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Titel
Geschichte Bayerns.


Autor(en)
Volkert, Wilhelm
Erschienen
München 2001: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
128 S.
Preis
€ 7,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Waldow, Abteilung Vergleichende Erziehungswissenschaft Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Allgemeine Pädagogik

Mit seiner 2001 in der Beck'schen Reihe Wissen erschienenen "Geschichte Bayerns" hat Wilhelm Volkert, bis zu seiner Emeritierung Lehrstuhlinhaber für Bayerische Geschichte in Regensburg, den vorhandenen Gesamtdarstellungen zur Bayerischen Geschichte eine weitere, besonders handlich und knapp gehaltene hinzugefügt. Laut Klappentext sollen auf den ca. 120 Seiten des Buches die "wichtigsten Ereignisse und prägenden Strukturen der historischen Entwicklung Bayerns" von der Vorgeschichte bis in die Gegenwart dargestellt werden. Volkert macht nicht explizit, auf "welches Bayern" er sich bezieht, aber beim Lesen wird klar, dass das Gebiet des heutigen Bundeslandes seine geographische Referenzgröße darstellt. Hier wie auch an anderen Stellen des Buches macht sich das Fehlen eines Einleitungskapitels unangenehm bemerkbar, wo diese und andere methodische Fragen hätten geklärt werden können.

Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt. Das erste Kapitel reicht von der Altsteinzeit bis zur Zeit der römischen Herrschaft in Teilen des Gebiets des heutigen Bayern. Das zweite Kapitel behandelt das Früh- und Hochmittelalter und somit eine Zeit, die nach Volkert u.a. dadurch gekennzeichnet ist, dass "sich die Bayern zum Volk" (S. 14) formierten. Das dritte Kapitel reicht vom Spätmittelalter bis zum Ende des Ancien régime, wobei ein Schwergewicht der Darstellung auf den Geschicken der bayerischen Herzöge und späteren Kurfürsten liegt.

Das vierte Kapitel, das den Zeitraum von der Napoleonischen Epoche bis zur Gegenwart abdeckt, ist von seinem Umfang her so lang wie die ersten drei Kapitel zusammengenommen; diese Epoche bildet so den Schwerpunkt des Buches. Insbesondere in diesem, der neuesten Zeit gewidmeten Teil fallen eine Reihe methodischer Schwächen auf. Volkerts Perspektive ist - stärker als in den anderen Teilen des Buches - größtenteils die der politischen Ereignisgeschichte. Aber auch diese "Geschichte von oben" wird gleichsam depolitisiert: Politik und politisches Handeln werden zum großen Teil auf Maßnahmen der Staatsregierung reduziert; durch gesellschaftliche Konfliktlagen bedingtes politisches Handeln, gesellschaftliche Phänomene überhaupt kommen in der Darstellung nur sehr beschränkt vor bzw. werden auf ihre "Verwaltung" durch die Administration reduziert. Ein Beispiel aus der neuesten Zeit macht dies deutlich: Der heftige Konflikt um die Abschaffung der Bekenntnisschule etwa, der 1968 durch einen Volksentscheid entschieden wurde und in dem die Staatsregierung nach anfänglich vehementer Verteidigung der Bekenntnisschule erst sehr spät auf den Kurs ihrer Gegner einschwenkte [1], findet bei Volkert nur in der Formulierung ihren Niederschlag, dass die "Überführung der Bekenntnisschulen in die christlichen Gemeinschaftsschulen" eines der "Hauptanliegen der Bildungspolitik" in den 50er und 60er Jahren gewesen sei (S. 112).

Zu dieser Depolitisierung und Ausblendung der Gesellschaft passt auch Volkerts Verwendung des Begriffs "Volk", den er mehr oder weniger synonym mit "Bevölkerung" einsetzt. Zum einen besitzt das Wort "Volk" seit der NS-Zeit Konnotationen, die seine Verwendung in wissenschaftlichen Zusammenhängen m.E. außerordentlich problematisch machen; zum anderen stellt der Begriff "Volk" eine stark homogenisierende und harmonisierende Kategorie dar. So findet sich etwa im Abschnitt zum Dritten Reich der Satz "Das Volk ertrug die 'Gleichschaltung' weithin gelassen" (S. 94). Gesellschaftliche Unterschiede und Verwerfungen sowie Exklusionsmechanismen werden durch die Verwendung dieses Begriffes ausgeblendet. Sind beispielsweise Juden (auch wenn sie im 19. und 20. Jahrhundert in Bayern vielleicht "zahlenmäßig keine große Rolle", S. 80, spielten) Teil des "Volks", und wenn ja, in welchem Maße? Die letztlich unpolitische Betrachtungsweise wird ebenfalls an einer Formalie deutlich: die im Anhang enthaltene Liste der bayerischen Ministerpräsidenten führt diese ohne Angabe ihrer Parteizugehörigkeit auf (S. 122).

Sozial- und Wirtschaftsgeschichte haben in Volkerts Darstellung bestenfalls den Rang eines Anhängsels. Die fundamentalen Veränderungen, die die Industrielle Revolution auch in Bayern verursachte, werden nur am Rande behandelt.
Die Angaben zu den Auswirkungen der Veränderung der Wirtschaftsstruktur auf die Landwirtschaft sind in sich widersprüchlich: nach Volkert lebte um 1900 noch ein Viertel der Bevölkerung von der Landwirtschaft (S. 81). Dem steht die Feststellung (S. 109) gegenüber, Bayern sei auch noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts ein Agrarland gewesen, in dem der größte Bevölkerungsanteil von der Landwirtschaft lebte. [2] In der Tat spielte das Bild vom Agrarland Bayern bis weit ins 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle in der (konservativen) politischen Mythologie Bayerns; anstatt jedoch den Widerspruch zwischen politischer Mythologie und tatsächlicher Wirtschaftsstruktur aufzuzeigen, reproduziert Volkert den politischen Mythos unkritisch. Die Darstellung der wirtschaftlichen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg geschieht zudem fast ausschließlich aus altbayerischer Perspektive, was ihr in deutlich größerem Maße den Charakter einer linearen Erfolgsgeschichte gibt, als dies bei einer gleichmäßigeren Betrachtung aller Landesteile der Fall gewesen wäre. Zu recht weist Volkert darauf hin, dass das Fehlen von Kohle und Eisenerz, lange Zeit als Standortnachteil aufgefasst, (Alt-)Bayern im 20. Jahrhundert viele mit der industriellen Umstrukturierung verbundene Probleme ersparte. Diese Darstellung blendet jedoch aus, dass auch in Bayern alte Industrieregionen, insbesondere in Ober- und Mittelfranken, auf das heftigste von industriellen Umstrukturierungen betroffen waren und sind. In Volkerts bayerischer Erfolgsgeschichte haben diese Entwicklungen, die genauso zur Wirtschaftsstruktur Bayerns gehören wie die enorme wirtschaftliche Dynamik des Großraums München, offensichtlich keinen Platz.

Natürlich kann man von einem Buch, das auf ca. 120 Seiten über 2000 Jahre behandelt, nicht verlangen, dass es über seinen gesamten Untersuchungszeitraum hin alle Unterthemen mit der gleichen Intensität behandelt; dies entschuldigt jedoch die Mängel von Volkerts Darstellung nicht. Das im Klappentext erwähnte Ziel, die "prägenden Strukturen" der historischen Entwicklung Bayerns nachzuzeichnen, wird jedenfalls weit verfehlt, wenigstens insoweit es sich um wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen handelt. Dies ist insbesondere deswegen schade, weil das Buch aufgrund seines Erscheinens in einem renommierten Wissenschaftsverlag und aufgrund seines handlichen Umfangs und günstigen Preises vermutlich weite Verbreitung bei Lehrern und interessierten Laien genießen und somit zur Perpetuierung eines unkritisch-historistischen Geschichtsbildes beitragen wird.

Anmerkungen:
[1] Zum Konflikt um die Abschaffung der Bekenntnisschule vgl. Jana Richter: Eine Schule für Bayern. Die schulpolitischen Auseinandersetzungen um die Einführung der Christlichen Gemeinschaftsschule in Bayern nach 1945 (Miscellanea Bavarica Monacensia 169), München: Stadtarchiv 1997.
[2] Karl-Heinz Willenborg gibt den Anteil der 1950 im Bereich Landwirtschaft und Forsten beschäftigten Erwerbspersonen mit 31 % und den Anteil der im Bereich Industrie und Handwerk beschäftigten Erwerbspersonen mit 40 % an. Vgl. Willenborg: "Bayerns Wirtschaft in den Nachkriegsjahren. Industrialisierungsschub als Kriegsfolge", in Neuanfang in Bayern, 1945-1949: Politik und Gesellschaft in der Nachkriegszeit, hrsg. von Wolfgang Benz, München: C.H. Beck 1988, S. 121-142, S. 141.

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Veröffentlicht am
05.02.2002
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