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Titel
Stumme Medien. Vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft


Autor(en)
Simanowski, Roberto
Erschienen
Berlin 2018: Matthes & Seitz
Anzahl Seiten
299 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörn Glasenapp, Lehrstuhl Literatur und Medien, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Als einer der weltweit besten Kenner der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Konsequenzen der Digitalisierung im Allgemeinen und der sozialen Medien im Speziellen hat sich Roberto Simanowski in den letzten Jahren vielfach profiliert – unter anderem in seinen Essays und Essaysammlungen „Data Love“ (2014), „Facebook-Gesellschaft“ (2016) und „Abfall: Das alternative ABC der neuen Medien“ (2017). In ihnen gibt sich der Autor als äußerst kritischer und zumal an Theodor W. Adorno und der Kritischen Theorie geschulter Beobachter der neuen Medien zu erkennen. Mit Umberto Eco würde man womöglich sagen, Simanowski sei wie der Philosoph Byung-Chul Han, mit dem er so manches Argument teilt, ein Medienapokalyptiker. Als ein solcher kritisiert er unter anderem das permanente Lustversprechen von Facebook und vergleichbaren Diensten, macht auf die panoptischen Konsequenzen der allseits grassierenden Datensammelleidenschaft aufmerksam, rügt den reflexhaft-kritiklosen, notorisch von Eile getriebenen Like/Dislike-Binarismus, beklagt das Ende der Expertokratie zugunsten eines begründungslosen Populismus der Zahl sowie den Verfall nuancierter, auf Ratio und Reflexion gegründeter Diskurspraktiken. Klar ist, dass ihm nichts ferner liegt als jene in „Stumme Medien“ gleich mehrmals als Negativfolie bemühte Losung, mit der die FDP unter Parteichef Christian Lindner 2017 in den Bundestagswahlkampf zog: „Digital first. Bedenken second“.

Einleuchtende Argumente, und zwar zuhauf, dafür, dass ein „Bedenken first. Digital second“ viel eher geboten wäre, weiß Simanowski auch in „Stumme Medien“ vorzubringen, einer elegant und zugleich kraftvoll-pointiert geschriebenen Studie, deren Klappentext sie als „überfällige[n] Debattenbeitrag zur Zukunft der Bildung und der Demokratie im Internetzeitalter“ ausweist – zu Recht. Schließlich zielt das Buch dezidiert auf den Bereich der Pädagogik ab. Ja, es richtet sich auch und durchaus vor allem an Lehrerinnen und Lehrer oder diejenigen, die die Schwerpunktsetzung schulischer Curricula zu verantworten haben, wobei der ausgebildete Lehrer für Deutsch und Geschichte Simanowski – wie einst der Ikonophobiker und Fernsehverächter Neil Postman – darauf insistiert, dass der wirksamste Schutz vor demokratiegefährdenden, medieninduzierten Entwicklungen, vor Filterblasen, Falschmeldungen und Twitter-Demagogen à la Donald Trump, von einer angemessenen schulischen und universitären Medienbildung zu erwarten sei.

Von einer solchen könne derzeitig jedoch in Deutschland nicht im Entferntesten die Rede sein, so Simanowskis Ausgangsthese, die besagt, „dass der Umgang der Bildungsinstitutionen mit den neuen Medien nicht nur von erschreckender Unkenntnis geprägt ist, sondern auch von enttäuschender Fantasielosigkeit, übertriebener Angst und beträchtlichem Opportunismus“ (S. 12). Nicht zuletzt die genaue Lektüre der Strategiepapiere der Kultusministerkonferenz zeige unverkennbar: Den Bildungsanstrengungen in Sachen Digitalität gehe es hierzulande primär um Anwendbarkeit und Verwertbarkeit, sie seien zumal wirtschaftsbezogen ausgerichtet, ihr Ziel folglich nicht der geistig-sittlich gebildete Mensch im Humboldt’schen Sinne, sondern der arbeitsmarktgerecht ausgebildete Bürger. Kein Wunder also, so folgert Simanowski, dass es vor allen Dingen die Mediennutzungskompetenz ist, die Fertigkeit also, Medien zielsicher und effektiv einzusetzen, auf die die derzeitige Medienbildung abziele, und dass demgegenüber das Bemühen um die Förderung von Medienreflexionskompetenz, die das fundierte Verständnis für die kulturstiftende Funktion der neuen Medien in den Fokus rückt, eklatant zu kurz komme. „Sowohl in der Schule als auch an den Universitäten“, fordert Simanowski, „darf der vermehrte Einsatz der neuen Medien – als Unterrichtsmittel und Forschungsinstrument – nicht das Reden über sie verdrängen.“ (S. 23) Doch genau dies geschehe – mit dem Resultat, dass die Bildungsinstitutionen das im Titel der Studie angeführte Verstummen und Verschwinden der digitalen Medien und Computer fördern, das heißt die Tatsache, dass Letztere und ihre gesellschaftsverändernden, um nicht zu sagen: disruptiven Potenziale wie der Poe’sche Brief unter aller Augen aus dem Blick geraten. Verständlich ist, dass Simanowski (auch) an dieser Stelle auf Marshall McLuhan verweist, dessen Behauptung, das Medium (und nicht das durch es Vermittelte) sei die Botschaft, letztlich alle Überlegungen Simanowskis zu den neuen und sozialen Medien, auch die hier zur Diskussion stehenden, massiv bestimmt.[1]

Das Gesagte in Rechnung gestellt, vermag es nun kaum zu überraschen, dass Simanowski dem enormen Erfolg, den die Digital Humanities seit nunmehr geraumer Zeit für sich verbuchen können, nur sehr wenig abzugewinnen vermag. Und so liest sich das dritte, „Medien und Universität“ überschriebene Kapitel über weite Strecken als ziemlich vernichtende, dabei aber sorgfältig argumentierende Kritik an den Digital Humanities. Deren Entstehung in den 1990er-Jahren weist Simanowski nicht zuletzt als eine Antwort auf ein Bedürfnis nach faktisch nachprüfbaren „Wahrheiten“ aus, das die mit ihrem konsequenten methodischen Skeptizismus „wahrheitsunfähig“ gewordenen, zudem speziell in ihrer postmodernen Hochphase auf argumentative Klarheit mitunter gern verzichtenden Geisteswissenschaften nicht mehr zu befriedigen vermochten (vgl. S. 160–162). Ihrem hieraus resultierenden gesellschaftlichen Relevanzverlust hätten die auf dem Prüfstand stehenden, nicht zuletzt von Stellenkürzungen bedrohten Geisteswissenschaften, so Simanowski, entgegenzutreten versucht, indem sie sich den sogenannten harten Wissenschaften, allen voran der Informatik, andienten. Mochte manch ein Digital Humanist auch auf eine „Expansion geisteswissenschaftlicher Werte und Praktiken – das Denken jenseits absoluter Wahrheitsansprüche, die Prinzipien eines relativistischen, multiperspektivischen Zugangs zum Wissen“ (S. 163) – gehofft haben, so sei diese letztlich nicht eingetreten, eher das genaue Gegenteil. Denn, so Simanowski, der sich hier unter anderem auf Johanna Drucker beruft, „[a]ls digitale Geisteswissenschaften absorbieren diese Methoden der Datenverarbeitung und -visualisierung, die positivistisch, mechanistisch und reduktiv sind. Der Eintrittspreis in das Reich der ernsthaften Forschung ist die Überwindung der Ambiguität, diesem ‚Markenzeichen‘ geisteswissenschaftlichen Arbeitens.“ (S. 163–164) Entsprechend macht Simanowski den Digital Humanities zum Vorwurf, dass auch sie einen „Blick durch statt auf die neuen Medien“ (S. 165) pflegen, dass sie – ab ovo theorieabstinent wie die Bibliotheks- und Archivwissenschaften, denen sie entstammen – ein Einfallstor für einen neuen Positivismus bilden, indem sie beispielsweise in distant reading-Verfahren die Lektüre an Suchmaschinen und Algorithmen delegieren, und dass sie den Geisteswissenschaften gleichsam die kritischen Zähne ziehen. „Das Politikum der Digital Humanities“, so resümiert Simanowski, „besteht darin, sich dem Politischen, dem die Theoriebildung in den Geisteswissenschaften selten entkommt, entziehen zu wollen“ (S. 188), was sie genau genommen wieder hoch politisch macht, wenn auch natürlich nicht im vom Autor favorisierten Sinne.

Besonders deutlich wird dies zumal gegen Ende der Studie, die sich hier immer mehr von ihrem zuvorderst medienwissenschaftlichen/-theoretischen Zuschnitt löst und sich, argumentativ munitioniert unter anderem durch Positionen Paul Ricœurs, Frederic Jamesons und erneut Adornos, zu einer furiosen Apologie der Geisteswissenschaften auswächst, die der Autor voll bewusst gesetztem, dem kämpferischen Ansatz des Buches gut zu Gesicht stehenden Pathos zum „kritische[n] Gewissen der Gesellschaft“ (S. 155) er-, wenn nicht gar als solches verklärt. Keine Frage: Roberto Simanowski hat ein weiteres wichtiges, enorm thesenstarkes Buch geschrieben, das ich mit Blick auf die Debatte um die Medienbildung im digitalen Zeitalter sowie den Wert der Digital Humanities als in jeder Hinsicht essenziell bezeichnen möchte.

Anmerkung:
[1] Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle. Understanding Media, Dresden 1995 (1964).

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21.01.2020
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