F. Jobard u.a. (Hrsg.): Politische Gewalt im urbanen Raum

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Titel
Politische Gewalt im urbanen Raum.


Herausgeber
Jobard, Fabien; Schönpflug, Daniel
Erschienen
Anzahl Seiten
VIII, 224 S.
Preis
€ 89,95
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
David Templin, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), Universität Osnabrück

Der vom Soziologen Fabien Jobard und dem Historiker Daniel Schönpflug vorgelegte Sammelband zu politischer Gewalt im urbanen Raum geht auf eine Konferenz des Hamburger Instituts für Sozialforschung in Kooperation mit dem Verbundprojekt „Saisir l´Europe – Europa als Herausforderung“ vom Februar 2015 zurück. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen sind die Debatten um gewaltförmige Proteste und Unruhen in europäischen Großstädten in der jüngsten Vergangenheit, die die beiden Herausgeber in ein Verhältnis zum städtischen Raum setzen wollen. Die neun Beiträge des Bandes argumentieren primär politikwissenschaftlich oder aus der Perspektive der politischen Soziologie, auch wenn in einzelnen Beiträgen historische Entwicklungslinien eine Rolle spielen.

Gegliedert ist der Band in drei Abschnitte. Diesen voran steht eine instruktive Einführung Schönpflugs in historische wie sozialwissenschaftliche Forschungen und Reflexionen zu den räumlichen Dimensionen städtischer Gewalt. Dabei knüpft er an die Überlegungen des Philosophen Henri Lefebvre zu den Dimensionen des Urbanen an, grenzt sich aber von dessen Fokus auf Klassenkämpfe ab. Auch wenn Lefebvres Theorie sicherlich im Kontext ihrer Zeit zu verorten ist und keine Blaupause für heutige Analysen darstellen kann, irritiert der mehrfach wiederholte Vorwurf des „Determinismus“ (S. 3) etwas – ging es Lefebvre doch explizit darum, ein orthodoxes und ökonomistisches Verständnis des Marxismus zu überwinden.[1] Unter dem Titel „Podium: Gewalt und Politik“ werden im Anschluss zwei konkurrierende Deutungsangebote zur Einordnung „städtischer Gewalt“ präsentiert. Es folgen jeweils drei Beiträge zu „Stadtentwicklung und Gewalt“ und zum Aspekt der „Territorialität“, wobei es bei Letzteren in erster Linie um das polizeiliche Agieren gegenüber Demonstrationen und als verdächtig eingestuften Jugendlichen geht.

Im ersten Teil des Bandes plädiert Jobard für eine Deutung städtischer Gewalt als hochgradig politisch und strategisch. In sechs Thesen wendet er sich gegen die Entpolitisierung solcher Gewaltphänomene. In diesen kämen vielmehr Distanzierungen vom politischen System zum Ausdruck. Sie bildeten zudem Reaktionen auf Transformationsprozesse des urbanen Raumes, auch wenn sie letztlich nicht revolutionär, sondern lediglich lokal wirkten. Auch wenn Jobards Aufsatz einige wertvolle Anregungen bietet, scheint an manchen Stellen ein merkwürdig hypostasierendes Raumverständnis auf, wenn er im Raum etwa den „Ursprung“ (S. 49) städtischer Gewalt erblickt, diesem eine prägende Kraft zuschreibt oder islamistische Massaker in Paris auch als „Ausdruck von vierzig Jahren Stadttransformationen“ deutet (S. 55). Jan Philipp Reemtsmas Aufsatz über „Gewalt als attraktive Lebensform“ bietet den Gegenpol zu Jobards Thesen. Dabei fällt der essayistische Beitrag sowohl stilistisch aus dem Rahmen des Bandes als auch inhaltlich, da Reemtsma die sozialpsychologische These vertritt, das charakteristische Merkmal von „Gewaltmilieus“ sei die „Selbstermächtigung zur Grenzenlosigkeit“ (S. 65), als durch eine Gruppe verliehene, narzisstische und lustbesetzte Ausübung von Gewalt. Angereichert wird diese These mit allerhand literarischen Bezügen. Der städtische Raum spielt für Reemtsmas Überlegungen keine Rolle, stattdessen sind für ihn die Unruhen in den Banlieues, die Rote Armee Fraktion und der Islamische Staat Ausdrücke ein und desselben psychischen Phänomens: Sie seien „selbstverständlich nicht dasselbe […]. Aber was heißt das schon?“ (S. 64) Indem Reemtsma die Suche nach Erklärungen explizit ablehnt, verwirft er auch historische Kontextualisierungen und Differenzierungen zugunsten eines Containerbegriffs „Gewaltmilieu“, für deren Akteur/innen er primär intellektuelle Verachtung übrighat.

Der Beitrag des Politikwissenschaftlers Renaud Epstein knüpft wiederum an die Ausgangsüberlegungen der Herausgeber zum Zusammenhang von städtischen Unruhen und Transformationen des urbanen Raumes an. Dabei setzt er sich mit der von Lefebvre und anderen linken Stadtforscher/innen vertretenen These auseinander, großflächige Sanierungsprojekte seien nach dem Muster des Stadtumbaus von Paris unter Haussmann primär „konterrevolutionär“ orientiert gewesen. Mit Blick auf drei „Wellen“ städtischer Erneuerungsmaßnahmen in französischen Städten zwischen dem 19. und dem frühen 21. Jahrhundert zeigt Epstein auf, dass diese Deutung insgesamt nicht haltbar ist. Auch wenn sicherheitspolitische Überlegungen in Stadterneuerungsprojekten durchaus eine Rolle spielten, seien Aspekte von Hygiene oder sozialreformerische Ziele wie die „soziale Durchmischung“ (S. 79) entscheidender gewesen. Mit Blick auf die Unruhen von 2005 konstatiert er jedoch, dass die zuvor erfolgten Stadterneuerungsmaßnahmen Gefühle von Ohnmacht und Misstrauen gegenüber dem Staat verstärkt hätten.

Die aufschlussreichen Beiträge von Moritz Rinn sowie Daniela Hunold und Jacques de Maillard behandeln die Formen und Auswirkungen polizeilicher Kontrollen von Jugendlichen, die als ethnisch anders wahrgenommen werden – und damit ein Thema, das aktuell weltweit in den öffentlichen Fokus gerückt ist. Hunold und de Maillard untersuchten in einer teilnehmenden Beobachtung anlasslose Kontrollen durch Polizeibeamtinnen und -beamte in Deutschland und Frankreich. Zugrunde lägen diesen Kontrollen polizeiliche Handlungs- und Deutungsmuster der Kriminalitätsbekämpfung, des Autoritätserhalts und der Informationssammlung, die auf polizeilicher Seite zudem mit spezifischen Wahrnehmungsmustern des urbanen Raums verbunden seien. Einzelne Orte und Straßenzüge oder, wie in Frankreich, ganze Stadtviertel erschienen dabei als bedrohliche Territorien. Polizeiliche Kontrollen und die mit ihnen einhergehenden Interaktionen wirkten als Auslöser urbaner Krawalle. In ihrer Studie kommen Hunold und de Maillard zu dem Ergebnis, dass Angehörige ethnischer Minderheiten in Frankreich deutlich häufiger von solchen Kontrollen betroffen sind als in Deutschland, wo die Forscher/innen kein „ethnic profiling“ erkennen können. Moritz Rinns Beitrag präsentiert gewissermaßen die Gegenthese, indem er an einer Kette von Ereignissen, die sich 2013 im Hamburger Bezirk Altona abspielte, aufzeigt, dass es auch in deutschen Großstädten durchaus vergleichbare polizeiliche Kontrollpraktiken gibt. Mit Blick auf die „Unruhen“ in Altona, die von der Dimension her allerdings kaum mit den französischen Ereignissen von 2005 zu vergleichen sind, kritisiert Rinn ein verbreitetes „riot narrative“ (S. 98), das einerseits die Differenzen des deutschen im Vergleich zum französischen Fall überbetone und andererseits in räumlicher Segregation die Ursache sozialer Konflikte ausmache. Mit Blick auf aktuelle Aufwertungstendenzen in Hamburg-Altona, aber auch rassismuskritische Stimmen lokaler Akteur/innen deutet Rinn die Ereignisse als Konflikt um die „alltägliche urbane Präsenz“ (S. 111) und die Aneignung des städtischen Raumes durch Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Während sich die meisten Beiträge des Bandes Fallbeispielen aus französischen und/oder deutschen Städten widmen, geht es in Laurent Fourchards Text um das Phänomen des Vigilantismus, also nicht-staatliche bewaffnete Sicherheitsorganisationen, in Afrika. Fourchard vergleicht dafür die historischen Hintergründe bewaffneter Bürgerwehren in der Apartheid-Siedlung Cape Flats (Kapstadt, Südafrika) und im historischen Stadtkern von Ibadan (Nigeria). In beiden Fällen reagierten Bewohner/innen auf Kriminalität, indem sie bewaffnete Gruppen ins Leben riefen, die gleichzeitig moralische Normen propagierten und durchzusetzen bestrebt waren. Während die Bedrohung im historisch gewachsenen Quartier Ibadan allerdings in Form von Einbrüchen „von außen“ kam, reagierten die Akteure in Kapstadt auf ein „Klima der Unsicherheit“ (S. 123), das sich in der tristen Neubau-Siedlung an der Peripherie mit der Gang-Gewalt lokaler Jugendlicher verbreitet hatte. Fourchards aufschlussreicher Beitrag endet mit einem längeren Abschnitt zum Wandel in Cape Flats nach 1994 und dem Verhältnis der Vigilanten-Organisationen zu staatlichen Institutionen und politischen Parteien. Leider geht dabei der Vergleich zu den Entwicklungen in Ibadan und der Fokus auf die Bedeutung des Urbanen etwas verloren.

Schließlich bietet der Band zwei Beiträge, die sich dem polizeilichen Umgang mit Demonstrationen und politischen Protesten widmen. Anne Nassauer untersucht „territoriale Eingriffe“ (vgl. zur Definition S. 154) bei Demonstrationen in Deutschland und den USA zwischen 1960 und 2010, von denen sie insgesamt 30 mithilfe von Videoauswertungen und vergleichenden Analysen untersucht hat. Dabei fragt sie nach „Raumaushandlungen“ und der Relevanz situativer Dynamiken für die Entstehung von Gewalt, um zu dem Schluss zu kommen, dass das Eindringen einer Akteursgruppe in den zuvor ausgehandelten Raum der jeweils anderen einen wichtigen Faktor für gewalttätige Auseinandersetzungen darstellt. Während Nassauer überzeugend nach konkreten Raumdynamiken im Verhältnis von Polizei und Protestakteuren fragt, spielt der Aspekt des Raumes für Gilles Descloux, Olivier Fillieule und Pascal Viot in ihrer Untersuchung polizeilicher Strategien im Umgang mit Großdemonstrationen keine größere Rolle. Sie vertreten die These, dass sich in den letzten Jahren auf europäischer Ebene neue Modelle im Umgang mit Demonstrationen durchgesetzt hätten, die einerseits auf Kommunikation setzten und undifferenzierte Gewaltanwendung zu vermeiden suchten, andererseits darauf zielten, mit Methoden wie „selective incapacitation“ (frühzeitige Identifizierung und Abwehr potenzieller Demonstrant/innen, die als Risiko eingestuft werden) gegen spezifische Protestteilnehmer/innen vorzugehen.

Insgesamt bietet der Band eine interessante, aber auch etwas heterogene Zusammenstellung von Beiträgen, von denen sich die einen dem Zusammenhang von gewaltförmigem Protest und Stadtumstrukturierung widmen, während die anderen den Fokus auf das polizeiliche Agieren richten. Der Begriff der „städtischen Gewalt“, der im Band verhandelt wird, scheint mir dabei sehr stark dem Bild der Pariser Banlieue-Unruhen von 2005 und vergleichbarer Ereignisse verhaftet zu sein, was den Blick auf die Vielfalt möglicher Formen kollektiver Gewalt im urbanen Raum (auf die Schönpflug in der Einleitung noch hingewiesen hatte) zu verstellen droht. Fourchards Beitrag verweist hier darauf, dass neben Polizei, Demonstrant/innen und jugendlichen Teilnehmer/innen von riots auch andere Akteur/innen und Konstellationen von Gewaltausübung von Bedeutung sind. Insofern kann der Band auch für Historiker/innen Anregungen liefern, über den Zusammenhang von Konstellationen beziehungsweise Transformationen des städtischen Raumes und gewaltförmigen Konflikten nachzudenken und entsprechenden Phänomenen in der neueren Geschichte nachzuspüren.[2]

Anmerkungen:
[1] Vgl. Christian Schmid, Stadt, Raum und Gesellschaft. Henri Lefebvre und die Theorie der Produktion des Raumes (Sozialgeographische Bibliothek Bd. 1), Stuttgart 2010, S. 66.
[2] Für das späte 19. und das frühe 20. Jahrhundert vgl. Friedrich Lenger (Hrsg.), Kollektive Gewalt in der Stadt. Europa 1890–1939 (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien Bd. 89), München 2013.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.07.2020
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/