Cover
Titel
Freiheitskämpfer, Terroristen, Demokraten und Faschisten. Politische Gewalt aus der Perspektive irischer und baskischer Nationalisten


Autor(en)
Seibert, Sebastian
Reihe
Mikropolitik der Gewalt 14
Erschienen
Frankfurt a.M. 2019: Campus Verlag
Anzahl Seiten
526 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Robert Wolff, Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt am Main

„Mag Gewalt selbst auch nicht sprechen, so sagt das Sprechen über politische Gewalt doch viel über den ihr zugrundeliegenden Konflikt aus.“ (S. 476) Mit diesen sehr treffenden Worten beendet Sebastian Seibert seine hervorragende Studie zur politischen Gewalt aus der Perspektive irischer und baskischer Nationalisten zwischen den späten 1960er-Jahren und 2011. Seibert ergänzt mit seiner Studie aktuelle Forschungen zur Historisierung politischer Gewalt in Nordirland und im spanischen Baskenland.[1] Er erweitert mit seiner Arbeit die verschiedenen, häufig auf eine bewaffnete Gruppe fokussierten und zumeist politikwissenschaftlichen Analysen politischer Gewalt um eine gewinnbringende vergleichende Studie zur „sprachliche[n] Eingebundenheit politischer Gewalt“ und damit zum „Verhältnis von Gewalthandeln und Kommunikation“ (S. 13).

Die Studie ist nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut und umfasst insgesamt acht gut strukturierte Kapitel. Mit Ausnahme der Einleitung endet jedes der Kapitel mit einem Zwischenresümee, in dem die wichtigsten Erkenntnisse überwiegend pointiert, zum Teil jedoch mit inhaltlichen Wiederholungen zusammengetragen werden. Der Untersuchungszeitraum der Studie umfasst die Zeit zwischen den Neuordnungen der politischen Verhältnisse ab Ende der 1960er-Jahre/Anfang der 1970er-Jahre und den Erklärungen zum Ende des „bewaffneten Kampfes“ im Jahr 2005 (Nordirland) und 2011 (spanisches Baskenland) (S. 20–22). Auf den inhaltlichen Teil folgt ein besonders positiv, weil zu selten vorzufindender umfangreicher Anhang mit Abkürzungsverzeichnis, Glossar, Zeittafel zu beiden Krisenregionen sowie einer gut strukturierten Übersicht zu den politischen Regierungen im Untersuchungszeitraum.

Seibert selbst verortet seine Studie nicht in der sogenannten „Terrorismusforschung“. Er kritisiert in der Einleitung zurecht an der „traditionellen Terrorismusforschung“ den „unreflektierten Gebrauch des Begriffs Terrorismus“ (S. 29). Folgerichtig verwendet Seibert den Begriff „Terrorismus“ nur als Quellenbegriff. Aus der Beobachtung des Soziologen Frank Burton, dass es sich bei der Unterstützung von bewaffneten Gruppen nicht um eine statische, sondern um eine „komplexe Variable, die von den jeweiligen Handlungen der verschiedenen Akteure in dem Konflikt abhing“ (S. 12), handelte, leitet Seibert seine Ausgangshypothese der Studie ab. Dass sich die „langjährige Unterstützung von Gewaltanwendung durch einen erheblichen Teil der Bevölkerung der untersuchten Regionen […] nur vor dem Hintergrund der Perzeption dieser Gewalt und anderer als gewalttätig wahrgenommener Maßnahmen erklären“ lässt, überzeugt auf ganzer Linie (S. 12–13). Ziel der Studie ist es folglich, „mithilfe des intergesellschaftlichen Vergleichs über die einzelnen Fälle hinausweisende Schlussfolgerungen in Bezug auf das Sprechen über politische Gewalt und dessen Konsequenzen für deren Anwendung in vergleichbaren Kontexten und damit für die Dynamik ähnlich gelagerter Konflikte zu ziehen“ (S. 22). Seiberts erste zentrale Fragestellung beschäftigt sich mit den Gründen der Fortführung politischer Gewalt nach dem Übergang in demokratisch verfasste Gesellschaften. Die zweite zentrale Fragestellung gilt den Gründen der Einstellungen politischer Gewalthandlungen im spanischen Baskenland und in Nordirland, „obwohl die bewaffneten Gruppen ihre Kernziele nicht erreicht hatten“ (S. 13).

Die Einleitung der Studie ist nachvollziehbar und zielführend aufgebaut. Die Auswahl und Erläuterungen zum Quellenkorpus, das im Wesentlichen auf Printmedien mit irisch- respektive baskisch-nationalistischer Ausrichtung und auf Plakate, Wandbilder und Graffitis aufbaut, ist nachvollziehbar und beeindruckt in der Analyse durch unterschiedliche Perspektiven und Reaktionen auf verschiedene Formen politischer Gewaltanwendungen. Leider finden sich im Kapitel zur ereignisgeschichtlichen Einführung (S. 56–73) keine weiterführenden Literaturhinweise, die besonders für ein breiteres Zielpublikum wünschenswert gewesen wären. Anhand von insgesamt sechs Themenblöcken, die gleichzeitig die Kapitelüberschriften darstellen, kann Sebastian Seibert überzeugend herausarbeiten, wie divers die Gewaltdiskurse der irischen und baskischen Nationalisten geführt wurden. Die Zahl der Akteur:innen, die in den jeweiligen Kontexten, zu verschiedenen Zeiten und je nach Ereignislagen eine Vielzahl von Wahrnehmungen und Deutungen äußerten, zeigt, wie gespalten von Beginn an die Frage der Beurteilung von Gewaltanwendungen, aller regionalen Unterschiede zum Trotz, im spanischen Baskenland und in Nordirland waren. Dass die Abweichungen in der Beurteilung der Anwendung von Gewalt innerhalb beider nationalistischen Bewegungen einerseits mit divergierenden grundsätzlichen Einstellungen hierzu und andererseits mit unterschiedlichen Lagebeurteilungen einhergingen, kann Seibert anhand der verschiedenen Themengebiete und der damit verbundenen Topoi präzise herausarbeiten.

Es gelingt dem Autor, über die Analyse verschiedener Quellen „relativ klar voneinander abgrenzbare Diskursgemeinschaften“, einen „gemäßigt-nationalistischen“ und einen „radikal-nationalistischen Teildiskurs“, sichtbar zu machen (S. 436). Seibert bricht die damit verbundenen staatlichen Konstruktionsprozesse einer vermeintlich hegemonialen Unterstützer/innenszene auf und stellt dar, wie sich je nach zeitlichen und örtlichen Kontexten die ideologischen und konzeptionellen Differenzen innerhalb der Bewegungen im Umgang mit der Frage der Gewaltanwendung veränderten. Dem Autor gelingt es im weiteren Verlauf seiner Analyse, diskursive Bestandteile herauszuarbeiten, die innerhalb der gewaltanwendenden baskischen und irischen Nationalbewegung(en) alle Teildiskurse durchzogen und zum Teil auch von den gemäßigten Nationalisten geteilt wurden. Gleichzeitig gelingt es Seibert anhand der Analyse der zeitgenössischen Quellen, Argumente und Sprechweisen aufzuzeigen, die von Anfang an oder ab einem bestimmten Punkt, je nach zeitlichem und örtlichem Kontext, zur Delegitimierung von politischer Gewalt von Personen der nationalistischen Diskursgemeinschaften vorgebracht wurden. Damit verbunden waren auch, wie Seibert ebenfalls überzeugend darstellen kann, klar definierte Rahmenbedingungen und Formen der politischen Gewaltanwendung, die bei gelegentlicher oder dauerhafter Überschreitung zur Einstellung der Unterstützungsleistung führten. Mit den Jahren und aufgrund von politischen, gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen verloren die Stimmen, die die Gewaltstrategie der bewaffneten Gruppen als alternativlos bezeichneten, zunehmend an Wirkmacht; die vormals unterstützenden Diskursgemeinschaften hätten sich auch deshalb von den bewaffneten Gruppen abgewandt. Dies habe, so Seibert, im Zusammenspiel mit Veränderungen der staatlichen Reaktionen zur Einstellung der Gewalt geführt (S. 474–476).

Ob der bewaffnete Kampf nur so lange fortbestehen konnte, weil die Gewalt von einem „nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung lange Zeit als legitim angesehen wurde“ (S. 11), müsste noch weiter untersucht werden und lässt gewisse Zweifel offen. Zwar kann Seibert sehr nachvollziehbar darstellen, dass die Abkehr eines Teils der vormals gemeinsamen Diskursgemeinschaft mit der Veränderung des Einsatzes politischer Gewalt korrelierte. Dennoch gibt es genug Beispiele politischer Gewaltgemeinschaften, die trotz der Ablehnung großer Teile der Bevölkerung zum Teil über Jahrzehnte bestehen konnten. Gruppen wie die Rote Armee Fraktion (RAF) konnten selbst dann weiterbestehen, wenn die eigene, vormals eher positiv gestimmte Diskursgemeinschaft sich schon längst massiv öffentlich abgegrenzt hatte, weil es u.a. funktionierende klandestine Logistikstrukturen gab. Dennoch gelingt es Sebastian Seibert durchgehend, den Fokus seiner Analyse auf die öffentlichen Aushandlungsprozesse der beiden nationalistischen Bewegungen im Umgang mit politischer Gewalt zu legen. Damit füllt der Autor eine bisher bestehende Forschungslücke, die diverse Anknüpfungspunkte an viele weitere noch ausstehende Studien zu diskursiven Aushandlungsprozessen im Umgang mit politischer Gewalt, u.a. auch in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, bereithält.

Anmerkung:
[1] Vgl. u.a. Joseph Ruane / Jennifer Todd, Multiple Temporalities in Violent Conflicts: Northern Ireland, the Basque Country and Macedonia, in: Lorenzo Bosi / Niall Ó Dochartaigh / Daniela Pisoiu (Hrsg.), Political Violence in Context. Time, Space and Milieu, Colchester 2015, S. 43–66; Niall Ó Dochartaigh, The Radical Milieu and Mass Mobilisation in the Northern Ireland Conflict, in: ebd., S. 237–251; Lorenzo Bosi / Gianluca de Fazio (Hg.), The Troubles in Northern Ireland and Theories of Social Movements, Amsterdam 2017; Annabel Martín / María Pilar Rodríguez, Tras Las Huellas Del Terrorismo en Euskadi: Justicia Restaurativa, Convivencia y Reconciliación, Madrid 2019.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.08.2021
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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