S. Radlmaier (Hg.): Der Nürnberger Lernprozeß

Cover
Titel
Der Nürnberger Lernprozeß. Von Kriegsverbrechern und Starreportern


Herausgeber
Radlmaier, Steffen
Reihe
Die Andere Bibliothek 199
Erschienen
Frankfurt a.M. 2001: Eichborn Verlag
Anzahl Seiten
367 S.
Preis
€ 25,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christine Bartlitz, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

„Sieger, Besiegte, Henker, Opfer, Denunziationen, Folter, Lügen, Heroismus, Loyalitäten, Anklagen, Verteidigungen, Vaterländer, Schmerzen, Gerechtigkeit, Grausamkeiten, Haß, Unwissen, Ehrgeiz, Tapferkeit, Fanatismus, Strafen, Widerstand, Opfer, Todeskämpfe, Irrtümer...“ – mit dieser „Sarabande von Worten“ fasste die Argentinierin Victoria Ocampo ihre persönlichen „Nürnberger Impressionen“ über den Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46 zusammen (S. 250).

Steffen Radlmaier, Feuilletonchef der „Nürnberger Nachrichten“, ist es zu verdanken, dass nicht nur Victoria Ocampos Impressionen, sondern auch eine beeindruckende Vielzahl von Presseberichten, Reportagen, Momentaufnahmen und Essays (wieder) entdeckt werden kann, die an den Nürnberger Prozess erinnert. Und diese Entdeckung lohnt sich: „Weltpresse schreibt, funkt und knipst“, hieß es in den „Nürnberger Nachrichten“ vom 21. November 1945, die von mehr als 250 Journalisten und Rundfunkberichterstattern sowie 11 Photografen und Filmprodukteuren aus allen Teilen der Welt zu berichten wußten (S. 48).

Aus dieser berühmten Schar von Starreportern und der auffällig starken Präsenz von anglo-amerikanischen Journalistinnen dokumentiert Radlmaier in seiner Anthologie mehr als 90 Beiträge von 33 Autoren und Autorinnen, so von John Dos Passos, Peter de Mendelssohn, Gregor von Rezzori, Erika Mann, Willy Brandt, Alfred Kerr, Erich Kästner, Alfred Döblin, Robert Jungk, Markus Wolf, Elsa Triolet, Ilja Ehrenburg, Boris Polewoj, Martha Gellhorn, Rebecca West, Janet Flanner und Nora Waln, um nur einige der Namen zu nennen. Im Anhang des Buches werden alle Autoren und Autorinnen in Kurzbiographien vorgestellt, deren Auswahl – wie Radlmaier ausdrücklich betont – durchaus repräsentativ für die Berichterstattung über den Nürnberger Prozess ist (S. 16).

In einer kurzen Einführung verweist Radlmaier auf die historische Bedeutung des Tribunals und macht deutlich, dass der Nürnberger Prozess eben auch ein „internationales Medienspektakel allerersten Ranges“ war (S. 9). Diese inszenierte Form von Öffentlichkeit diente den didaktischen Zielen der Alliierten. „Der Nürnberger Lernprozeß“ sollte das deutsche Volk im Sinne der „re-education“ über die 12 Jahre der nationalsozialistischen Diktatur aufklären und umerziehen; selten wurde die Öffentlichkeit so ausführlich und gründlich über Zeitgeschichte informiert. Dass das Lehrstück aber auch für die Alliierten zu einem „Lernprozeß“ wurde, will Radlmaier mit seinem Buch ebenso zeigen: „Bewußt oder unbewußt haben alle Prozeßteilnehmer (auch die Journalisten) in Nürnberg etwas gelernt über Schuld und Sühne, menschliche Grausamkeit, politische Verbrechen, historische Verantwortung, persönliche Lebenslügen, demokratische Prinzipien und über die Banalität des Bösen“ (S. 11/12).

Steffen Radlmaiers Buch kommt zur rechten Zeit. Obwohl dieser „Jahrhundertprozeß“ das Thema unzähliger Publikationen war und ist, wurde das Medienecho bislang eher vernachlässigt. In den letzen Jahren sind zwar einige historische Untersuchungen und Dokumentationen über die mediale Vermittlung durch Presse und Rundfunk und deren Wirkungsabsichten in Ost und West entstanden (im weiterführenden Literaturverzeichnis sind einige der Veröffentlichungen aufgeführt), doch Radlmaiers Verdienst ist es, diese auf- und anregenden journalistischen Augenzeugen-Texte jetzt erstmals einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren und somit auch der zeithistorischen Forschung in üppiger Weise nutzbar zu machen. Mit über 20 Erstveröffentlichungen, die zum Teil auch von Radlmaier übersetzt wurden, ist dieses Buch eine ganz besondere Quellensammlung.

Beginnend mit der Reportage des einzigen chinesischen Reporters, Xiao Qian, in Nürnberg kurz vor der Prozesseröffnung im Oktober 1945 bis hin zum detaillierten Bericht des Pulitzer-Preisträgers Joseph Kingsbury Smith, der einer der wenigen Augenzeugen der Hinrichtungen am 16. Oktober 1946 war, führt Radlmaier anhand seiner Textauswahl chronologisch durch den Prozess. Das faktische Gerüst für die Reportagen liefert dabei die Berichterstattung der „Nürnberger Nachrichten“. Beschreibungen der Gerichtsverhandlung und der angeklagten Hauptkriegsverbrecher, der zerstörten Stadt und ihrer in Ruinen lebenden Bevölkerung, aber auch über das Leben im Pressecamp, dem Bleistiftschloß der Faber-Castell, setzen sich zu einem faszinierenden Zeitbogen zusammen. Dabei hat Radlmaier bewusst in Kauf genommen, sachliche Fehler und subjektive Fehleinschätzungen in den Texten beizubehalten, denn seine Intention ist weder die „wissenschaftliche Aufarbeitung“ noch die „Wirkungsanalyse der Presseberichte“ (S. 16). Diese Quellen erzählen von zeitgenössischen Mentalitäten und Geschichtsbildern ebenso wie von didaktischen und aufklärerischen Absichten der emigrierten und daheimgebliebenen deutschen Journalisten, der amerikanischen und russischen, polnischen, französischen, englischen, argentinischen und chinesischen Reporter und Reporterinnen.

Es gibt mannigfaltige Wege und Arten, diese Berichte zu lesen. Jede einzelne Reportage hat unzählige Facetten, die Auskunft geben: Zum Beispiel über die angeklagten Hauptkriegsverbrecher und die entworfenen Männerbilder der Funktionselite des „Dritten Reiches“. Peter de Mendelssohn erinnerten die „beiden Admiräle, Dönitz und Raeder“ an „zwei arbeitslose Straßenbahnschaffner“ (S. 114), Gregor von Rezzori erblickte in Rudolf Heß einen zahmen und demütigenden „Saurier“, der aus dem „Urschlamm aufzutauchen“ schien (S. 293) und Rebecca West dachte beim Anblick Görings, „manchmal, besonders wenn er guter Laune war“, gar an eine „Puffmutter“ (S. 305). Überhaupt wird in allen Texten deutlich, wie schwer es den Journalisten und Reporterinnen fiel, die „Banalität des Bösen“ zu begreifen und ihren Lesern zu vermitteln. „Dieses Biedere, Alltägliche der Angeklagten traf mich am meisten“ (S. 105), beschrieb es Boris Polewoi, und Gregor von Rezzori stellte resignierend fest: „Das Böse will sich nicht fassen lassen“ (S. 289). Vielleicht lassen sich so auch die immer wiederkehrenden Beschreibungen der Angeklagten erklären, die Faszination der Berichterstatter am „visuellen Schauspiel“ im Schwurgerichtssaal, das in seiner Wiederholung bei der Lektüre manchmal doch zu gewissen Längen führt.

Würde der Prozess neue bedeutende „Prinzipien für die Menschheit begründen“, fragte sich Wiliam L. Shirer (S. 28), und Alfred Döblin sah die Aufgabe von Nürnberg in nichts Geringerem als in der „Wiederherstellung der Menschheit“, zu der auch die besiegten Deutschen gehörten (S.47). Der Stolz, den John Dos Passos nach der Rede von Justice Jackson auf sein Land empfand, kontrastierte mit seinen Überlegungen zum Flächenbombardement von Dresden und den 15 Millionen Deutschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden (S. 60/62). Auch das Verhältnis der Journalisten untereinander oder die Kritik des polnischen Berichterstatters Edmund Osmanczyk an der Marginalisierung des polnischen Kriegsleids in der Anklageschrift bringen vielfache Erkenntnisse.

Nicht vergessen werden sollte auch die Selbstinszenierung der Journalisten, dem „Jahrmarktstreiben“ (Erich Kästner, S. 71) innerhalb und außerhalb des Gerichts. Der deutsche Journalist W. E. Süskind begriff die Anwesenheit der ausländischen Berichterstatter als Chance, „Luft von draußen zu spüren“ und so vielleicht auch das ‚wahre Deutschland’, diesen auch im Elend noch schillernden Begriff, aufzuspüren“ (S. 147/148).

Neben der Charakterisierung der Angeklagten und den großen Hoffnungen, die mit dem Prozess verbunden wurden, war es die völlig zerstörte Stadt Nürnberg und die Frage nach der Zukunft der Deutschen, die in- wie ausländische Journalisten während der elf Monate bewegte. „Der Prozeß tanzt“ überschrieb Elsa Triolet ihre Eindrücke von diesem „verwüsteten Land, in dem jeder, der mit dem Monsterprozeß zu tun hat, von den Amerikanern mit sauberem Bettzeug, warmen Essen, Kommunikationsmitteln, Musik, Tanz und Whiskey versorgt“ wurde (S. 251). Und mit ihm tanzten in der „Hollywood-Kulisse“ des Grand Hotel (John Wheeler-Bennett, S. 229) die „abgemagerten und verfrorenen“ deutschen Ballettmädchen Abend für Abend, um die alliierten Gäste zu unterhalten (Markus Wolf, S. 89). „Jenseits der Straße, in der Altstadt, leben die Deutschen in feuchten Kellern oder Bruchbuden und kochen im Freien über Lagerfeuern“ („Newsweek“, S. 148).

Soviel mehr wäre es wert, erwähnt und beschrieben zu werden, aber um all das Staunens- und Nachdenkenswerte zu erfassen, ist dann doch die Lektüre notwendig. Die ausgewählten Texte vermitteln ein Zeitkolorit, das – fast wie in einem Dokumentarfilm – die Atmosphäre von Nürnberg und seinem Prozess wieder auferstehen lässt. Daneben sind sie aber auch erkenntnisreiche Quellen für eine Vielzahl von zeithistorischen Fragestellungen, die hier nur beispielhaft angerissen werden können: Welche Unterschiede gab es bei der Bewertung des Prozesses und in der Form der Reportagen in der nationalen Berichterstattung, so zum Beispiel im Vergleich der russischen und amerikanischen Journalisten? Welche Schwerpunkte setzten emigrierte und in Deutschland gebliebene Reporter gerade in Bezug auf die Frage von Schuld, Sühne und individueller Verantwortung der Deutschen? Welche geschlechtergeschichtlichen Muster werden bei der Beschreibung der Angeklagten sichtbar? Wie berichteten die wenigen Journalistinnen von dieser „Männerwelt“ (Rebecca West, S. 325)?

Radlmaiers Dokumentation „Der Nürnberger Lernprozeß“ ist ein eindrucksvolles Plädoyer dafür, die mediale Öffentlichkeit als zentrale gesellschaftliche Kategorie in die zeithistorische Forschung mit einzubeziehen, um so die zeitgenössische öffentliche Meinung bei der „Vergangenheitspolitik“ zu berücksichtigen.

Zu guter Letzt sollte noch einmal auf die literarische Brillanz und sprachliche Virtuosität, die sich in vielen Texten dokumentiert, verwiesen werden. Auch wenn nicht alle ausgewählten Berichte von dieser Qualität sind – Willy Brandts Fähigkeiten lagen dann doch eher in der Politik als im Journalismus – ist die Lektüre des Buches ein literarisches Vergnügen. Zu kurz gekommen ist leider die Rundfunkberichterstattung. Da sich die umfangreiche Recherche von Radlmaier auf Zeitungs- und Zeitschriftenartikel sowie auf später entstandene Erinnerungen stützt, sucht man vergebens nach zeitgenössischen Rundfunkberichten – auch wenn einige Autoren damals für den Rundfunk tätig waren. Um die massenmediale Relevanz des Radios, das nicht von limitierten Papierkontingenten und Druckereikapazitäten abhängig war, in der frühen Nachkriegszeit zu dokumentieren, wäre es wünschenswert gewesen, auch den Rundfunk wenigstens in einigen Beiträgen zu berücksichtigen.

Unabhängig davon, ob der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46 von den beteiligten journalistischen Augen- und Ohrenzeugen als „Geschichtliche Stunde” (Susanne von Paczensky, S. 311), „entscheidender Akt der Menschheitsgeschichte” (Alfred Döblin, S. 45) oder auch als „eine Hochburg der Langeweile” (Rebecca West, S. 301) empfunden wurde, die zeitgenössischen Reportagen und Berichte lohnen die Lektüre allemal.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.08.2002
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