U. Engelhardt: Ein Labor der Sozialgeschichte

Cover
Titel
Ein Labor der Sozialgeschichte. Die Entwicklung des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte seit 1956


Autor(en)
Engelhardt, Ulrich
Reihe
Industrielle Welt
Erschienen
Köln 2020: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
446 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Etzemüller, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Der „Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte“ (im Folgenden: AK) dürfte eine der wichtigsten Institutionen der westdeutschen Geschichtswissenschaft sein. Er wurde 1957 auf Betreiben Werner Conzes gegründet, um die „technisch-industrielle“ Welt zu untersuchen, also die fundamentalen sozialen und politischen Umbrüche im Gefolge der Industrialisierung.[1] Dem interdisziplinär ausgerichteten AK gehörten prominente Wissenschaftler wie Otto Brunner, Erich Maschke, Gunther Ipsen, Carl Jantke und Reinhart Koselleck an; die politische Zielsetzung war es, dem Kommunismus historiografisch die Legitimation zu entziehen. Damit transferierte der AK die im „Dritten Reich“ entwickelten innovativen sozialhistorischen Ansätze in die Frontstellung des Kalten Krieges.[2] Der AK initiierte eine Reihe von Forschungsprojekten, dessen wohl berühmtestes die bis heute international rezipierte „Begriffsgeschichte“ ist. Die methodischen und inhaltlichen Impulse des AK für die moderne Geschichtswissenschaft sind nicht zu unterschätzen.

Wie soll man nun ein Buch über den AK besprechen, das einfach hinter diese methodischen Standards zurückfällt? Ulrich Engelhardts knapp 450-seitige Monografie, der 100. Band der renommierten Reihe „Industrielle Welt“, verweigert sich explizit einer Einleitung und kommt auf ganze drei Seiten Quellen- und Literaturverzeichnis (einige zusätzliche Titel werden in den Fußnoten nachgewiesen). Engelhardt, der von 1978 bis 2005 Geschäftsführer des AK war, hat sich weder von der älteren Sozialgeschichte der Wissenschaft noch von den jüngeren Science Studies anregen lassen. Insoweit trifft nicht der Haupt-, sondern der Untertitel den Inhalt des Buches, und zur Methode ist nicht mehr zu sagen, als dass der Autor die Protokolle des Arbeitskreises systematisierend referiert. Er bezeichnet diesen Zugang selbst als „konventionell historisch-chronologisch“ (S. 12).

Das Buch ist in vier Hauptkapitel gegliedert. Das erste behandelt den Beginn des Arbeitskreises (1965–1962); es folgen die Phase der „Etablierung und Verjüngung“ (bis 1969/73), die Zeit der „Konsolidierung“, in der neue Themenfelder erschlossen wurden (1973–1993), sowie die Zeit bis „2002ff.“ mit einer vorübergehenden „tiefgreifenden Existenzkrise“. Ein Nachwort von Andreas Eckert und Ulrike von Hirschhausen zur Entwicklung seit den 2000er-Jahren sowie drei umfangreiche Anhänge zu Mitgliedern, Vorständen und Geschäftsführern, zu den Tagungen (mit Teilnehmer- und Vortragslisten), zur finanziellen Entwicklung sowie ein Verzeichnis der Bände 1 bis 98 der „Industriellen Welt“ (1962–2020, Anhang 4) beschließen den Band. Erfreulicherweise gibt es zusätzlich zum Personen- auch ein Stichwortregister.

Engelhardts Anliegen ist es, die Inhalte und Ziele des Arbeitskreises nachzuzeichnen. Neben dieser „Primärperspektive“ (S. 12) betrachtet er Finanzierungsfragen, die Mitgliedersituation und „atmosphärische“ Elemente der Tagungsdiskussionen – Letztere, sofern sie sich in den Protokollen abzeichnen. Zunächst rekonstruiert er (etwas ausführlicher als ich das seinerzeit getan habe[3]) die Ereignisgeschichte der Gründung des Arbeitskreises mit ihren Verwicklungen, anschließend die Diskussionen der Mitglieder zum ersten großen Arbeitsvorhaben „Staat und Gesellschaft im Vormärz“. In den späteren Jahrzehnten folgten innovative Forschungsvorhaben zur „Sozialgeschichte der Familie“, zum „Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert“, zum europäischen Adel, zur Bedeutung der Religion, zur Sozialgeschichte der Bundesrepublik bzw. der DDR, zum Nationalismus, zum Militär oder zur „Sozialgeschichte Europas im 20. Jahrhundert“. Bis heute hat sich der AK als flexibel erwiesen, um neue Themen aufzugreifen, die in der Luft liegen, bzw. selbst die Agenda zu setzen.

So war bereits im April 1959 das Thema Imperialismus aufgegriffen worden, verknüpft mit der Frage der „Vermachtung der Wirtschaft“ sowie dem Problem der Kartellbildung. Dieser Abschnitt in Engelhardts Buch (S. 70ff.) steht exemplarisch für Stärke und Schwäche seines Ansatzes. Einerseits wird durch das genaue Referieren der Diskussion deutlich, wie schwer es den Beteiligten gefallen ist, ein Thema konzeptionell zu fassen, zumal die Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen aufeinanderprallten. Letztlich endeten die Tagungen methodisch und begrifflich immer wieder mit Kompromissen und dilatorischen Formeln; dabei erhielt der dezidiert interdisziplinäre Ansatz eine Schlagseite zugunsten der den AK dominierenden Historiker. Andererseits präsentiert Engelhardt seine Geschichte derart kontextfrei, dass unklar bleibt, warum der Imperialismus auf die Tagesordnung gesetzt wurde und was er mit der Kartellfrage zu tun hatte. Auch die regelmäßig wiederkehrenden Grundlagen- und Theoriediskussionen – etwa zum Verhältnis Soziologie/Sozialgeschichte, Ökonomie/Geschichte, Theorie/Empirie oder zur Begriffsbildung – durchdringt Engelhardt nicht weiter. Diese Diskussionen waren notwendig und anregend, haben aber nie zu einem Ziel geführt und immer wieder die disziplinären Bruchlinien innerhalb des AK markiert.

Ausführlich schildert der Verfasser die Mitgliederfluktuation, die Probleme mit der Verjüngung des AK, der Rekrutierung von Frauen, der Arbeitsüberlastung der Teilnehmer (weshalb immer wieder Tagungen ausfielen), der Balance zwischen den beteiligten Fächern oder der misslichen Tatsache, dass der AK Großthemen entwickelte, sie dann aber nicht adäquat bearbeiten konnte. Interdisziplinarität, das wird deutlich, war gar nicht so selbstverständlich. Reinhart Koselleck sprach von einer „Fremdbestückung“ mit fachfremden Mitgliedern (zit. auf S. 181). Mehrfach sah sich der AK in einer Krise und ventilierte eine Selbstauflösung. Ende der 1990er-Jahre kam außerdem die Frage nach den eigenen Wurzeln in der „Volksgeschichte“ der 1930er-Jahre auf. Der Soziologe M. Rainer Lepsius wollte nur eine „Personalschiene“, keine „Sachschiene“ erkennen und hielt deshalb eine „Sozialgeschichte der Etablierung von Sozialgeschichte“ für überflüssig (S. 256f.). Die entsprechende Tagung generierte offenbar nicht genügend publizierbare Artikel, sodass kein Band der „Industriellen Welt“, sondern nur ein Themenheft der Zeitschrift „Comparativ“ erschien, bestehend aus drei Beiträgen mit einer kurzen Einleitung.[4] Auf die damals skizzierten Ansätze einer Wissenschaftssoziologie der Sozialgeschichte – und die Frage einer untergründigen Politisierung des frühen AK – geht Engelhardt nicht weiter ein.

Interessant sind Hinweise wie diejenigen zur Besoldung des höchst engagierten Geschäftsführers Horst Stuke (Amtszeit 1958–1976), der „nur ein recht bescheidenes, auch später kaum dynamisiertes Honorar erhielt“, weil die Mittel des AK der Forschung, nicht der Verwaltung vorbehalten bleiben sollten (S. 65). Solche flüchtigen Einblicke bleiben jedoch die Ausnahme. Und das Atmosphärische wird ebenfalls nur angedeutet. Es wäre sinnvoll gewesen, wenigstens Auszüge der (späteren) Tagungsmitschnitte zu transkribieren, um beispielsweise die Heftigkeit von Diskussionen plastisch zu machen (vgl. S. 221, Fn. 453). Der Band bietet eine „Geschichte der Mitlebenden“ (Hans Rothfels abgewandelt) und tut niemandem weh.

Insgesamt handelt es sich zweifellos um ein informatives Buch, das reichhaltig aus den Quellen schöpft. Der begrenzte, aber aufschlussreiche Bestand der Protokolle und der Korrespondenz des Arbeitskreises lagert im Archiv der Universität Heidelberg und harrt der Auswertung für eine Laborstudie, die ihren Namen verdient.

Anmerkungen:
[1] Programmatisch: Werner Conze, Die Strukturgeschichte des technisch-industriellen Zeitalters als Aufgabe für Forschung und Unterricht, Köln 1957.
[2] Vgl. Thomas Etzemüller, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001.
[3] Ebd., S. 157–176.
[4] Comparativ 12/1 (2002): Von der Volksgeschichte zur Strukturgeschichte. Die Anfänge der westdeutschen Sozialgeschichte 1945–68, hrsg. von Lutz Raphael, https://www.comparativ.net/v2/issue/view/64 (11.09.2020).