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Titel
Getrennt und doch vereint. Deutsch-deutsche Geschichte 1945–1989/90


Autor(en)
Weber, Petra
Erschienen
Berlin 2020: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
1.292 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Wolff, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien, Universität Osnabrück

Gehörten Gesamtdarstellungen einst zur Paradedisziplin renommierter Historiker/innen, gerieten sie im Zuge der kulturhistorischen Erweiterung der Geschichtswissenschaft erst in die Kritik und dann etwas außer Mode, verschwanden aber nie völlig vom Buchmarkt. Herausragende Exemplare der Gattung zeichnen sich durch einen hybriden Charakter aus: Während sie einerseits wissenschaftliche Tendenzen verdichten und neue Interpretationen aus der Gesamtschau heraus anregen können, bieten sie andererseits, im Sinne Hans-Ulrich Wehlers, historisches Orientierungswissen auch für eine breitere, fachfremde Leserschaft. Nicht zuletzt daraus erklärt es sich, dass in Zeiten des verstärkten Transferbedarfs zunehmend neue Versuche übergreifender Interpretationen deutscher und europäischer Zeitgeschichte publiziert werden. Viel Aufmerksamkeit fand etwa Ulrich Herberts „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“, wenngleich teils mit der Kritik versehen, diese trage weiterhin aus der westdeutschen Geschichte hergeleitete Ordnungsmuster an die gesamtdeutsche Geschichte heran.[1] In Detailstudien und Sammelbänden treten demgegenüber seit längerer Zeit Ansätze hervor, die die ost- und westdeutsche Geschichte integrieren wollen. Hierbei liegt die größte Herausforderung weniger darin, grenzüberschreitende Themen zu finden, als vielmehr darin, Darstellungsformen zu entwickeln, die Verbindungen aufzeigen, ohne Gegensätzliches und Trennendes einzuebnen. Petra Weber wagt nun den Versuch, aus solchen integrierenden Ansätzen heraus eine Synthese deutsch-deutscher Zeitgeschichte vorzulegen.

Der Umfang des Buches von knapp 1.300 Seiten belegt nicht nur die Akribie, mit der die Autorin sich ihrem Gegenstand nähert, sondern spiegelt vor allem ihren methodischen Ansatz sowie ihre darstellerischen Entscheidungen. Letztere folgen dem Anspruch, beiden deutschen Staaten und Gesellschaften gleichermaßen Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Weber folgt dieser Perspektive konsequent und demonstriert, wie eine äquidistante Gesamtschau deutscher Zeitgeschichte geschrieben werden kann. Dabei greift sie eingangs die Kritik an den klassischen Überblicksdarstellungen auf, deren autoritative Erzählungen oft um ein westdeutsches Erfolgsnarrativ gekreist seien, und entwickelt das Ziel, „die deutsch-deutsche Geschichte als Parallel-, Kontrast-, Vergleichs-, Perzeptions- und Beziehungsgeschichte zu erzählen“ (S. 15). Dies ist derart weit gefasst, dass letztlich die Darstellung beweisen muss, ob hinter einem solchen Rahmen tatsächlich eine Entscheidung steht – oder vielmehr das Ziel, diese zu vermeiden.

Weber gliedert ihren Gegenstand auf der ersten Ebene in drei große Teile entlang eines etablierten Phasenmodells der deutsch-deutschen Geschichte: erstens die „Hochphase des Kalten Kriegs (1948–1961)“, zweitens die Entspannungs- und Reformbemühungen der 1960er- und 1970er-Jahre, drittens die im Ende der Zweistaatlichkeit kulminierenden 1980er-Jahre. Um bei jedem dieser Teile ihrem darstellerischen Anspruch nachzukommen, untergliedert Weber sie auf der zweiten Ebene jeweils formgleich in fünf Großkapitel. Diese widmen sich erstens der Staats- und Strukturgeschichte, gefolgt von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aspekten, die auf der dritten Ebene mit jeweils drei bis sechs Kapiteln von etwa 20 Seiten Länge betrachtet werden.

Die strenge Organisation des Buchs hat zahlreiche Konsequenzen. Erstens ermöglicht sie es der Autorin, die deutsch-deutsche Geschichte in den einzelnen Kapiteln durchgehend auf beiden Seiten der Grenze zu betrachten. Bei der Themenwahl achtet Weber darauf, dass die Untersuchungsgegenstände übergreifend verfolgt werden können, seien es Verfassungs- und Herrschaftsordnungen, Kriegsfolgelasten, Bildung oder die Effekte neuer Kommunikationstechnologien. Mit der in allen Großkapiteln gleichen Abfolge der Kapitelschwerpunkte ist die gesamte Darstellung zweitens durch einen recht klassischen politikhistorischen Zugriff gerahmt. Dieser konzentriert sich zwar auf Staatenlenker und Parteien, setzt sie aber so in Beziehung, dass ein lebendiges Bild der gegenseitigen Beeinflussung entsteht – im jeweiligen Land ebenso wie über die Grenze hinweg. Dies zeichnet zahlreiche Dynamiken auf dem Höhenkamm der Politikgeschichte sehr ansprechend nach, lässt aber beispielsweise die frühe Teilungsgeschichte als eine vornehmlich staatspolitische Angelegenheit erscheinen, mit wenig Raum für jene Nuancen und Beteiligungen der Bevölkerung an diesem Prozess, wie sie die neuere englischsprachige Forschung betont.[2] Ebenso tendiert die Darstellung dazu, die weitergehende internationale Verflechtung beider deutscher Staaten und Gesellschaften eher am Rande zu behandeln.

Drittens sind die Kapitel von sehr unterschiedlichem Charakter. Während die struktur- und politikhistorischen Darstellungen eher beschreibend rahmen, setzt Weber in ihren Abschnitten zu ökonomischen und kulturellen Fragen gezielt Schwerpunkte, die das Großthema der Teilungsgeschichte auf ganz andere Art erhellen. So kann sie den gleichen Gegenstand, also zum Beispiel die Entstehung der Zweistaatlichkeit oder die Krisenstimmung der 1980er-Jahre, aus sehr unterschiedlichen Perspektiven vermessen. Dabei fällt viertens die synchrone Integration, also die komplexe Verknüpfung einzelner Themen auf der Ebene der individuellen Kapitel, wesentlich stärker aus als deren diachrone Integration im Rahmen des Buches. Zwar zieht Weber thematische Stränge durch den ganzen Band, etwa die Frage von Reformen, die Praktiken der politischen Kommunikation oder auch die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, sie arbeitet jedoch nicht auf eine interpretative Linie oder gar eine generelle These über den Charakter der deutschen Teilung hin. Damit verschmilzt die Autorin in den jeweiligen Kapiteln einerseits auf beeindruckende Art ost- und westdeutsche Geschichte; andererseits bleibt die Verbindung zu einer Monographie eher additiv. Dies führt letztlich aber auch dazu, dass Weber jedem Verdacht entgeht, eine meistererzählerische Autorität anzustreben, und stattdessen große Flexibilität für die Darstellung gewinnt.

In all dem singt Weber weder eine Aufstiegshymne noch einen Sonderwegs-Blues; sie schwingt ihren Taktstock im Viervierteltakt, um klar organisiert und in stets nachvollziehbarer Art durch die Zeitgeschichte zu marschieren. Dies mag streckenweise etwas formelhaft wirken, hat aber den entscheidenden Vorteil, dass sie den angestrebten grenzüberschreitenden Überblick tatsächlich liefern kann. Und immer wieder lädt das Buch auch zum Tanzen ein. Während die stärker deskriptiven Strecken von Klarheit und Ausgewogenheit gekennzeichnet sind, aber Fachhistoriker/innen eher wenig Neues bieten, sind es eingestreute Kapitel, die Webers argumentative Seite stärker hervortreten lassen. So verbindet sie ihre Darstellung des politischen Protests der 1960er-Jahre geschickt mit einem Kapitel zur medialen deutsch-deutschen „Wahrnehmung der Anderen“ (Kap. C.II.6.) und erweitert so die innenpolitische Fokussierung auf die 1960er-Jahre zu einer integrierten Zeitgeschichte. Über die Buchteile hinweg bindet sie zudem die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus in eine deutsch-deutsche Geschichte ein, die gleichermaßen durch Abgrenzung und Adaption geprägt ist – womit Weber Aspekte, die Katrin Hammerstein gesondert betrachtet hat[3], anregend in die weitere deutsch-deutsche Geschichte aufnimmt. Ähnliches leistet ein recht frühes Kapitel über „Schulddiskurse“ in der Nachkriegszeit (Kap. A.5.), welches einerseits die umgebenden politikhistorischen Teile vertieft und sich andererseits als eine inspirierende deutsch-deutsche Erweiterung zu Frank Biess' Studie „Republik der Angst“ lesen lässt.[4] Dies verleiht dem Buch etwas Chamäleonhaftes, denn es passt sich im Fokus, im Darstellungsinteresse und auch im Stil und Ton der jeweiligen Forschungslandschaft an.

So gelingt Petra Weber eine Gesamtdarstellung der deutsch-deutschen Zeitgeschichte auf der Höhe der Zeit, indem sie beide Staaten und Bevölkerungen sich historiografisch auf Augenhöhe begegnen lässt. Dabei widersteht sie der Verlockung, diese komplexe Geschichte auf einen Begriff zu reduzieren oder in einem Label zu fixieren. Mit Blick auf den hybriden Charakter von Gesamtdarstellungen und ihrer Leserschaft liegt es im Auge des Betrachters, ob dies eine Stärke oder Schwäche des Buches ist. Der Rezensent empfand es zumindest als befreiend, eine deutsch-deutsche Geschichte zu lesen, die nicht primär zum Urteil, sondern zur komplexen und auch widersprüchlichen Darstellung strebt. So ist Webers Mammutwerk nicht der Schlussstein eines über Jahrzehnte gewachsenen Œuvres, sondern vielmehr beschreibende Einführung und anregender Ausgangspunkt für weitere Betrachtungen zugleich. Man muss Autorin und Verlag gemeinsam gratulieren, sich Raum und Zeit genehmigt zu haben, um ungeachtet der sich angeblich stets verkürzenden Aufmerksamkeitsspanne des Lesepublikums ein Buch vorzulegen, an dem die Forschung zur deutsch-deutschen Geschichte der nächsten Jahre nicht vorbeikommen wird.

Anmerkungen:
[1] Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014.
[2] V. a. Edith Sheffer, Burned Bridge. How East and West Germans Made the Iron Curtain, Oxford 2011; Sagi Schaefer, States of Division. Border and Boundary Formation in Cold War Rural Germany, Oxford 2014; Astrid M. Eckert, West Germany and the Iron Curtain. Environment, Economy, and Culture in the Borderlands, Oxford 2019.
[3] Katrin Hammerstein, Gemeinsame Vergangenheit – getrennte Erinnerung? Der Nationalsozialismus in Gedächtnisdiskursen und Identitätskonstruktionen von Bundesrepublik Deutschland, DDR und Österreich, Göttingen 2017.
[4] Frank Biess, Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik, Reinbek bei Hamburg 2019.

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Veröffentlicht am
03.12.2020
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