Cover
Titel
The Politics of Peace. A Global Cold War History


Autor(en)
Goedde, Petra
Erschienen
Anzahl Seiten
XV, 292 S.
Preis
€ 27,60
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Jost Dülffer, Historisches Institut, Universität zu Köln

Dies ist mit insgesamt 310 Seiten eine besonders kurze Geschichte des Kalten Krieges, aber es ist auch eine Geschichte des „kurzen“ Kalten Krieges, der hier nur von 1945 bis in die 1970er-Jahre reicht. Gerade mit Letzterem befindet sich die Verfasserin in guter Gesellschaft zu anderen neuen Ansätzen.[1] Nach dem Ende der bisherigen historischen Formation Kalter Krieg vor 30 Jahren sind neue oder ungewohnte Sichtweisen fällig, die sich von den Mustern der zeitgenössischen Akteure abheben. Gerade die Absurdität des nuklearen Wettrüstens, in der Overkill-Kapazitäten aufgehäuft wurden, um dem Frieden zu dienen oder diesen zu erhalten, verdient eine kritische Kategorisierung. Petra Goedde, in der Bundesrepublik aufgewachsen, aber in den USA wissenschaftlich sozialisiert, lehrt als Professorin an der Temple University in Philadelphia. Die genannte Absurdität macht sie zum Epochenkennzeichen, wenn sie eine Darstellung ganz an den Maßstäben des Denkens und Handelns von Frieden orientiert. Die Verfasserin kommt von der Kulturgeschichte her und spannt ein weites Feld an zeitgenössischen Autor/innen und Akteuren ein, die sie in großer Dichte und differenziert in einzelnen Kapiteln abhandelt. Das reicht von Schriftstellern, Künstlern und Filmemachern über ein breites Spektrum von „peace activists“ bis zu handelnden Politikern in Parlamenten und letztlich bis zu den Machern der Großen Politik.

Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich, so Goedde, in den USA und der Sowjetunion ein Denken durchgesetzt, dass zur Wahrung des Friedens meinte, den (großen) Krieg vorbereiten zu müssen, da man der anderen Seite jeweils fälschlich Kriegsabsichten und Expansion über die ganze Welt unterstellte. Dagegen habe sich eine alte Linke an Pazifisten und eine neue Linke gegen Atomrüstungen etc. gebildet. Der „World Peace Congress“ zum Beispiel sei eines der wichtigsten Foren gewesen, hätten ihm doch zunächst eine Fülle von westlichen Nicht-Kommunisten angehört, die sich dann ein eigenes Bild von der Sowjetunion machen konnten; seit den 1950er-Jahren sei es aber stärker auf sowjetkommunistischen Kurs gegangen und habe so an Einfluss verloren. Der radioaktive Fallout der 1950er-Jahre führte zu einer Verbindung von Frieden und Umwelt. Religionsgemeinschaften setzten sich in beträchtlichen Teilen für Frieden ein: Christentum, Judentum und Hinduismus werden entfaltet. Buddhismus oder Islam als große Weltreligionen kommen bei dieser, globale Ansprüche stellenden Arbeit nicht vor. Zumindest die christlichen Kirchen waren für Goedde gespalten, ob sie nicht doch gegen den gottlosen Kommunismus sein sollten. Das Eintreten von Frauen für Frieden war zwiespältig. Die einen sahen in ihrem Geschlecht eine besondere Chance oder Verpflichtung zum Kampf für Frieden, andere lehnten gerade diese Festschreibung von Geschlechterrollen ab. Schwieriger wurde es bei den Auseinandersetzungen um Dekolonisierung. Hier trat eine neuere Linke nicht mehr für Frieden ein, sondern betonte die fortschrittliche und emanzipatorische Rolle von Gewalt. Autoren wie Frantz Fanon, Leopold Senghor, Nelson Mandela, Jean-Paul Sartre oder Che Guevara werden zumeist als Vertreter der Kolonisierten genannt, dazu kam eine innerwestliche, vor allem amerikanische Gewaltdiskussion, die sich im Vietnamkrieg verschärfte. Beispiele dieser gewaltbereiten Linken, die an die fortschrittliche Rolle von Gewalt glaubten, gibt es auch aus Frankreich, Großbritannien, der Bundesrepublik, Italien und Japan. Das unterstreicht den umfassenden territorialen Aspekt der Studie.

Diese nuanciert nach unterschiedlichen Friedensvorstellungen suchende Studie bezieht nur in einem Kapitel zur Dekolonisierung die Haltung zu Frieden aus dem globalen Süden ein, ist ansonsten weitgehend auf den klassischen „Kalten Krieg“ im Ost-West-Maßstab fixiert. In den einzelnen Kapiteln werden die Friedenssemantiken der entscheidenden Akteure und Organisationen jeweils einbezogen. Frieden wurde gerade aufgrund von dessen Gebrauch im sowjetischen Diskurs seit Ende der 1940er-Jahre im Westen geradezu zu einem schmutzigen Wort. Doch dann wandelte sich dies auch im Westen langsam. Bei Eisenhower findet Goedde in den „Atoms for Peace“ und anderswo neue Ansätze. Kennedy hielt eine große Friedensrede. Bei Lyndon Johnson kann sie durch Zitate belegen, dass er – angeblich gegen den größten Teil der bisherigen Forschung – durchaus friedliche Ziele bekundete. Ganz erstaunlich erhält Richard Nixon, ein konservativer „hawk“ auch für Goedde, gute Noten: Er habe die Unhaltbarkeit des Vietnamkrieges erkannt, sei sich über den relativen Niedergang der USA gegenüber den Verbündeten klargeworden und habe schließlich auch wirtschaftlich die hohen Rüstungskosten gescheut. Wie kam es dazu? Neben den peace activists habe ihn eine Änderung des öffentlichen Dialogs dazu gebracht, insbesondere die durch Stanley Kubricks „Dr. Seltsam and how I learned to love the bomb“ beflügelte Einsicht in die Absurdität des Wettrüstens. Das Pendant auf der anderen Seite des Atlantiks und im politischen Spektrum sei Willy Brandt in Deutschland mit dem „Wandel durch Annäherung“ gewesen. Fortan sei pragmatische Politik des Ausgleichs auch mit dem Osten möglich geworden. Die bisherigen binären Vorstellungen von politischem Rationalismus vs. Idealismus, kommunistisch vs. liberale Demokratie, ja auch der rationalen Vorstellung von Kriegsvermeidung vs. dem genannten Absurden hätten sich zugunsten pragmatischeren Vorgehens aufgelöst.

Der Rezensent kann sich den Beobachtungen über diesen langsamen Gesinnungswandel anschließen, hat viel durch die „dichte Beschreibung“ von Friedensdenken aller Schattierungen und Organisationen gelernt. Aber es bleiben Fragen. Goedde ist davon überzeugt, dass sich Regierungen im Westen zunehmend unter dem innenpolitisch breiten Friedensdiskurs zum Kurswechsel bereitfanden oder sich dazu gezwungen sahen. Was die Sowjetunion und ihre Verbündeten wirklich antrieb – da sie ja für die Verfasserin die Welt nicht wirklich kommunistisch machen wollten – bleibt unterbelichtet. Vor allem: Warum rüstete man denn so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in einem solchen Maße auf beiden Seiten auf? Gab es zum Beispiel im Westen Gründe, die in der gesellschaftlichen (und nicht friedlichen) Umgestaltung großer Teile nicht nur Osteuropas lagen?[2] Überhaupt fehlt bei der Darstellung des Gegensatzes der Hinweis, dass es sich auch um verschiedene wirtschaftliche Ansätze und unterschiedliche gesellschaftliche Ordnungssysteme handelte, dass Menschen unter beiden Systemen ungleiche Chancen hatten, gegen die es ja gelegentlich Volksaufstände etc. gab. Gewiss wurden Frieden und Menschenrechte (denen Goedde selbst schon bedeutende Arbeiten gewidmet hat) jeweils instrumentalisiert. Aber gab es gerade bei Letzteren in der realen Situation der Menschen in der hier behandelten Zeit nicht beachtliche Unterschiede, die nicht allein durch Moskaureisen oder Friedenskongresse zu einem besseren Verständnis der anderen Seite führten und zu befrieden waren?

Goedde leistet Hervorragendes in der Erschließung von Quellen aus den sonst meist getrennt berichteten Sphären von sozialen Bewegungen, Intellektuellen und Politikern – und dies aus vielen Ländern. Sie kontextualisiert jedoch kaum in die Sphäre des Abwägens politischer Handlungsoptionen hinein. „Frieden“ bedeutet für sie ein „universal human desire“, das nur leider manchmal auf beiden Seiten für politische Zwecke benutzt werde (S. 11). Gerade bei der Vielfalt der ideengeschichtlich entfalteten Aspekte von Frieden, der nicht nur in den 1960er-Jahren im Süden und anderswo erst durch Gewalt und Krieg befördert werden sollte, kann man das insgesamt bezweifeln. Analytische Definitionen von Frieden gibt Goedde nicht.

Darüber hinaus stützt sich die Verfasserin nicht gerade auf eine breite Auswahl an Forschungsliteratur, um Motivationen oder politische Kontexte der kleineren Reichweite herzustellen. Sie liefert im Kern eine Diskurs- und Organisationsgeschichte von Frieden, kontextualisiert aber bisweilen zu wenig. Drei Beispiele mögen das erläutern:

1. Nach den ersten Atombombenabwürfen entstand in den USA der Acheson-Lilienthal-Plan zu einer Internationalisierung der neuen Energie, gewiss eine große Chance. In der neuen UN-Atomkommission änderte US-Verhandlungsführer Bernard Baruch „some core provisions, which all but guaranteed a continued American monopoly on atomic weapons” (S. 70f.). Was war das denn genau? Sieht man einmal von der wachsenden US-Sorge vor sowjetischer Expansion in diesen Monaten ab: Wenn es für die Sowjetunion wegen der weitgehend westlich bestimmten UN nicht gut möglich war, diese zu beauftragen, so war es ihr damals politisch gleichermaßen kaum möglich, Kontrollen auf ihrem Gebiet zuzulassen.[3]

2. 1958 gab es im Zuge der bundesdeutschen Kampagne „Kampf dem Atomtod“ Massenproteste von hunderttausenden Menschen. Jedoch, die Organisatoren aus Oppositionsparteien und Gewerkschaften „became uncomfortable with the unpredictability of large popular protests” (S. 86). Wohl kaum: In Landtagswahlen in mehreren Bundesländern verlor die SPD mit dieser Wahlparole und brach daher die Kampagnen ab.

3. Vor dem Mauerbau 1961 hätten die USA und die Sowjetunion am Rande eines potenziellen Nuklearkrieges gestanden; denn Kennedy habe nach dem gescheiterten Wiener Gipfel mit Chruschtschow in markigen Reden Aufrüstung und Kriegsbereitschaft signalisiert – und daraufhin seien immer mehr Ostdeutsche nach Westdeutschland geflohen (S. 89, 119); auch dies: wohl kaum; die Fluchtbewegung von Ost nach West eskalierte schon vorher aus dem wirtschaftlichen und politischen Gefälle zwischen beiden deutschen Staaten, als die Möglichkeit der Flucht nach dem von Moskau angedrohten Separatfriedensvertrag verloren zu gehen drohte. 1961 war die Angst vor einem Nuklearkrieg auch in den USA wesentlich geringer als ein Jahr später in der Kubakrise.

Was bleibt? Wie jede Monographie beleuchtet auch diese nur einen zentralen Teil des Kalten Krieges innovativ und dicht. Sie blendet aber zu viel an anderen Faktoren aus und kann daher mit ihrer Erklärung der Absurdität des Wettrüstens, das zu seiner Transformation führte, nicht voll überzeugen. Vielleicht schreibt Goedde ja noch einen zweiten Band, der bis 1990 geht oder gar bis in die Gegenwart die Rolle von Frieden und Friedensaktivisten betrachtet. Das Zeitalter des Absurden auch in seinen nuklearen Teilen ist bis heute noch keineswegs überwunden.

Anmerkungen:
[1] Z.B. Gottfried Niedhart, Durch den Eisernen Vorhang. Die Ära Brandt und das Ende des Kalten Krieges, Darmstadt 2019.
[2] Dazu differenziert zuletzt: Norman Naimark, Stalin and the Fate of Europa. The Postwar Struggle for Sovereignty, Cambridge, Mass. 2019.
[3] Z.B. Shane J. Maddock, Nuclear Apartheid. The Quest for American Atomic Supremacy from World War II to the Present, Chapel Hill 2010.

Redaktion
Veröffentlicht am
02.07.2020
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/