Cover
Titel
Peace at All Costs. Catholic Intellectuals, Journalists, and Media in Postwar Polish–German Reconciliation


Autor(en)
Frieberg; Annika Elisabet
Reihe
Studies in Contemporary European History
Erschienen
New York 2019: Berghahn Books
Anzahl Seiten
VIII, 245 S.
Preis
$ 90.00; £ 63.75
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Jost Dülffer, Historisches Institut, Universität Köln

Die deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg standen unter gravierenden strukturellen Belastungen. Dazu gehörte in erster Linie die deutsche Angriffs-, Besatzungs- und Genozidpolitik in Polen und gegenüber Polen im Zweiten Weltkrieg, in zweiter Linie die von den Großen Vier im Zweiten Weltkrieg vereinbarte Westverschiebung Polens mit der Abtrennung deutscher Ostprovinzen. In dritter Linie ist die Bildung von zwei deutschen Staaten zu nennen, von denen nur die DDR eine Grenze mit Polen besaß, Polen aber immer Wert auf die Beziehungen zur viel größeren Bundesrepublik legte.

Dass es dennoch schon seit den fünfziger Jahren Ansätze zur Verständigung und Normalisierung gab, ist erstaunlich und viel analysiert worden. Dabei ist auch aus der Gesamtsituation des Ost-West-Konflikts erklärt worden, warum es nicht viel früher zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen kam, die erst 1970 mit den Ostverträgen der Bundesrepublik vollzogen wurden. Das Deutsche Historische Institut Warschau insgesamt, deutsche Autoren wie Dieter Bingen, Friedhelm Boll, Hans-Henning Hahn, aber auch viele polnische HistorikerInnen haben viel zur weiteren Dokumentation und Erklärung beigetragen. Was kann uns die Studie von Annika Friedberg, Schwedin, in Chapel Hill promoviert, derzeit in San Diego lehrend, da noch Neues bieten, wenn man es nicht allein für ausreichend erklärt, dass es in englischer Sprache nicht so viel zum Thema gibt?

Frieberg hat ihre Forschungen offenbar im Kern im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts angestellt, die in den Sachkapiteln zwei bis sechs vorgestellt werden. Sie hat polnische und deutsche Archive besucht und in die jeweilige Forschungsliteratur eingebettet. Sie beginnt mit Erinnerungen einiger ihrer Protagonisten an Krieg und Nachkriegszeit, legt dann aber einen deutlichen Schwerpunkt auf die fünfziger und vor allem sechziger Jahre bis etwa 1972. Einige ihrer Gewährsleute sind seit langem diskutiert worden, andere werden hier innovativ erschlossen; viele von ihnen hat sie selbst noch interviewen können. Auf polnischer Seite ist dies etwa Stanislaw Stomma, Stefan Kiesielewski, Jerzy Turowicz oder Stefan Wyscynski sowie der katholische Znak-Kreis. Auf bundesrepublikanischer Seite Klaus von Bismarck, Marion Gräfin Dönhoff, Karlheinz Koppe, Hansjakob Stehle, Walter Dirks, Ludwig Zimmerer, Renate Marsch-Potocka sowie protestantische und katholische Gruppierungen, voran der Bensberger Kreis. Die Autorin verfolgt ihre Aussöhnungsaktivitäten, ihre Reisen ins jeweils andere Land, ihre Berichte in Print-, Hörfunk- und Fernsehmedien genau und mit Sympathie. Von DDR-Seite kommt eigentlich nur Aktion Sühnezeichen und ihr Gründer Lothar Kreyssig in den Blick – die wesentlich breitere westliche Aktion Sühnezeichen jedoch nicht. Besondere Bedeutung wird den wohlbekannten Aussöhnungsbriefen der Katholiken und Protestanten in den sechziger Jahren zu Teil. Das ist eine sektorale, keine umfassende Auswahl. Die Schulbuchkonferenzen werden zum Beispiel nur einmal kursorisch erwähnt.

Die Leitfrage, die immer wieder auftaucht, lautet, welches Versöhnungsbild diese Personen öffentlich oder in internen Beratungen vertraten. Die Vertriebenenverbände übten bis in die sechziger Jahre einigen Einfluss aus, der hier primär als Gegenbild wahrgenommen wird, nicht so sehr als Sachproblem der bilateralen Beziehungen. Die Darlegungen werden immer wieder breit in die allgemeinen Zeitläufte eingebettet, ohne dass dabei der historisch-politische Hintergrund und damit Aktionsbeschränkungen sehr deutlich werden. In diesen Narrativen werden die unterschiedlichen Einwirkungsmöglichkeiten von Medien und Kirche(n) in Polen und der Bundesrepublik kaum reflektiert; dazu finden sich erst in der „Conclusion“ einige Bemerkungen. Gewiss macht Friedberg – etwa mit Kiesielewski (S. 68) – Unterschiede der jeweiligen Erinnerungen aus, thematisiert aber eher die konkrete Berichterstattung. Frieberg fragt sich angesichts der Ostpolitik der Regierung Brandt-Scheel (mit der wenig ansprechenden Anspielung an „branding“ im Kapitel-Titel: „Brandt-ing Reconciliation“), „to what extent did Ostpolitik actually contribute to and to what extent did it undermine the long-term reconciliation process?“ (S. 155, vgl. S. 206). Mir ist die Begründung für die zweitgenannte Deutung allerdings nicht klargeworden und damit auch der Sinn der Frage nicht. An einer anderen Stelle zitiert Frieberg eine Polin, die kritisierte, dass der bilaterale Dialog 1970 darauf abzielte, einander eher wechselseitig zu gefallen als ehrlich zu sein (S. 172). Ist das gemeint?

In der Einleitung gibt Frieberg mit einiger sozialwissenschaftlicher Diskussion einen Überblick über den Begriff der „reconcialiation“, der sich jedoch kaum zu einem scharfen analytischen Begriff eignet (S. 2–7). Sie will ihn u.a. auch als Teil von Frieden, zur Heilung von bisherig beschädigten Beziehungen verstehen, aber sieht ihn auch als theologischen Begriff. Diese Vagheit führt dazu, dass ihre Protagonisten häufig erstmalig ein konkretes, anschauliches Bild aufgrund eigener Anschauung vom je anderen entwarfen und in ihre anders dominierten Öffentlichkeiten transferierten. Wie es zu dem Buchtitel „Peace at all costs“ kommt, ist unklar. Primär ging es doch wohl um positive und damit neuartige Informationen über die je andere Seite, die ihre Wirkung im Zeitablauf langsam entfalten konnten, einen Perzeptionswandel also. Wenn ein Begriff angemessen ist, dann ist es der im Untertitel gebrauchte der „Reconciliation“.

Zu Recht betrachtet Frieberg dies aber auch kritisch, wenn sie mit dem für die TAZ arbeitenden Journalisten Klaus Bachmann 1994 von „Versöhnungskitsch“ (S. 180) spricht, der Ausklammerung also von substanziellen Fragen hinter hohlen Formeln. Das könnte die Autorin – so sie dies ernst meint – auch auf die vorangegangenen Kapitel anwenden. Aber da handelt sie etwa bei dem Austausch der Bischöfe z.B. von „true reconciliation“ (S. 148), obwohl deren Kompromisse für sie doch vereinfachten und verflachten. Hier steht dieses tentative Verdikt allerdings am Anfang eines isolierten Kapitels über die 1990er-Jahre, also mit einem fast 20jährigen Sprung in ihrer Argumentation, in dem es um die viel weitere europäische und allgemein christliche Einbettung der Experten dieses Jahrzehnts geht; das ist ein Text, der im Kern schon vor einigen Jahren anderswo gedruckt wurde.

Noch einmal weiter greift Frieberg in ihrer sechs Seiten umfassenden „Conclusion“. Hier identifiziert sie erstmals einleuchtend fünf Hauptfelder der bilateralen Spannungen – einige wurden schon genannt. Das erste sind die Vertriebenenorganisationen, sodann 2. die unterschiedlichen Ansätze zur Ostpolitik, 3. die stärker werdende polnische Opposition gegenüber dem Kommunismus in den achtziger Jahren, 4. die polnische Benutzung von Feindbildern auch in der Bundesrepublik zur Aufrechterhaltung des dortigen Opfernarrativs (mit kritischer Erwähnung der realen Basis für diesen Blickwinkel etwa bei Erika Steinbach u.a.) und 5. die unterschiedlichen ökonomischen und politischen Blicke auf die Flüchtlingskrise seit 2015. Es wäre schön gewesen, wenn dieser Band die entsprechenden Fragen allesamt selbst hätte erarbeiten können. So bleiben es kluge Gedanken zumeist für künftige Forschungen. Das gilt auch für die anregende These: „Entangled nation-building remained a crucial aspect of the reconcialiatory process“ (S. 203), die man gern durchgängig erläutert gesehen hätte. Vertieft wird dies dadurch, dass in Polen die Beziehungen zu Westdeutschland ein Katalysator für das Aushandeln des Verhältnisses von Staat und Gesellschaft zur Kirche geworden seien (S. 205). Was wäre dazu für (west-)deutsches Nation-Building zu sagen?

Im Methodischen wirft Frieberg am Ende ihres Kapitels über die Brandt-Jahre die Frage auf, wie sich kurz- und langfristige Versöhnung generell zueinander verhielten; wieweit müssten Staaten darin einbezogen sein? Wie verhielten sich Versöhnung und Demokratisierung zueinander, zumal gerade in diesem Falle die bundesdeutschen Teilnehmer des Prozesses sich programmatisch der Kooperation mit entschiedenen Nichtdemokraten als notwendiger Vorbedingung für versöhnende Prozesse hingegeben hätten (S. 174 mit Anm. 95). Das sind in der Tat historische, aber wohl auch moralpolitische Fragen, die methodisch sehr viel weiterreichen, als dass hier selbst Antworten gegeben würden.

Es bleibt eine empirisch reiche und bisweilen innovative Studie anzuzeigen, die nicht nur implizit, sondern vor allem explizit mehr anregende Fragen aufwirft, als sie selbst auch nur zu beantworten ansetzt.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.10.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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