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Titel
Kunstverwendung und Kunstlegitimation im archaischen und frühklassischen Sparta.


Autor(en)
Förtsch, Reinhard
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 270 S., 94 Taf., 371 Abb., 3 Beil.
Preis
€ 76,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lukas Thommen, Seminar für Alte Geschichte, Universität Basel

Die Kölner Habilitationsschrift von 1994 hat zunächst das Verdienst, die lakonische Kunst der archaischen und frühklassischen Zeit nach Gattungen katalogartig zusammenzustellen (Teil 4) und mit 371 meist qualitätsvollen Schwarz-Weiss-Hochglanzabbildungen zu illustrieren. Aufschlussreich sind dabei auch die drei Beilagen mit den "Laufzeiten" der einzelnen Kunstgattungen und der verwendeten Motive. Diese belegen einen 'sprunghaften Kunstanstieg' in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts v.Chr. sowie insbesondere in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts, während in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts nur noch 5 neue Gattungen dazukommen, jedoch deren 15 abbrechen (S. 40f.). Dadurch wird das - schon seit einiger Zeit korrigierte - Bild des Kunstabbruchs im Sparta des mittleren 6. Jahrhunderts weiter demontiert und durch Hinweise auf den Weiterbestand verschiedener Gattungen in klassischer bzw. teilweise sogar bis in die hellenistische und römische Zeit ergänzt.[1]

Förtsch strebt durchgehend an, die Kunstwerke nicht unter dem Aspekt des Landschaftsstils zu betrachten, sondern im Rahmen der spartanischen Gesellschaft zu interpretieren (S. 3). Als stets wiederkehrendes Motto dient dabei ein Fragment des Alkman (17 Davies = 9 Calame), bei dem in einem offenbar neuen Dreifusskessel eine einfache Gemüsesuppe (bzw. Erbsen-/Bohnenbrei) zubereitet wird. Dies soll Ausdruck dafür sein, wie in Sparta seit dem 7. Jahrhundert immer wieder zwei Gruppierungen bzw. Verhaltensweisen aufeinanderprallten: der alte aristokratisch-luxuriöse Lebensstil und die neue bürgerlich-egalitäre Lebensweise, die in der Dichtung von Tyrtaios bekräftigt wurde. Dieses Muster soll auch erklären, wieso sich in Sparta zu den zahlreichen einfachen Kunstgegenständen mit "rohen Formen" einzelne qualitätsvolle, z.T. auch von staatlicher Seite beorderte, Objekte gesellten, auch wenn letztlich die Tendenz zur Luxusbeschränkung überwog.

Die These von den widerstreitenden Ansichten und ihrem Reflex in der Kunst erscheint in mancher Beziehung attraktiv und erhellend. Förtsch überspannt hier den Bogen jedoch bei weitem. Allein die Interpretation des Alkman-Gedichts ist ein Wagnis, wie etwa die konträren Auslegungen von A. Bagordo (Hermes 126, 1998, 259ff.) und M. Pizzocaro (AION filol. 12, 1990, 285ff.) zeigen. Auch die Vorstellung von rigorosen staatlichen Eingriffen in die Kunst und deren umfassende ideologische Bestimmung überfordern wohl selbst das antike Sparta. Politische und gesellschaftliche Realitäten überdeckt Förtsch mit Worthülsen, die wenig Erklärungswert haben: "bildende Kunst Spartas im Spannungsfeld zwischen zunehmendem Unterbindungsdruck und darauf reagierenden Begründungsstrategien" (S. 2), "Eine Polis geht in die Kulturdefensive", "kollektive Selbstunterdrückung in zwei Schüben" (S. 12ff.), "Künstlerische Formen zwischen Widerstand und Förderung" (S. 76f.), "Kouroi/Korai müssen nützlich sein" (S. 182). Die Einzelinterpretation herausragender Monumente wie etwa der berühmten Arkesilas-Schale, des Kraters von Vix, des sog. Leonidas oder der Anathemata des Pausanias und Lysander treten demgegenüber in den Hintergrund. Weniger prätentiös und sachgerechter geht im letztgenannten Bereich etwa R. Krumeich vor.[2]

Im Einzelnen kommen zu den im Zentrum stehenden "nichtmythischen Bildthemen" (S. 86) freilich einige interessante Beobachtungen zustande, die im Vergleich mit anderen Kunstlandschaften spezifisch Lakonisches verdeutlichen: Traditionelle Dreifüsse mit gegossenen Beinen leben - über ein halbes Jahrhundert länger als in Olympia - bis ins erste Viertel des 6. Jahrhunderts weiter (S. 105f.), so dass hier orientalische Einflüsse zurückstehen. Jagdszenen zeigen die Jäger als hoplitenähnliche Einzelpersonen und im Ausfallschritt statt im athletenähnlichen Lauf einer Gruppenjagd, was versuchsweise mit dem Rückgang der Athletik im Sparta des 6. Jahrhunderts korreliert werden kann (S. 30, 133ff.). Die Bildfelder der seit 630 hergestellten Reliefakrotere werden anfänglich von ruhigen Wagenprozessionen mit unbewaffneten Wagenlenkern beherrscht und gehen erst gegen Ende der Gattung um 570 zu bewegteren Szenen (mit einem bewaffneten Wagenlenker) und Kampfdarstellungen über, so dass das von spartanischer Seite zunehmend betriebene agonale Wagenrennen in Bildform nicht weiter unterstützt wurde (S. 99ff.). Andererseits treten in der Geräteplastik der zweiten Hälfe des 6. Jahrhunderts gerade auch Laufende in der Vordergrund, so dass die Bilder - wie richtig vermerkt wird - "nicht direkt auf zeitgenössische Aktualität" reagierten (S. 104).

Förtsch hat es generell versäumt, die seit 1994 in reichem Masse neu hinzugetretene Literatur über Sparta einzuarbeiten (ein Literaturverzeichnis fehlt), so dass seine Ausführungen zur spartanischen Gesellschaft und Politik in vielen Punkten als unpräzise bzw. überholt gelten müssen. Bei einer anspruchsvoll aufgemachten Publikation im A-4-Format und Leineneinband ist es besonders störend, dass viele Druckfehler stehengeblieben und die griechischen Zitate teilweise völlig durcheinander geraten sind (bes. S. 48-52). Die aufgeblähten Anmerkungen mit ständigen Verweisen nach oben und unten erschweren nicht nur die Lektüre, sondern verdeutlichen auch die Verzettelung verschiedener Themen (etwa der Handwerker), die in konzentriertere Form zu fassen gewesen wären.

Schade ist schliesslich, dass trotz der Hinweise auf den Fortbestand verschiedener Kunstgattungen die späteren Objekte nicht mehr einbezogen sind und daher das Bild des Kulturlebens im klassischen und hellenistischen Sparta nicht zu ergänzen vermögen. Dies ist umso bedauerlicher, als Förtsch immer wieder auf das klassische Sparta des 4. Jahrhunderts verweist (S. 20, 31, 180) und die "Ablehnung bildender Kunst" bzw. das "kulturelle Scheitern" schliesslich auch für den Untergang Spartas verantwortlich macht (S. 227f.). In dieser Hinsicht bleibt für die Archäologie in Zukunft noch viel zu tun. Förtsch hat dazu einen Einstieg geschafft und eine geeignete Materialbasis bis ins frühe 5. Jahrhundert bereitgestellt. Die Interpretation dieser Kunstgegenstände und ihres Bezuges zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung stellt aber sowohl für die archäologische als auch die althistorische Forschung weiterhin eine Herausforderung dar.

Anmerkungen

[1] Vgl. schon Förtsch, Reinhard: Spartan art: its many different deaths, in: Sparta in Laconia. The archaeology of a city and its countryside, hrsg. v. W. G. Cavanagh u. S. E. C. Walker, London 1998, S. 48-54.
[2] Vgl. Krumeich, Ralf: Bildnisse griechischer Herrscher und Staatsmänner im 5. Jahrhundert v. Chr., München 1997, 151ff.

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Veröffentlicht am
30.07.2002
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