Titel
Zur Macht der Banken in Deutschland. Eine empirisch-historische Untersuchung


Autor(en)
Brendel, Gregor
Reihe
Münsteraner Beiträge zur Cliometrie und quantitativen Wirtschaftsgeschichte, Bd. 10
Erschienen
Münster 2001: LIT Verlag
Anzahl Seiten
227 S.
Preis
DM 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Harald Wixforth, Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden

Das Thema "Macht der Banken in der deutschen Gesellschaft" bildet bis in die jüngste Zeit hinein immer wieder den Anlass für kontrovers geführte Diskussionen, nicht nur unter Ökonomen, Wirtschaftspolitikern oder Bankenhistorikern, sondern auch in weiten Teilen der Presselandschaft und der interessierten Öffentlichkeit. Angesichts von Massenentlassungen im Kreditgewerbe einerseits und der rasch voranschreitenden Globalisierung der Finanzmärkte andererseits braucht man über den Aktualitätsgehalt des Thema auch heute nicht lange diskutieren. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Debatte über die Macht der Banken bis heute durch ein hohes Maß an Polemik und Unsachlichkeit gekennzeichnet ist. Offensichtlich tut sich die Öffentlichkeit, vor allem die über die Medien veröffentlichte Meinung bis heute schwer, mit dem Phänomen der Bankenmacht umzugehen. Aber auch in der bankhistorischen Forschung steht eine intensive Behandlung des Themas noch aus - von einigen wenigen Arbeiten abgesehen. Studien, die den Anspruch erheben, eine "empirisch-quantitative Untersuchung zur Macht der Bank in Deutschland vorzulegen" (wie die Arbeit von Brendel), sind daher auf den ersten Blick zu begrüßen. Kann die Studie von Brendel diesem selbst gesteckten Anspruch jedoch gerecht werden und im Ergebnis zu einer Versachlichung der Debatte über die Macht der Banken in Deutschland beitragen?
Als Focus für seine Studie wählt Brendel die Entwicklung des Bankensystems in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945. Diese Wahl ist sicherlich zu begrüßen, fehlen doch gerade für diese Zeit - von einigen Ausnahmen abgesehen - empirisch historische Untersuchungen zu diesem Themenkomplex.

Als Einstieg in sein Thema wählt Brendel einen kursorischen Überblick zur Entstehung und Entwicklung des Universalbanksystems in Deutschland, der im wesentlichen eine Kompilation von in der Literatur seit langem gängigen Einschätzungen und Ergebnissen darstellt. Zu loben ist, dass sich Brendel im zweiten Abschnitt seiner Arbeit um eine präzise Definition des Begriffes "Bankenmacht" bemüht. Dabei ist ihm zuzustimmen, dass für empirische Untersuchungen eine Unterscheidung zwischen Einflusspotential und Macht der Banken durchaus angebracht ist. Allerdings bleibt Brendel am Ende des Abschnitts eine weitreichend verwendbare Definition von "Bankenmacht" schuldig. Sein Versuch, in ältere Bergriffe von Bankenmacht das Arsenal der augenblicklich hoch gehandelten Neuen Institutionenökonomie zu integrieren, läuft daher ins Leere.

Auch bei der Benennung der Faktoren, die ein Einflusspotential der Banken innerhalb einer Unternehmen-Bankbeziehung generieren, kann Brendel kaum neue Einsichten präsentieren. Seiner Meinung nach fußt dieses Einflusspotential aus den Beteiligungen von Banken an Nicht-Banken, dem Depotstimmrecht der Banken und der Wahrnehmung von Aufsichtsratsmandaten durch die Banken - alles drei Faktoren, die bereits seit ca. 100 Jahren als Einfallstore der Banken zur Beherrschung der Industrieunternehmen diskutiert werden. Die folgende Beschreibung und begriffliche Abgrenzung der drei Faktoren ist wiederum eine kursorische Kompilation aus der Literatur, wobei dem Leser teilweise allgemeinplätzliche oder unklare Aussagen präsentiert werden, wie etwa: "Bei einigen Unternehmen ist darüber hinaus von einer wirtschaftshistorischen Beziehung zwischen der Bank und dem Unternehmen zu sprechen." (S. 79).

Am Ende dieses Kapitels, aber auch bereits auf der Hälfte des Buches formuliert Brendel sieben Arbeitshypothesen, die er im folgenden empirisch testen will. Blickt man auf den Verlauf der Debatte über die Macht der Banken, so überrascht es nicht, dass Brendel der Wahrnehmung von Aufsichtsratsmandaten durch die Banken das größte Einflusspotential bei Industrieunternehmen beimisst. (Hypothese 5).

Form einer weitgefächerten Korrelations- und Regresssionsanalyse durchgeführt wurde, bildete ein Sample von 39 Firmen in der Rechtsform einer publizitätspflichtigen Aktiengesellschaft. Auswahlkriterien für die Samplebildung waren die Zugehörigkeit zu den 100 größten deutschen Firmen in den Jahren 1994 und 1995 sowie die Verfügbarkeit von relevanten statistischen Daten für diese Jahre. Im Schlusskapitel seiner Studie präsentiert Brendel die Ergebnisse seiner statistischen Untersuchung. Mit Blick auf die eingangs formulierten sieben Arbeitshypothesen hält er fest, dass insgesamt gesehen "Einflusspotentiale der Banken auf die Unternehmen nachgewiesen werden konnten." (S. 176). Allerdings räumt Brendel ein, dass für die Einflussfaktoren Depotstimmrechte, Beteiligungen und Aufsichtsratsmandate kein Nachweis im Sinne einer direkten Einflussmaximierung durch die Banken zu identifizieren war, es sei denn, der Vorsitzende des Aufsichtsrats war ein Bankdirektor (Hypothese 3, S. 177). Daher kann es nach Brendel auch nicht überraschen, dass dem Faktor Aufsichtsratspräsenz der Banken in Nicht-Banken kein allzu hohes Einflusspotential zugeschrieben werden sollte. (Hypothese 5, S. 177). Zudem konnte Brendel keine Beweise dafür finden, dass Banken durch ihre Kreditvergabe an hochverschuldete Unternehmen ihr Einflusspotential auf diese ausdehnen wollten. Vielmehr kommt Brendel zu der Feststellung, die Firmen hätten stets bedarfsgerechte Kredite zu marktkonformen Konditionen erhalten. (Hypothese 6, S. 177). Wo ist dann aber das Einflusspotential der Banken zu suchen? Umgekehrt kommt Brendel zu dem überraschenden und sicherlich zu diskutierenden Ergebnis, dass die Unternehmen durch die ihnen eingeräumten Möglichkeiten der Bilanzierung einen derart großen Gestaltungsspielraum und Informationsvorsprung gegenüber ihren Anteilseignern, aber auch gegenüber ihren Hausbanken besitzen, so dass hier ebenfalls von einem "Machtpotential" zu sprechen ist. (Hypthese 2 und 7). Der Macht der Banken steht daher nach Brendel die Macht der Unternehmen gegenüber. Er sieht daher gesetzgeberischen Handlungsbedarf, um die Spielräume bei der Bilanzaufstellung durch die Unternehmen einzuengen, aber auch um Informationsasymetrien zwischen Unternehmen und ihren Anteilseignern, aber auch zwischen Unternehmen und ihren Banken abzubauen. Diese letzten Schlussfolgerungen sind sicherlich diskutierenswert, zumal Brendels Befund auf der Linie der Argumentation durch die Monopolkommission liegt, die ebenfalls Handlungsbedarf bei der Bilanzaufstellung durch Aktiengesellschaften sieht.

Brendels Studie ist ein Versuch, auf der Grundlage von bilanzstatistischen Berechungs- und Erhebungsverfahren Ergebnisse zur Diskussion über die Macht der Banken in der deutschen Gesellschaft beizusteuern. Allerdings handelt es sich hier um einen ersten Schritt zur Identifizierung möglicher Einflusspotentiale, wie Brendel selber einräumt. In welchem Umfang und auf welche Weise sich die Macht der Banken im Wechselspiel zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft manifestiert hat, in welchem Ausmaß sie überhaupt existiert hat - dazu finden wir bei Brendel keine Aussagen. Seine Studie ist als Beitrag der Cliometriker zu verstehen, Indizien für eine Bankenmacht zu finden. Eine wirkliche empirisch-historische Untersuchung, die das Einflusspotential der Banken benennt und seine tatsächliche und konkrete Umsetzung in Bankenmacht nachweisen kann, steht sicherlich noch aus. Auch wenn es hartgesottene Cliometriker nicht gerne hören: Das komplexe Phänomen "Bankenmacht" lässt sich nicht ohne weiteres nur durch statistische Berechnungen und Analysen fassen - weder mit Blick auf die Beziehungen zwischen Banken und Industrieunternehmen, noch mit Blick auf das Einflusspotential der Kreditwirtschaft in anderen Feldern von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Veröffentlichungen aus der jüngsten Zeit zur Rolle der Banken in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus haben dies zur Genüge gezeigt.

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