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Titel
Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments


Autor(en)
Diner, Dan
Erschienen
Anzahl Seiten
238 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Viktor Otto, Institut für Deutsche und Niederländische Philologie, Freie Universität Berlin

Der in Jerusalem und Leipzig lehrende Historiker Dan Diner hat ein Buch vorgelegt, das nicht wissenschaftliche Abhandlung, sondern kräftige Polemik sein soll: “Aufgrund des Charakters dieser Schrift als polemisch gehaltener historischer Essay erhebt der Text keinen akademischen Anspruch.” (S. 11) Ursprünglich war dieser Essay nach dem zweiten Golfkrieg entstanden und 1993 erstmals erschienen, bevor Diner sich durch den 11. September veranlasst sah, das Buch in einer “nur unwesentlich revidierten” (S. 11), aber um ein Kapitel zum 11. September und den Folgen erweiterten Fassung erneut zu publizieren.

Diners Thema ist der deutsche Anti-Amerikanismus von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, wobei untergründig mehrere Thesen den Text durchziehen: Der deutsche Anti-Amerikanismus gründe nicht auf einer differenzierenden Kritik an realem Geschehen, sondern auf einem weitgehend irrationalen und emotionalen Ressentiment; der deutsche Anti-Amerikanismus sei ein Veranschaulichungs-Diskurs im Hadern mit einer als feindlich eingestuften Moderne; der deutsche Anti-Amerikanismus verbinde ungewollt die extremen politischen Lager; der deutsche Anti-Amerikanismus sei kausal wie strukturell eng mit dem deutschen Antisemitismus verwoben. Dass Diner sich auf den deutschen Anti-Amerikanismus beschränkt, begründet er mit der ebenso beliebten wie umstrittenen Annahme eines deutschen Sonderweges, die den Historiker mutmaßen lässt, dass “das antiamerikanische Ressentiment in den politischen Mentalitäten Deutschlands tiefer sitze als anderswo in Europa” (S. 38). [1]

Diners Essay ist chronologisch angelegt. Er beginnt mit einem Kapitel zur Entstehung des europäischen Anti-Amerikanismus, die Diner in der Zeit der Aufklärung ansetzt. Die europäische Aufklärung sieht Diner in einer Angst vor Phänomenen vermeintlicher körperlicher Degeneration in der Neuen Welt bei Mensch und Tier befangen. In der Romantik dann habe sich der Anti-Amerikanismus ins Gesellschaftliche gewandelt, wie Diner im zweiten Kapitel ausführt: Ein als Ideal imaginiertes Mittelalter wurde gegen die sozialen Novitäten der USA in Stellung gebracht. Heros des romantischen Anti-Amerikanismus war Nikolaus Lenau, der nach einer längeren USA-Reise ostinat in kulturkonservativem Anti-Amerikanismus schwelgte.

Das dritte Kapitel ist der Weimarer Republik gewidmet, die Diner zwischen pro- und anti-amerikanischen Ideen und Moden schwanken sieht. Als eklatantes Beispiel des Weimarer Anti-Amerikanismus zitiert Diner ausführlich die Kampagnen gegen den amerikanischen Präsidenten Wilson, von dem sich die Deutschen am Ende des Weltkrieges belogen und verraten glaubten. Wenn Diner aber bedauert, dass selbst der Amerikabegeisterte Alfred Kerr in seinem Reisebericht nicht ohne Stereotype auskomme, so lässt dies auf ein recht naives Wahrnehmungs-Verständnis schließen, wie es der ideologiekritischen Vorurteilsforschung der siebziger Jahre eigentümlich war.

Für die NS-Zeit zeichnet Diner in seinem vierten Kapitel das Bild eines kruden Anti-Amerikanismus. Die Ambivalenzen, die er Weimar zugebilligt hat, möchte Diner dem Dritten Reich nicht gewähren: Die überraschenden Befunde Hans Dieter Schäfers, der im Unterschied zur vereinfachenden Vorstellung vom Nationalsozialismus als vor-moderner Barbarei wiederholt die fortschreitende lebensweltliche Amerikanisierung Deutschlands zwischen 1933 und 1945 bekräftigt hatte [2], ignoriert Diner weitgehend, um sich auf die recht haarsträubenden weltpolitischen Folgerungen Schäfers zu kaprizieren. Dass Schäfer seine Quellenfunde mit abenteuerlichen Weltdeutungsangeboten anreichert, sollte aber nicht von der Pflicht entheben, die Existenz des von Schäfer nachgewiesenen ‚nationalsozialistischen Amerikanismus‘ zur Kenntnis zu nehmen. Im folgenden konzentriert Diner sich auf zwei Pamphlete der nationalsozialistischen Schriftsteller Adolf Halfeld (‚USA greift in die Welt‘) und Giselher Wirsing (‚Der maßlose Kontinent‘), die beide im Jahre des amerikanischen Kriegseintritts erschienen und als radikale Zeugnisse des nationalsozialistischen Anti-Amerikanismus gelten können.

Das fünfte Kapitel zum bundesrepublikanischen Anti-Amerikanismus ist das umfangreichste, wobei Diner am Rande auch auf die DDR eingeht. Diner wirft deutschen Psychoanalytikern wie Horst-Eberhard Richter zu Recht vor, “die individuellen Maßgaben ihres Berufs” (S. 117) zu verfehlen und kollektivistisch zu argumentieren, wenn diese behaupten, dass die Überidentifikation der Deutschen mit Hitler durch eine Überidentifikation der Deutschen mit den US-amerikanischen Siegern abgelöst worden sei. Auf der anderen Seite verfällt Diner aber dem gleichen Fehler, wenn er gesellschaftliche Prozesse zu psychologisieren versucht, indem er der Bundesrepublik ein nationales Unbewusstes zuspricht: Der wiederholte Vergleich amerikanischer Außenpolitik mit nationalsozialistischen Verbrechen diene dazu, das eigene nationale Gewissen (was auch immer das sei) von der drückenden Last der Schuld zu entlasten. Ebenfalls irritierend mutet an, wenn Diner Kritik an Henry Morgenthau abzuwehren sucht, indem er diesen als “Adressaten der Hetze eines Joseph Goebbels und der deutschen Kriegspropaganda” (S. 146) hinstellt. Vergeblich sucht der Leser das argumentative Potential in einer solch moralisierenden Rhetorik.

An der bundesrepublikanischen Linken kritisiert Diner, dass diese mit Slogans wie “USA-SA-SS” sowie ihrem universalisierten Faschismus-Begriff die Schrecken des Nationalsozialismus verharmlose. Die Linke habe sich mit ihrem Anti-Amerikanismus “in eine hochkonservative und rechtslastige ebenso wie kommunistische Traditionsspur begeben, die in der Bundesrepublik schon immer eine Republik der Alliierten beziehungsweise einen Vasall des US-Imperialismus erkannt hatte und sie bereitwillig in die Nähe des Nazismus rückte. Für die extreme Linke sollte diese Weltsicht fatale Konsequenzen nach sich ziehen. Alltägliche bürgerliche Wirklichkeit wurde als faschistische Bestie gezeichnet und als solche schließlich terroristisch bekämpft.” (S. 144)

Das letzte, neu entstandene Kapitel unterscheidet sich in der Perspektive, die Diner nun einnimmt, von den vorhergehenden: War der Blick bislang auf den Anti-Amerikanismus in Deutschland gerichtet, so geht es angesichts des 11. September nun um Anti-Amerikanismus weltweit. Doch sieht Diner selbst hier manchmal nicht so genau hin, wie er es zuvor von den vermeintlich vorurteilenden Deutschen gefordert hatte. So spricht er davon, dass nach der amerikanischen Militärintervention “die afghanischen Frauen sich der Burka entledigten, die Männer ihre Bärte abnahmen” (S. 167). Jeder, der die Korrespondentenberichte seriöser Zeitungen verfolgt, weiß, dass Diners Darstellung allenfalls für einen Bruchteil der Kabuler Bevölkerung gilt, geschweige denn für das restliche, jenseits aller internationalen Beobachtung stehende Land. Die provokanten, aber anthropologisch äußerst klugen Stellungnahmen Jean Baudrillards zum 11. September hat Diner offenkundig nicht verstanden. Seine abgestandenen Invektiven gegen die Postmoderne fallen auf den Angreifer zurück. Insgesamt berühren Diners Erklärungen über die Ursachen des terroristischen Islamismus unangenehm nicht wegen des polemischen Tones, sondern wegen der mangelnden Überzeugungskraft. Diners emphatisches Bekenntnis zur amerikanischen Gesellschaft und Politik, mit dem das Buch endet, ist weder mutig noch originell. Es ist nicht viel mehr als eine Wiedergabe der Außendarstellung der US-Regierung, mit der Diner wohl die europäischen Intellektuellen reizen möchte.

Nach der Lektüre bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück: Der bereits 1993 publizierte Großteil des Textes weist Diner als einen Historiker aus, der sich nicht von ideologiekritischen Denkverboten einschüchtern lässt. Seine oben wiedergegebenen Thesen, insbesondere die von der (ungewollten) “Synchronisierung” (S. 75) des politisch rechten und des politisch linken Lagers in Bezug auf das gemeinsame Feindbild, hat die akademische Wissenschaft in den vergangenen Jahren bestätigt. [3] Dass Anti-Amerikanismus eine “weltanschauliche Reduktion von Komplexität” (S. 161) ist, hat die Moderne-Forschung inzwischen ebenfalls ausreichend dargelegt. Insofern darf man sich freuen, dass Diners polemischer Essay in einer Neuausgabe auf dem Buchmarkt präsent ist (auch wenn man bedauern mag, dass Diner sich nicht die Mühe gemacht hat, die inzwischen erschienene Literatur einzuarbeiten). Der Grund für den erneuten Druck aber, Diners Auslassungen zum 11. September, sind ein Ärgernis.

Anmerkungen:
[1] Ein Blick in die neuere Forschungsliteratur hätte Diner schnell eines Besseren belehren können. Der Historiker Alexander Schmidt hat in einer umfangreichen Studie überzeugend nachgewiesen, dass zumindest in Bezug auf das deutsche Amerika-Bild des Wilhelminismus die These vom deutschen Sonderweg nicht haltbar ist (Schmidt: Reisen in die Moderne. Der Amerika-Diskurs des deutschen Bürgertums vor dem Ersten Weltkrieg im europäischen Vergleich, Berlin 1997). Mit Frankreich als einer traditionellen Bastion des Anti-Amerikanismus beschäftigen sich u.a. Astrid Grewe: Das Amerikabild der französischen Schriftsteller zwischen den beiden Weltkriegen (Heidelberg 1985) sowie Egbert Klautke in seiner Dissertation zur Wahrnehmung Amerikas in Deutschland und Frankreich 1900-1933 (bislang unveröffentlicht).
[2] Hans Dieter Schäfer: Das gespaltene Bewußtsein. Über die Lebenswirklichkeit in Deutschland 1933-1945, in: Schäfer: Das gespaltene Bewußtsein. Über deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933-1945, München 1981, S. 114-162; ders.: Amerikanismus im Dritten Reich, in: Nationalsozialismus und Modernisierung, hrsg. v. Michael Prinz; Rainer Zitelmann, Darmstadt 1991, S. 199-215. Zum Thema siehe auch Philipp Gassert: Amerika im Dritten Reich. Ideologie, Propaganda und Volksmeinung 1933-1945, Stuttgart 1997 sowie den Sammelband ‚Reflexe und Reflexionen von Modernität 1933-1945‘, hrsg. v. Erhard Schütz; Gregor Streim (Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik 6), Berlin 2002.
[3] Man denke nur an den Erfolg und die kaum zu überschätzende Wirkung von Helmut Lethens Studie ‚Verhaltenslehren der Kälte‘ (1994).

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Veröffentlicht am
24.01.2003
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