W. Schalamow: Über die Kolyma

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Titel
Über die Kolyma. Erinnerungen. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein


Autor(en)
Schalamow, Warlam
Reihe
Werke in Einzelbänden 7
Erschienen
Berlin 2018: Matthes & Seitz
Anzahl Seiten
284 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mirjam Sprau, Bundesarchiv Koblenz

Der 1907 geborene Warlam Schalamow gilt als einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. In seinen „Erzählungen aus Kolyma“ hat der Autor seine Erfahrungen in einem der größten stalinistischen Lagerkomplexe in Literatur verwandelt. Mit einer radikal verknappten, lakonischen Sprache konfrontiert er den Leser schutzlos mit dem Schrecken der Lager, mit Hunger, Kälte, schwerster Zwangsarbeit und brutaler Gewalt. Inhaftiert war er von 1937 bis 1951 im Gebiet des Flusses Kolyma im Nordosten der Sowjetunion – dort hatte der sowjetische Geheimdienst NKWD auf einem Gebiet von der Größe Westeuropas eine Spezialzone errichtet, in der Häftlinge zur Ausbeutung wertvoller Bodenschätze, vor allem von Gold und Zinn, gezwungen wurden.

Jahrzehntelang kaum bekannt, hat Schalamow durch die herausragende Neuübersetzung seines Gesamtwerkes durch Gabriele Leupold und die umsichtige Herausgeberschaft der Slawistin Franziska Thun-Hohenstein in Deutschland an Popularität gewonnen.[1] Nun ist diese Arbeit mit der Publikation seiner seit den 1960er-Jahren entstandenen Erinnerungen unter dem Titel „Über die Kolyma“ zu einem Abschluss gekommen. Franziska Thun-Hohenstein begrenzt Schalamows autobiographische Texte auf seine Zeit an der Kolyma und weicht damit leicht von der russischen Werkausgabe und ihrer Herausgeberin Irina Sirotinskaja ab (S. 246). Stattdessen wird der vorliegende Band durch eine Romanskizze zur Kolyma sowie durch Erinnerungen von vier Weggefährten Schalamows ergänzt. Zusammengetragen hat Thun-Hohenstein somit, was Schalamow außerhalb seines Erzählzyklus über seine Erfahrungen im nordöstlichen Lagerkomplex zu Papier brachte und wie ihn die Menschen dort erlebten.

Dieser Ansatz lenkt das Augenmerk des Lesers sogleich auf das Verhältnis zwischen Erlebtem und Erzähltem und wird damit Schalamows Ringen um seine Erinnerung und um seine Sprache besonders gerecht. Wovon schreiben? Wie schreiben? Diese Fragen wirft Schalamow in einem Vorwort zu den autobiographischen Texten auf: Wie den Graben überschreiten, der sich zwischen dem Menschen im Lager und seiner selbst 20 Jahre später auftut, wie „die Krümel von Aufrichtigkeit bewahren, so unansehnlich sie auch seien“ (S. 9)? Liest man sein Vorwort als poetologische Reflexion des Textes, sind Gedächtnis und Sprache nur Krücken, um seine Erfahrungen an der Kolyma weiterzugeben.

Schalamows Erinnerungen sind keine fortlaufende Lebenserzählung, vielmehr führt er den Leser wie durch eine Werkstatt seines Gedächtnisses, schildert Szenen, Emotionen, Erlebnisse, beschreibt Personen und entreißt sie so dem Vergessen – oft sind es kurze Skizzen, Texte wie Splitter seiner Erinnerung. Manche Textteile hätten durch ihre stilistische Bearbeitung ohne Zweifel Eingang in Schalamows Zyklus „Erzählungen aus Kolyma“ finden können; deshalb erscheinen seine Erinnerungen als persönliche Zeugnisse, mitunter aber auch als „Steinbruch“ für sein literarisches Werk. Schalamow legt seine Versuche zu erinnern und zu beschreiben offen – viele Male leitet er ein Bruchstück mit „Ich erinnere mich“ ein, immer wieder verweist er auf eine seiner literarischen Erzählungen, in der er eine geschilderte Erfahrung verarbeitet hat: „Die schlimmsten Zeiten des Jahres 1938, Grubenzeiten. Über Kisseljow [der Chef der Grube – M.S.] habe ich die Skizze ‚Kisseljow‘ geschrieben, von hundertprozentiger Dokumenthaftigkeit. Bis heute verstehe ich nicht, wie er sich vom parteilosen Ingenieur in einen Henker, einen Folterer verwandeln konnte. Kisseljow trat die Häftlinge mit den Füßen und schlug ihnen mit den Stiefeln die Zähne aus. Den Häftling Selfugarow warf er vor meinen Augen in den Schnee und trampelte auf ihm herum, bis er ihm den halben Kiefer eingeschlagen hatte.“ (S. 79–80)

Seine Erinnerungen folgen – von der Verhaftung 1937 bis zu seiner teilweisen Rehabilitierung 1956 – weitgehend chronologisch den Stationen seiner Haft- und Lagerzeit und ermöglichen es so, auch autobiographische Hintergründe seiner Werke zu entschlüsseln, seine Erfahrungen zu verorten. Schalamow wurde in den Goldgruben, im Kohlebergwerk und beim Holzschlag zu schwerster körperlicher Arbeit gezwungen. Er wurde denunziert, erneut verurteilt, war mehrere Male in Strafabteilungen, unternahm einen Fluchtversuch, gelangte völlig entkräftet in ein Lagerkrankenhaus, ließ sich später zum Arzthelfer ausbilden und arbeitete in seinem Beruf – zunächst als Häftling, später als Entlassener. Erst zwei Jahre nach Ablauf seiner Haftzeit konnte er die Kolyma 1953, nach Stalins Tod, verlassen. Für einen politischen Häftling im Norden der Sowjetunion jener Jahre kein außergewöhnliches Schicksal – so zynisch diese Beurteilung auch erscheinen mag. Schalamow gelingt es, den Leser ahnen zu lassen, was sich hinter diesen Stationen verbarg, was Menschen in einem solchen Lagersystem angetan wurde. „Schon die zweimonatige Etappe mit der Hungerration war Vorbereitung auf ernstere Dinge – die Schläge, die Kälte, die unendliche Arbeit, die mich im Dezember 1937 im ‚Partisan‘ [einer Goldgrube – M.S.] empfing. Die Beine wurden schwer, die Haut eiterte, es kamen Läuse, und die Hände erfroren und bekamen Blasen. Doch all das war nicht das Wichtigste. Das Wichtigste war der ständige Hunger. […] In Teilen meines Gehirns empfand ich wohl zwei <Dinge>. Die vollkommene Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens. Dass der Tod ein Glück wäre.“ (S. 48–49)

Schalamow verdanken wir die scharfsinnigste und dichteste Beschreibung des „Kosmos Kolyma“; die gesamte Region unterstand der paramilitärischen Leitung des NKWD-MWD, der militärische Führer des NKWD-Kombinates Dal’stroj herrschte in Personalunion über das Lagersystem, den Industriekomplex und alle Versorgungssysteme. Eine zivile Leitung von Exekutivorganen und kommunistischer Partei gab es nicht, Militärtribunale ersetzten das zivile Justizsystem. In Schalamows Erinnerungen werden Täter und Opfer dieser eigenen Welt sichtbar – politische Häftlinge und Schwerkriminelle, die mit der Lagerleitung gemeinsame Sache machten, Begleitposten, aus der Haft Entlassene, freie Vertragsarbeiter, Verwalter einzelner Wirtschaftszweige, die zugleich Herren der angeschlossenen Lagereinheiten waren. In diesem Kosmos von Gewalt, Ausbeutung und Korruption zeigt er die Gesetze der „Kolyma-Veteranen“ und die unheimliche Dynamik auf, mit der stalinistische Säuberungen, Machtkämpfe und sinkende Golderträge jeden seiner Sicherheiten berauben konnten. An vielen Stellen erweist sich Schalamow als Beobachter mit enormem historischen Gespür – so etwa in seiner Romanskizze „Bersin“, die anschaulich die ersten Jahre von Dal’stroj und die Entscheidung zur Kolonisierung eines ganzen Gebietes durch Arbeitslager beschreibt (S. 204–218), oder bei seiner Schilderung der Auftritte berühmter Lagerbosse wie Stepan Garanin, Awel Drabkin oder Karp Pawlow (S. 94–98). All diese Beschreibungen liefern Innensichten in eine Welt, von der wir noch immer nur wenig Kenntnis haben, die die Erschließung und Ausbeutung des russischen Nordens aber bis heute prägt.

Franziska Thun-Hohenstein legt in Anmerkungen und Glossar die historischen Bezüge in Schalamows Texten offen und führt in ihrem Nachwort gewinnbringend in sein Leben und Schreiben ein. Vom Autor zeichnet sie das Bild eines „selbstbewussten Ich“ (S. 247). Schalamows Selbstbeschreibungen entziehen sich in ihrer Widersprüchlichkeit jedoch solchen Zuschreibungen, sie sind ein Prisma vieler „Empfindungen“, denen tastend nachzuspüren er in seinem Vorwort als einzig gültige Form persönlicher Erinnerung benennt. Daraus lässt sich kaum das Bild eines Charakters zusammensetzen – welche Bedeutung käme diesem überhaupt zu? Es ist Schalamows eigene Sprache, seine Montagetechnik, die ihn vor Zudringlichkeiten seines Lesers, vor dem Verlust von Intimität schützt.

Viele Leser/innen sind der deutschen Ausgabe seiner Erinnerungen zu wünschen – Schalamows historischer Weitsicht, seiner literarischen Bedeutung und seiner poetologischen Reflexionen wegen – vor allem aber weil er, wie es seine Weggefährtin Jelena Mamutschaschwili in ihren Erinnerungen an Schalamow schreibt, „akuter als andere das grausame Unrecht all dessen, was an der Kolyma geschah, [spürte]“ (S. 238).

Anmerkung:
[1] In den Jahren zwischen 2009 und 2018 erschien im Verlag Matthes & Seitz eine Gesamtausgabe in deutscher Sprache in Einzelbänden, übersetzt von Gabriele Leupold, herausgegeben von Franziska Thun-Hohenstein.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.06.2020
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