Titel
Verfolgung 1945. Die Stellung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien (außerhalb der Lager und Gefängnisse)


Autor(en)
Staně k, Tomáš
Reihe
Buchreihe des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa 8
Erschienen
Wien u.a. 2002: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
261 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christiane Brenner, Redaktion Bohemia, Collegium Carolinum, Forschungsstelle für die böhmischen Länder

Die Geschichte der Deutschen in Ostmitteleuropa am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg erfährt in Deutschland neuerdings wieder großes Interesse. Viel zu wenig ist dabei über die Forschungen bekannt, die gerade in Tschechien in den letzten Jahren zu diesem Thema unternommen wurden [1]. Im Vordergrund der deutschen Wahrnehmung stehen nach wie vor die in Tschechien geführten Debatten über die moralische Bewertung der Vertreibung, die von rhetorischen und politischen Fehlleistungen und Instrumentalisierungsversuchen auf deutscher wie auch tschechischer Seite immer wieder angeheizt werden. Umso begrüßenswerter ist es, dass nun endlich eine der wichtigsten tschechischen Studien zur Situation der Deutschen in der frühen Nachkriegstschechoslowakei in deutscher Übersetzung erschienen ist. Es ist zu hoffen, dass die deutsche historische Forschung an die Ergebnisse dieser zentralen Studie anknüpfen wird, die die Grundlagen für weitreichende Interpretationsansätze bietet.

Tomáš Staněk, Historiker am Slézský ústav Slezkého zemského muzea (Schlesisches Institut des Schlesischen Landesmuseums) in Opava, lässt sich auf die aktuellen politischen Debatten erst gar nicht ein. Sein Anliegen ist, die Behandlung der Deutschen (und anderer der Kollaboration mit den nationalsozialistischen Okkupanten verdächtigter Gruppen) in der Tschechoslowakei nach Kriegsende anhand von Archivquellen und Augenzeugenberichten zu rekonstruieren. Der Wissensstand vor allem über die Ereignisse auf der lokalen Ebene war und ist noch heute dürftig, ein nicht unwesentlicher Teil der publizierten Studien und Memoiren von politischen Interessen geleitet.

Mit dem Ziel, erst einmal eine Basis für eine sachliche Auseinandersetzung über die frühe Nachkriegsgeschichte der Tschechoslowakei zu schaffen, hat Staněk in den letzten Jahren drei Bücher über die Deutschen in der Tschechoslowakei der ersten Nachkriegsjahre vorgelegt, die ein gemeinsames Ganzes bilden: 1991 erschien sein Werk über die Vertreibung der Deutschen, 1996 „Perzekuce 1945“ und im gleichen Jahr der Titel „Tábory“, eine Studie über die Deutschen im Lagersystem der böhmischen Länder 1945-1948 [2].

Perzekuce 1945/Verfolgung 1945, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt, schildert die Lage der Deutschen in den böhmischen Ländern in der Zeit zwischen Mai und August 1945 – also den ersten Monate nach Kriegsende und vor Beginn der organisierten Vertreibung – außerhalb der Internierungs- und Arbeitslager sowie Gefängnisse. Die Darstellung basiert auf der Auswertung umfangreicher Archivbestände, neben Prager Archiven (u.a. dem Staatlichen Zentralarchiv, den Archiven verschiedener Ministerien und dem Archiv der Besiedlungskommission) wurden die Bestände zahlreicher Landes- und Kreisarchive ausgewertet, wichtige Quellen stammen ferner aus den Unterlagen diverser Stellen der Staats- und Sicherheitspolizei.

„Verfolgung 1945“ ist ein außerordentlich materialreiches Buch, dessen Lektüre bisweilen beklemmend ist. Im Hauptteil der Arbeit, dem zweiten Kapitel, schildert Staněk eine Reihe relativ bekannter Ereignisse, bei denen eine große Zahl Deutscher zu Schaden bzw. zu Tode kam, u.a. den „Brünner Todesmarsch“, die Vorfälle in Postelberg im Mai/Juni und in Ústí nad Labem (Aussig) Ende Juli 1945. Er beschreibt aber auch unzählige weniger und auch unter Historikern kaum bekannte Fälle. So entsteht ein dichtes und zugleich differenziertes Bild der Situation der Deutschen in den böhmischen Ländern nach der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland. Diese hing davon ab, ob es sich um Reichsdeutsche handelte, die nach dem „Münchener Abkommen“ von 1938 bzw. der Besetzung der von den Nationalsozialisten so genannten „Rest-Tschechei“ im März 1939 ins Land gekommen waren oder um zuvor ansässige Deutsche; um Zivilisten oder Angehörige der Wehrmacht.

Eine Rolle bei der Behandlung der Deutschen spielte auch deren individuelle Haltung bzw. Funktion während der Besatzungszeit. Der entscheidende Faktor – das macht Staněks Studie überdeutlich – aber war der lokale. An Orten, an denen die deutsche Wehrmacht Gräueltaten verübt hatte, massierten sich auch die Übergriffe gegen Deutsche. Doch oft fehlte auch ein kausaler Zusammenhang, und über das Schicksal der anwesenden Deutschen entschied der Zufall. Opfer von Rache- und Vergeltungsaktionen wurden neben der kollektiv schuldig gesprochenen sudetendeutschen Bevölkerung auch jüdische Bürger, die die nationalsozialistischen Vernichtungslager überlebt hatten, Mitglieder sogenannter „Mischehen“ zwischen Tschechen und Deutschen, österreichische Staatsbürger und viele Antifaschisten.

In dem Chaos, das nach der Befreiung von deutscher Besatzung vor allem in der Verwaltung der noch überwiegend deutsch besiedelten Randgebiete der Tschechoslowakei herrschte, konnten Revolutionsgarden, Partisaneneinheiten und selbsternannte örtliche Potentaten, aber auch gewöhnliche Kriminelle, weitgehend unkontrolliert agieren. Plünderungen, Vergewaltigungen, willkürliche Festnahmen, improvisierte Volkstribunale, Hinrichtungen und Lynchjustiz häuften sich mancherorts. Das traf vor allem auf die Gebiete zu, die von der Roten Armee befreit worden waren. Erst nach und nach bemühte sich die Regierung in Prag, die weitreichenden und oft schlicht nicht definierten Kompetenzen der örtlichen Organe einzuschränken, einheitliche Regelungen durchzusetzen und „unnötige Gewalt“ zu ahnden.

Nicht immer waren diese Versuche erfolgreich. Und nicht immer waren sie ernst gemeint. Wie Staněk zeigt, verbanden sich mit dem Thema „Bestrafung und Vertreibung der Deutschen“ auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche, zum Teil divergierende Interessen: International bemühte sich die tschechoslowakische Regierung in diesen ersten Monaten nach Kriegsende um die Zustimmung der Alliierten zu einer vollständigen Aussiedlung der Deutschen; durch „wilde Vertreibungen“ und erste Transporte in die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands wurden auch früh Fakten geschaffen. Gegenüber den Westalliierten, deren Haltung zu den Plänen der tschechoslowakischen Regierung reservierter war als die der UdSSR, dienten der Volkszorn gegen die Deutschen und vor allem auch Nachrichten über (angebliche) Werwolf-Aktivitäten und deutsche Sabotageakte als wichtige Argumente.

Im innenpolitischen Konkurrenzkampf der vier zugelassenen tschechischen Regierungsparteien buhlte man mit möglichst nationalistischen und radikal antideutschen Slogans um die Wählergunst – auch hier konnte die „deutsche Gefahr“ nicht groß genug erscheinen. Zugleich stellte die Pazifizierung des überwiegend von Deutschen bewohnten Grenzlandes ein wichtige Element der innenpolitischen Machtdurchsetzung dar (das die Kommunisten souverän für sich reklamieren konnten). Funktion und Wirkung von Berichten über Unruhe und Unsicherheit im Grenzland waren hierbei ambivalent: Einerseits konnten diese sich bei der Anwerbung tschechischer Neusiedler als kontraproduktiv erweisen. Andererseits wurden sie häufig auch auf lokaler Ebene als Begründung für neue Maßnamen gegen die vor Ort befindlichen Deutschen herangezogen – für die Räumung ihrer Häuser und ihre Verbringung in Sammel- oder Arbeitslager etwa. So konnte auf das Verlangen der Neusiedler nach Grund und Boden sowie Forderungen von Industrie und Landwirtschaft nach Arbeitskräften reagiert werden. Und nicht zuletzt dienten Nachrichten über deutsche Übergriffe und angeblich geplante Attentate häufig dazu, Unglücksfälle und Verbrechen zu vertuschen, die von Angehörigen der Roten Armee (oder aber auch von Tschechen mit oder ohne Uniform) verursacht worden waren. Denn Negatives über die Befreier durfte nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Die Quellen sprechen also keine klare Sprache. Umso angenehmer ist Staněks vorsichtiger Umgang mit ihnen und seine interpretatorische Zurückhaltung. Immer wieder weist er auf die Lückenhaftigkeit und Unzuverlässigkeit des Materials hin. Gewissermaßen en passant konfrontiert er seine Erkenntnisse – häufig die Einsicht, dass sich der genaue Hergang mancher Vorfälle auf der vorhandenen Materialbasis nicht rekonstruieren lässt – mit der sudetendeutschen und auch der tschechischen Historiographie. Ohne zu polemisieren zeigt er, dass die bisher kursierenden, häufig politisch nutzbar gemachten Geschichtsbilder in nicht wenigen Fällen auf wackeligen Füßen stehen.

Den Schwierigkeiten, die mit der Klärung der historischen ‚Wahrheit‛ verbunden sind, ist auch das dritte Kapitel der Arbeit gewidmet. Hier setzt sich Staněk mit den bisher vorliegenden Schätzungen der Verluste an Menschenleben und Besitz der einstigen deutschen Bevölkerung der Tschechoslowakei auseinander. Obwohl er die von verschiedenen Seiten errechneten bzw. geschätzten Zahlen allesamt für unzutreffend hält, und bezweifelt, dass eine genaue Erhebung der Verluste überhaupt möglich ist, spricht er sich für weitere Bemühungen in diese Richtung aus.

Hier ändert sich Staněks Perspektive, und er gelangt von der peniblen Rekonstruktion der Ereignisse, die den weitaus größten Teil des Buches ausmachen, zu ihrer Einordnung in den Gesamtzusammenhang der Geschichte seit Ende der dreißiger Jahre. Er kommt auf die Ursachen des ungeheuren Verlustes an moralischen Werten zu sprechen, der den übersteigerten antideutschen Nationalismus und die massenhaften Übergriffe gegen deutsche Zivilisten nach Kriegsende möglich machte, schildert die psychischen Folgen, die „München“ und das Erlebnis deutscher Gewaltherrschaft auf die tschechische Gesellschaft hatten. Und er schlägt einen Bogen von der Geringschätzung menschlichen Lebens durch die nationalsozialistischen Okkupanten über die Menschenrechtssituation der frühen Nachkriegszeit in die stalinistischen Jahre, als die Entrechtung wiederum große Gruppen der tschechischen Bevölkerung traf.

So konstatiert er einen Zusammenhang zwischen der Behandlung der Deutschen und anderer der Kollaboration mit den Besatzern verdächtigter Menschen in der frühen Nachkriegstschechoslowakei und der kommunistischen Herrschaft nach dem Februar 1948. Damit nimmt er eine Argumentation auf, die von einem Teil der tschechischen Dissidenten vertreten wurde, die sich in den siebziger und achtziger Jahren mit der Vertreibung auseinander setzten, und damit nicht nur an der Geschichtsdoktrin des sozialistischen Staates rüttelten. Gerade vor dem Hintergrund der in der deutschen öffentlichen Debatte über „Flucht und Vertreibung aus dem Osten“ grassierenden Entkontextualisierung, hätten diese Erläuterungen besser am Anfang des Buches gestanden – zumal sie kein direktes Ergebnis von Staněks Auseinandersetzung mit seinen Quellen sind, sondern eher dazu dienen, seine Erkenntnisse in den historischen Kontext einzuordnen.

Überhaupt wird dem Leser die Lektüre nicht leicht gemacht: Der Verlag gibt ihm keinerlei Informationen über den Autor und sein Werk oder gar dessen Rezeption in Tschechien an die Hand. Ein Vorwort, in dem die historische Situation und zentrale Begriffe erklärt würden, fehlt ebenfalls. Die in den Text eingestreuten Übersetzeranmerkungen können dies nicht ersetzen, sie lassen zudem keine Systematik erkennen und führen nicht einmal einen Bruchteil der zeitgenössischen Termini, der agierenden Parteien u.ä. ein. Dazu kommt die zum Teil mühsam lesbare Übersetzung. Tomáš Staněk ins Deutsche zu übertragen, ist sicher alles andere als eine leichte Aufgabe. Sein Stil ist trocken – wenig erzählend – seine Syntax hochkompliziert. Leider haben sich die Übersetzer sehr eng an das tschechische Original gehalten. Die im Tschechischen durchaus üblichen Häufungen von Substantiven und komplizierten Partizipialkonstruktionen sind, Wort für Wort deutsch wiedergegeben, beim ersten Lesen oft kaum zu verstehen.

Doch lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall. Man kann hoffen, dass das Buch die Rezeption erfährt, die es verdient; und, dass Staněks Appell an die wissenschaftliche Community, sich der Nachkriegsgeschichte der Tschechoslowakei unvoreingenommen und ohne Scheu zu nähern, auf fruchtbaren Boden fällt. Eine Bemerkung im Schlusskapitel, mit der er sich gegen den Verdacht zur Wehr setzt, die eigene Nation durch die Aufdeckung „wenig rühmlicher Momente“ (S. 227) ihrer Geschichte zu schwächen und für die Interesse der Sudetendeutschen Landsmannschaft zu arbeiten, lässt ahnen, auf welche Schwierigkeiten er selbst mit seiner Arbeit immer wieder stößt.

Anmerkungen:
[1] Ein Verzeichnis einschlägiger Publikationen findet sich unter www.collegium-carolinum.de in der Rubrik Dokumente.
[2] Staněk, Tomáš: Odsun Němců z Československa 1945-1947 [Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei 1945-1946]. Praha 1991. – Ders.: Perzekuce 1945. Persekuce tzv. státně nespolehlivého obyvatelstva v českých zemích (mimo tábory a věznice) v květnu – srpnu 1945 [Verfolgung 1945. Die Verfolgung der sog. staatlich unzuverlässigen Bevölkerung in den böhmischen Ländern (außerhalb der Lager und Gefängnisse) zwischen Mai und August 1945]. Praha 1996. – Ders: Tábory v českých zemích 1945-1948 [Lager in den böhmischen Ländern 1945-1948]. Ostrava 1996. – Zur Vertreibung in deutscher Sprache: Ders.: Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei 1945-1948. In: Brandes, Detlef/Kural, Václav (Hgg.): Der Weg in die Katastrophe. Deutsch-tschechoslowakische Beziehungen 1938-1947. Essen 1994, S. 165-186 (Veröffentlichungen des Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa 3/ Veröffentlichungen der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission).

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12.09.2002
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