P. Richter u.a.: Denkmäler ohne Helden

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Titel
Denkmäler ohne Helden. Erinnerungskultur im Spannungsfeld von Kriegsgedenken und Desertion


Autor(en)
Richter, Peter; Haase, Norbert
Erschienen
Anzahl Seiten
221 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dietmar von Reeken, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Galten Denkmäler noch in den 1970er-Jahren als Gattung ohne Zukunft, so haben uns die zahlreichen Denkmalsprojekte der letzten Jahrzehnte eines Anderen belehrt: Offenbar ist das Bedürfnis in Gesellschaften nach wie vor groß, an Ereignisse, Personen oder Entwicklungen der Vergangenheit in Form eines Monuments dauerhaft zu erinnern, auch wenn die Gestaltungen erheblich variieren und sich von denen früherer Zeiten stark unterscheiden. Wer oder was allerdings als „denkmalswürdig“ gilt, ist keineswegs eindeutig. Während Thomas Nipperdey in seinem für die Denkmalsforschung grundlegenden Aufsatz von 1968 für das 19. Jahrhundert feststellte, Opposition baue keine Denkmäler[1], stammen Denkmalsprojekte heute sowohl aus staatlicher als auch aus gesellschaftlicher Initiative.

Ein gutes Beispiel, wie umstritten die Denkmalswürdigkeit sein kann, ist die Geschichte der Deserteursdenkmäler. Das „Fernbleiben eines Soldaten vom militärischen Einsatz in Kriegs- oder in Friedenszeiten“ (so eine Definition in dem zu rezensierenden Band, S. 31), galt lange Zeit als Verrat an der Nation und an den im Feld verbleibenden Kameraden und damit als strafwürdig. Warum also sollte man Deserteuren ein Denkmal setzen, das ja immer die Vorbildhaftigkeit des zu Ehrenden betont und das Denken und Handeln in Gegenwart und Zukunft beeinflussen will? Von vielen, insbesondere denjenigen, denen die Rolle des Militärs in Staat und Gesellschaft wichtig ist, wird dies daher nach wie vor abgelehnt, weil sie nachteilige Wirkungen auf die aus ihrer Sicht notwendige militärische Disziplin befürchten. Allerdings hat sich die Einschätzung der Desertion in den letzten Jahrzehnten mindestens in zweifacher Hinsicht geändert: Zum einen zeigt der genaue Blick auf die Motive der Desertierenden, dass diese sehr vielfältig sein können und nicht einfach auf einen – antimilitärischen oder gar radikal-pazifistischen – Nenner zu bringen sind. Zum anderen und vor allem hängt die Beurteilung der Desertion auch von den jeweiligen Rahmenbedingungen ab: In einem zutiefst ungerechten, verbrecherischen Krieg, wie es der Angriffs- und Vernichtungskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands ohne Zweifel war, ist die verweigerte Beteiligung an diesem Krieg aus heutiger Sicht nicht zu verurteilen, sondern in einer Umkehrung der früheren Argumentation sogar eher zu begrüßen.

Aber, wie gesagt, diese Einschätzung ist in der deutschen Gesellschaft (wie auch anderswo) keineswegs unumstritten, weshalb Projekte zur Schaffung von Deserteursdenkmälern auch nicht von allen akzeptiert wurden und werden. Die lokalen geschichtskulturellen Aushandlungsprozesse hat Marco Dräger in einer umfangreichen und gründlichen Studie für die Bundesrepublik untersucht.[2] Der hier zu besprechende Band geht einen etwas anderen Weg: Es handelt sich weniger um eine eigenständige Forschungsarbeit, sondern vor allem um eine engagierte Dokumentation des Phänomens. Mit Peter Richter und Norbert Haase haben sich ein Psychologe und ein Historiker gemeinsam dieser Dokumentation gewidmet, was auch den Charakter des Buches prägt, das sich zum einen mit den – in eher geringerem Ausmaß politischen – Ursachen und Motiven der Deserteure befasst (in Kapitel 3 und 4) und sich zum anderen darum bemüht, die meisten Deserteursdenkmalsprojekte in Deutschland und Österreich kurz in Text und Bild vorzustellen (Kapitel 5); eine Karte mit den deutschen Denkmalsorten ergänzt diese Übersicht. Es sind gut 40 Projekte, über deren Auswahl man an wenigen Stellen streiten könnte: Während sich die meisten auf Ereignisse des Zweiten Weltkrieges beziehen und damit einen kohärenten historischen Bezug besitzen, gehen die ersten Beispiele bis ins 18. bzw. 19. Jahrhundert zurück – ob man alle derartigen Denkmäler gemeinsam behandeln sollte, müsste zumindest erörtert werden. Gerahmt wird dies durch eine kurze Darstellung der Erinnerungskultur an Kriege und Gefallene (Kapitel 1; hierzu gibt es allerdings deutlich gründlichere Studien), die sich spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg nachhaltig verändert hat. Kapitel 2 skizziert die rechtliche Behandlung der Desertion in Deutschland und darüber hinaus bis hin zu den Beschlüssen des Bundestags zur Aufhebung der NS-Militärjustiz-Urteile gegen Deserteure 2002 und 2009.

Sehr verdienstvoll ist es, dass die Autoren sich auch denjenigen widmen, die Todesurteile gegen Deserteure vor allem im Zweiten Weltkrieg vollstrecken mussten (Kapitel 6): Dass diese „Kameradentötungen“ (S. 172) Hunderttausende betrafen und bei vielen von ihnen vermutlich nachhaltige Belastungen oder gar Traumatisierungen hervorriefen, ist bislang kaum erforscht worden. Und auch nur an wenigen Hinrichtungsorten gibt es Gedenkobjekte oder gar eine Gedenkpraxis. Das abschließende Kapitel 7 hebt die Bedeutung des Erinnerns an Desertion und die Deserteure gerade angesichts aktueller politischer Entwicklungen hervor, reflektiert aber zugleich, ob alle Desertionen gleich erinnerungswürdig sind oder ob die Erinnerung nicht auch vom Charakter des jeweiligen Krieges abhängt.

Insgesamt bietet der Band ein etwas zwiespältiges Bild: Einerseits behandelt er ein wichtiges Thema, das mit Marco Drägers Studie noch längst nicht ausreichend erforscht ist; seine auch aktuelle Relevanz ist unbestritten, und das Buch spiegelt ein großes Engagement der Autoren wider, was sich nicht zuletzt in eindeutigen Wertungen zeigt. Die Verbindung eines Psychologen und eines Historikers ermöglicht die Einbeziehung eines breiten Spektrums an Aspekten; das in der Öffentlichkeit, der Erinnerungskultur und manchmal auch der Forschung dominante Bild einer politischen Motivation der Deserteure wird durch die Darstellung vieler Fallbeispiele von betroffenen Menschen erheblich differenziert. Die Dokumentation der Erinnerungslandschaft ist verdienstvoll; sie macht die Denkmäler und ihre Kontexte sicht- und diskutierbar. Immer wieder (wenn auch unsystematisch) eingestreute Seitenblicke auf die Erinnerungspraxis in anderen Ländern ermöglichen es, die deutsche Perspektive zu erweitern.

Andererseits ist es bedauerlich, dass die Breite der Dokumentation häufig zu einer mangelnden Tiefe der Behandlung einzelner „Fälle“ führt. Vielfach ist die Grundlage für die Darstellung, jedenfalls ausweislich der Belege, außerordentlich schmal. Manchmal handelt es sich nur um einzelne Internetseiten, Wikipedia-Artikel oder Zeitungsbeiträge. Zudem ist die Argumentation nicht immer ganz nachvollziehbar. Um nur einige Beispiele zu nennen: Wozu dient die Abbildung eines Denkmals für Hexenprozesse in Bernau im Kontext der Behandlung eines Deserteursdenkmals (S. 133)? Inwiefern ist es relevant für die Darstellung der Entstehung des Ulmer Deserteursdenkmals, das 2005 eingeweiht wurde, dass in der Stadt 1930 der „Ulmer Reichswehrprozess“ oder 1944 eine Trauerfeier für Erwin Rommel veranstaltet wurden (S. 106)? Und was trägt der Auszug aus einem Roman für die Argumentation zu den Tötungsorten und Tötungskommandos bei (S. 172f.)? Schließlich wäre stellenweise auch eine etwas größere sprachliche Sensibilität angebracht; zumindest müsste reflektiert werden, ob man „Übermalungen und Beschmutzungen“ von Denkmälern mit „heroische[r] Darstellung“ wirklich als „Schändung“ (S. 27) bezeichnen sollte. Es handelt sich ja häufig um einen durchaus legitimen Protest gegen die in Stein gemeißelte frühere Heroisierung des Krieges, über dessen Methode allerdings in der Tat kritisch diskutiert werden kann.

Anmerkungen:
[1] Thomas Nipperdey, Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: Historische Zeitschrift 206 (1968), S. 529–585.
[2] Marco Dräger, Deserteur-Denkmäler in der Geschichtskultur der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main 2017; vgl. die Rezension von Bernd Bühlbäcker, in: H-Soz-Kult, 20.07.2018, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-25959 (13.03.2020).