F.M.L. Thompson: Gentrification and the Enterprise Culture

Cover
Titel
Gentrification and the Enterprise Culture. Britain 1780-1980


Autor(en)
Thompson, Frederick Michael L.
Erschienen
Anzahl Seiten
200 S.
Preis
$ 39.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Detlev Mares, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Die Titelstichworte "gentrification" und "enterprise culture" platzieren F. M. L. Thompsons jüngstes Buch am Schnittpunkt von drei grundsätzlich unterscheidbaren, allerdings vielfach ineinander verflochtenen Debatten in der britischen Geschichtsschreibung - Debatten zu den Themenkomplexen "Adelskultur", "gentrification der Industriellen" und "ökonomischer Niedergang Großbritanniens".

Aus diesen drei Elementen ist von manchen Historikern eine Argumentationskette entwickelt worden, die eine kulturgeschichtliche Erklärung für den angeblichen industriellen Niedergang des Landes seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bieten sollte. Die englische Adelskultur, so diese insbesondere von Martin J. Wiener 1981 popularisierte Perspektive [1], habe auf die Industriellen als Vorbild gewirkt. Überholte Gesellschaftsideale, die am Typus des landbesitzenden Gentleman orientiert waren, hätten die Industriellen seit dem späten 19. Jahrhundert dazu verführt, adlige Lebensformen zu imitieren und den Besitz eines eigenen Landguts als höchstes soziales Ziel anzusehen. Unternehmergeist und Risikobereitschaft, ursprünglich die Grundlage für die Stärke der britischen Industrie, gingen darüber verloren. Die "gentrification" der industriellen Elite, die sich als Folge dieses "decline of the industrial spirit" einstellte und durch public schools sowie Universitäten verstärkt worden sei, habe langfristig zum ökonomischen Niedergang Großbritanniens geführt.

Historiker haben seit längerem starke Zweifel an einzelnen Bestandteilen dieser These angemeldet.[2] Thompson nun geht in seiner Studie alle Hauptbestandteile der "Wiener-These" auf einmal an. Als Verfasser einer heute noch lesenswerten Studie zum englischen Landadel, einer Sozialgeschichte Großbritanniens im 19. Jahrhundert und einer Reihe einschlägiger Aufsätze [3] ist der frühere Direktor des Institute of Historical Research in London ein ausgewiesener Kenner auf diesem durch politische Implikationen der Debatte zusätzlich komplizierten Terrain. Ausgehend von einem geradezu "kartesianischen" Universalzweifel an den Grundkonzepten der bisherigen Debatte (Gab es überhaupt eine Adelskultur? Eine Kultur der Industriellen? Einen wirtschaftlichen Niedergang?) bietet er einen differenzierten Blick auf das Leben von Aristokraten und Industriellen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Dabei gleicht er immer wieder seinen historischen Befund mit den Thesen der "gentrification"-Historiker ab. Deren Ergebnisse werden zunehmend unwirsch kommentiert, bis hin zum abschließenden Urteil von der "inherent absurdity of the whole thesis linking economic decline to the gentrification of businessmen" (S. 141). Diesem schroffen Urteil geht jedoch eine äußerst ausgewogene Analyse voraus, in der Thompson immer wieder die Befunde, die für die "gentrification"-These sprechen, zu ihrem Recht kommen lässt.

Thompson setzt ein mit einer Betrachtung der landbesitzenden Aristokratie. Diese frönte keineswegs ausschließlich einem Leben als unternehmerfeindliche country gentlemen oder nutzlose Parasiten. Wie bereits Historiker vor Thompson nachgewiesen haben, widmete sich eine bedeutende Zahl von Adligen dem Aufbau industrieller Anlagen zur Ausbeutung der Bodenschätze auf ihren Landgütern oder innovativen Verfahren zur Bewirtschaftung des Bodens. Die Vorstellung von einer einheitlichen, geschäftsfeindlichen Adelskultur lässt sich somit laut Thompson nicht halten. Selbst Aktiengeschäfte an der Börse lockten adlige Spekulanten an, wenn auch erst ab dem späten 19. Jahrhundert und mit stark wechselndem Erfolg. Sicherlich gab es auch Adelskreise, die sich Frivolitäten und Ausschweifungen hingaben - und die von Thompson genüsslich erzählten Beispiele ihres Wirkens sind um vieles unterhaltsamer zu lesen als die Aufzählung der Erfolge der ernsthaften aristokratischen Unternehmer -, doch eine einheitliche "Adelskultur", die den Industriellen im Sinne Wieners als Vorbild dienen konnte, gab es nicht.

Eher schon trifft es zu, dass viele reiche Industrielle auf der Höhe ihres Erfolges in Landbesitz investierten, häufig in country houses, gelegentlich auch in große Güter. Thompson bringt zahlreiche Beispiele für dieses Phänomen, das auf den ersten Blick die "gentrification"-These zu stützen scheint. Doch mit einer ganzen Batterie von Fragen gelingt es dem Autor, Zweifel an der Relevanz der zuvor präsentierten Beobachtungen zu wecken. Kann man von "gentrification" "der Industriellen" sprechen, wenn deren Mehrheit keine Landgüter erwarb? Kann man den Kauf eines Landhauses zu Repräsentationszwecken als Indiz einer "gentrification" nehmen, wenn der Industrielle weiter in seinem Geschäft aktiv blieb? Schließlich: Wie interpretiert man die durchaus ansehnliche Zahl von Familien, die sich große Landgüter und Adelstitel verschafften, aber dennoch im Geschäftsleben erfolgreich blieben? Kurz, Thompson bricht durch seine mit vielen Einzelbelegen gestützten Differenzierungen die "Großthese" vom industriellen Versagen durch "gentrification" so weit auf, dass deren sozialgeschichtliche Grundlage zerfällt. Dabei leugnet er keineswegs die Bedeutung des Landerwerbs durch Industrielle; wichtig ist ihm aber der Befund, "that that had no harmful effects on their immediate or longer-term entrepreneurial capacities" (S. 97).

Mit gleicher Sorgfalt bewegt sich Thompson durch die Debatten über die "Kultur" der Industriellen. Hier belegt er durch Auswertung der widersprüchlichen Forschungsergebnisse, dass es eine einheitliche "Industriellenkultur" ebenso wenig gab wie eine homogene Adelskultur. Es gab den ungebildeten, raubeinigen, ignoranten Aufsteigertypus, der in vielen viktorianischen Romanen in Erscheinung tritt, ebenso aber den "puritanischen", oft von nonkonformistischer Rigorosität geprägten Charakter. Es gab den begeisterten Anhänger der Fuchsjagd ebenso gut wie den feinsinnigen Kunstmäzen. Und wieder gilt: Es gibt keine Korrelation zwischen kultureller Verfeinerung oder "aristokratischem" Sport auf der einen, wirtschaftlichem Erfolg oder Misserfolg auf der anderen Seite. Der Fehler so mancher Historiker lag laut Thompson schlicht in ihrer Annahme, "that the 'puritans' were the good entrepreneurs" (S. 121). Sie schlossen daher auf einen Niedergang der geschäftlichen Leistungskraft, wenn sich Unternehmer andere Lebensinhalte gönnten als die permanente Konzentration auf den wirtschaftlichen Erfolg.

Nach ähnlichem Muster kritisiert Thompson schließlich auch die These, die public schools und Universitäten hätten mit ihren rückwärtsgewandten, praxisfernen Bildungsidealen die Industriellenkinder gleichsam aus dem Geschäftsalltag "herausgebildet" und zu Karrieren als Akademiker, Diplomaten, Verwaltungsbeamte oder zu anderen industriefernen Tätigkeiten verführt. Das Bildungssystem hatte dazu einfach nicht die Möglichkeiten. Zu wenige Industriellenkinder besuchten die entsprechenden Einrichtungen, zu viele Absolventen wurden erfolgreiche Geschäftsleute, zu viele Industrielle rekrutierten sich in jeder Generation neu aus dem Wirtschaftsleben heraus. Thompson sinniert zwar darüber, ob das Bildungssystem durch seinen Einfluss auf spätere civil servants und Politiker einen Anteil am Niedergang Großbritanniens gehabt habe, aber wichtig ist erneut die auf einen bestimmten Punkt abzielende Erkenntnis: Bildung führte nicht zu einem Verlust an geschäftlicher Energie bei den Industriellen insgesamt.

Durch alle Kapitel zeigt sich somit eine charakteristische Argumentationslinie: Thompson ist bestrebt, durch den Nachweis und die quantitative Gewichtung von Beispielen zu zeigen, dass alle Belege, die sich für "gentrification"-Tendenzen in der Unternehmerschaft finden lassen, nicht ausreichen, um die These aufrechtzuerhalten, die britischen Industriellen hätten durch ihre Anhänglichkeit an "ländliche" Ideale ihre wirtschaftliche Kompetenz eingebüßt. Der wirtschaftliche Niedergang Großbritanniens müsste also anders erklärt werden (wobei Thompson allerdings eher den Weg wählt, auch das Niedergangs-Paradigma selbst abschließend noch anzuzweifeln). Das Buch will selbst kein neues Erklärungsparadigma an die Stelle des alten setzen, sondern lediglich dieses ein für allemal ad absurdum führen. Akzeptiert man dieses klar umrissene Ziel, überzeugt auch Thompsons Methode, so viele Gegenbeispiele aufzuhäufen, dass die kritisierten Thesen einfach nicht mehr plausibel erscheinen können. Als positives Ergebnis ergibt sich nach diesem "Zerstörungswerk" ein ausgesprochen vielschichtiges Bild von den Beziehungen zwischen Unternehmerkultur und aristokratischer Lebensweise, so dass jede allgemeine Aussage unweigerlich in Simplifizierungen zu münden scheint. Nur selten verfängt sich Thompson in den komplexen Verästelungen der Debatte. So bedeutet sein Nachweis, dass es keine homogene Adelskultur gab, nicht notwendigerweise, dass es unter Industriellen nicht ein vorherrschendes Image von "Adelskultur" gegeben haben mag. Ingesamt ist Thompsons Argumentation nicht nur überzeugend, sondern gerade in der Ausdifferenzierung der Einzelfaktoren beeindruckend. Es zeugt vom außergewöhnlichen Gehalt der Darstellung, wenn der Autor gleichsam "nebenbei" eine Antwort auf die notorisch komplizierte Frage bietet, welche Größe ein Landgut haben musste, damit dessen Besitzer als Mitglied der gentry akzeptiert wurde. In einer brillanten Auswertung des unübersichtlichen und lückenhaften statistischen Materials errechnet Thompson einen plausiblen Wert, der die notwendige (wenngleich nicht immer ausreichende) Besitzschwelle für die Aufnahme in die gentry markierte (S. 51f.).

In seiner von einem feinen Sinn für Ironie durchzogenen Darstellung kreuzt Thompson explizit oder implizit die Klinge mit einer ganzen Reihe von Autoren, die Standardwerke zur "gentrification"-Frage vorgelegt haben, insbesondere Lawrence und Jeanne Fawtier Stone, Harold Perkin, William Rubinstein, Corelli Barnett und immer wieder Martin J. Wiener. Das Buch ist somit keine Einführung oder Überblicksdarstellung (wie der Untertitel suggerieren könnte), sondern ein gelegentlich polemischer, zugleich aber stets argumentativ ausgewogener Beitrag in einer langandauernden Forschungsdebatte. Thompson leugnet gewisse Feudalisierungstendenzen im Bürgertum nicht, sein Buch regt aber dazu an, auch an anderer Stelle sehr genau zu überprüfen, welche Bedeutung solche Tendenzen letztlich für Politik und Gesellschaft hatten. Zumindest die These vom Niedergang der britischen Wirtschaft durch die "gentrification" der Industriellen, die schon lange angeschlagen durch den historiographischen Ring torkelte, dürfte durch Thompsons Darlegungen den endgültigen Knockout erhalten haben.

Anmerkungen:
[1] Martin J. Wiener: English Culture and the Decline of the Industrial Spirit, 1850-1980, Cambridge 1981.
[2] William D. Rubinstein: Capitalism, Culture and Decline in Britain, 1750-1990, London 1993.
[3] F. M. L. Thompson: English Landed Society in the Nineteenth Century, London 1963, ND London 1980; ders.: The Rise of Respectable Society. A Social History of Victorian Britain, 1830-1900, London 1988; ders.: Land and Politics in England in the Nineteenth Century, in: Transactions of the Royal Historical Society Ser. 5, 15, 1965, S. 23-44; ders. (Hg.): Landowners, Capitalists, and Entrepreneurs. Essays for Sir John Habakkuk, Oxford 1994.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.03.2003
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