Cover
Titel
The Price of Bread. Regulating the Market in the Dutch Republic


Autor(en)
Vries, Jan de
Reihe
Cambridge Studies in Economic History
Erschienen
Anzahl Seiten
515 S.
Preis
£ 34.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dietrich Ebeling, Fachbereich III, Geschichte SFB235, Universität Trier

Jan de Vries zählt zweifellos zu den besten Kennern der europäischen und insbesondere der niederländischen Wirtschaft in der Frühen Neuzeit.[1] Er hat in den vergangenen Jahrzehnten die konzeptionellen Debatten mehrfach mit empirisch fundierten Beiträgen vorangetrieben. Im Zentrum seines Interesses stand dabei die Herausbildung und Funktionsweise einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft. Immer auch mit Blick auf die gesamteuropäische Entwicklung waren die Niederlande das bevorzugte Feld seiner empirisch anspruchsvollen Untersuchungen. Das gilt auch für seine neuste Studie. Gegenstand ist die politische Ökonomie des Brotpreises, das heißt die Funktionsweise des Marktes für Getreide und Brot, die regulatorischen Eingriffe von Kommunen und Staat, das Verhalten der Konsumenten und die Bedeutung der Eigeninteressen des frühmodernen Staates in der Vermittlerrolle zwischen Produzenten und Konsumenten. Wie bereits in früheren Arbeiten von de Vries wird dabei dem Entscheidungsverhalten der beteiligten Akteure – in diesem Fall der Konsumenten – ein hoher Stellenwert eingeräumt.

Das aus dem Römischen Reich stammende und in ganz Europa von den Städten im Mittelalter in Variationen adaptierte System der „annona“ limitierte in hohem Maße das Marktgeschehen durch Kontrolle des Getreidehandels (Marktzwang, Vorkaufsverbot, privilegierter Zugang der Konsumenten und ähnliches) und durch kommunale Bevorratung auch des Getreidepreises. Der Brotpreis leitete sich aus dem kontrollierten Getreidepreis ab und gestand den Bäckern lediglich einen Aufschlag zu, der durch weitere Produktionskosten und einem nicht aus dem Konkurrenzgeschehen abgeleiteten Gewinn resultierte (S. 8f.). Als Element einer auf die Versorgung mit dem Grundnahrungsmittel – selbst mit der Ausbreitung der Kartoffel im 19. Jahrhundert ging der Brotkonsum nicht zurück – zielenden Sozialpolitik entsprach diese Praxis der Theorie des gerechten Preises.

Der im 16. Jahrhundert durch den Bevölkerungsanstieg und eine damit nicht schritthaltende agrarische Produktivität ausgelöste Preisanstieg machte das weitere Ziel eines stabilen Brotpreises zunichte und unterminierte das System. Den Preis für seine Aufrechterhaltung zahlten die Produzenten, sofern sie einer Regulierung unterworfen werden konnten, vor allem aber die Kommunen und Staaten über eine Verschuldung, die am Ende des Ancien Regime im Bankrott endete. Allerdings gaben viele Städte bereits im späten Mittelalter das umfassende Kontrollsystem der „annona“ auf und wandten sich einer Praxis zu, die einer zunehmenden Marktintegration Rechnung trug und den Brotpreis an den schwankenden Getreidepreis durch eine Brottaxe band. Die allermeisten Quellen zu den Getreidepreisen gehen auf diese neue Praxis zurück. In gewisser Weise war dies gleichbedeutend mit dem Abschied von den Prinzipien einer „moral economy“.

In den Niederlanden wurde dieses System der Brottaxe am Ende des 16. Jahrhunderts einer Reform unterzogen, wodurch es sich nach de Vries von dem alten, in den allermeisten benachbarten Ländern weiterhin praktizierten System unterschied. Zu den Spezifika der Niederlande in der Frühen Neuzeit gehören nicht nur ein hoher Entwicklungsgrad der Exportgewerbe und eine Kommerzialisierung der Landwirtschaft, sondern vor allem auch eine beherrschende Stellung im nachhansischen europäischen Handelssystem mit nachhaltigen Folgen auch für die Liberalisierung des niederländischen Getreidemarktes. Hohe Getreidepreise galten in der Publizistik zur „politischen Ökonomie“ Mitte des 17. Jahrhunderts als Treiber für Investitionen in der Landwirtschaft, die mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten konnte. Im Unterschied etwa zu Frankreich wurde selbst spekulativer Getreidehandel nicht als schädlich für das Gemeinwohl betrachtet, sondern in Smithianischer Denkweise den Händlern eine wichtige Funktion für das Funktionieren des Marktes zugeschrieben. Gleichzeitig wurde allerdings die Regulierung des Brotpreises ausgedehnt. Dies bedeutete insbesondere eine starke Regulierung der konstanten Kosten für die Bäcker und damit eine hohe Transparenz für die Verbraucher und eine Rationalisierung des Kaufverhaltens, setzte aber auch eine „highly numerate society“ (S. 92) voraus. Zu den obrigkeitlichen Steuerungselementen des Marktes gehörte nicht nur die Verordnung von Höchstpreisen für Getreide innerhalb bestimmter Schwankungsbreiten, sondern auch die Verordnung von entsprechenden Minimalpreisen, um Motive für die Verschlechterung der Brotqualität durch die Bäcker zu reduzieren und ihnen einen auskömmlichen („reasonable“) Lohn zu garantieren. Das neue System diente auch der Etablierung einer Mahlsteuer, die nicht nur dem hohen Finanzbedarf der Republik in kriegerischen Zeiten eine solide Grundlage gab, sondern auch durch unterschiedliche Niveaus für verschiedene Getreidesorten den steigenden Weißbrotkonsum der wohlhabenderen Schichten nutzte und gleichzeitig den Grundbedürfnissen der ärmeren Schichten Rechnung trug. Voraussetzung war ein hoher Regulierungsgrad der beiden Produktionsbereiche Müllerei und Bäckerei. Die Bäcker wurden dadurch in die Rolle eines „unpaid collector“ der wichtigsten Staatseinnahme gedrängt. Dennoch widerspricht de Vries einer Deutung, die eine konspirative Interessengemeinschaft zwischen Fiskalstaat und einer von Konkurrenz befreiten Zunft zu Lasten der Konsumenten annimmt, wie etwa Sheilagh Ogilvies Interpretation unterstellt.[2]

Die hohe Besteuerung des Grundnahrungsmittels war Grundlage für ein frühmodernes Staatswesen, das anders als in Frankreich, England oder auch Preußen allerdings keine Zentralgewalten etablierte, sondern bei der Realisierung auf dem koordinierten Handeln von kommunalen und regionalen (Provinzen) Institutionen basierte. Die große Ungleichheit zwischen den östlichen und den westlichen Provinzen hinsichtlich des Brotpreises wie auch der Löhne dient de Vries als Folie, vor der er das Entscheidungsverhalten der Konsumenten untersucht. Bei tendenziell sinkenden Reallöhnen in den westlichen Provinzen (Holland) stieg dort gleichwohl der Anteil des Weißbrotkonsums rascher als in den östlichen Provinzen. Auch setzte sich die Binnenwanderung vom Osten in den Westen fort. De Vries‘ Erklärung für dieses Phänomen leitet sich aus seinem Konzept der „industrious revolution“ ab.[3] Danach war für das Konsumverhalten nicht das Lohnniveau einer einzelnen Arbeitskraft, sondern das Haushaltseinkommen ausschlaggebend. Dies wurde in den stärker von einer gewerblich-protoindustriellen Wirtschaft bestimmt, die auch Frauen und Kindern Geldeinkommen ermöglichte. Die „Weißbrotrevolution“ stand dabei auf einer Stufe mit dem beginnenden Massenkonsum von Kolonialwaren wie Kaffee, Zucker etc.[4]

Das hohe Lohnniveau in den westlichen Provinzen war nicht das Ergebnis der hohen Mahlsteuer. Vielmehr schöpfte der Staat einen Teil dieser hohen Einkommens ab, steuerte mit seiner unterschiedlichen Höhe das Konsumverhalten und war nach de Vries ein Beispiel für eine „optimal taxation“. Die Konsumsteuer diente faktisch zugleich der Finanzierung des aufwändigen Lebensstils einer Klasse von Rentiers über Staatsanleihen. Anders als in England, wo sich die Grundherren in der Zeit der „corn laws“ Extraprofite sicherten und diese vor allem in den Ausbau ihrer Güter oder in andere Unternehmungen steckten, investierten die niederländischen Gläubiger nicht nur in niederländische, sondern auch in ausländische Papiere.

Eine Deregulierungsdividende nach dem Ende der Brotpreisregulierung – zunächst in der französischen Zeit, endgültig dann 1855 – blieb zunächst aus. Eine zünftig-regulatorische Mentalität verzögerte technische und organisatorische Innovationen im Mahlsektor. Im Backsektor entstanden zwar Brotfabriken. Die traditionellen Bäckereien kompensierten den Rückgang der zuvor garantierten Einnahmen jedoch durch eine Reduzierung von Fixkosten und durch die Erweiterung des Angebots. Die von einer wirtschaftsliberalen Publizistik propagierten Effekte auf die wirtschaftliche Prosperität durch sinkende Lebenshaltungskosten und Löhne blieben begrenzt.

Der letzte Satz des Buches fasst die aus der Studie gewonnenen Erkenntnisse zur Rolle regulatorischer Eingriffe in ein marktwirtschaftliches System gut zusammen: „If there is a lesson to be learned from this study of regulatory behavior it is simply to be careful what you wish for.“ Sowohl hinsichtlich der Datenbasis wie der Methodik ist die Untersuchung auf hohem Niveau angesiedelt und wird hoffentlich manche Debatte (zum Beispiel über den Lebensstandard oder die Funktion der Zünfte) neu beleben.

Anmerkungen:
[1] Jan de Vries, The Economy of Europe in an Age of Crisis, 1600–1750, Cambridge 1976; zusammen mit Ad van der Woude, The First Modern Economy. Success, Failure and Perseverance of the Dutch Economy, 1500–1815, Cambridge 1996.
[2] Zuletzt: Sheilagh C. Ogilvie, The economics of guilds, in: Journal of Economic Perspectives 28 (2014), S.169–192.
[3] Jan de Vries, The Industrious Revolution. Consumer Behavior and the Household Economy, 1650 to the Present, Cambridge 2008.
[4] Jan de Vries, Between purchasing power and the world of goods. understanding the household economy in early modern Europe, in: John Brewer / Roy Porter (Hrsg.), Consumption and the World of Goods, London u.a. 1993, S. 85–132.

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Veröffentlicht am
02.08.2019
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