W. Koschmal u.a. (Hg.): Deutsche und Tschechen

Koschmal, Walter; Nekula, Marek; Rogall, Joachim (Hrsg.): Deutsche und Tschechen. Geschichte - Kultur - Politik. München 2001: C.H. Beck Verlag , ISBN 3-406-45954-4, 727 S. DM 34,90.

Koschmal, Walter; Nekula, Marek; Rogall, Joachim (Hrsg.): Cesi a Nemci (Tschechen und Deutsche). Dejiny - kultura - politika. Praha 2001: Paseka Nakladatelství Publishing House , ISBN 80-7185-370-4, 473 S. 299 Kc.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans Lemberg, Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften, Philipps-Universität Marburg

Zu diesem Band, der parallel in einer deutschen und einer tschechischen Ausgabe herausgekommen ist, gibt es zwei berühmt gewordene Vorläufer: 1989 erschien “Esprit – Geist. 100 Schlüsselbegriffe für Deutsche und Franzosen” [1], und nicht lange danach, ein Parallelband “Deutsche und Polen. 100 Schlüsselbegriffe” (deutsch 1992 [2], bzw. polnisch 1996 [3]). Während die deutsch-französische Ausgabe auf einer gefestigten westeuropäischen Nachbarschaft beruhen konnte, stand der deutsch-polnische Band eher vor der schwierigen Aufgabe, nach dem Zusammenbruch des zwischen beiden Nationen stehenden Eisernen Vorhangs gerade erst aus der gegenseitigen Feindbildhaftigkeit herausgewachsene Kontroversbegriffe aus Geschichte und Gegenwart des deutsch-polnischen Verhältnisses zu vergleichen, zu beschreiben – ja überhaupt erst einmal zu fassen, zu konturieren oder zu entschärfen. Die Herausgeber der deutsch-französischen Ausgabe bezeichneten ihren Band im Vorwort als “wie ein Kaleidoskop angelegtes [...] Lesebuch”, das “vor allem Denkanstöße vermitteln” wolle.
Diese Unternehmen, besonders das deutsch-polnische, für das eine Neuausgabe derzeit in Arbeit ist, erwiesen sich als so erfolgreich, dass von den Regensburger Slavisten Walter Koschmal und Marek Nekula sowie vom Historiker Joachim Rogall ein entsprechendes Werk in Angriff genommen wurde, das sich dem deutsch-tschechischen Verhältnis zuwendet. Dieses ist zwar einerseits weniger von objektiven historischen Belastungen geprägt als das deutsch-polnische, aber es steht – u.a. weil das deutsche Tschechenbild weithin von der Sicht vertriebener Sudetendeutscher bestimmt ist – latent im Verdacht, besonders spannungsreich zu sein, und manche Zeitgenossen auf beiden Seiten versuchen periodisch, diesen Verdacht zu erhärten.
Daß der eingängige Topos “100 Schlüsselbegriffe” im Titel des vorliegenden deutsch-tschechischen Band nicht enthalten ist, mag den Grund darin haben, daß hier nicht nur “Begriffe”, sondern auch historische Epochen, Persönlichkeiten u. dgl. behandelt werden, vielleicht aber auch darin, daß selbst in den früheren Bänden die Zahl 100 nur sehr metaphorisch als “sehr viele” zu verstehen war. Tatsächlich sind es im tschechisch-deutschen (wie im polnisch-deutschen) Band rund 80 Artikel, die präsentiert werden, geschrieben von Historikern, Literatur-, Politik- und Sozialwissenschaftlern, Kunsthistorikern, Denkmalpflegern, Schriftstellern und Dichtern, Übersetzern und sogar aktiven Politikern. Das Vorwort des Präsidenten der Tschechischen Republik Václav Havel versieht den Band mit einem besonderen Rufzeichen.
Der mit seinen 715 Seiten für ein Taschenbuch sehr dicke Band hält auf glückliche Weise die Mitte zwischen Fachliteratur, die neuere Forschungsergebnisse spezialisierten Lesern anbietet, und Literatur mit Breitenwirkung, die die “breitere” Leserschaft anspricht, also bereits Bekanntes popularisiert. Entsprechend bunt und abwechslungsreich ist das Spektrum der behandelten Phänomene und Begriffe.
Die nur selten über zehn Seiten langen Beiträge sind in der deutschen Ausgabe in sechs, in der tschechischen in fünf Gruppen geordnet. “1. Geschichte und Geschichtsbewußtsein”, “2. Kultur und Gedächtnis”, “3. Gesellschaft, Alltag, Lebensstil”, “4. Politik und Wirtschaft”, “5. Stereotypen”, “6. Miteinander und Gegeneinander” sind die Überschriften im Deutschen, in der tschechischen Hardcover-Ausgabe sind die Abschnitte 3 bis 5 zu zweien geworden: “Gesellschaft”, “Politik und Antipolitik”. Dadurch ergibt sich eine generell unterschiedliche Sortierung der Beiträge, und da die tschechische Sprache ohnehin um ein Fünftel bis ein Viertel “kürzer” ist als die deutsche, merkt man erst bei der Einzelüberprüfung, daß in der etwa 500 Seiten langen tschechischen Ausgabe vier Beiträge der deutschen weggelassen worden sind: Jörg K. Hoensch über “Prager Fensterstürze”; Reinhard Ibler über den Poetismus; Jiřina Šiklová über “Feminismus im Postkommunismus: ein deutsch-tschechischer Vergleich” (besonders schade, weil dieser Text sehr lebhaft ist); und Iva Šmidová und A.L. Rychetský (nicht im Personenverzeichnis) über Familie und Partnerschaft im Wandel.
Sonst aber entsprechen die beiden Ausgaben einander, vor allem dank der vorzüglichen und kongenialen Text-Übersetzungen in beiden Richtungen. Der Sensibilität der Sprachform kam sehr zugute, daß nicht unter dem oft übermächtigen Tempo-Streß stehende Allround-Übersetzer, sondern mit der Materie optimal vertraute Fachleute die Transfer-Aufgabe übernommen haben, die erfahren sind im literarischen und fachlichen Übersetzen und gleichzeitig im Band als Autoren auftreten: Kristina Kallert und Václav Maidl.
Inhaltlich wird kein enzyklopädischer Anspruch erhoben. Wenn man sucht, wird man rasch feststellen können, welche Bereiche hier und da “fehlen”; sie scheinen besonders im ersten Abschnitt des Bandes “Geschichte und Geschichtsbewußtsein”, genauer im Bereich der politischen Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte zu liegen. Das aber wird man am ehesten verschmerzen können, weil eine größere Anzahl tschechischer wie deutscher Beiträge neueren Datums gerade auf diesem Gebiet in den (übrigens ebenfalls parallel in deutschen und tschechisch-slowakischen Fassungen erschienenen) Tagungsbänden der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission greifbar sind, auf die sich die Einleitung der Herausgeber auch ausdrücklich bezieht; der Kommission ist sogar einer der Beiträge (Stanislav Biman) gewidmet.
Die Verschiedenheit der beleuchteten Aspekte überrascht. Da geht es in einer Schicht der Darstellung wirklich um “Schlüsselbegriffe” – angefangen von den Namen des Landes im Tschechischen: Čechy – český – tschechisch – böhmisch (Vladimír Macura) usw. über fast immer damit zusammenhängende ideologische Ansätze (besonders im “Tschechoslowakismus” (Jan Rychlík), um Heimat, Vaterland (Alexander Götz) und korrespondierende Begriffe.
Dem Anliegen des Bandes am Unmittelbarsten entsprechen gezielte Vergleiche zwischen tschechischen und deutschen Phänomenen. Als ein Musterstück erscheint hier der dichte Essay von Christiane Brenner, die Vergangenheitspolitik und –bewältigung in beiden deutschen Staaten, in der Tschechoslowakei bzw. in Tschechien und im wiedervereinigten Deutschland einem erhellenden Vergleich gerade auch hinsichtlich ihres Wandels unterzieht. Die vergleichenden oder nationenüberschreitenden Beiträge betreffen ein breites Spektrum von Themen: Die Jugendlichen in der deutsch-tschechischen Nachbarschaft (Carsten Lenk), DDR und ČSSR (Wolfgang Schwarz), Deutsche und Tschechen im vereinten Europa (Petr Fiala), Übersetzen zwischen Deutsch und Tschechisch (Walter Koschmal) u.v.a.m.
Aber nicht nur deutsch-tschechische Themen, sondern auch innerdeutsche oder innertschechische werden behandelt, wie das bayerisch-preußische (Ludwig Zehetner) oder das böhmisch-mährische Verhältnis (František Mezihorák), aber auch solche, die Ethnien zwischen Tschechisch und Deutsch betreffen: die Sorben, die Roma, die Choden, ja die Gastarbeiter.
Das Verhältnis zwischen enger oder ferner benachbarten Nationen ist durch stereotype Vorstellungen geprägt, die einen weiteren der Brennpunkte des Interesses bilden: So schreiben Jiří Kořalka und Olga Šmídová über ältere und neuere gegenseitige – auch karikaturistische – Feindbilder. Hierhin gehören auch symbolische Figuren wie der Wahlspruch “Die Wahrheit siegt”, der von V. Macura in seiner semiotischen Geschichte beleuchtet wird (Macura und Hoensch sind die beiden leider inzwischen verstorbenen Autoren des Bandes). In dieser Gruppe ist notwendigerweise auch die Rede vom terminologischen Schöpfungen wie “Samtene Revolution” und “Samtene Scheidung” (ebenfalls Macura), das heißt die Trennung von Tschechen und Slowaken, wie vom Begriffspaar “Vertreibung” und “Odsun” – Abschiebung – (Tomáš Staněk).
Der Fächer reizvoller Themen und klangvoller Autorennamen wäre noch beliebig weiter zu entfalten; eine ganze Gruppe von Beiträgen behandelt Voraussetzungen und gegenwärtige Aktivitäten im Vorfeld des tschechischen EU-Beitritts; das macht dieses Buch fast zu einem Reader für Beitrittspolitiker.
In einer Reihe von Beiträgen werden bisher wechselseitig belastete Themen entnationalisiert, indem sie einfach aufgrund des neueren Forschungsstandes dargestellt werden; damit allein schon blättert der nationale Putz des 19. und 20. Jahrhunderts ab: Das sind vor allem historische Themen wie die Kolonisierung (Joachim Rogall), die mittelhochdeutsche Dichtung in Böhmen (Václav Bok), das Barockzeitalter (Joachim Bahlcke), die Frage von Konfession und Nation (Martin Schulze Wessel) und andere. Es wird jedoch keineswegs ein allgemein versöhnlerischer Nebel verbreitet, sondern harte Fakten auch hart benannt, insbesondere für die Katastrophenzeit zwischen 1938 und 1948.
Bei manchen Artikeln lässt sich nicht im deutsch-tschechischen Bereich vergleichen, weil Phänomene nur der einen oder der anderen Seite beschrieben werden, sei es literarische Spezifika, für die es kein Gegenstück gibt (so der tschechische Poetismus bei Reinhard Ibler), oder etwa der Überblick von Thomas Grosser über die “Sudetendeutschen in Nachkriegsdeutschland”, der eine Integrationsgeschichte in nuce enthält – hier freilich hätte man die “ethnischen Prozesse”, die sich auch in den böhmisch-mährischen Randgebieten nach dem Krieg durch Umsiedlungen ergaben, dagegenhalten können.
Gewiss gerät man bei einem so reichhaltigen und bunten Buch, dessen Zuschnitt jede Autorin oder jeden Autor dazu stimuliert, die meist recht breiten Einzelthemen in thesenartiger, eingängiger, ja fragmentarischer Kürze darzustellen, immer wieder in Versuchung, dies oder jenes anders sehen, Akzente anders verteilen und Exempla anders auswählen zu mögen. Um das an wenigen Beispielen zu verdeutlichen:
Zu den Fallgruppen für Bilinguismus im einleuchtenden Artikel des Mitherausgebers Marek Nekula zählen sicher auch manche Familien vertriebener Deutscher aus den böhmischen Ländern – insbesondere aus innerböhmischen oder -mährischen Städten. Tilman Berger hört mit dem Thema Sprache und Nation dort auf, wo es – im Zeitalter des Nationalismus – eigentlich erst anfängt, virulent zu werden; was aber bis dahin vom Autor anhand weniger Exempel zwischen Mittelalter und Vormärz präsentiert wird, gibt wichtige Einblicke, die gegen den Strich der herkömmlichen Auffassungen gebürstet sind und traditionelle Fehlinterpretationen korrigieren. Wenn František Mezihorák über das böhmisch-mährische Verhältnis spricht, dann hätte er auch die Rolle der Kyrillo-methodianischen Tradition behandeln oder die mährische Deutung für den erwähnten Umstand darstellen können, dass sich 1991 über eine Million Einwohner zur “mährischen”, nicht mehr zur tschechischen Nationalität bekannt haben. Dennoch bietet auch dieser Artikel mit seinen weithin unbekannten Hinweisen auf slowakisch-mährische Verschmelzungstendenzen im 2. Weltkrieg einen guten Einblick. Die angebliche Modellhaftigkeit des Großmährischen Reiches als “zentral regierter Staat” mit “Beamtenapparat”, ja Feudalismus von Zdeněk Měřinský scheint gar zu sehr im Sinne moderner Staatlichkeit aufgefaßt zu sein und damit dem sonst in diesem Band erfreulich geübten Mythenabbau eher zuwiderzulaufen.
Nur die deutsche Ausgabe hat ein Register. Daß es in beiden Fassungen kein Literaturverzeichnis gibt, ist zu verschmerzen, denn ein solches hätte, wenn es sinnvoll gewesen wäre, sehr viel Platz einnehmen müssen. Einen gewissen Ersatz bieten die Publikationshinweise der Verfasser in dem schon für sich lesenswerten Autorenverzeichnis aufgenommen sind.
Dieses, anregende, informative und meist sehr gut lesbare und im besten Sinne erklärende Sammelwerk enthält eine Fülle von nicht alltäglichen Beobachtungen, die es für Fachleute wie für eine breite Öffentlichkeit gleicherweise zu einem spannenden Lesebuch machen. Kenner werden zu alternativen Gedanken angeregt, Neulinge in das bunte Spektrum des Themas eingeführt. Der Lebendigkeit der Lektüre kommt zugute, daß die Herausgeber die individuellen Stil-Eigenarten der Autorinnen und Autoren nicht nivelliert haben. So kann man immer wieder an einer anderen Stelle einsteigen und aufs neue gefesselt werden von den verschiedenen Aspekten der sich hier fernab aller Schwarz-Weiß-Malerei präsentierenden Vergleiche zwischen Deutschen und Tschechen, deren Kulturen einander näher stehen, als mancher denkt.

[1] Esprit - Geist : 100 Schlüsselbegriffe für Deutsche und Franzosen / hrsg. von Jacques Leenhardt u. Robert Picht (Serie Piper. 1093) München, 1. Aufl. 1989, 2. Aufl. 1990. – Die Titelformulierung ist möglicherweise ein Zitat von: Eduard Wechßler: Esprit und Geist: Versuch einer Wesenskunde des Deutschen und des Franzosen. Bielefeld u.a. 1927.
[2] Deutsche und Polen. 100 Schlüsselbegriffe. Hrsg. v. Ewa Kobylińska, Andreas Lawaty und Rüdiger Stephan. (Serie Pieper. 1538), München-Zürich 1992.
[3] Polacy i Niemcy. 100 kluczowych pojęć. Opracowali: Ewa Kobylińska, Andreas Lawaty i Rüdiger Stephan. (Biblioteka “Więży”. 84), Warszawa 1996.

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11.03.2002
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