C. Burrichter u.a. (Hgg.): Auf dem Weg zur "Produktivkraft Wissenschaft"

Cover
Titel
Auf dem Weg zur "Produktivkraft Wissenschaft".


Herausgeber
Burrichter, Clemens; Diesener, Gerald
Reihe
Beiträge zur DDR-Wissenschaftsgeschichte B, Arbeitsmaterialien und Texte 1
Erschienen
Anzahl Seiten
291 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lothar Mertens, Ruhr-Universität Bochum

Der vorliegende Sammelband enthält die Referate der Helenenauer Kolloquien der Jahre 1999 und 2000. Obgleich die Beiträge bewusst ihren Werkstattcharakter beibehalten sollten, hat die lange Produktionsdauer einige Beiträge der Aktualität beraubt, da gerade die DDR-Aufarbeitung in den vergangenen Jahren einen immensen Erkenntniszuwachs erreicht hat.

Clemens Burrichter versucht in einem einleitenden Essay, den wissenschaftstheoretischen Bezugsrahmen abzustecken. Die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften in der DDR waren weitgehend instrumentalisiert und akzeptierten die entsprechenden Vorgaben der Politik zumeist widerspruchslos. Die originäre Funktion von Wissenschaft als gesellschaftlicher Problemlösungsinstanz wurde damit weitgehend preisgegeben (S. 22). Burrichter ist der einzige der sieben Autoren, der nicht in der DDR gelebt hat, doch verfügt der ehemalige Direktor des Erlanger Instituts für Gesellschaft und Wissenschaft (IGW) über gute Kenntnisse.

Erstaunt muss jedoch festgestellt werden, dass Burrichter, der noch im November 1989 die MfS-Diktatur für eine „Diskursgesellschaft“ hielt und glaubte, die DDR würde zu einem „menschenrechtlich geläuterten Sozialismus“ mutieren [1], weiterhin bei vielen seiner Einschätzungen immer noch eine sehr positivistische Sicht der DDR-Wissenschaft vertritt. Die rigide politische Einflussnahme auf das Hochschulwesen, vor allem auch in personalpolitischer und ideologischer Hinsicht, datiert Burrichter (S. 18), konträr zu vielen anderen Wissenschaftshistorikern, nicht auf die Jahre ab 1947/48, sondern erst ab 1951. Bereits der zweite Beitrag des Bandes, der quellenfundierte Aufsatz von Andreas Malycha über die Geschichte des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik, widerspricht dieser Darstellung deutlich (S. 50), betont die noch vor Republikgründung erfolgte Zäsur und schildert weitere Eingriffe bis zum Jahre 1951.

Vieles in Burrichters Essays erscheint borniert und anmaßend. Die westdeutschen Historiker scheinen dabei das Lieblingsziel des Verfassers zu sein. Während er bei diesen eine (notwendige) „Selbstreflexion ihres Tuns“ (S. 15) konstatiert, fragt sich der aufmerksame Beobachter der DDR-Forschung, warum dieses nicht auch vom ehemaligen IGW-Direktor selbst praktiziert wird, dessen IM-kontaminiertes Institut nach der Wende regelrecht implodierte. Eine inakzeptable Abwertung historisch-empirischer Quellenforschung stellt Burrichters Aussage über die interessanten Ergebnisse der Berlin-Brandenburger Akademiegeschichte unter Leitung von Wolfram Fischer und Jürgen Kocka dar.[2] Die vorgelegten Bände würden durch eine „chronologische Narratio“ gekennzeichnet. „Mit einer solch schlichten Untersuchungsanordnung“ könnten nur bedingt Erkenntnisse erlangt werden (S. 21). Burrichter bleibt hingegen für viele seiner Auffassungen entsprechende Quellenbelege oder Verweisstellen schuldig und fällt damit arbeitsmethodisch und -technisch deutlich hinter Fischer/Kocka zurück.

Neben der archivalisch gut gestützten Darstellung von Andreas Malycha ist besonders der brillante Aufsatz von Hubert Laitko über die „Wissenschaftspolitik und das Wissenschaftsverständnis in der DDR - Facetten der fünfziger Jahre“ - hervorzuheben. Der Autor, einer der führenden ostdeutschen Wissenschaftshistoriker, resümiert mit großer Faktenkenntnis und auf hohem Reflexionsniveau die Entwicklung der ersten formativen Jahre, wobei mögliche Alternativen auch erwähnt und Fehlentwicklungen bis in die 1960er Jahre skizziert werden. Der große Informationsgewinn wird durch einen umfangreichen Anmerkungsapparat mit zahlreichen Literaturverweisen vollendet.

Ebenfalls an der Akademie der Wissenschaften der DDR war Peter Nötzoldt tätig, der die Geschichte dieser auf den Trümmern der Preußischen Akademie entstandenen Institution kenntnisreich schildert. Wie in seiner Dissertation [3] werden die Spannungen zwischen geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlich-technischen Instituten herausgearbeitet. Ebenso wie an anderer Stelle[4] spricht Nötzoldt auch hier (S. 153) bei der wissenschaftlichen Karriere von Peter Adolf Thiessen lakonisch nur von einer „Tätigkeit im Dritten Reich“, wobei dessen braune Vergangenheit und sein Status als „alter Kämpfer“ der NSDAP (ab 1922) bewusst verschwiegen werden.[5]

Der Leipziger Wissenschaftshistoriker Gerald Diesener untersucht am Beispiel des Akademie-Instituts für Kulturpflanzenforschung in Gatersleben die wissenschaftspolitische Entwicklung in einem naturwissenschaftlichen Bereich und insbesondere an der Person von dessen Direktor Hans Stubbe.

Der folgende Erfahrungsbericht des langjährigen Leiters des Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung, Walter Friedrich, über Gründung und Entwicklung des ZIJ sollte mit kritischer Distanz gelesen werden. Neben den typischen subjektiven und larmoyanten Wahrnehmungen eines Zeitzeugen fehlt hier eine kritische Distanz zur eigenen Tätigkeit und der Instrumentalisierung des Instituts für die Staatspartei. Denn ohne entsprechende Anpassungsfähigkeit wäre Friedrich nicht von 1966-1990 Leiter des ZIJ gewesen.

Gerd-Rüdiger Stephan (Geschäftsführer der PDS-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg) dokumentiert die theoretischen Konzeptionen verschiedener Vordenker in der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED und in der Ost-Berliner Humboldt-Universität in den späten 1980er Jahren. Diese reformorientierten Vorschläge wollten und konnten den Primat der SED nicht in Frage stellen. Da die SED in ihrem Herrschaftsbereich nur eine horizontale Theorieproduktion zuließ, weil nur diese das vorgegebene Herrschaftsparadigma von der „führenden Rolle der Partei“ nicht in Frage stellte, kam es zu einer gesellschaftstheoretischen Stagnation. Ein vertikaler Entwicklungsprozess der Theoriebildung hätte hingegen irgendwann zwangsläufig den Primat der Ideologie in Frage stellen müssen und damit das Herrschaftsmonopol und den ausschließlichen Interpretationsanspruch der SED gefährdet (Burrichter, S. 33). Daher mussten die von Stephan vorgestellten Konzeptionen im Verborgenen entstehen. Die domestizierten Reformansätze für eine sukzessive Modernisierung des Sozialismus in der DDR waren den (post-)stalinistisch geprägten Entscheidungsträgern in der „Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten“, wie Stefan Heym spöttisch die Bürokratie des SED-Zentralkomitees einmal bezeichnete, nicht (mehr) zu vermitteln, und nach dem November 1989 waren die meisten Überlegungen von der gesellschaftlichen Realität völlig überholt worden. Zwar scheinen die entstandenen Texte ein Beleg für das Vorhandensein einer intellektuellen „Nische“ im uniformen DDR-Wissenschaftsalltag zu sein, zugleich jedoch belegt die ausbleibende Wirksamkeit die Ohnmacht solcher Überlegungen jenseits der Parteiwege. Einige der beteiligten Wissenschaftler gehören heute zu den Vordenkern der PDS.

Insgesamt handelt es sich bei diesem Sammelband um einen ebenso heterogenen wie qualitativ ambivalenten Versuch der Aufarbeitung der DDR-Wissenschaftsgeschichte, da einige der Autoren nur mit Mühe eine notwendige kritische Distanz beim Rückblick auf die MfS-Diktatur wahren. Wünschenswert wäre es für die geplanten weiteren Bände, wenn neben den aktiven „Tätern“ aus den Leitungspositionen auch einmal die „Opfer“ des Systems, welche zumindest phasenweise im Wissenschaftsbetrieb gearbeitet haben, zu Wort kämen. Dringend notwendig wäre außerdem eine dezidierte Thematisierung der Rolle des MfS in den Akademie-Instituten und der Wissenschaftsverwaltung; vor allem auch hinsichtlich von dessen Einfluss auf personalpolitische Entscheidungen und wissenschaftliche Karrieren.

Es fehlt leider ein Personenregister, welches sehr sinnvoll wäre als Suchhilfe für die zahlreichen Querverbindungen; ebenso wie es keine biografischen Kurzangaben zu den Autoren gibt.

Anmerkungen:
[1] Knabe, Hubertus, Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen, Berlin 1999, S. 393.
[2] Kocka, Jürgen (Hg.), Die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin im Kaiserreich, Berlin 1999; Fischer, Wolfram, Die Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1914-1945, Berlin 2000; Kocka, Jürgen, Die Berliner Akademien der Wissenschaften im geteilten Deutschland 1945-1990, Berlin 2002.
[3] Nötzoldt, Peter, Steinitz, Wolfgang und die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin (Hgg.), Zur politischen Geschichte der Institution (1945-1968), Berlin 1998.
[4] In dem Aufsatz: Der Weg zur sozialistischen Forschungsakademie. Der Wandel des Akademiegedankens zwischen 1945 und 1968, in: Hoffmann, Dieter; Macrakis, Kristie, Naturwissenschaft und Technik in der DDR, Berlin 1997, S. 125-146, verschweigt Nötzoldt gleichfalls die braune Vergangenheit, erwähnt jedoch in der Fn. 62, dass Thiessen 1945 aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen, im Jahre 1956 in die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin wieder aufgenommen wurde; dies jedoch ohne weitere Erläuterungen.
[5] Die Studie von Eibl, Christina, Der Physiochemiker Peter Adolf Thiessen als Wissenschaftsorganisator 1899-1990. Eine biographische Studie, Stuttgart 1999 wird zwar in Fn. 45 erwähnt, ohne jedoch deren Inhalt zur Kenntnis zu nehmen. Ausführlich zu Thiessen auch: Hammerstein, Notker, Die Deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur 1920-1945, München 1999, S. 125ff.

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Veröffentlicht am
22.04.2003
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