Cover
Titel
Popular Memory and Gender in Medieval England. Men, Women and Testimony in the Church Courts, c.1200–1500


Autor(en)
Kane, Bronach C.
Reihe
Gender in the Middle Ages 13
Erschienen
Suffolk 2019: Boydell & Brewer
Anzahl Seiten
295 S.
Preis
$ 99,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anne Foerster, Historisches Institut, Universität Paderborn

Untersuchungen zum Verhältnis von Identität und kollektiver Erinnerung konzentrierten sich lange Zeit vorwiegend auf die schreibenden Eliten. Bronach C. Kane möchte mit ihrem Buch dazu beitragen, die unterschiedlichen Erinnerungen und Identitäten in marginalisierten sozialen Gruppen sowie deren Einfluss auf das eigene und das weitere Umfeld intensiver zu berücksichtigen.

Dafür nutzt die Autorin die reichhaltigen Aufzeichnungen der ab der Mitte des 13. Jahrhunderts verstärkt agierenden kirchlichen Provinz- und Diözesangerichte von Canterbury und York. Die überlieferten Zeug/innenaussagen bieten Einblicke in die unterschiedlichsten Lebensbereiche der lokalen Bevölkerung, von den unteren Schichten bis zur englischen gentry. Rechtliche wie geistliche Traktate sowie populäre Literatur der Epoche ergänzen dieses Material, um die Aussagen in ihren vorstellungsgeschichtlichen Kontext einzuordnen.

Ziel Kanes ist es, die alltägliche Wahrnehmung und Nutzung der Vergangenheit bei nicht zu einer Elite gehörigen Männern und Frauen für das 13. bis 15. Jahrhundert in England zu erkunden und zu ergründen, wie Männer und Frauen in diesem Rahmen die Vergangenheit erinnerten (S. 1f.). Sie untersucht erstens die „mnemonic markers“, die Frauen und Männer nutzten, wenn sie zu ihren Erinnerungen befragt wurden und zweitens die sozialen und kulturellen Kontexte dieser mnemotechnischen Strategien. In der Folge leitet sie hieraus auch das Verhältnis von individueller und kollektiver Erinnerung ab (S. 8f.).

Einführend notiert die Autorin sehr knapp die zugrunde gelegten methodischen Ansätze und Konzepte. Gender begreift sie mit Joan Scott als historisch wandelbare Kategorie, die aus wahrgenommenen Unterschieden zwischen den Geschlechtern (sex) resultiert und wendet sich gegen binäre und statische Vorstellungen von Gender. Um dieser Schwierigkeit zu begegnen, untersucht Kane, ob und inwiefern die Geschlechtszugehörigkeit in bestimmten sozialen und kulturellen Kontexten zu Unterschieden beim Erinnern führt (S. 4). In Anlehnung an Arbeiten zum Verhältnis von kollektiver Erinnerung und Identität und unter Verwendung des von James Fentress und Chris Wickham vorgeschlagenen Begriffs der sozialen Erinnerung, fokussiert sie den Beitrag marginalisierter Gruppen zu eben dieser (S. 5 und 27). Anschließend gibt sie einen kurzen Überblick zum Stellenwert von Erinnerung und Schriftlichkeit, das Verhältnis von Erinnerung, Geschlecht und sozialem Status, von Erfahrung, Individualität und Recht in mittelalterlichen Gesellschaften und führt dann in die Quellen und deren Kontext ein.

Im ersten Kapitel zeichnet die Autorin nach, wie mit der Verbreitung seelsorgerischer Traktate zur Beichte auch Aussagen von Zeug/innen vor Gericht an Bedeutung gewannen. Mit dem Nachdenken über die Art und Weise, wie in der Beichte die Erinnerungen an Verfehlungen erfragt werden sollten, entstanden auch an kirchlichen Gerichten Befragungsroutinen für Ermittlungen und Streitschlichtungen. Bereits hier beschäftigt sich Kane intensiv mit der unterschiedlichen Behandlung von Frauen und Männern. Nach der Feststellung, dass trotz einiger Einschränkungen auch Frauen als Zeug/innen befragt werden konnten, vertieft sie dieses Thema im folgenden Kapitel und analysiert vor Gericht geäußerte Kritik oder die Zweifel an der Verlässlichkeit von Zeug/innenaussagen, die hauptsächlich mit der Armut oder sexuellen Freizügigkeit der aussagenden Frau begründet wird.

Die nächsten beiden Kapitel untersuchen die in Körper eingeschriebenen Wahrnehmungen („embodied perceptions“) von Vergangenheit durch physische Kennzeichen oder Erfahrungen, wobei Kapitel 3 auf körperliche Gewohnheiten im Zusammenhang mit Arbeit, Kleidung und anderen Objekten, Gewalt, Tod und Begräbnissen fokussiert, während sich Kapitel 4 auf sexuelle Erfahrungen, Geburten und Elternschaft konzentriert. Die drei letzten Kapitel thematisieren Eheschließungen und Verwandtschaften, Schriftlichkeit sowie Orte, Räume und bewirtschaftetes Land im Zusammenhang mit Erinnerungen, wobei jeweils Unterschiede zwischen aussagenden Frauen und Männern aufgezeigt werden sowie teilweise auch solche zwischen der sozialen Stellung.

Das Buch verdeutlicht die höhere Wertschätzung männlicher Zeugen, unabhängig von der Art des Konflikts und dem Inhalt der Aussage. Trotz dieser generellen Feststellung zeigt die Autorin, dass auch Frauen als Zeug/innen auftraten und ernst genommen wurden. Ihre Stimmen fanden Gehör und hatten somit Einfluss sowohl auf das Gerichtsverfahren als auch auf die öffentliche Meinung. Zudem erhielten ihre Worte durch die Niederschrift bei Gericht offiziellen Charakter. In manchen Angelegenheiten sprach man Frauen eine besondere Kompetenz zu, etwa bei Fragen, die den weiblichen Körper, dessen Sexualität und Reproduktionsfähigkeit betrafen.

Männer und Frauen nutzten die gleichen Marker, um sich an Vergangenes zu erinnern, etwa die Geburt von Kindern, Eheschließungen oder Arbeitsverhältnisse. Auch Männer bedienten sich etwa der Geburt oder des Alters ihrer Kinder, um Geschehnisse zeitlich einzuordnen. Doch die nach Geschlecht, aber auch nach Alter, Familienstand und sozialer Hierarchie geschiedenen Rollen und Erfahrungsräume beeinflussten die Art und Weise, wie die Marker eingesetzt wurden. So legten Mütter oft die aktive, körperliche Erfahrung der Geburt ihren Berichten zugrunde, während Väter dieses Ereignis nicht unmittelbar erlebten und es somit nicht als Erlebtes schilderten, sondern eher die bloße Information gaben oder andere Erlebnisse im Zusammenhang mit der Geburt des Kindes erzählten. Die Einflüsse geschlechterspezifischer Sprechnormen auf die unterschiedlichen Äußerungen vorsprachlicher Erinnerung werden allerdings kaum explizit berücksichtigt.

Die gewinnbringende Lektüre dieses Werks leidet etwas unter einer häufig zu unscharfen oder fehlenden analytischen Trennung zwischen dem Prozess des Erinnerns, den Kane über die Verwendung von Markern zu greifen versucht, dem Kerninhalt der Aussagen, der zeitgenössischen Einschätzung der Glaubwürdigkeit der Zeug/innen, deren Relevanz für die soziale Erinnerung und den Streitanlässen. So wird etwa in Kapitel 5 (Marriage, Kinship, and Widowhood) nicht klar unterschieden zwischen Erinnerungen an Ehen und Erinnerungen, die mit Hilfe von Eheschließungen geäußert werden, sowie der Einfluss des ehelichen Status auf die Glaubwürdigkeit von Zeug/innen. Verwandtschaft wird in den aufgeführten Beispielen über verschiedene Marker (Seelenheilstiftungen, Verhalten) erinnert, jedoch nicht selbst als möglicher Marker untersucht. Witwenschaft wird in diesem Kapitel weder als Erinnerung noch als Erinnerungsstrategie untersucht, sondern als Zeitpunkt, zu dem Ehen erinnert und angefochten wurden.

Im Hinblick auf das gesetzte Ziel zu ergründen, wie Zeug/innen sich erinnerten und welche Rolle Geschlecht und sozialer Status dabei spielten, wäre es sinnvoll gewesen, die Arbeit konsequenter nach einem dieser Faktoren zu gliedern. Auf diese Weise hätte auch das von Kane angeführte Konzept der Intersektionalität seinen vollen Nutzen entfalten können, um etwa den Zusammenhang mit Faktoren wie Armut, Alter und Familienstand sowie die Fluidität von Gender aufzuzeigen. Zudem wären einige Wiederholungen gleicher oder sehr ähnlicher Aussagen zu Markern, den durch sie generierten Erinnerungen oder dem Einfluss der Kategorien Status und Geschlecht vermieden worden. Geschlecht wird in der Studie, entgegen der eigenen Zielsetzung, hauptsächlich als sex thematisiert, als Unterschied zwischen den binär verstandenen Kategorien Frau und Mann, der nicht historisiert wird. Generell hätte man, in einem 300 Jahre umfassenden Untersuchungszeitraum, stärker auf den Aspekt der Zeit eingehen können.

Mehrere generalisierende Aussagen sind jeweils mit nur einem Beispiel unterfüttert (etwa S. 143, 179, 217, 224), sodass die Allgemeingültigkeit der Aussage nicht nachvollzogen werden kann. Einen Überblick über Fallzahlen sowie die Zusammensetzungen von Zeugen- und Jurorenschaft nach Geschlecht und Alter gibt die Verfasserin nur in einem Kapitel und dort nur für die Verhandlungen wegen Verwandtenehen (S. 154). Worum es in den Prozessen ging, aus deren Akten die verwendeten Zitate stammen, welcher Partei die aussagende Person angehörte, welche Erkenntnis gesucht wurde – all das erfährt man oft nicht oder vereinzelt an ganz unterschiedlichen Stellen im Buch. So entsteht der Eindruck, die Autorin hätte diese Punkte nicht in ihre Analyse einfließen lassen (besonders auffällig S. 151–157).

Die Studie bleibt zwar aufgrund der genannten Kritikpunkte hinter ihrem vollen Potential zurück, bietet aber zahlreiche Einblicke in den Alltag und die Vorstellungen der nicht zur Elite des Landes gehörenden Bevölkerung des englischen Spätmittelalters. Sie gibt einen Eindruck davon, welchen Einfluss einzelne, auch zu marginalisierten sozialen Gruppen gehörende Personen mit ihren Aussagen vor Gericht auf die soziale Erinnerung ihres Umfelds nehmen konnten.

Redaktion
Veröffentlicht am
29.01.2020
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