D. Brandenberger u.a. (Hrsg.): Stalin's Master Narrative

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Titel
Stalin's Master Narrative. A Critical Edition of the History of the Communist Party of the Soviet Union (Bolsheviks): Short Course


Herausgeber
Brandenberger, David; Zelenov, Mikhail
Reihe
Annals of Communism
Erschienen
Anzahl Seiten
XIV, 744 S.
Preis
$ 45.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Baberowski, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Wahrscheinlich ist in der späten Stalin-Ära kein Buch so häufig gedruckt und verkauft worden wie die “Geschichte der Kommunistischen Partei. Kurzer Lehrgang”. Als das Buch im Jahr 1938 erschien, wurde es sogleich massenhaft verbreitet. Millionen lasen es, memorierten seine Sätze und verinnerlichten seine Interpretationen. Wer aber hatte den Text verfasst und welchem Zweck sollte seine Lektüre dienen? Auf diese Fragen wurden in der Vergangenheit Antworten gegeben, die jeden Beleg schuldig blieben. Von Anbeginn gab es den Verdacht, Stalin selbst habe das Buch verfasst, obgleich es offiziell als Werk eines Autorenkollektivs ausgegeben wurde. Zweifellos erinnerten seine Sprache und sein Stil an Stalins Reden und Artikel. Swetlana Allilujewa, die Tochter des Diktators, schrieb in ihren Erinnerungen, sie habe das Buch von ihrem Vater geschenkt bekommen. Langweilig sei der Text gewesen, ohne Esprit, sie habe es einfach nicht zu Ende lesen können. Ihr Vater aber habe sich darüber geärgert, dass die Tochter nicht las, was er selbst offenbar für bemerkenswert hielt.[1]

Robert Tucker, Stalins Biograph, zog daraus sogleich weitreichende Schlüsse: „What she seems not to have realized is that the book was more than a party history; it was also her father’s self-aggrandizing autobiography, in which he needed to believe and to have her, along with all other good Soviet citizens, believe as well.“[2] Stalin hatte also seine Autobiographie geschrieben! So lautete auch die Interpretation, die Nikita Chruschtschow in seiner Rede auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) im Februar 1956 vortrug. Der „Kurze Lehrgang“ sei nichts weiter als eine Aneinanderreihung von Lobeshymnen, die der Diktator auf sich selbst angestimmt habe. Aber woher wollte Tucker wissen, was Stalin über die Geschichte der Partei wirklich dachte, welche Sätze er geschrieben hatte und woher nahm Chruschtschow, der es besser hätte wissen müssen, die Gewissheit, dass der „Kurze Lehrgang“ eine Ode an den Herrscher gewesen sei?

David Brandenburger und Mikhail Zelenov haben nun auf der Grundlage des Urtextes und der Korrekturen, die Stalin in ihn einfügte, den Entstehungsprozess des Buches akribisch nachgezeichnet. Mit Gewissheit lässt sich sagen, dass der Text zwar Stalins geistige Handschrift trug, aber nicht dem Zweck diente, einen Lobgesang auf den Diktator anzustimmen. Stalin griff in den Text ein, er strich ganze Passagen, schrieb manche Kapitel neu und verfasste auch das theoretische Schlusswort. Aber er löschte an vielen Stellen auch Hinweise auf seine eigene Person. Nun könnte man einwenden, solche Tricks seien typisch gewesen für Stalins inszenierte, unbescheidene Bescheidenheit. Brandenberger und Zelenov aber können am Beispiel des Textes und im Hinweis auf die Gespräche, die Stalin mit den Autoren führte, nachweisen, dass es pragmatische Gründe für solche Korrekturen gab. Die genaue Lektüre der Textversionen und der Korrekturen erlaubt es uns nunmehr, Stalins Vorstellungen darüber, was die Parteikader wissen und lernen sollten, besser zu verstehen. Denn eines steht außer Frage: der „Kurze Lehrgang“ war ein Lehr- und Erziehungsbuch, das der neuen Elite ein ideologisches Fundament geben und sie mit einem Glaubensbekenntnis ausstatten sollte.

Im Jahr 1931 hatte Stalin das Signal gegeben, als er in einem Brief an die Redaktion der „Proletarskaja Revoljucija“ dazu aufrief, der schematischen Geschichtsschreibung der vergangenen Jahre Lebewohl zu sagen und sie durch eine heroische, leicht verständliche Erzählung vom Leben der Partei zu ersetzen. Geschichtsschreibung sollte Zwecke erfüllen, der Legitimation des neuen Staates dienen. In den Jahren der Kollektivierung und Industrialisierung waren hunderttausende Arbeiter und Bauern in die Partei eingetreten, junge Funktionäre in wenigen Jahren in führende Position aufgerückt, ohne indessen zu wissen, was die Partei war, welchem Zweck sie diente und wie das System, dem sie dienten, gesehen werden musste. Stalin rief nun nach einer zentralisierten Erziehungsinstanz, die den Funktionären des jungen Staates beibringen sollte, wie zu sprechen, zu lesen und zu leben sei. Die Popularisierung der Parteigeschichte sollte ebendiese Funktion erfüllen. Jaroslawski, Pospelow und Knorin erhielten die Aufgabe, ein solches Werk zu verfassen. Als es 1935 in zwei Bänden vorlag, verwarf Stalin es sofort, weil es ihm zu umfangreich erschien und weil es keine Lehren enthielt, die für die Erziehung der Parteikader hätten verwendet werden können.

Unterdessen veränderte sich die Geschichte der Partei durch den Lauf der Ereignisse. Der Terror verschluckte die Partei, ihre Helden wurden in Schauprozessen abgeurteilt, als Verräter und Spione gebrandmarkt, wurden erschossen und verschwanden nach und nach aus der Öffentlichkeit. 1937 fiel selbst Knorin, einer der Autoren, dem Terror zum Opfer. Jaroslawski und Pospelow waren verzweifelt, sie schrieben gegen den Wahnsinn an, der ihren Alltag heimsuchte, und sie wussten bald nicht mehr, wen sie erwähnen durften, so sehr fürchteten sie, dass alle Helden der Partei irgendwann verhaftet werden würden. Und so verwandelte sich die Geschichte der Partei in eine namenlose Abstraktion. Das aber entsprach dem Willen und der Absicht Stalins, der begriffen hatte, dass der „Kurze Lehrgang“ entweder eine Legitimation des Terrors sein müsse oder gar nicht erscheinen würde.

Stalin rief nach einer historischen Erklärung für die Exzesse der Gegenwart, und er gab auch sogleich bekannt, dass ökonomische Krisen, Hunger und Armut nichts weiter seien als die destruktive Arbeit von Feinden, die die Partei hätten zugrunde richten wollen. Im Frühjahr 1938 lag das Manuskript auf seinem Tisch. Er selbst bearbeitete das Werk, strich Passagen, fügte Sätze und Absätze hinzu und gab dem Kollektiv den Rat, sich auf die Geschichte der großen Verschwörung zu konzentrieren, auf Verrat und Spionage, auf die Verbindungen Trotzkis, Bucharins und anderer Parteiführer zum kapitalistischen Ausland. Die gesamte Parteigeschichte wurde nunmehr auf den Terror ausgerichtet, die Vergangenheit als Ouvertüre der großen Verschwörung ausgestellt. Trotzki, Bucharin und all die anderen Bolschewiki, die vor Jahren noch im Rampenlicht gestanden hatten, wurden nun zu Verrätern erklärt, die schon immer darauf aus gewesen seien, die sozialistische Ordnung zu zerstören, und zu diesem Zweck hätten sie sich mit dem kapitalistischen Ausland verbündet. Stalin strich mehr als die Hälfte aller Namen, die Jaroslawski und Pospelow noch im Text belassen hatten, und entfernte alle erzählerischen Passagen und historischen Details aus dem Text.

Brandenberger und Zelenov schreiben, dass die Rechtfertigung des Terrors nach einer abstrakten Erklärung rief, die sich mit der Geschichte von Helden nicht verbinden ließ. Es komme darauf an, so habe Stalin gesagt, dass die Parteikader die Gesetze der Geschichte verstünden. Tatsächlich verlor der Text nach Stalins Eingriff an Lebendigkeit und Eleganz, er wurde, wie Swetlana Allilujewa schrieb, langweilig, aber er gewann an Kohärenz und Eindeutigkeit. Der „Kurze Lehrgang“ verwandelte sich unter Stalins Regie in ein starres, mechanisches und blutleeres Lehrbuch, dessen Gesetze sich aber leicht memorieren und aufsagen ließen. Im engsten Kreis erklärte der Diktator in jenen Tagen, die Geschichte der Partei müsse so formuliert werden, dass selbst Nikita Chruschtschow imstande sei, sie zu verstehen. „Die Theorie ist Wissen über die Gesetze der historischen Entwicklung. Wenn wir solches Wissen besitzen“, so Stalin, „dann werden wir die richtigen Kader haben, aber wenn die Leute solches Wissen nicht besitzen, werden sie keine Kader sein, sondern Leere hinterlassen.“ (S. 21) Das Regime versorgte die Kommunisten mit neuen Interpretationen und gewöhnte sie an eine neue Sprache. Und auf diese Weise eroberte es sich einen dauerhaften Platz im Bewusstsein der Staatsdiener. Stalin war der Regisseur dieses bemerkenswerten Vorgangs, der allerdings seinen eigenen Tod nicht überdauerte.

Der „Kurze Lehrgang“ fiel seiner eigenen Kompositionstechnik zum Opfer. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam es nicht mehr darauf an, die Experimente der Vergangenheit und die Notwendigkeit des Terrors zu rechtfertigen, sondern darauf, dem Sieg im Großen Vaterländischen Krieg einen Namen zu geben. Nunmehr verdrängten Nation und Tradition die Fraktionskämpfe der Vorkriegszeit, Stalin verwandelte sich in ein Symbol einer ewig währenden Diktatur und emanzipierte sich vom Auftrag der Geschichte und ihrer Partei. Welche Rolle konnte der „Kurze Lehrgang“ in der neuen Zeit noch spielen? Zwar arbeiteten Parteihistoriker an einer Erweiterung des Textes, der später in Stalins „Gesammelten Werken“ erscheinen sollte. Daraus aber wurde nichts mehr, das Lehrbuch verlor nach und nach seine Bedeutung, bis es in den Jahren des „Tauwetters“ aus dem Leben verschwand.

Brandenbergers und Zelenovs Dokumentation belegt die Bedeutung, die Stalin der Erziehung seiner Staatsdiener beimaß, sie zeigt, dass der Diktator selbst entschied, wie die Welt gesehen werden musste, und sie belegt, dass die Hoheit über Sprache und Interpretation für das Überleben der Diktatur von existentieller Bedeutung waren. Stalin war ein Lenker, Erzieher und Regisseur, ein Machtmensch, wie es ihn nach ihm nicht mehr geben sollte. Die Dokumentation präsentiert ihn uns als den Schöpfer einer Geschichte, deren manichäischer Kern auch in der russischen Gegenwart noch weiterlebt.

Anmerkungen:
[1] Swetlana Allilujewa, Das erste Jahr, Wien 1969.
[2] Robert Tucker, Stalin in Power. The Revolution from Above, 1928–1941, New York 1990, S. 539. Ähnlich auch bei Jochen Hellbeck, Introduction, in: ders. / Klaus Heller (Hrsg.), Autobiographical Practices in Russia, Göttingen 2004, S. 23.

Redaktion
Veröffentlicht am
04.03.2021
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