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Titel
The Victorians.


Autor(en)
Wilson, A.N.
Erschienen
London 2002: Hutchinson
Anzahl Seiten
724 S.
Preis
£ 25.00/ € 42,53
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Detlev Mares, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Ein Zeitalter wird besichtigt - nicht von einem Historiker, sondern von einem Schriftsteller. Einem Schriftsteller allerdings, der sich in Großbritannien auch im Bereich nicht-fiktionaler Literatur Ansehen erworben hat, insbesondere durch preisgekrönte Biografien über Tolstoi, Sir Walter Scott und Jesus.

In "The Victorians" präsentiert A. N. Wilson nicht etwa eine kollektive Biografie von Intellektuellen oder Politikern, sondern eine groß angelegte Gesamtdarstellung britischer Geschichte in der Regierungszeit Queen Victorias (1837-1901). Was Umfang, Personenreichtum und Plastizität der Darstellung angeht, bewegt er sich durchaus in den Spuren solch berühmter viktorianischer Schriftstellerkollegen und -kolleginnen wie George Eliot, Charles Dickens oder Anthony Trollope. Das Buch ist jedoch alles andere als eine literarische Fiktion auf historischer Basis. Wie aus Vorwort und Literaturverzeichnis hervorgeht, hat Wilson für sein Projekt mehrere Jahre intensiver Forschung in den Lesesälen der British Library zugebracht. Dabei hat er sich auch im Manuscript Room umgetan, doch im Wesentlichen basiert das Buch auf der breiten Auswertung der neueren Forschungsliteratur und dem gestaltenden Geschick des Autors. Unter fachwissenschaftlichen Gesichtspunkten ist in diesem Epochenpanorama wenig zu finden, das nicht an anderer Stelle bereits nachzulesen wäre. Auch werden keine Kriterien entwickelt, mit deren Hilfe sich die Einheit eines "viktorianischen" Zeitalters jenseits der bloßen Regierungsdaten der Königin bestimmen ließe. Dennoch: Indem Wilson die der Fachliteratur entnommenen Informationen originell und eigenständig arrangiert, eröffnet er Perspektiven auf "seine" Epoche, die auch Historikern eine aufschlussreiche Lektüre bieten können.

Der Aufbau des Buches ist denkbar einfach. Jeder Dekade des viktorianischen Zeitalters ist ein eigenes Großkapitel gewidmet, dessen Einzelkapitel im weitesten Sinn chronologisch angeordnet sind. Eine Sammlung von einzelnen, nebeneinander stehenden Essays ist das Werk daher nicht - zwar dürften sich manche Kapitel durchaus unabhängig vom Gesamtzusammenhang lesen lassen, doch sind sie durch wiederkehrende Motive vielfach aufeinander bezogen, so dass ein weiter narrativer Bogen durch die 600 Textseiten hindurch entsteht.

Ergebnis ist ein unterhaltsamer, aber auch nachdenklicher Überblick viktorianischer Geschichte, in dem Wilson den Befindlichkeiten in der Epoche nachspürt. Das viktorianische Großbritannien war sicherlich eine Zeit des Optimismus und des Selbstbewusstseins. Innerhalb dieser Ära formte sich die industrielle Gesellschaft aus, Macht und Glanz des Empire erreichten ihren Höhepunkt, in Wissenschaft und Forschung war das Land führend in der Welt. Gleichzeitig schuf der rapide Wandel Unsicherheit und Selbstzweifel. Religiöse Konflikte sowie Spannungen im Verhältnis von Religion und naturwissenschaftlichem Weltbild flackerten immer wieder auf, Sozialkritiker prangerten Ausbeutung und Armut eines großen Teils der Bevölkerung an, andere Zeitgenossen zeigten sich besorgt, ob die alten sozialen Bindungen entwachsene Bevölkerung in ausreichendem Maße kontrolliert werden könne, um die gesellschaftliche und politische Stabilität zu gewährleisten. Es ist die besondere Stärke Wilsons, solche widersprüchlichen Empfindungen nicht nur zu erkennen, sondern sie von Beginn an zum roten Faden seiner Darstellung zu machen. Indem er sich nicht an systematische Themenbegrenzungen hält, sondern oft essayistisch-assoziativ argumentiert, kann er gegensätzliche Motive zusammenbinden, die in fachwissenschaftlichen Darstellungen stärker analytisch getrennt werden.

Dieses Verfahren hat nicht nur Vorteile. Gelegentlich wirkt die Kombination der Elemente willkürlich oder sprunghaft. Beispielsweise erscheint es etwas gezwungen, im Kapitel zum Chartismus die Erwähnung einer politischen Kundgebung in Staffordshire zum Anlass zu nehmen, den Porzellanhersteller Josiah Wedgwood vorzustellen, der im 18. Jahrhundert in derselben Region tätig war, um von diesem wiederum auf seinen Enkel Charles Darwin überzuleiten (S. 44 f.).

Andererseits entfaltet dieses assoziative Verfahren immer wieder beträchtlichen Reiz. So wird der spätere Premierminister William Ewart Gladstone nicht etwa im Zusammenhang mit seinem rasanten Aufstieg in Regierungsämter das erste Mal erwähnt, sondern im Kontext der Debatten über die Abschaffung der Sklaverei, als der junge Abgeordnete in seiner ersten größeren Unterhausrede vehement den Sklavenbesitz auf den jamaikanischen Gütern seines Vaters verteidigte. Wilson liebt bei solchen Gelegenheiten den Kontrasteffekt: So weist er darauf hin, dass die gediegenen Homer-Studien des jungen Gladstone ohne den Reichtum seiner Familie aus Sklavenarbeit wohl nicht möglich gewesen wären (S. 49f.). Ähnliche Gegenüberstellungen nutzt Wilson für die Zeit, als die Sklaverei in England endlich abgeschafft war: War nun nicht die Situation der Frauen und der Arbeiter denen der Sklaven vergleichbar? Erstere hatten nur eingeschränkte Eigentumsrechte, letztere waren vom Fabrikbesitzer abhängig (S. 248).

Manchem mögen solche Passagen zu suggestiv-moralisierend daherkommen. Sie sind aber symptomatisch für Wilsons Bestreben, auch die "dunklen" Seiten der viktorianischen Gesellschaft nie hinter einer vordergründigen Erfolgsgeschichte verschwinden zu lassen. Eher schon das Gegenteil: Ausführlich behandelt er die britischen Konzentrationslager im Burenkrieg. Dieser war keineswegs nur der Tummelplatz für gallante junge Helden vom Schlage eines Winston Churchill. Mit Pathos urteilt Wilson, ein Volk, das Arbeitshäuser und Konzentrationslager errichtete, "might have gained the whole world, but [...] had lost honour, and soul" (S. 613). Auch die 1,1 Millionen verhungerter Iren der 1840er Jahre bezeichnet er als eine "eternally shaming statistic" für die Briten (S. 81), zumal die gerne gepriesene Freihandelsdoktrin während dieser Katastrophe dazu beitrug, dass die liberale Regierung unter John Russell jegliche staatliche Intervention zur Linderung der Hungersnot ablehnte. Überhaupt findet der Freihandel in Wilson keinen uneingeschränkten Fürsprecher, weist er doch auf dessen Verschränkung mit darwinistischen Denkmotiven hin: Wer ökonomisch scheiterte, galt manchem Zeitgenossen als nicht lebenstauglich und nicht unterstützenswert. Meisterhaft gelingt es Wilson, hier verschiedene Motive zusammenzubinden - von der Wirtschaftsdoktrin über die Lehre von der natürlichen Selektion bis hin zu den Verfügungen des (im strengen Sinn vor-viktorianischen) New Poor Law mit der Einrichtung von Arbeitshäusern. Dies ist übrigens nur eines der Beispiele, bei denen man den Eindruck gewinnt, der Autor wolle mit starken historischen Urteilen auch aktuelle politische Werturteile anregen.

Insgesamt zeichnet Wilson trotz aller glänzenden Leistungen der Viktorianer das eher düstere Bild einer "ruthless, grabbing, competitive, male-dominated society, stamping on its victims and discarding its weaker members with all the devastating relentlessness of mutant species in Darwin's vision of Nature itself". So negativ ist der Gesamteindruck, "that only in its dissentient voices is redemption found" (S. 120). Dass diese Gesellschaft sich als politisch stabil und gegen Revolutionen gefeit erwies, ist nach Wilson lediglich dem Umstand zu verdanken, dass die sozialen Spannungen ins Empire hinein abgebaut werden konnten, durch die Emigration von Unzufriedenen oder die Verurteilung von Kriminellen und Aufrührern in die Strafkolonien. Und die Verwaltung des Empire selbst kann ebenfalls nicht uneingeschränkt als Leistung der Viktorianer verbucht werden. Weit davon entfernt, als zivilisatorische Mission legitimiert zu sein, geißelt Wilson das mit dem Empire einhergehende Gefühl einer "racial superiority" der Weißen über Afrikaner oder Inder als "one of the most shocking aspects of the Victorian sensibility" (S. 493). Hier (wie an anderen Stellen auch) fällt Wilson seine Werturteile ohne Scheu aus der Warte des beginnenden 21. Jahrhunderts heraus - dies macht sie nicht falsch, sollte aber nicht die eigentlich historische Aufgabe einer eingehenden Analyse des moralischen Selbstverständnisses der Viktorianer verhindern.

Immerhin spricht Wilson sich jedoch dagegen aus, gegenüber den Viktorianern den gängigen Vorwurf der Heuchelei und Bigotterie zu erheben. Selbst wenn sich Beobachter über Inkohärenzen wundern mussten - laut Wilson vertraten die Viktorianer Gegensätzliches mit gleicher innerer Überzeugung. So versprach die moralisch legitimierte Intervention gegen die Sklaverei in Südamerika handfeste ökonomische Vorteile für die Briten, deren mit freien Arbeitskräften produzierter Zucker auf dem Weltmarkt preislich nicht mit der billigeren Ware aus Sklavenarbeit konkurrieren konnte. Wilson zeigt an diesem Beispiel jedoch, dass beides, die moralische Inbrunst und das wirtschaftliche Kalkül, gleichermaßen mit Leidenschaft und Überzeugung vertreten wurde.

Da Wilson als Nichtwissenschaftler für Nichtwissenschaftler schreibt, neigt er dazu, scharf konturierte Charakterbilder der handelnden Persönlichkeiten zu zeichnen, die häufig in die Konstruktion von Helden oder Schurken münden. Ein Beispiel ist der irische Politiker Charles Stewart Parnell (1846-1891), den Wilson geradezu als "political genius" (S. 454) tituliert, konnte er doch Gladstone von der Notwendigkeit einer eigenen irischen Volksvertretung innerhalb des Vereinigten Königreiches überzeugen. Wenngleich Differenzierungen durch diese klare Schwarz-Weiß-Zeichnung Wilsons gelegentlich auf der Strecke bleiben, entstehen doch plausible, anschauliche Personenporträts, die einen starken Leseeindruck hinterlassen können. Wilson schreckt allerdings auch nicht vor Ausflügen ins Anekdotische oder gar Spekulative zurück, die wenig ergiebig sind. So stellt er auf der Grundlage von medizinischen Befunden eifrig Vermutungen darüber an, dass sowohl Queen Victoria als auch ihr Gemahl Albert aus unehelichen Verhältnissen gestammt haben könnten. Er erfreut sich anschließend an der Möglichkeit, "that many crowned heads of Europe are descended jointly from an unsrupulous Irish soldier and a German Jew" (S. 55). Dazu kann man eigentlich nur sagen: So what? - über die "Viktorianer" und ihre Epoche sagen solche Spekulationen nichts aus.

Insgesamt ist Wilson eine oft unterhaltsame Einführung in das viktorianische Zeitalter gelungen, bei der neben den Standard-Repräsentanten der Epoche (Personen wie Gladstone, Disraeli, Carlyle, Marx, John Stuart Mill, Kipling oder Ruskin, Ereignissen wie der "Great Exhibition", dem Krimkrieg oder dem "scramble for Africa") auch unbekannte Vorfälle und Persönlichkeiten in das vielschichtige Bild verwoben sind. Vor allem von den kulturgeschichtlich ausgerichteten Erörterungen hätte man sich sogar noch mehr gewünscht, denn hier bietet Wilson das ein oder andere Kabinettstückchen historischer Betrachtung. So erfährt die Politik der 1860er Jahre ihre besondere Beleuchtung durch den Spiegel der Kinderbuchklassiker, die in dieser Zeit entstanden sind und die auch bei Erwachsenen ausgesprochen erfolgreich waren. Sie interpretiert Wilson als Antwort auf die Verunsicherungen durch den raschen Wandel in diesem Jahrzehnt, aber auch als Ausdruck einer spezifischen Generationserfahrung: Mit Palmerston und Russell dominierten sehr alte Persönlichkeiten die politische Szene - Wilson vergleicht das Land daher mit "one of those arrested families where, the ancient parents still living, the grown-ups, even in middle-age, continued to see themselves as 'the children'" (S. 330).

Wilsons Geschichtsschmöker kann denjenigen empfohlen werden, die nicht das Ziel haben mögen, Spezialisten für das viktorianische England zu werden, die aber an einer eingängigen Präsentation der Epoche auf der Basis der neueren Forschungsliteratur interessiert sind. Zeit muss man bei einem Werk dieses Umfangs allerdings mitbringen. Und gelegentlich mag die schiere Fülle an Material, die hier verarbeitet und dargeboten ist, den Wunsch nach einem knappen, pointierten Essay hervorrufen, der die interessanten Perspektiven auf die Epoche in einem weniger "viktorianisch" wuchernden Rahmen verdichtet. Aber vielleicht findet sich demnächst ein Schriftsteller, der bereit wäre, auch diese Aufgabe zu meistern?

Redaktion
Veröffentlicht am
09.05.2003
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