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Titel
Das konservative Milieu. Vereinskultur und lokale Sammlungspolitik in ost- und westdeutschen Regionen (1900-1960)


Autor(en)
Bösch, Frank
Reihe
Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen 19
Erschienen
Göttingen 2002: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
266 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dr. Bernd Buchner

Was ist konservativ? Die Diskussion über diese Frage ist in Deutschland auf politischer und wissenschaftlicher Ebene gleichermaßen lebendig. Es ist kaum bestreitbar, dass aus dem konservativen Milieu stets ein integraler Teil der staatstragenden Eliten rekrutiert wurde. Die Deutschen gelten traditionell als obrigkeitstreu und revolutionsscheu. Lenin sagte einmal spöttisch, ehe sie einen Bahnhof stürmten, würden sie sich sicher Bahnsteigkarten kaufen. Um so erstaunlicher ist, dass die Geschichtswissenschaft trotz der seit etwa zwei Jahrzehnten währenden Dominanz sozialhistorischer Forschungsansätze noch keine klare Antwort auf wichtige Fragen zum Konservatismus gefunden zu haben scheint. Wie artikulierte sich das entsprechende Milieu, wie stark war es agrarisch, protestantisch, bürgerlich, militärisch geprägt? Ab wann lässt sich für den konservativen Bereich überhaupt von einem konsistenten "sozialmoralischen Milieu" sprechen, wie es der Begründer der Milieuforschung in Deutschland, M. Rainer Lepsius, genannt hat? [1]

Die Begriffe seien unklar, die Forschungslage desolat, so der Göttinger Historiker Frank Bösch in der Einleitung zu seiner Studie "Das konservative Milieu", die im Rahmen des Göttinger Projekts "Sozialmoralische Milieus in Demokratie und Diktatur" entstand. "Der Schwerpunkt der ohnehin dürftigen Konservatismus-Forschung lag auf der Ideen- und Elitengeschichte. Neuere Studien über die konservative Organisations- und Alltagskultur des 20. Jahrhunderts blieben dagegen rar." (S. 16) Tatsächlich sind die bisherigen Arbeiten über das konservative Spektrum in Deutschland weitgehend ideengeschichtlich ausgerichtet. [2] Der Unterschied etwa zum katholischen, besonders aber zum sozialistischen Milieu ist evident. [3] Bezeichnend mag sein, dass sich die Forschung noch nicht einmal auf einen einheitlichen Begriff hat verständigen können: Neben "Konservatismus" ist immer noch der Ausdruck "Konservativismus" im Gebrauch.

Bösch entscheidet sich für die schlankere Version, folgt im Milieubegriff Karl Rohes Definition als "institutionalisierte Deutungskultur" und sieht bei konservativ geprägten Menschen das Zusammenwirken dreier Faktoren: "Zum ersten ihre Hochschätzung christlich geprägter Werte und Bräuche; zum zweiten ihre Verbundenheit mit der engeren und weiteren Heimat, aus der sie die Überlegenheit der eigenen Gruppe ableiten; und zum dritten ihr Gesellschaftsentwurf, der eine harmonisch-berufsständische und eher elitär geführte Gemeinschaft bevorzugt." (S. 15) Für seine vergleichende lokale Langzeitstudie hat er die Städte Celle in Niedersachsen und Greifswald in Vorpommern ausgewählt. Die beiden protestantisch geprägten "Bastionen von konservativen Parteien" (S. 19) weisen in ihren ökonomisch-sozialen Strukturen markante Ähnlichkeiten auf. Weit überwiegend richtet sich der Blick der Untersuchung, die vom Kaiserreich bis in die Ära von Adenauer und Ulbricht reicht, auf die Region Celle. Gerade was die Entwicklung der West-CDU nach dem Zweiten Weltkrieg angeht, kann Bösch als ausgewiesener Fachmann gelten. [4] Für den Vergleich mit Greifswald greift er im Wesentlichen auf die umfangreiche, vor zwei Jahren publizierte Arbeit von Helge Matthiesen zurück. [5] Das merkliche Ungleichgewicht ist aber weniger störend als die Selbstverständlichkeit, mit der Bösch seine lokalen Ergebnisse zuweilen zu verallgemeinern versucht. Gerade weil die milieugestützte Konservatismus-Forschung in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt, lassen sich Kleinstädte wie die hier gewählten nicht von vornherein zu Paradigmen machen.

Das gilt umso mehr, als die Studie auch erhebliche Unterschiede zwischen Celle und Greifswald vor Augen führt. Während sich die pommerischen Konservativen ganz im wilhelminischen Reich zu Hause fühlten, pflegten die Bürger des ehemaligen Königreiches Hannover gegen die preußischen Usurpatoren eine fast größere Abneigung als gegen die verhassten Sozialisten. Die Schlacht von Langensalza, mit der 1866 der Untergang Hannovers besiegelt wurde, war fester Bestandteil der Erinnerungskultur. Es sollte noch bis tief ins 20. Jahrhundert dauern, ehe diese historisch bedingten Aversionen abebbten. Wesentlich dazu beigetragen hat nach Ansicht von Bösch die den Konservativen gemeinsame Feindschaft gegen die Republik von Weimar. Denn die titelgebende Formulierung "Das konservative Milieu" trifft streng genommen erst seit der Revolution von 1918/19 zu. Mit zahlreichen prägnanten Beispielen beschreibt Bösch die Verfestigung der konservativen Netzwerke durch Parteien, Vereine, Heimatbewegung, Presse, Kirche, Wirtschaftsverbände und Kulturgruppen nach dem Ersten Weltkrieg.

In den späten Weimarer Jahren konnte die NS-Bewegung nach Ansicht von Bösch in den von ihm untersuchten lokalen Milieus kaum Fuß fassen, da ihnen die gesellschaftliche und organisatorische Basis fehlte. Doch das konservative Milieu verhielt sich wohlwollend gegenüber den rechtsradikalen Konkurrenten. Dass die gemäßigte Rechte in Deutschland entscheidenden Anteil am Aufstieg des Nationalsozialismus hatte, ist schon seit Kurt Sontheimers wegweisender Arbeit Gemeingut der Forschung. [6] Hier gelangt die Studie von Bösch an eine ihrer zentralen Thesen: Die Annahme sei falsch, "dass die Nationalsozialisten deshalb Erfolg hatten, weil die Integrationskraft der etablierten Kreise abnahm. Die entscheidenden Organisationen des Milieus, also die Vereine und Institutionen, behielten ihre tragende Rolle und gewährten der NSDAP das Kommunikationsnetz, über das sie sich derartig schnell verbreiten konnte." (S. 129) Die pauschale Vermutung, die NS-Bewegung habe die traditionelle Organisationsstruktur des ländlichen Raumes aufgebrochen, lasse sich nicht aufrecht erhalten: "Insbesondere das konservative Milieu in Celle wies so gut wie keine personellen Veränderungen auf. Selbst die wichtigsten gesellschaftlichen Repräsentanten des Raumes, wie der Landrat, der Oberbürgermeister und der Oberlandesgerichtspräsident, konnten von der Weimarer Republik bis 1945 ihre Posten behalten." (S. 135) Eine ähnliche Situation konstatiert die Studie für Greifswald.

Den eigentlichen Bruchpunkt im konservativen Lager sieht Bösch folglich erst mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Im Osten entzog die SED dem Milieu "nicht nur seine personellen und sozioökonomischen Grundlagen, sondern auch seine organisatorische Basis". (S. 168) Zwar wurden Ersatzorganisationen geschaffen, in denen auch Konservative ein Betätigungsfeld finden konnten, doch da diese keinen Raum für die Organisation nichtsozialistischer Weltbilder boten, blieb als Rückzugsgebiet nur die protestantische Kirche. "Das Bekenntnis zur weiterhin betont unpolitischen Kirche wurde somit politischer denn je zuvor." (S. 180) Aber die repressive Politik des DDR-Regimes zeigte auch hier bald Wirkung. Im Westen dagegen konnte sich das konservative Milieu nach dem Zwischenspiel der Besatzungszeit rasch wieder etablieren und erlebte eine förmliche Renaissance. "Die bisherigen Weltbilder des Milieus konnten sich vor allem deshalb in ihren Grundlinien neu verfestigen, weil schließlich auch die organisatorischen Grundlagen des Milieus nur kurzzeitig beeinträchtigt wurden." (S. 190) Der harsche Nationalismus der Vorkriegszeit verwandelte sich zurück in das weniger verfängliche Heimatbewusstsein. Die geistige und personelle Kontinuität war nach Angaben Böschs enorm. Heimatforscher, Pastoren und viele andere, die den NS-Staat unterstützt hatten, verblieben in ihren Ämtern.

Inwieweit sich die Ergebnisse, die die Studie am Beispiel von Celle und Greifswald gewonnen hat, auf die konservativen Gesinnungsgruppen und Milieus anderer Städte und Regionen übertragen lassen, müssen weitere Lokalstudien zeigen. Ganz zu Recht stellt Bösch abschließend fest: "Der Milieuansatz öffnete den Blick auf zahlreiche neue Bereiche, denen die Zeitgeschichtsforschung bisher wenig Beachtung schenkte." (S. 217) In anderen Punkten ist ihm weniger zuzustimmen. Die "Verfolgungserfahrung" der Celler Welfenanhänger nach 1866 (S. 22) lässt sich wohl ebenso wenig mit jener der Katholiken und Sozialisten im Bismarckreich vergleichen wie die subjektive "Repressionserfahrung" nach der Revolution von 1918/19. (S. 218) Das schmälert freilich in keiner Weise die Pionierarbeit, die Bösch mit seiner Studie geleistet hat. Im Vergleich zu anderen lokalhistorischen Arbeiten ist sie auch erfreulich kompakt gehalten. Die ungewöhnlich hohe Zahl von textlichen Unaufmerksamkeiten und Druckfehlern stört zwar den Lesefluss, kann aber den gewichtigen Forschungsertrag nicht beeinträchtigen. Die Sozialgeschichte des Konservatismus ist noch keineswegs hinreichend erschlossen, doch mit dem Buch "Das konservative Milieu" hat Frank Bösch einen vielversprechenden Anfang gemacht.

Anmerkungen:
[1] M. Rainer Lepsius: Parteiensystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Wilhelm Abel u.a.(Hg.): Wirtschaft, Geschichte und Wirtschaftsgeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Friedrich Lütge, Stuttgart 1966, S. 371-393.
[2] Vgl. vor allem Hans-Gerd Schumann (Hg.): Konservativismus, Königstein i.Ts. 21984; Panajotis Kondylis: Konservatismus. Geschichtlicher Gehalt und Untergang, Stuttgart 1986; Axel Schildt: Konservatismus in Deutschland. Von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 1998.
[3] Zu den Milieus im Kaiserreich siehe z.B. Hans-Peter Ullmann: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918 (Moderne Deutsche Geschichte, Band 7), Frankfurt a.M. 1995, S. 38-41. Zu SPD und Arbeitermilieu vgl. zuletzt Peter Lösche/Franz Walter: Die SPD: Klassenpartei-Volkspartei-Quotenpartei. Zur Entwicklung der Sozialdemokratie von Weimar bis zur deutschen Vereinigung, Darmstadt 1992; Tobias Dürr/Franz Walter (Hg.): Solidargemeinschaft und fragmentierte Gesellschaft: Parteien, Milieus und Verbände im Vergleich. Festschrift zum 60. Geburtstag von Peter Lösche, Opladen 1999.
[4] Frank Bösch: Die Adenauer-CDU. Gründung, Aufstieg und Krise einer Erfolgspartei 1945-1969, Stuttgart/München 2001; ders.: Macht und Machtverlust. Die Geschichte der CDU, Stuttgart/München 2002. Siehe dazu z.B. die Rezension von Werner Bührer in der Süddeutschen Zeitung vom 13. August 2002, S. 11.
[5] Helge Matthiesen: Greifswald in Vorpommern. Konservatives Milieu in Kaiserreich, Demokratie und Diktatur, Düsseldorf 2000.
[6] Kurt Sontheimer: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik, München 1962.

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18.11.2002
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