P. Bory u.a. (Hrsg.): Computer Network Histories

Cover
Titel
Computer Network Histories. Hidden Streams from the Internet Past


Herausgeber
Bory, Paolo; Negro, Gianluigi; Balbi, Gabriele
Reihe
Geschichte und Informatik – Histoire et Informatique 21
Erschienen
Zürich 2019: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
124 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von:
Julia Gül Erdogan, Historisches Institut, Universität Stuttgart

Die Geschichten des Internets und der frühen Computernetze vom ARPANet bis zu den Bulletin Board Systems (BBS) erfreuen sich seit einigen Jahren einer großen Beliebtheit.1 Dabei stehen nicht nur die technischen Voraussetzungen und Innovationen im Fokus der historischen Arbeiten, sondern vor allem politische, soziale und kulturelle Faktoren der Computernetzwerkgeschichte. Der Blick in das Inhaltsverzeichnis des Sammelbands „Computer Network Histories“, der aus der gleichnamigen Konferenz in Lugano 2017 hervorging, verspricht diesen Forschungsansätzen entsprechend eine abwechslungsreiche Lektüre. Das Titelbild von Flussgabelungen, das zunächst bei einem Sammelband zu dem Thema digitaler Netzwerke überrascht, verweist auf eine Analogie zwischen ebendiesen und Flüssen, die die Herausgeber Paolo Bory, Gianluigi Negro und Gabriele Balbi in ihrer Einleitung ausführen (S. 7f.). Gerade dieser Vergleich zu einem „natürlichen“ Netzwerk regt zum Nachdenken über die scheinbar unsichtbaren Ströme im Alltag an: Wenngleich Flüsse durchaus sichtbar sind, so sind ihre Ursprünge und Tiefen oftmals verborgen. Auch sind Flüsse in ihrem Verlauf von Widerständen, deren Bewältigung oder Umgehung sowie durch Regulation geprägt und nie ganz kontrollierbar. Solchen Faktoren will der Sammelband in sechs Beiträgen und einem Dialog der Keynote-Speaker Benjamin Peters und Yong Hu nachgehen und so bisher vernachlässigte Geschichten der Computernetzwerke aufspüren. Dazu gehören nicht nur der Einfluss von grassroots-Bewegungen und Hobbyistinnen und Hobbyisten auf digitale Netzwerke oder Standardisierungsverfahren, sondern auch Regionen, die bisher wenig Beachtung in der Geschichte digitaler Netzwerke erfahren haben.

Der Sammelband löst diesen Anspruch auch ein, selbst wenn der erste Beitrag von Kevin Driscoll sich doch mit den USA befasst. Driscoll untersucht digitale Mailbox-Gemeinschaften, wobei er die Diversität von Betreiberinnen und Betreibern, den sogenannten Sysops, von Nutzerinnen und Nutzern sowie verschiedenen Online-Brettern fokussiert. Die mit der Kommerzialisierung der Kommunikationsnetzwerke einhergehenden Aushandlungsprozesse analysiert der ausgewiesene Experte der BBS schlüssig und anschaulich – nicht zuletzt durch bildliches Begleitmaterial. Dabei wird offensichtlich, wie stark die frühen Online-Gemeinschaften auf konventionelle Medien wie Telefon, Post und Zeitungen angewiesen waren. Das Werben der Sysops um Nutzerinnen und Nutzer vollzog sich ferner zumeist durch Mundpropaganda, was dafür sorgte, dass sich die Informationen über Mailboxen nur in der eigenen „Filterblase“ einer vornehmlich männlichen, weißen Mittelsicht verbreiteten (S. 21ff.). Driscoll weist darauf hin, dass im Zuge der Bemühungen einzelner Sysops, eine heterogenere Gemeinschaft aufzubauen, diese gezielt Künstlerinnen und Künstler sowie Journalistinnen und Journalisten adressierten. Ob diese aber nicht wieder ebendieser weißen Mittelschicht angehörten, bleibt in dem Beitrag leider offen. Nicht zuletzt war der Zugang zu solchen Online-Communities eine Frage finanzieller Ressourcen, die marginalisierten Gruppen zumeist nicht zur Verfügung standen. Zumindest für die Nutzerinnen kann die Untersuchung in diesem Zusammenhang zeigen, dass Vergünstigungen Hürden abbauten und so die Aktivität für Frauen in diesen Netzwerken durchaus beförderten (S. 22).

Félix Tréguer und Dominique Trudel gehen in ihrem Beitrag ebenfalls dem Spannungsverhältnis zwischen grassroots-Bewegungen und einer zunehmenden Kommerzialisierung der Netzwerke nach. Der Beitrag zeigt dabei auf, wie französische Non-Profit-Organisationen sich als Provider gegen neue Gesetze und Privatunternehmen seit den 1990er-Jahren durchsetzen mussten und wie hieraus Datenschutzaktivismus entstand. Tréguer und Trudel nehmen am Rande auch die Flussanalogie aus der Einleitung auf: Aktivistinnen und Aktivisten des French Data Network (FDN) plädierten für das „Schwärmen“ kleiner, dezentraler Netzwerke und Gruppen, anstatt eine große NGO aufzubauen (S. 43), wodurch sie wie Fischschwärme in den großen Strömen der digitalen Welten agierten – eine erfolgreiche Strategie der Feindabwehr und des Überlebens. Aber nicht nur die Geschichte des französischen Online-Aktivismus ist bisher kaum erzählt worden, sondern auch afrikanische Geschichten der Datennetze und ihrer Nutzung nicht. Diesem Desiderat begegnet Sophie Toupin in ihrem spannenden Beitrag „Hacking Apartheid“. Toupin zeigt hierin auf, dass die südafrikanische Freiheitsbewegung die Kommunikationsmöglichkeiten digitaler Netzwerke nutzte und welche Rolle dabei Hacken als politisches Handeln hatte. Ferner zeigt die Medienwissenschaftlerin, wie rechte Gruppierungen bei der Wahl 1994 Hacken, das bisher vor allem als linkes und libertäres Phänomen gezeigt wurde, ebenfalls als modus operandi für Manipulationen zu nutzen versuchten, um ihre Interessen durchzusetzen (S. 59).

Wenngleich Südamerika keinen absolut blinden Fleck der Computergeschichte mehr darstellt2, kann der Beitrag von Marcelo Savio Carvalho und Henrique Luiz Cukierman auch mit einer weniger beachteten Region der Computergeschichte aufwarten. Die Studie liefert einen differenzierten Einblick in die Wechselwirkungen zwischen Technik, Politik, Kultur, Wissenschaften und Marktgesetzen bei der Durchsetzung des Internets in Brasilien. Regulierungseingriffe durch das Militärregime, das bis Mitte der 1980er-Jahre bestand, der Einfluss internationaler Standardisierungsverfahren und eine „Wieder-Demokratisierung“ des Internets zeichnen dabei die vielschichtige Beziehung zwischen Technik und Gesellschaft aus. Auch Christian Henrich-Franke geht in seinem Beitrag solchen komplexen Wechselwirkungen nach. Mit einem technischeren Ansatz untersucht er die Telefonnetzwerke in Deutschland seit den 1960er-Jahren als Bestandteil und Voraussetzung für die spätere massenhafte Nutzung von Datenkommunikationsnetzen. Henrich-Franke löst den Anspruch des Sammelbands ein, versteckten Strömen in der Computernetzwerkgeschichte nachzugehen, indem er am Beispiel der Kupferkabel Anteil und Einfluss „alter“ analoger Technik und Infrastruktur in der „neuen“ digitalen Technologie der Computernetzwerke betont. Hierdurch wirft er einen Blick auf die Implementierung neuer Technologien und technische, ökonomische und politische Faktoren, die Einfluss auf das Wachsen (oder auch Nicht-Wachsen) von Netzwerken haben.

Auch wenn die Herausgeber betonen, dass es sich bei Driscolls Beitrag um den einzigen zur US-amerikanischen Geschichte handle, so ist Benedetta Campaniles akteurszentrierter Ansatz zu dem Italoamerikaner Robert Fano am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ebenfalls eine Geschichte dieser westlichen Industrienation. Da diese Geschichte der Computernetzwerke aber noch lange nicht auserzählt ist, wie die Herausgeber auch selbst betonen (S. 9), widerspricht diese biografische Erzählung über einen der einflussreichsten Forscher des MAC-Projekts (Maschine Aided Cognition) der 1960er-Jahre der Herangehensweise des Sammelbandes nicht. Die Rolle der Akademie ist in der Forschung zur Computergeschichte weniger prominent vertreten als wirtschafts- und militärhistorische Aspekte. Es verwundert aber etwas, wenn Campanile auf dieses Desiderat hinweist und dies mit dem Befund Simson Garfinkels aus dem Jahr 19993 belegt (S. 97), zugleich aber etwa Thierry Bardinis ebenfalls akteurszentrierte Untersuchung zu Douglas Engelbart oder Janet Abbates Forschung zum ARPANet unerwähnt bleiben.4 Auch übernimmt Campanile etwas zu unkritisch den eigenen Mythos des MIT, wenn sie schreibt: „Differences – gender, nationality, competence, religion – were a value at MIT.“ (S. 101) Zwar war das MIT durchaus engagiert, Frauen in technischen Studiengängen zu fördern, wie Amy Sue Bix in ihrer Untersuchung zur Gendergeschichte der US-amerikanischen Technik-Universitäten gezeigt hat. Dessen ungeachtet musste die Förderung und Anerkennung von Frauen hier aber weiter ausgefochten und verhandelt werden und nicht selten sahen sich Studentinnen auch am MIT mit Vorurteilen konfrontiert.5 Auch Thomas Walach hat die Erzählung der offenen Strukturen am MIT bereits differenzierter betrachtet und gezeigt, dass sich hier – wie sollte es auch anders sein – trotz des offenen Forschungsgeistes Hierarchien und Regularien der Akademie im ARPANet widerspiegeln.6 Eine ebenso kritische Auseinandersetzung mit dem Universitätsalltag wäre beim sonst informativen Beitrag zur frühen Vernetzung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern durch Computertechnologie wünschenswert gewesen – gerade im Hinblick auf die titelgebenden „hidden streams“.

Einsteigerinnen und Einsteiger in das Thema sollten die Lektüre mit der abschließenden Diskussion von Hu und Peters beginnen, da hier ein Einblick in die Forschung zu Computernetzwerken sowie ihre Probleme geliefert wird. Die zwei Experten der Computergeschichte – Peters hat zur Sowjetunion geforscht, Hu zählt selbst zu den frühen Internetpionieren in China – ergänzen die Beiträge des Sammelbands, die dem Spannungsverhältnis zwischen Politik, Forschung, Kommerzialisierung und freier Kommunikation differenziert und spannend nachgehen. Die im Band betrachteten Facetten und Regionen der Computergeschichte sind nicht nur für Technikhistorikerinnen und -historiker spannend, sondern liefern auch neue Einsichten in gesellschaftliche Aushandlungsprozesse und die mannigfache Mediennutzung in der Zeitgeschichte. Nicht versteckt, sondern ganz offen zugänglich sind die Beiträge durch die Open-Access-Version des Buches.7

Anmerkungen:
1 Bspw. Kevin Driscoll, Hobbyist Inter-Networking and the Popular Internet Imaginary. Forgotten Histories of Networked Personal Computing, 1978–1998, Dissertation 2014, University of Southern California; Julien Mailland / Kevin Driscoll, Minitel. Welcome to the Internet, Cambridge 2017; Valerie Schafer / Benjamin G. Thierry, Le Minitel. L'enfance numérique de la France, Paris 2012; Hagen Schönrichs Dissertation zum deutschen Bildschirmtextsystem, https://tu-dresden.de/gsw/phil/ige/ttwg/ressourcen/dateien/schoenrich/Schoenrich-2019-Mediale_Erscheinung_Bildschirmtext-Zusammenfassung.pdf?lang=de (16.12.2020).
2 So widmet sich bspw. die Ausgabe der IEEE Annals of the History of Computing 4 (2015) der Computergeschichte Lateinamerikas. Zu nennen wäre z.B. auch Debora Gerstenberger, Challenging Martial Masculinity. The Intrusion of Digital Computers into the Argentinian Armed Forces in the 1960s, in: History of Technology 34 (2019), S. 165–186.
3 Simson L. Garfinkel, Architects of the Information Society. Thirty-Five Years of the Laboratory for Computer Science at MIT, hrsg. von Hal Abelson, Cambridge 1999.
4 Thierry Bardini, Bootstrapping. Douglas Engelbart, Coevolution, and the Origins of Personal Computing, Stanford 2000; Janet Abbate, Inventing the Internet, Cambridge 1999.
5 Vgl. Amy Sue Bix, Girls Coming to Tech!, Cambridge 2013, Kapitel 6.
6 Thomas Walach, Frühe Netzdemokratie? Möglichkeiten und Grenzen der Nutzer-Partizipation im Arpanet, in: Technikgeschichte 86 (2019), S. 131–152.
7https://www.chronos-verlag.ch/node/27097 (16.12.2020).

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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch http://www.infoclio.ch/