrsg.), Environmental Histories of the Cold War, New York 2010.

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Veröffentlicht am
09.06.2020
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