Cover
Titel
Geschichte als Waffe. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung


Autor(en)
Wolfrum, Edgar
Reihe
Kleine Reihe V & R 4028
Erschienen
Göttingen 2001: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
176 S.
Preis
DM 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Hänel, Max-Planck-Institut fuer Geschichte Hermann-Foege-Weg 11 37073 Goettingen

Als Jacob Burckhardt zu Sylvester 1872 an Friedrich von Preen schrieb, daß ihm keine neueren Werke zur Zeitgeschichte bekannt seien ("seit Gervinus habe ich einen Abschmack an solchen Büchern"), äußerte er auch die inzwischen berühmt gewordene Ansicht, daß man ohnehin nur einige Jahre werde warten müssen, "bis die ganze Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch angestrichen und auf 1870/1 orientiert sein wird" [1]. Aus der klärenden Baseler Distanz prophezeite Burckhardt angesichts des Einheits- und Siegesrausches der deutschen Nachbarn also eine Funktionalisierung der Geschichtsschreibung, die über alles bisher bekannte Maß hinausgehen sollte.
Edgar Wolfrum, 1999 mit einer einschlägigen Studie zur Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland hervorgetreten [2], liefert mit dieser neuen Monographie einen großangelegten Überblick über Ansätze und Funktionen legitimatorischer Geschichtsschreibung in Deutschland vom Kaiserreich bis in die unmittelbare Gegenwart. Daß der Weg von 1871 bis zu den aktuellen Debatten um das Holocaust-Mahnmal dabei auf nur knapp 150 Seiten (ohne Anmerkungen) abgeschritten wird, stellt keinen Nachteil dar: kenntnisreich aus der Fülle des Materials geschöpft, hat das Buch die Züge eines langen Essays, dessen Vorzüge in der deutschen Geschichtsschreibung selten genutzt oder gewagt werden. Da der Autor die Kunst der richtigen Auswahl und der pointierten Zusammenfassung mit bemerkenswerter Sicherheit beherrscht, gelingt ihm die Gratwanderung zwischen - ihrerseits schon präformierender - Präsentation und expliziter Analyse in einer stilistisch ansprechenden Weise.

Knapp und doch ausreichend präzise wird etwa der "Bürgerkrieg der Erinnerungen" in der Weimarer Republik umrissen und die Rolle von Symbolen und sinnlichen Manifestationen politischer Ausrichtung auch in einem demokratischen, säkularen Staatswesen hervorgehoben. Projekte wie das Tannenberg-Ehrenmal auf der rechten oder der Kampf um den 1. Mai als Feiertag auf der linken Seite bildeten immer auch Kristallisationskerne politischer Sammlung. Der Geschichtsschreibung fiel dabei immer wieder die Rolle des nur scheinbar neutralen Ideenlieferanten und Wahrheitsgaranten zu.

Wie selbst mit scheinbar politikfernen Themen mindestens "Stimmung" gemacht werden kann, wird dabei immer wieder eindrücklich belegt. Der Mediaevist Hermann Heimpel etwa, auch er ein nach 1933 "mitkämpfender Historiker", "deutete die Geschichte Westeuropas seit den fränkischen Reichsbildungen so um, daß sie den Zielen der deutschen Hegemonialpolitik entsprach" (S. 48). Damit stand er gewiß nicht allein, ist doch, wie Wolfrum mit Blick auf neuere Forschungsergebnisse festhält, die Legende von den "wildgewordene(n) Studienräte(n) oder Außenseiter(n)", die aus karrieristischen Gründen die NS-Politik unterstützt hätten, längst als apologetische Konstruktion angezweifelt worden. In der Tat waren viele, wenn nicht die meisten, der ordentlichen Professoren, die ihre Ämter schon vor 1933 innegehabt hatten, dem Regime in der einen oder anderen Weise "zu Diensten". Auch die anderen historisch-philologischen Fächer beeilten sich, ihre Wichtigkeit für die neue Ideologie zu betonen. Von der Ur- und Frühgeschichte über Volkskunde und Alte Geschichte bis hin zur Romanistik wurde nun die Geschichte wenn schon nicht "siegesdeutsch", so doch germanisch-kulturmissionarisch "angestrichen". Der "Obmann der mittelalterlichen Historiker beim Kriegseinsatz der deutschen Geisteswissenschaften", Theodor Mayer, brachte 1941 auf den Punkt, was schon in den Jahren zuvor, als eine Art Kriegsvorbereitung, die Tendenzen der Interpretation bestimmt hatte: "Die deutschen Historiker sind sich ihrer Pflicht bewußt, für das zentrale Problem des jetzigen Krieges und der bevorstehenden Neuordnung Europas das geschichtliche Rüstzeug beizubringen und vom Standpunkt der Gegenwart aus die Entwicklung der Vergangenheit zu betrachten und zu deuten" (S. 49). Geschichte "vom Standpunkt der Gegenwart" zu betrachten, bedeutete, der Politik rechtfertigend vorzuarbeiten oder im Sinne der Politikberatung Denkschriften zu erstellen. Die Pläne, die dann ausgeführt wurden, und Millionen von Menschen betrafen, wurden auch von Geisteswissenschaftlern mit erdacht.

Das Thema "Geschichte als Waffe" kann für diese Zeit gewiß noch um einige Beispiele bereichert werden, als gelungene Zusammenfassung des gegenwärtigen Forschungsstandes haben die vorliegenden Ausführungen aber auch hier ihren besonderen Wert.

Der größere Teil des Buches ist dann, Wolfrums bisherigen Forschungsschwerpunkten entsprechend, der Geschichte der sinnstiftenden Geschichtsschreibung nach 1945 gewidmet. "Das Verständnis dafür, daß Besiegtsein und Befreiung unlöslich miteinander verknüpft waren, sollte sich erst viel später einstellen", formuliert Wolfrum treffend die deutsche Befindlichkeit der unmittelbaren Nachkriegszeit (S. 57). Sehr bald darauf, mit der Gründung der Bundesrepublik und der DDR, folgte schon der nächste Kampf ums Geschichtsbild, diesmal unter den Vorgaben des Kalten Krieges als ein Kampf um die wahre Repräsentation der positiven - oder positiv gewendeten - gesamtdeutschen Traditionsbestände. Nach der Katastrophe des totalen Krieges hatten zunächst die Siegermächte über die Art Geschichtspolitik, wie sie sich in Lehrplänen und Schulbüchern niederschlägt, entschieden. Wichtige Unterschiede in der Vorgehensweise zwischen der sowjetischen Besatzungsmacht und den westlichen Alliierten bestanden nicht nur darin, ob bei der historischen Neuorientierung der Deutschen mehr Gewicht auf "geeignete" Geschichtslehrer oder "geeignete" Schulbücher gelegt werden sollte (S. 60). Grundlegender erwiesen sich die Tendenzen der Interpretation deutscher Geschichte, die sich die Sieger zu eigen gemacht hatten und die während der deutschen Teilung als umkämpfte Deutungsmuster zu beiden Seiten der Mauer mehr oder weniger stark instrumentalisiert wurden.

In den Kapiteln, die die teilstaatlichen deutschen Geschichtsbilder behandeln, wird das Grundproblem als die Frage nach dem Selbstverständnis der Deutschen als Nation identifiziert. Auch der Streit um die neue Ostpolitik der Ära Willy Brandt "entzündete sich, wie so oft, am Nationsverständnis: Staatsnation oder Kulturnation, 1871 oder 1848, wo lag der Vorrang?"(S.89). In dieser Zeit - und entsprechend für die DDR-Bestrebungen, einen "sozialistischen Patriotismus" zu begründen - kommen die Kenntnisse und Stärken des Buches besonders deutlich zum Vorschein. Mit scheinbar leichter Hand zielsicher steuernd werden die entscheidenden geschichtspolitischen Weichenstellungen gezeichnet. Es entsteht eine Skizze, von der man wohl sagen muß, daß sie in der Tat Wesentliches erfasst.

Wolfrums Buch liefert eine gute Zusammenfassung der Forschungen der letzten Jahrzehnte auf diesem Gebiet. Statt sich auf monokausale Deutungen einzulassen, bezieht der Autor in seine Betrachtungen meist mehrere Faktoren ein, deren Zusammenspiel erst eine "Ideologie" wirkungsmächtig und gefährlich werden läßt. Auch wird die analytische Differenz zwischen Ideen und Begriffen, die zu vielem dienen mögen, und ihrem konkreten ideologischen Gebrauch nicht kurzschlüssig eingezogen. Würde man hier eine Linie etwa "von Luther zu Hitler" nachziehen, hätte man nur eine weitere (negativ-)legitimatorische Variante dessen erzeugt, was es zu analysieren gilt. Dieser Versuchung widersteht Wolfrum überall.

Aber, wenn Geschichte per se Sinn und damit Identität vermittelt, ist sie dann nicht auch in ihren "harmlosen", vorgeblich unpolitischen Ausprägungen doch eine potentielle Waffe? Doch so, wie fast jedes Werkzeug auch als Waffe taugt, muß man wohl sagen, daß es ganz auf den Gebrauch ankommt, den man davon macht.

Anmerkungen:

[1] Jacob Burckhardt: Briefe. Vollständige und kritische Ausgabe. Mit Benützung des handschriftlichen Nachlasses bearbeitet von Max Burckhardt, Band V, Basel 1963, S. 184.
[2] Edgar Wolfrum: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990. Darmstadt 1999.

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Veröffentlicht am
06.12.2001
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