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Titel
Schwertträger und Gotteskrieger. Untersuchungen zur frühmittelalterlichen Kriegergesellschaft Alemanniens


Autor(en)
Rafael Wagner
Reihe
St. Galler Kultur und Geschichte 42
Erschienen
Zürich 2019: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
528 S.
Preis
68.00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Simon Groth, Forschungsverbund "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Es ist keineswegs so, dass das anzuzeigende Buch einer eigenen These entbehrt, doch verfolgt Rafael Wagner erkennbar nicht das Ziel, eine solche aufzustellen und anschließend am empirischen Material zu bestätigen. Dies ist gerade im Bereich einschlägiger Qualifikationsarbeiten – hier handelt es sich um eine in Basel bei Jan Rüdiger entstandene Dissertation – eher selten und doch der große Gewinn dieses stupenden Werkes. An die Stelle einer zugespitzten, eben auf die eigene These zulaufenden Darstellung tritt hier nämlich ein zeitlich und räumlich grob abgegrenztes Untersuchungsfeld, das in immer neuen, sich oftmals überschneidenden und überlagernden Anläufen durchschritten wird, ohne dabei eine zusammenfassende, modellhafte Beschreibung anzustreben. Denn der Gegenstand, über den Wagner handelt, ist nicht weniger als die „Gesellschaft“ Alemanniens im 10. Jahrhundert, die er (und hier handelt es sich selbstredend um eine These) als „Kriegergesellschaft“ begreift. Dies scheint zwar ein durchaus brauchbarer Terminus für das Frühmittelalter zu sein, der außerdem schon in analoger Weise benutzt wurde[1], doch greift er als Zentralbegriff zu kurz, da Wagner mitnichten nur „Schwertträger und Gotteskrieger“ in den Blick nimmt, sondern vielmehr die gesamte Gesellschaft (respektive die Teile der Gesellschaft, die in den Quellen zu greifen sind). „Schwertträger und Dienstleute. Untersuchungen zur frühmittelalterlichen Gesellschaft Alemanniens“ wäre dementsprechend vielleicht eine passendere Überschrift gewesen.

Seine Selbstbeschränkung im Titel gründet sich jedoch auf die Prämisse, dass das lange 10. Jahrhundert eine ausgreifende Militarisierung der Bevölkerung kennzeichne, man diese folglich als eine „Kriegergesellschaft“ fassen müsse. Doch da es Wagner nicht um einen diachronen Vergleich geht, er stattdessen ohne weitergehende Begründung voraussetzt, dass die Gesellschaft zur Zeit Karls des Großen einen geringeren Grad der Militarisierung besessen, der fränkische Kaiser daher primär auf professionelle Truppenkontingente zurückgegriffen habe (hierzu S. 83) und Wagner darüber hinaus seine Ausführungen eben nicht auf diesen Aspekt beschränkt (was ja ebenfalls möglich gewesen wäre), ist die Reichweite des Begriffes bei ihm zeitlich zu klein und in der Sache zu groß: Auch für das 8. und 9. Jahrhundert kann man eine „Kriegergesellschaft“ hypostasieren[2], während die „Gesellschaft“ Alemanniens (auch im 10. Jahrhundert) eben nicht auf das Charakteristikum des „Kriegers“ zu begrenzen ist. Bereits das über vier Seiten sich erstreckende, durch eine Vielzahl an Unterkapiteln auf vier Gliederungsebenen unübersichtliche Inhaltsverzeichnis verdeutlicht im Grunde diesen Umstand. Im Klappentext heißt es insofern treffender, der Band biete eine „fundierte Gesellschaftsanalyse“ und am Ende der Untersuchung liest man dann, „[a]nstelle einer alemannischen Kriegergesellschaft könnte also gleichsam von einer ‚Leistungsgesellschaft‘ gesprochen werden“ (S. 436).

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Überlieferung des Klosters St. Gallen, was nicht nur an der (mehrfach betonten) herausragenden Quantität und Qualität der Urkunden des Stiftarchivs liegt, sondern auch an der schlichten Tatsache, dass Wagner als Mitarbeiter an der Neuedition des Chartularium Sangallense diese in ihrer diffizilen Fülle bestens kennt und dementsprechend auswerten kann. Zusätzlich werden punktuell archäologische Funde und Befunde sowie relativ breit die „schwäbisch-alemannische“ Chronistik des 9. bis 11. Jahrhunderts berücksichtigt, ohne sich freilich hierauf zu beschränken. Immer wieder werden zudem zeitlich und räumlich anders gelagerte historiographische Quellen und Urkundenbestände herangezogen. Nicht ganz nachzuvollziehen ist, dass sich Wagner bei den erzählenden Quellen „primär“ auf die zweisprachige Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe bezieht und erst in „zweiter Instanz“ auf die MGH-Editionen (dazu S. 38), weshalb etwa Liudprands Werke in der Übersetzung von Buchner ohne Verweis auf die Editionen von Becker und Chiesa zitiert werden; bei Flodoards Annalen wiederum hätte man anstelle der alten MGH Ausgabe von Pertz die etwas jüngere, nicht bei den MGH erschienene von Lauer erwartet.

Auf eine relativ ausführliche Einleitung, die zunächst die eigenen räumlichen und zeitlichen Grenzen absteckt, anschließend fünf zentrale Begriffe kontextualisiert („Adel“, „Eliten“, „Funktionäre“, „Transformation“ und „Revolution“) sowie das Quellenkorpus der Arbeit vorstellt (S. 13–38), folgen zwei Hauptkapitel mit den wenig konkreten Überschriften „Militarisierung und Reform“ (S. 39–292) und „Mutationen der Macht“ (S. 293–430). Eine zwingende Unterscheidungslogik dieser getrennten Abschnitte ist nicht erkennbar. Beide Teile gliedern sich ihrerseits auf der untersten, vierten Gliederungsebene dann in unzählige kleinere Einheiten auf, die in der Regel nur wenige Seiten umfassen. Diese funktionieren im Prinzip wie Lemmata, greifen also einen Aspekt, eine Vokabel heraus und summieren die aus den Quellen gewonnenen Eindrücke, die jedoch selten zu konkretem Handbuchwissen kondensiert werden können. Ein erstes Resümee mündet beispielsweise in der Feststellung: „Besonders auffallend ist der Umstand, dass trotz der großen Vielfalt an Begriffen für Diener, Hörige, ‚Unfreie‘ und andere Abhängige praktisch jede Bezeichnung zur Umschreibung wie auch im übertragenen Sinne Verwendung fand und deshalb für jede Urkunde oder Chronik separat entschieden werden muss, mit welchem Status wir bei der betreffenden Person rechnen müssen“ (S. 204).

Entsprechend seines Titels widmet sich Wagner in einem ersten großen Durchgang dabei zunächst „Krieger[n] und Waffenträger[n]“ (S. 41–118). Anschließend geht es jedoch in ähnlicher Ausführlichkeit um „Hörige, Dienstleute und ‚Ministeriale‘“ (S. 118–204), bevor Wagner in gewisser Weise die Ebene wechselt und den ersten Teil mit einer Reihe von Notizen zu „Römische[n] Kastelle[n], städtische[n] Mauern und ländliche[n] Refugien“ (S. 204–292) beschließt. Im folgenden Teil, der die induktive Vorgehensweise und katalogartige Bündelung von Quellenbefunden zu einzelnen Themen oder Strukturen unverändert fortführt, finden sich dann „Grafen und königliche Dienstleute“ (S. 295–353), „Lokale Funktionäre und klösterliche Verwalter“ (S. 353–402) sowie mittels eines erneuten Wechsels der Ebene skizzenhafte Überlegungen zum „schwäbische[n] Dukat zwischen Fremd- und Selbstbestimmung“ (S. 403–430). Eine kurze Zusammenfassung (S. 431–445) verbindet abschließend einige der zentralen Beobachtungen.

Weder die beeindruckende Summe der einzelnen Ergebnisse – wenngleich natürlich nicht jeder Befund neu ist – noch die bei einer solchen Bandbreite zwangsläufig sich ergebenden Monita können hier im Einzelnen referiert werden. Lediglich zwei, aus Sicht des Rezensenten nicht unwichtige Perspektiven des Buches sollen kurz benannt werden. Ohne tiefergehende Erklärung spricht Wagner für das 10. und 11. Jahrhundert von einer „Transformationsphase“ (etwa S. 431). Dies ist keineswegs falsch, aber bliebe doch zu überlegen, ob dies innerhalb des Mittelalters, also innerhalb der Tausend Jahre von 500 bis 1500, eine Besonderheit war, oder ob man nicht jede beliebige Spanne zweier Jahrhunderte als „Transformationsphase“ beschreiben könnte (vgl. zusätzlich die kurzen Bemerkungen auf S. 441). Zumal, da man auf vielen Ebenen gleichsam die Statik der Verfasstheit im 10. und 11. Jahrhundert betonen könnte. Hier müssten die jeweiligen Kriterien, auf denen die Einschätzung beruht, klarer benannt und abgegrenzt werden.

Der König wiederum spielt, zweitens, bei Wagner kaum eine Rolle; wenn er denn mal Erwähnung findet (etwa im Zusammenhang mit den „Ungarnrefugien“ zur Zeit Heinrichs I., S. 240–244) dann wird seine Rolle völlig marginalisiert. Dies ist sicherlich die sich zwangsläufig ergebende Kehrseite von Wagners spezifischem Zugriff, doch so vollkommen „königsfrei“ und „-unabhängig“ wie suggeriert dürfte auch in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts keine Region des ostfränkischen Herrschaftsraum gewesen sein.

Ein nicht unerheblicher Teil der Ergebnisse dieser überaus facettenreichen und vielschichtigen Arbeit findet sich darüber hinaus im Anhang (S. 446–524), in dem – neben zwei Karten des Bodenseegebietes und den üblichen Registern und Verzeichnissen – auch eine Liste der schwäbisch-alemannischen Grafschaften und Grafen sowie ein Glossar und Sachregister der lateinischen Begriffe mit deutscher Übersetzung abgedruckt wurden.

Wenngleich sicherlich „kein reiner Begleitband einer Edition“ entstanden ist (S. 11), lassen nicht nur der umfangreiche Anhang, sondern stärker noch der Duktus des Textes den Leser und Benutzer dennoch an einem Forschungsprozess teilhaben. Dies führt zwar zu einigen Redundanzen, bedingt aber gleichfalls ein tastendes, nicht auf ein schnelles Ergebnis zielendes, vielmehr mit dem notwendigen Bewusstsein um die Grenzen der Erkenntnis wissendes Vorgehen. Anders ausgedrückt bietet die Monographie weniger eine Synthese als das von Wagner wie in einem naturwissenschaftlichen Labor oder in diesem Fall wie in einem Sprachlabor geführte Untersuchungsprotokoll. Es wäre zu wünschen, dass ein solches „Schreiben im Forschen“[3] auch auf anderen Feldern Anwendung findet. Gleichzeitig kann festgehalten werden, dass, sollte irgendwann einmal eine neue Sozialgeschichte des (Früh-)Mittelalters geschrieben werden, Wagners regional angelegte, jedoch darüber hinausreichende Enzyklopädie ein elementarer Baustein sein wird.

Anmerkungen:
[1] Siehe etwa: Daniel Föller, Die unsichtbare Seite der karolingischen Welt. Umrisse einer Kriegergesellschaft im 8. und 9. Jahrhundert, in: Historische Anthropologie 24 (2016), S. 5–26.
[2] In diesem Sinne nunmehr: Christoph Haack, Die Krieger der Karolinger. Kriegsdienste als Prozesse gemeinschaftlicher Organisation um 800 (Reallexikon der germanischen Altertumskunde 115), Berlin/Boston 2020.
[3] Christoph Hoffmann, Schreiben im Forschen. Verfahren, Szenen, Effekte (Historische Wissensforschung Essay 1), Tübingen 2018.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.05.2020
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