U. Kipman u.a.: Einsatz und Nutzung des Geschichtsschulbuches

Cover
Titel
Einsatz und Nutzung des Geschichtsschulbuches. Eine Large-Scale-Untersuchung bei Schülern und Lehrern


Autor(en)
Von Kipman, Ulrike; Kühberger, Christoph
Erschienen
Wiesbaden 2020: Springer VS
Anzahl Seiten
VIII, 195 S.
Preis
€ 59,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Beatrice Ziegler, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW

Der handliche Band zum Einsatz und zur Nutzung des Geschichtsschulbuches hat Gewicht. Er dokumentiert Vorgehen und Ergebnisse einer Schulbuchstudie. Diese ist im Rahmen von CAOHT erarbeitet worden. Das grossangelegte Forschungsprojekt CAOHT erfasste Geschichtsunterricht in Österreich nach der Wende zur Kompetenzorientierung (FWF 27859-G22).[1] In der Schulbuchstudie wird zu Recht auf die Studie von Bodo von Borries u.a. von 2005 verwiesen. Hatte diese doch ein ähnlich komplexes Design und brachte ebenso relevante Aussagen hervor.[2]

Das Buch ist in gut verständlicher Fachsprache verfasst und angenehm lesbar. Aufbau und Gliederung folgen in grosser Klarheit der Logik empirischer Forschungsdokumentation für die Forschungscommunity und interessierte Praktikerinnen und Praktiker. Kapitel zum Ausgangspunkt der Forschung, zum Forschungsstand, zur Konzeption der Untersuchung, zur Haupterhebung und schließlich zu deren Ergebnissen werden mit der Diskussion abgeschlossen. Jedem Kapitel folgt unmittelbar das (durchnummerierte) Verzeichnis der Literatur, auf die verwiesen wird; die Kapitel können auch als in sich geschlossene Texte zur jeweiligen Thematik gelesen werden. Einzig das Verweissystem, bei dem die Referenz im Text nur als Nummer auftritt, ist ungewohnt. Zweifellos macht das Vorgehen den Text leichter lesbar, aber eine die Literatur einbeziehende Kenntnisnahme der Aussagen wird erheblich erschwert.

Die Kompetenzorientierung wurde in Österreich 2008 eingeführt und für verbindlich erklärt mit der Inkraftsetzung eines kompetenzorientierten Lehrplans. Dieser lehnt sich für Geschichte an das Kompetenzmodell von FUER Geschichtsbewusstsein[3] an. Zehn Jahre nach Einführung erfolgte nun eine Standortbestimmung zur Ausrichtung des Geschichtsunterrichts auf die Kompetenzorientierung. In der Schulbuchstudie von CAOHT wurden gut 1.000 Schülerinnen und Schüler sowie 277 Lehrpersonen auf ihre Schulbuchnutzungen befragt.

Die Befragung erfolgte über quantitativ auszuwertende Fragebogen für Lehrpersonen und Lernende, die im Anhang einsehbar sind. Sie wurden auf der Basis geschichtsdidaktischer kompetenzorientierter Theorie erstellt, wobei gemäß den Autor/innen für die konkrete Ausgestaltung auch existierende Erfahrungsberichte und Interviews von Lehrpersonen mitberücksichtigt wurden. Eine bestimmte Anzahl von Items wurde aus der Studie von Borries u.a. als Replikation übernommen. Der Schülerfragebogen wurde mittels Cognitive Labs[4] mit vier Lernenden getestet. In beiden Fragebögen wurden soziografische Daten erhoben, die Bewertung von Schulbüchern verlangt sowie die Nutzung des Schulbuchs durch die Schülerinnen und Schüler zuhause und die Nutzung im Geschichtsunterricht. Ebenso wurde gefragt, was ein ideales Schulbuch wäre. Schülerinnen und Schüler wurden zusätzlich nach ihrem Zugang zur Beschäftigung mit Geschichte und nach der Verlässlichkeit des Wissens über Vergangenheit gefragt. Lehrpersonen hatten sich zusätzlich zu den Gründen und Intentionen der Schulbuchnutzung sowie ihrer Planung von Unterricht zu äußern. Außerdem wurden sie zu Stellungsnahmen bezüglich der Kompetenzorientierung aufgefordert.

Die Publikation dokumentiert in aller Kürze die Auswertungsstrategien, bevor dann Ergebnisse präsentiert werden. Zentrales Anliegen war es zu erfahren, welchen Stellenwert das Schulbuch im kompetenzorientierten Unterricht für Lehrpersonen und Lernende einnimmt. Dabei sollten die Ergebnisse für die beiden Gruppen verglichen werden. Außerdem konnte bei den Lernenden unterschieden werden zwischen Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums und denjenigen der Neuen Mittelschule, dabei weiter zwischen solchen mit und ohne sogenannten Migrationshintergrund und zwischen den Geschlechtern. Bei Lehrpersonen wurde unterschieden zwischen den Schultypen, dem Dienstalter und über die Auswertung gewisser Items zwischen den Befürwortenden und Kritikern der Kompetenzorientierung. Es entsteht so ein hochdifferenziertes Bild der Arbeit mit Schulbüchern unter der Prämisse der Kompetenzorientierung.

Es ist unmöglich, die Fülle der Einzelergebnisse wiederzugeben. Zukünftige Forschungen werden sich in der großen Zahl von gewonnenen Aussagen von Schulbuchnutzung die für sie relevanten vornehmen und sie in Kenntnis des CAOHT-Designs für ihre eigenen Arbeiten verwenden können. Einige zentrale Aussagen seien hier aber doch referiert: Rund zwei Drittel der Lehrpersonen in den befragten Schulen von Graz, Wien und Salzburg – die im Übrigen für ihre Bundesländer wohl als repräsentativ gelten können – tragen die Kompetenzorientierung des Geschichtsunterrichts mit und planen und unterrichten Geschichte in Berücksichtigung der damit verbundenen Herausforderungen. Die konkreten Items zur Einschätzung von Zielsetzungen, mit welchen bestimmte Auswahlentscheidungen (Bildeinsatz z.B.) und Beschäftigungen (z.B. Quellenarbeit) in der konkreten Praxis, zeigt allerdings, dass das Gewicht noch stärker auf die effektive Förderung von Schülerkompetenzen in ihrer ganzen Breite gelegt werden könnte. Insbesondere die De-Konstruktion als Teil der Methodenkompetenz scheint zu kurz zu kommen. Ebenso sind die anspruchsvolleren Aufgabenstellungen (die auch in den Schulbüchern untervertreten sind), also die Frage- und der Orientierungskompetenz, zu wenig und zu wenig theoretisch durchdacht vertreten. – Die Nennung dieser wenigen Befunde, die aber für die weitere Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen von Wichtigkeit sind, zeigt, dass die Studie eine Fülle von relevanten Ergebnissen zeitigte, die sowohl für die Forschung wichtig als auch für bildungspolitische Überlegungen bedeutsam sind.

Abschliessend situieren die Autor/innen auch die Studie in einem weiteren Kontext. Sie halten fest, dass das Schulbuch seine große Bedeutung für den Geschichtsunterricht in Österreich weiterhin hat, trotz digitaler Angebote, deren Gewicht die Autor/innen für Österreich für vorläufig nicht sehr groß einschätzen. Die Nutzung des Schulbuchs erachten sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrpersonen als ein zentrales Element. Für Lehrpersonen ist sie auch in der Planung bedeutsam. Allerdings ist noch immer die Inhaltsorientierung am wichtigsten, aber auch die Kompetenzförderung wird mit der Nutzung des Schulbuchs stark vertreten. Arbeitsaufgaben werden als wichtig erachtet, wobei insbesondere (dienst-)jüngere und fachgeprüfte Lehrpersonen zunehmend Aufgaben einsetzen, die fachliche Kompetenzen fördern. Schülerinnen und Schüler tendieren aber nach wie vor dazu, im Schulbuch „die wahre Geschichte“ zu erwarten; gymnasiale und bildungsnahe Schülerinnen und Schüler vertreten in höherem Ausmaß eine konstruktivistische Geschichtsauffassung. So erscheint der Schluss zwingend, dass in Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte verstärkt darauf hingewirkt werden muss, die De-Konstruktion als methodischen Kompetenzbereich stark zu fördern und dabei insbesondere das Schulbuch in diese De-Konstruktionsleistungen einzubeziehen.

Anmerkungen:
[1]https://www.uni-salzburg.at/index.php?id=208544 (23.03.2020).
[2] Bodo von Borries u.a., Schulbuchverständnis, Richtlinienbenutzung und Reflexionsprozesse im Geschichtsunterricht. Eine qualitativ-quantitative Schüler- und Lehrerbefragung im deutschsprachigen Bildungswesen 2002, Idstein 2005.
[3] Andreas Körber / Waltraud Schreiber / Alexander Schöner (Hrsg.), Kompetenzen historischen Denkens. Ein Strukturmodell als Beitrag zur Kompetenz-Orientierung in der Geschichtsdidaktik, Neuwied 2007.
[4] Matthias Werner / Waltraud Schreiber, Testfragen befragen – Pretesting und Optimierung des Large-Scale-Kompetenztests «HiTCH» durch Cognitive Labs, in: Monika Waldis / Béatrice Ziegler (Hrsg.), Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 13. Beiträge zur Tagung „geschichtsdidaktik empirisch 13“ (Geschichtsdidaktik heute 7), Bern 2015, S. 153–164.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.05.2020
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