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Titel
The Family in Modern Germany.


Herausgeber
Pine, Lisa
Erschienen
London 2020: Bloomsbury
Anzahl Seiten
XIII, 245 S.
Preis
£ 76.50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christopher Neumaier, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg / Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Lisa Pines Sammelband „The Family in Modern Germany“ liefert eine gelungene Zusammenschau zur Geschichte der Familie, die sich vom Kaiserreich bis in die Zeit des wiedervereinigten Deutschlands spannt. Die sieben inhaltlichen Beiträge bestimmen, wie sich „die Familie“ aufgrund der mit Industrialisierung, wirtschaftlichen Krisen oder Kriegen einhergehenden Veränderungen, aber auch aufgrund der unterschiedlichen politischen Systeme und ihren jeweiligen gesetzlichen Bestimmungen veränderte. „The family is a fluid institution, not a static one“, betont Pine in diesem Zusammenhang (S. 2). Sie verdeutlicht damit, dass in den jeweiligen Phasen unterschiedliche Familienmodelle debattiert und praktiziert wurden. Gleichzeitig blieb aber gerade die „bürgerliche Kernfamilie“ über weite Teile des 20. Jahrhunderts der normative Bezugspunkt, über den Gesellschaftsvorstellungen verhandelt wurden. Das zeigte sich zum Beispiel, als in der Weimarer Republik anhand von „liberal and progressive family policies“ (S. 2) über den Umgang mit Nichtehelichkeit und Ehescheidung diskutiert oder im Nationalsozialismus sowohl eine rassenideologische Familienpolitik als auch eine „Traditionalisierung“ der Geschlechterrollen etabliert wurden.

Die einzelnen Beiträge sprechen ein breites Themenfeld an, das von normativen Vorgaben über das „ideale“ Familienleben, die Geschlechterrollen sowie das „Ernährer-Hausfrau-Modell“ und die Berufsarbeit der Mütter über die Bedeutung weiblicher Familienvorstände bis hin zur Sexualität reicht. In allen Beiträgen fällt auf, dass Ehefrauen und Mütter – auch bei einer Berufstätigkeit – für Haushaltsführung und Kindererziehung zuständig waren. Vielleicht zeigt sich gerade hier eine zentrale Kontinuitätslinie im 20. Jahrhundert, da sich selbst mit den politischen Debatten um Emanzipation und Gleichberechtigung der Familienalltag meist nicht grundlegend wandelte. Besonders „emotional work in the family“ (S. 3) fiel in die Zuständigkeit der Ehefrauen und Mütter. Die in der Einleitung angesprochene Emotionsarbeit hätte in den einzelnen Beiträgen (stärker) analytisch vertieft werden können, da sie einen Blick auf die Binnenverhältnisse in den Familien offenbart. Damit hätte auch gezeigt werden können, dass die Familie nicht nur eine soziale Institution darstellt, sondern zugleich ein „individuell gestaltetes soziales Beziehungsnetz“.[1] Darüber hinaus hätte noch deutlicher die Bedeutung von „Männlichkeit“ diskutiert werden können. Schließlich handelt es sich beim Geschlecht um eine „Kategorie der Relationen“[2] – die dahinterliegenden Vorstellungen zu „männlichen“ und „weiblichen“ Geschlechterrollen lassen sich erst systematisch benennen, wenn sie miteinander kontrastiert werden.

Die große Stärke dieses Sammelbandes ist wiederum, dass er einen grundlegenden Überblick zur Geschichte der Familie in Deutschland liefert und sich daher als Einführungsliteratur hervorragend anbietet. Neben den politischen Debatten und der staatlichen Regulierung der Familie werden die sozialgeschichtlichen Trends bei den wichtigsten Familientypen, die Größe und strukturelle Zusammensetzung von Familien, aber auch das Verhältnis von Familie und Staat beleuchtet. Zudem sind alle Beiträgerinnen (Männer finden sich nicht darunter) ausgewiesene Expertinnen, die vielfach umfassende Standardwerke zu den von ihnen behandelten Zeitabschnitten vorgelegt haben. Diese Arbeiten bieten sich für eine Vertiefung an.

Zunächst analysiert Gunilla Budde die Familie im Kaiserreich und geht auf die Bedeutung des bürgerlichen Familienideals ein, das insbesondere auch in die Arbeiterschaft sowie in die Sozialdemokratie strahlte und mehrere spezifische Merkmale aufwies. Hierzu zählten Liebe und Zuneigung zwischen den Familienmitgliedern als zentrale Basis, die Zweigenerationalität von Eltern und Kindern und der Rückzug ins Private als Gegenpol zur Arbeitswelt. Damit verbunden war ein Geschlechterrollenideal, wonach der Ehemann als Ernährer für die Berufsarbeit zuständig sei, während sich die Ehefrau und Mutter um Haushaltsführung und Kindererziehung zu kümmern habe. Gerade hier zeigte sich die Differenz zwischen Ideal und Alltag deutlich, da viele proletarische, aber auch kleinbürgerliche Familien auf das Einkommen der Ehefrau angewiesen waren, um ökonomisch zu überleben. Damit ließ sich die Trennung von öffentlichem und privatem Raum nicht realisieren. Zudem zog in diesen Familien die Trias von Haushaltsführung, Kindererziehung und Berufsarbeit für Frauen, aber auch die Pflege der eigenen Eltern bzw. Schwiegereltern erhebliche Belastungen nach sich. Diese nahmen im Kaiserreich weiter zu, als Kirchenvertreter, Sozialmoralisten, Erzieher und Ärzte die Rolle der Mutterschaft ideell überhöhten und außerdem im Zuge der „Entdeckung der Kindheit“ (Philippe Ariès) die Anforderungen an die Kindererziehung stiegen.

Michelle Mouton benennt für die von ihr untersuchte Weimarer Republik „Tradition“ und „Moderne“ als die entscheidenden Pole, zwischen denen die Familie eingespannt war. Während zum Beispiel konservative Akteure aus Politik und Kirche die Familie restaurieren, also das Patriarchat wiederherstellen und die Frauen auf den Binnenraum der Familie verweisen wollten, setzten sich Reformer aus dem linken und liberalen politischen Spektrum für Gleichberechtigung und Emanzipation ein. Beide konträre Positionen verband jedoch die Vorstellung, dass die Familie als soziale Institution für die Zukunft Deutschlands von zentraler Relevanz sei. Die konkrete Familienvorstellung und die familiäre Praxis mussten jedoch ausgehandelt werden, wie die öffentlichen Kontroversen um Ehescheidung, Geburtenrückgang, Berufsarbeit von Müttern und Eugenik zeigen.

Nach 1933 erfolgte eine Neuausrichtung der Familienpolitik auf die rassenideologischen und bevölkerungspolitischen Ziele des Nationalsozialismus, wie Pine selbst anhand zahlreicher Fallbeispiele belegt. Dazu zählten das Ehestandsdarlehen, das Mutterkreuz, strenge Abtreibungsgesetze, die Nürnberger Gesetze oder die Zwangssterilisation. Pine argumentiert dabei, dass die Familie im Nationalsozialismus gerade deswegen eine zentrale Rolle eingenommen habe, da sie als „germ cell of the nation“ galt (S. 91). Eine zentrale Zäsur sieht die Autorin im Kriegsbeginn 1939, als dessen Folge sich die Rahmenbedingungen verschoben. So änderte sich mit der Einberufung der Männer die strukturelle Zusammensetzung der Familien, und das wiederum erhöhte die Belastung für die Ehefrauen und Mütter. Während des Krieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit mussten zudem zahlreiche Familien aufgrund von Evakuierung und Flucht ihren Wohnort verlassen. Weitere Belastungen ergaben sich aus der generellen Zerstörung des Wohnraumes oder der Rückkehr der kriegsversehrten Ehemänner und Väter, die sich aufgrund ihrer Kriegserlebnisse und auch der jahrelangen Trennung von ihrer Familie mit der Wiedereingliederung schwertaten. Dies waren erhebliche physische und psychische Belastungen für alle Familienmitglieder, die gerade während der frühen Nachkriegszeit in einem Anstieg der Ehescheidungen mündeten.

Die Wiederherstellung von „Normalität“ im Lichte der Krisenerfahrungen, zu denen neben den Ehescheidungen uneheliche Geburten genauso zählten wie die „fragility of masculinity in the wake of defeat“ (S. 117), diskutiert Alexandria N. Rubles Aufsatz zur Bundesrepublik der 1950er-Jahre. Sie zeichnet einerseits die Wiederkehr traditioneller Familienvorstellungen nach, die sich im Ideal der bürgerlichen Kernfamilie oder dem „Ernährer-Hausfrau-Modell“ bündelten. Im Fokus der Analyse stehen dabei insbesondere die politischen und juristischen Debatten dieser Zeit. Andererseits verweist Ruble am Beispiel der berufstätigen Frauen immer wieder auf die Abweichungen vom politisch favorisierten Ideal und legt damit offen, wie konträr gesellschaftliche „Normalitätsvorstellungen“ zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen bereits waren.

Zeitlich schließt Sarah E. Summers’ Beitrag an die „konservative“ Adenauer-Zeit an und diskutiert, inwiefern sich Familienleben und Familienpolitik zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren veränderten. Die Beispiele verdeutlichen die Ambivalenzen des sozialen Wandels. Während die Reform des Ehe- und Scheidungsrechts 1977 aufgrund der darin verankerten Gleichberechtigung sowie der Ablösung des Schuldprinzips durch das bis heute gültige Zerrüttungsprinzip als Ausdruck einer Liberalisierung interpretiert werden kann, lässt sich nicht von einem umfassenden Wandel sprechen. Schließlich blieb die bürgerliche Kernfamilie weiterhin der normative Bezugspunkt in den Diskussionen, selbst als der Anteil der nichtehelichen Geburten und die Zahl der Ehescheidungen zunahmen. Auch die familiale Rollenverteilung wurde nicht egalitär geregelt. Vielmehr kam es zu einer graduellen Modifikation des „Ernährer-Hausfrau-Modells“ zum „Ernährer-Zuverdienerin-Modell“. Die Ehefrau und Mutter konnte demnach durch eine Teilzeitarbeit zum Familieneinkommen beitragen. Gleichzeitig war sie aber weiterhin für die Haushaltsführung zuständig. Diesbezüglich dominierten augenscheinlich die Kontinuitäten.

Die Kontrastfolie zur Bundesrepublik liefert Donna Harsch mit ihrem Beitrag zur Geschichte der Familie in der DDR. Im Unterschied zur Bundesrepublik war die vollberufstätige Mutter politisch gewünscht und ökonomisch notwendig. Bei der familialen Aufgabenverteilung hingegen orientierte sich die sozialistische DDR wie die Bundesrepublik am bürgerlichen Ideal. Gerade hier liefen emanzipatorische Ansätze genauso ins Leere wie bei der Gleichstellung von Männern und Frauen im Berufsleben. Als weitere Vergleichspunkte bieten sich ferner Harschs Ausführungen zum Anstieg der Scheidungen und zur Entwicklung der Geburtenrate an, da hier durchaus Unterschiede zur Bundesrepublik vorlagen.

Ein Beitrag von Sigrid Leitner zur Transformationsphase der 1990er- und frühen 2000er-Jahre rundet den Sammelband ab. Die Autorin zeigt eine Annäherung zwischen Ost und West: Zum Beispiel entwickelten sich zusehends Doppelverdienerhaushalte zur Norm, wenngleich berücksichtigt werden muss, dass ein Partner mit der Geburt eines Kindes vielfach temporär die Arbeitszeit reduzierte oder in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis tätig war. Zugleich hielten sich Ost-West-Unterschiede, etwa bei der wesentlich höheren Zahl der nichtehelichen Erstgeburten in den östlichen Bundesländern.

Lisa Pines Sammelband sollte nicht nur von denjenigen zur Hand genommen werden, die sich mit historischen Entwicklungslinien in Konzepten und Praktiken der Familie befassen. Vielmehr ist er für die deutsche Zeitgeschichte insgesamt wie auch für die Sozialwissenschaften ein relevantes Einführungswerk.

Anmerkungen:
[1] Norbert F. Schneider, Grundlagen der sozialwissenschaftlichen Familienforschung – Einführende Betrachtungen, in: ders. (Hrsg.), Lehrbuch Moderne Familiensoziologie. Theorien, Methoden, empirische Befunde, Opladen 2008, S. 9–21, hier S. 12.
[2] Thomas Kühne, Männergeschichte als Geschlechtergeschichte, in: ders. (Hrsg.), Männergeschichte – Geschlechtergeschichte. Männlichkeit im Wandel der Moderne, Frankfurt am Main 1996, S. 7–30, hier S. 11.