R.M. Crunden: Body and Soul - The Making of American Modernism

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Titel
Body and Soul - The Making of American Modernism. Art, Music and Letters in the Jazz Age 1919 - 1926


Autor(en)
Crunden, Robert M.
Erschienen
New York 2000: Basic Books
Anzahl Seiten
475 S.
Preis
$ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralf-Peter Fuchs, LMU-München, Historisches Seminar

Als einer der wichtigsten Beitraege Amerikas zum Musikleben des 20. Jahrhunderts bildet der Jazz fuer Kulturwissenschaftler verschiedener Disziplinen seit langem ein Thema. Und dennoch: Obwohl eine spezifische Bedeutung fuer die Moderne bereits vor dem 2. Weltkrieg durch einzelne Historiker wie Eckart Kehr thematisiert wurde, waren es bislang nur ganz wenige Geschichtswissenschaftler, die ihm Aufmerksamkeit schenkten. Hervorzuheben sind hier Eric Hobsbawm [1] und Michael H. Kater [2], die beide auf unterschiedliche Weise die vielversprechenden Perspektiven verdeutlicht haben, die eine Einbindung des Phaenomens Jazz in ein groesseres Umfeld sozial-, kulturgeschichtlicher und politischer Fragestellungen bietet.

"Body and Soul", das Buch des im Maerz 1999 verstorbenen amerikanischen Historikers Robert M. Crunden, verspricht weitere Ansaetze zu einer solchen Kontextualisierung. Es geht um Kuenstler, Kulturschaffende im weiteren Sinne, und ihre Wahrnehmung einer sich rapide veraendernden Welt, darueber hinaus um ihre Versuche, dieser Welt in bildender Kunst, Musik und Literatur gerecht zu werden. Die Beobachtungen konzentrieren sich auf das Sinnbild dieser modernen Welt: die Vereinigten Staaten von Amerika. Den zeitlichen Rahmen bildet das sogenannte Jazz Age, wobei die im Untertitel genannten Jahre 1919 - 1926 den Kern bilden, fuer Crunden mit Blick auf die sich anschliessende Swing-Aera ein "first jazz age" (S. XV).

Bei Crundens Buch handelt es sich definitiv nicht um ein Jazzbuch. Viele wichtige Namen von Jazzmusikern fehlen. Auch nach Johnny Green, dem Komponisten des Songs "Body and Soul", sucht man vergebens. Das Jahr 1930, in dem der noch heute haeufig gespielte Jazz-Standard seinen Copyright-Stempel erhielt, sprengt bereits den zeitlichen Rahmen der Untersuchung. Fuer Crunden ergibt sich der Rueckgriff auf diesen Titel jedoch von daher, als in ihm zentrale Beweggruende all jener zum Vorschein kommen, die Amerika in kultureller Hinsicht "modern machten": In ihm manifestiert sich nicht zuletzt - wie paradox es auch zunaechst klingen mag - eine tiefe Sehnsucht nach dem Archaischen und Spirituellen, entsprechend dem Beduerfnis, Koerper und Seele in Einklang zu bringen. Fuer Crunden ist dies auch einer der Gruende, einigen wichtigen "different drummers" des Jazz wie Jelly Roll Morton, Sidney Bechet, Louis Armstrong, Mezz Mezzrow, Ethel Waters und Fletcher Henderson einen gehoerigen Raum in seiner kulturgeschichlichen Darstellung zuzugestehen, scheint sich doch in ihren Lebenslaeufen besonders deutlich widerzuspiegeln, wie eng die Suche nach Urspruengen und Wurzeln einerseits und moderne Individualitaet und kuenstlerische Fortentwicklung andererseits zusammenhingen.

Gleichwohl verbindet Crunden mit dem Begriff "Jazz" noch etwas anderes. Mit Blick auf Personen wie John Dos Passos oder F. Scott Fitzgerald und viele andere Modernisten ("modernists") soll "Jazz" allgemein der Aura intellektuellen Lebens und Schaffens in den "Roaring Twenties" gerecht werden. Hierbei ist eine klare Festlegung nicht intendiert und auch nicht moeglich. Unter Berufung auf Fitzgerald, der den Begriff des "Jazz Age" erfunden hat, laesst sich darunter etwa "first sex, then dancing, then music" verstehen (S. 222), eine hedonistische Grundhaltung, die einen Generationenbruch markierte, darueber hinaus einen Bruch mit den grossen Instanzen der Moral, wie sie insbesondere fuer den aus Irland stammenden Schriftsteller die roemisch-katholische Kirche darstellte. Interessanterweise sind "Jazz" und Jazz gerade im Hinblick auf Fitzgerald schwer zusammenzufuehren, da sich relativ leicht nachweisen laesst, dass sein Wissen ueber Musik nur sehr begrenzt war und seine Informationen ueber den Jazz, wie er von Musikern wie Jelly Roll Morton oder Mezz Mezzrow gespielt wurde, bestenfalls aus zweiter Hand stammten (S. 238).

Das gleiche gilt, wie Crunden selbst immer wieder einraeumt, fuer viele amerikanische Intellektuelle der zwanziger Jahre. Aus beeindruckend tiefer Kenntnis heraus beschreibt der Autor Lebenslaeufe und zeichnet Wegmarken. Dabei handelte es sich vielfach um Schluesselerlebnisse in der Begegnung mit Kunst, wie beim Kunst- und Musikkritiker Paul Rosenfeld, dessen Interesse fuer neue Formen der Musik beim Lauschen eines Konzertes des Pianisten und Komponisten Alexander Scriabin in London geweckt wurde. Die Kompositionen Edgard Vareses sind wiederum durch einen spezifischen Blick des 1915 in die USA emigrierten Musikers auf die Neue Welt zu erklaeren: Die Erfahrung der grossstaedtischen Vitalitaet fuehrte hier zum Versuch, Aufbruchsstimmung und Beschleunigungsmentalitaet in die Entdeckung neuer Klangwelten zu ueberfuehren. Ebenso waren z.B. die Photographien von Paul Strand und die Texte von John Don Passos entscheidend durch die Wahrnehmung der rapiden Urbanisierung Amerikas gepraegt. Daneben wird deutlich, dass persoenliche Verbindungen und Bindungen eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung moderner Kunstformen spielten. Der Austausch von Ideen und gegenseitige Beeinflussungen vollzogen sich an Kuenstlertreffpunkten wie der Gallerie des Photographen Alfred Stieglitz wie auch im Rahmen von kuenstlerischen Lehrer-Schueler-Verhaeltnissen, die ihrerseits wiederum eigene Konflikte und Abgrenzungsbeduerfnisse hervorbrachten.

Crunden entwirft dichte, atmosphaerische Portraits von Menschen, stellt sie nebeneinander und verwebt sie anlaesslich von Wegkreuzungen immer wieder ineinander. Dabei beschraenkt er sich nicht auf die kuenstlerische Seite. Es geht ebenso um die Lebenserfahrungen und -einstellungen von Kuenstlern und Kuenstlerinnen wie Georgia O' Keeffe, William Carlos Williams, Ernest Hemingway, Man Ray und vielen anderen. In einem ausfuehrlichen Kapitel wird schliesslich der Suche nach religioesen Fundamenten nachgegangen, wobei sich offenbart, dass die mystische Seite der Jazz-Age-Generation erstaunlich stark ausgepraegt war. Viele Kuenstler suchten Halt in Formen der Religioesitaet, die von neuen "Gurus" entworfen wurden. Das zum Teil sehr weitgehende Interesse etwa fuer theosophische Stroemungen macht Crundens grundlegende Idee, dass die Suche nach Ausgewogenheit von "Body and Soul" ein entscheidendes Problem des Modernismus darstellte, nachvollziehbar.

Was haben nun die Musiker des Jazz in diesem Darstellungsgeflecht einer Gesellschaft von Intellektuellen zu suchen? Zwar kann man mit Crunden nur uebereinstimmen, dass die erbitterte Feindschaft gegenueber dem Jazz etwa seitens Varese und Rosenfeld ueberhaupt kein Grund sein kann, die Lebenslaeufe von Louis Armstrong, Sidney Bechet etc. aus einer kulturhistorischen Arbeit ueber das Amerika der Zwanziger Jahre auszublenden. Dennoch kann man nicht umhin, ihre Portraits in jenem spezifischen Kontext, den der Autor bereitstellt, als fremd zu empfinden. Zu unterschiedlich sind die lebensweltlichen Bedingungen ihres Schaffens etwa gegenueber denjenigen der Personen des Stieglitz-Zirkels.

Crunden setzt beim Storyville-Mythos an, um zu beschreiben, dass die grossen Jazzmusiker ihrerseits wichtige Mythenproduzenten waren (S. 148). So wird die Legende, derzufolge der Jazz nach der Schliessung des gleichnamigen Rotlichtbezirks in New Orleans auf die Vergnuegungsdampfer - und mit diesen nordwaerts nach Chicago - gewandert sei, kritisch beleuchtet. Dabei wird u.a. hervorgehoben, dass Musiker wie Jelly Roll Morton nur wenig von diesem Ereignis beruehrt wurden. Allerdings laesst sich seit 1917 unbestreitbar eine Verlagerung des lokalen Schwerpunktes des Jazz nach Chicago beobachten. Crunden geht ueber seine Portraits den Strukturen der dortigen Musikszene und einer sich rasch entwickelnden Entertainment-Industrie nach. Anschaulich wird geschildert, welche Ausstrahlungskraft Namen von schwarzen Jazz-Groessen wie King Oliver oder Louis Armstrong auf weitere Musiker, unter ihnen die Vertreter des "weissen Jazz", Bud Freeman, Bix Beiderbecke und andere, hatten. Ebenso werden die Probleme einer harten Musikerkonkurrenz und das Beduerfnis der Originale, sich gegenueber Epigonen zu behaupten, eroertert, wobei die Neuerungen der grossen Vorbilder zum grossen Teil auf der Basis der musikwissenschaftlichen Analysen von Gunther Schuller gewuerdigt werden. Auch in seinem Jazzmusiker-Kapitel laesst Crunden jedoch, getreu seinem Gesamtkonzept, lebensweltlich-soziale Erfahrungen nicht aussen vor. Der Aspekt der Rassendiskriminierung wird vornehmlich auf der Grundlage der Aeusserungen der Musiker selbst eingebracht.

Zur Einordnung der Jazz-Szene in den Gesamtzusammenhang des amerikanischen Modernismus bedient sich Crunden weiterer Personen als Bindeglieder: So hatte etwa die Saengerin Ethel Waters Kontakte zum weissen Kunstkritiker und Literaten Carl van Vechten, der auf seinen seit dem Herbst 1924 regelmaessig veranstalteten Parties eine Reihe von schwarzen und weissen Kuenstlern zusammenbrachte. Zu den miteinander auf diese Weise in Verbindung tretenden Personen gehoerten u.a. die Bluessaengerin Bessie Smith, der Schriftsteller Langston Hughes und der Komponist George Gershwin. Natuerlich faellt es dem Autoren bei den letztgenannten beiden Kuenstlern sehr leicht, Impulse vom und fuer den Jazz nachzuweisen. Hughes liess sich in seinen Texten mit dem Anspruch, der Seele des schwarzen Volkes nachzuspueren, von der Jazz-Rhythmik wie von der Blues-Form inspirieren. Gershwin versuchte, aehnlich wie viele andere Komponisten, dem Jazz in symphonischer Musik gerecht zu werden und schrieb selbst viele Songs, die zu Jazz-Standards werden sollten. Fuer zwei weitere Personen ausserhalb dieser Gruppe faellt es Crunden dagegen bereits schwerer, sie als Mittlerfiguren zu zeichnen. Der in Europa geschulte Komponist Aaron Copland arbeitete nur relativ kurze Zeit intensiv daran, Jazzelemente in sein Werk zu integrieren, und F. Scott Fitzgerald war ganz offensichtlich - wie bereits bemerkt wurde - ueberhaupt nicht am Jazz als Kunstform interessiert.

So verliert der Jazz-Abschnitt leider niemals den Charakter eines Exkurses. Der Versuch, dem ohnehin nur teilweise ausgepraegten "Jazz-Age"-Selbstverstaendnis einer Generation von Literaten, Photographen, Malern und Komponisten ueber die Einbeziehung der Musiker des Jazz naeherzukommen, wirkt wenig plausibel. Um der Bedeutung des Jazz fuer das Amerika der Zwanziger Jahre wirklich gerecht zu werden, haette es wohl eines breiteren kulturgeschichtlichen Ansatzes bedurft, der neben den Kunstschaffenden in staerkerem Masse auch die Kunstrezipienten einbezieht. Zwar moegen die in Lebensabschnitten konturierten Kuenstler durchaus als "Macher" des Modernismus zu bezeichnen sein. Hinsichtlich der Ausgestaltung der Moderne in den "Roaring Twenties" muss man jedoch von einer weitaus groesseren Anzahl von "Machern" ausgehen. Der Jazz von Louis Armstrong, Jelly Roll Morton und anderen hatte grossen Anteil an der Aufbruchstimmung dieser Zeit, als er eine Musikgattung war, die dem Lebensgefuehl zahlreicher Menschen entsprach, unter ihnen nicht zuletzt vieler, die sich selbst als ausgesprochen modern verstanden.

Dass bei aller Kritik am "Jazz-Age"-Konzept ein lesenswertes Buch ueber die Kunstszene der USA zwischen den Weltkriegen vorliegt, das sich in weitere Arbeiten Crundens zur Entstehung des modernen Amerika einreiht, soll abschliessend hervorgehoben werden. Die Staerke des Werkes liegt in der Dichte und dem Materialreichtum der Gruppenbiographie und in der einfuehlsamen Darstellung der individuellen Suche der Akteure nach ihrem Platz in der Welt. Die damit zusammenhaengenden Fragen nach spirituellen und religioesen Seiten der Moderne sind wichtige Fragen.

Anmerkungen:
[1] Eric J. Hobsbawm: The Jazz Scene. New York 1989.
[2] Michael H. Kater: Gewagtes Spiel. Jazz im Nationalsozialismus. Koeln 1995.

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Veröffentlicht am
16.01.2001
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