Cover
Titel
Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Derks, Hans
Reihe
Geschichtswissenschaft und Geschichtskultur im 20. Jahrhundert, Bd. 4
Erschienen
Anzahl Seiten
304 S.
Preis
€ 24,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karl Ditt, Landschaftsverband Westfalen-Lippe

In den letzten Jahren lag ein Akzent der Forschung zur Wissenschaftshistoriografie im Dritten Reich darin, den Beitrag der Historiker, insbesondere der sog. Volksforscher, für die Konzipierung und Legitimierung der nationalsozialistischen Expansions- und Massenvernichtungspolitik herauszuarbeiten.[1] Hierbei rückten zahlreiche Wissenschaftler, Organisationen und Einrichtungen in das Blickfeld, die versucht hatten eine frühe deutsche Besiedlung und Kultur jenseits der zeitgenössischen deutschen Ostgrenze nachzuweisen. Denn ihre Arbeiten waren z. T. von Nationalsozialisten zur Begründung und Legitimierung für die Eroberung osteuropäischer Länder, die Umsiedlung, ja Ausrottung der einheimischen Bevölkerung und die Ansiedlung deutscher Siedler verwandt worden.[2]

Die Resonanz auf diese Studien der 1980er und 1990er-Jahre war groß, eröffneten sie doch eine neue Perspektive durch die Feststellung wissenschaftlicher Vorarbeiten für die Überfälle auf andere Nationen, für Ausrottungs- und Umsiedlungsprozesse sowie für die Germanisierungspolitik insgesamt. Darüber hinaus wiesen sie auf die wissenschaftlich-politische Doppelrolle von Historikern hin, die in der Bundesrepublik eine wegweisende Rolle für die Entwicklung der Geschichtswissenschaft spielten und die z.T. auch hohe Auszeichnungen von einem demokratischen Staat erhielten[3] In der Tat erhielten manche den Stempel „Vordenker der Vernichtung“ (Götz Aly); zudem wurden die Ansätze der Volks- und Kulturraumforschung insgesamt unter den Verdacht der politischen Zuarbeit und Instrumentalisierung gestellt.

Seit kurzem sind nun auch diejenigen Historiker der 1920er und 1930er-Jahre, die den Westen jenseits der Grenzen des Deutschen Reiches erforscht haben, stärker in das Zentrum des Interesses gerückt.[4] Auch für sie stellt sich die Frage, inwieweit sie sich konzeptionell und praktisch an der nationalsozialistischen Expansionspolitik, d.h. dem Einfall in Westeuropa, beteiligten. Zu diesem Thema liegt jetzt das Buch des niederländischen Sozialwissenschaftlers Hans Derks vor. Die Sicht von außen, gekoppelt mit Kenntnissen der Wissenschaftssituation in den Niederlanden und Belgien, verspricht einen besonderen Erkenntnisgewinn. Zudem ist das Buch von Michael Fahlbusch, der zu den Historikern gerechnet werden kann, die den umfassendsten Überblick über die Volksforschung im Dritten Reich besitzen, in dem Internetdienst für Historiker ‚H-Soz-Kult’ euphorisch besprochen worden. Nichtsdestoweniger soll das Buch von Derks hier einmal kritisch betrachtet werden.

Derks kündigt seine Arbeit vorsichtig und bescheiden an: Er möchte „lediglich eine Einführung in die Problemgeschichte der Westforschung“, d.h. „die wissenschaftlichen Tätigkeiten der deutschen Besatzer in den besetzten Gebieten [hier: Niederlande, Belgien und Nordfrankreich] und ihre Geschichte“ (S. 9f.) geben. Unmittelbar darauf konfrontiert er jedoch den Leser mit einer starken These: Der Unterschied zwischen der West- und der Ostforschung „liegt in dem [...] merkwürdigen Faktum, daß die Westforschung nach dem Krieg unbeirrt fortgesetzt werden konnte, und zwar sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden und Belgien“ (S. 9f.). Vor allem sieht Derks eine anhaltende Kollaboration zwischen der holländischen Bürokratie und den niederländischen „Westforschern“ auf der einen Seite und den deutschen bzw. westdeutschen „Westforschern“ auf der anderen Seite. Zu denen, die diese Tradition auf der deutschen Seite fortführten, rechnet er u.a. die Mitarbeiter des Sonderforschungsbereichs (SFB) 235 „Zwischen Maas und Rhein“. Dieser SFB erscheint bei Derks gleichsam als monumentale Neuauflage der Westdeutschen Forschungsgemeinschaft aus der Zeit des Dritten Reiches.[5] Auch Mitarbeiter der ehemaligen Protagonisten der „Westforschung“ dieser Zeit, Franz Steinbach und Franz Petri, aber auch von Edith Ennen würden „hervorragende Positionen“ darin einnehmen. Als weitere Belege für die Kontinuität der „Westforschung“ und der Kooperation führt Derks an, dass drei neue Deutschlandinstitute in Amsterdam, Utrecht und Nijmegen, die seit dem Jahre 1996 gegründet wurden, „mit dem typisch deutschen ’Grenzlandinstitut’ in Münster, dem Zentrum für Niederlande-Studien – ‚damals’ und heute einer der wichtigsten Orte der Westforschung - zusammenarbeiten müssen.“ (S. 19). Neben dem Nachweis entsprechender Kontinuitäten und Kooperationen verwundert es deshalb nicht, dass ein zweites Ziel von Derks darin besteht, die „Politik des inszenierten Schweigens“ (S. 19) zu brechen und die seit dem Ersten Weltkrieg bestehenden Pläne der Integration der Niederlande in Deutschland zu entlarven.[6]

Nach diesen einleitenden Paukenschlägen geht Derks in sechs Kapiteln auf „die Westforschung“ ein. In Kapitel 1 behandelt er die Anfänge der „Westforschung“ während der Weimarer Republik. Methodisch wegweisend benennt Derks aufgrund einer Häufigkeitsauszählung aus dem Register der Arbeit von Michael Fahlbusch [7] 15 Wissenschaftler, die „wahrscheinlich die wichtigsten Positionen in den Forschungsgemeinschaften“ innehatten (S. 30) und behandelt dann – wenig strukturiert - einige Schriften und Aktivitäten einzelner „Westforscher“, so u.a. Hermann Aubin und Franz Steinbach, „die alle schon vor 1933 von nationalsozialistischem Geist beseelt waren“ (S. 42).[8] Kapitel 2 unterzieht die in den 1920er-Jahren am ‚Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande’ entwickelte Kulturraumforschung einer Kritik. Derks stellt den innovativen Charakter ihrer Interdisziplinarität in Frage, indem er auf Vorläufer in der Geografie und „den staatlichen Zwang zur Interdisziplinarität“ (S. 62) verweist. Darüber hinaus moniert er zu Recht die fehlende Verknüpfung der volkskundlichen, historischen und mundartlichen mit den geografischen Ergebnissen sowie die mangelnde Berücksichtigung agrargeschichtlicher und wirtschaftlicher Quellen. Man könne nur eine „temporäre Multidisziplinarität“ (S. 65) feststellen; es fehle eine Theorie der Kulturraumforschung; im Ergebnis seien „sehr fragwürdige Geschichtskonstruktionen“ entstanden (S. 62).

In Kapitel 3 behandelt Derks zunächst eine zu Beginn des Jahres 1940 gestartete Initiative des Germanisten, Volkskundlers und SS-Hauptsturmführers Otto Plaßmann, das von dem Zentrumspolitiker Georg Schreiber im Jahre 1927 gegründete ‚Deutsche Institut für Auslandskunde’ in Münster zu übernehmen, um es für die Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Reich und den Niederlanden auf den Gebieten der germanischen Brauchtumsforschung – Plaßmann war Leiter der Märchenforschung im SS-Ahnenerbe [9] - und der volkskulturellen Erziehungsarbeit einzusetzen.[10] Diese Zielsetzungen seien Bestandteile des sog. Holland-Planes gewesen, den Plaßmann mit dem ‚Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda’ vereinbart habe (S. 86). Obwohl Plaßmann, so Derks, sich schon bald anderen Aufgaben zuzuwenden hatte, scheint der „Holland-Plan“ offenbar weiter, jetzt als Plan der SS, gültig geblieben zu sein.[11] Das weitere Schicksal des Instituts, das eine institutionelle Basis der „Westforschung“ der SS werden sollte, bleibt unbehandelt.

Das zweite Zentrum der „Westforschung“ habe seine personelle Basis in den etablierten Wissenschaftsorganisationen gehabt. Einem der Protagonisten, dem Historiker Franz Petri, sei zu Beginn des Zweiten Weltkrieges die Leitung der Kulturpolitik der Militärverwaltung in Belgien übertragen worden. Hier habe er vor allem durch Maßnahmen gegenüber den Universitäten eine Germanisierungspolitik verfolgt und durch eigene Schriften versucht die völkische Zusammengehörigkeit der belgischen, holländischen und deutschen Gebiete zu belegen. Derks erweckt darüber hinaus den Eindruck, dass Petri weniger als Angehöriger der Militärverwaltung agierte, vielmehr aufgrund seiner Vorgeschichte, Einstellung und Zielsetzungen zur SS gehörte, ihre Planungen legitimierte und sich letztlich auch auf sie stützen konnte (S. 103ff.). Die bisherige Forschung (Horst Lademacher und Karl Ditt) hätte dies verharmlost oder unterschlagen.[12] Letztlich hätten sich die beiden Zentren der „Westforschung“, d.h. das „niederländische SS-„Ahnenerbe““ und die
„„belgische“ Wehrmachtsforschung“, nur durch die politischen Neuordnungsvorstellungen einer völkischen, großniederländischen Lösung bzw. einer germanischen kleinniederländischen/kleinbelgischen Lösung unter Integration in das Deutsche Reich unterschieden (S. 127).

Kapitel 4 über die Westforschung der niederländischen Wissenschaftler präsentiert dann den ersten Teil der Hauptthese über die Kollaboration zwischen den Nationalsozialisten und der niederländischen Elite. Derks sieht eine „Interessengemeinschaft zwischen der niederländischen und deutschen Staatselite“ (S. 149), d.h. er behauptet eine so weitgehende Unterstützung der deutschen Besatzung durch die niederländische Verwaltung, „daß von einer Zweiten Besatzung gesprochen werden kann“ (S. 130). Namentlich nennt er mehrere niederländische Wissenschaftler – u.a. den Historiker Pieter Geyl, den die Nationalsozialisten zeitweise in einem KZ inhaftiert hatten – , die mit deutschen Wissenschaftlern zusammengearbeitet hätten, sieht in der Realisierung der niederländischen Polder eine – ökonomisch letztlich nutzlose – Umsetzung der Christallerschen Theorie der zentralen Orte, d.h. ein Beispiel für die Kollaboration zwischen niederländischen und deutschen Planern [13], konstatiert generell ein erfolgreiches Bestreben, die deutsche mit der niederländischen und belgischen Raumplanung zu vernetzen, und verweist auf Übernahmen der deutschen anthropologischen und volkskundlichen Forschungsansätze durch niederländische Wissenschaftler. Diesen politisch-wissenschaftlichen Kollaborationen stellt er die distanzierte und kritische Haltung seines Lehrers, des Agrarhistorikers Slicher van Bath, positiv gegenüber.

Vor allem aber weist Derks auf die Existenz eines „Holland“- und eines „Belgien-Nordfrankreich“-Plans hin, in denen er wiederum Bestandteile „des SS-Westprogramms“ erkennt. Dieses Westprogramm, über das „bis heute keine weiteren Daten zur Verfügung stehen“ (S. 199), betrachtet er offenbar als das westliche Pendant zum Generalplan Ost. Jedenfalls hätten seit Ende 1942/Anfang 1943 deutsche Wissenschaftler auf der Basis einer Strategie des für Belgien zuständigen Historikers Franz Petri und des für die Niederlande zuständigen Raumplaners Hermann Roloff Themen zu Wirtschaft, Bevölkerung und Kultur Dänemarks, der Niederlande und Belgiens bearbeiten sollen, um die beiden Einzelpläne auszufüllen. Aufgrund einer Interpretation dieser Themenstellungen zeichnet Derks ein Szenario, nach dem es zu einer Reagrarisierung Walloniens, Verlagerungen der wallonischen Industrie in die Niederlande und Umsiedlungen der Wallonen in den Osten kommen sollte.

Vor allem Petri, der bei Derks geradezu als abhängig (S. 108), Anhänger (S. 114), Propagandist und wissenschaftlicher Unterstützer (S. 117ff.) der SS erscheint, sei nicht nur ein Planer, sondern auch ein besonders wichtiger Gutachter für die Frage gewesen, inwieweit die Wallonen der nordischen Rasse zugehörig seien – einer Frage, die, wie Derks unter Verweis auf die „Ostforschung“ erklärt, entscheidend dafür sein konnte, ob die Wallonen in das Generalgouvernement umgesiedelt und damit eventuell auch ermordet werden sollten. Er scheint sich Derks zufolge, der sich dabei auf zwei seiner Artikel in der SS-Ahnenerbe Zeitschrift „Westland“ stützt, „definitiv gegen die Wallonen entschieden“ zu haben (S. 115ff., 202f.). Derks spekuliert deshalb auch darüber, ob Petri mehr „Vordenker“ oder „Vollstrecker“ gewesen sei (S. 117, 202).

Kapitel 5 bringt die Fortsetzung seiner Hauptthese, die These der Kontinuität der „Westforschung“ und der Kollaboration von „1945 bis heute“ (S. 206). Ausgehend davon, dass „[h]ier [...] der Einfachheit halber angenommen [wird], daß das ganze NS-Ostforschungspotential innerhalb der BRD zur Unterstützung der tendenziell nicht geänderten Westforschung angewendet wurde“ (S. 206), weist Derks zunächst auf die 1949 erfolgte Gründung der ‚Arbeitsgemeinschaft für westdeutsche Landes- und Volksforschung’ hin. Die Zielsetzung dieser Arbeitsgemeinschaft, für die Franz Petri als Geschäftsführer tätig war, sei erneut die Forschung diesseits und jenseits der westlichen Grenzen der BRD gewesen. Petri, mittlerweile Direktor im Provinzialinstitut für westfälische Landes- und Volkskunde, habe denjenigen niederländischen Wissenschaftlern Publikationsmöglichkeiten eröffnet, die sich schon an der Diskussion über die Polderkolonisation während des Zweiten Weltkriegs beteiligt hätten. Außerdem habe er sich zusammen mit Steinbach durch Tagungseinladungen und Publikationsangebote um die Wiederaufnahme der Kontakte zu den niederländischen Kollegen aus der Zeit des Dritten Reiches bemüht und zahlreiche von ihnen zur Zusammenarbeit und Wiederaufnahme der historischen Westforschung gewinnen können. Auf den Tagungen seien von den gleichen Protagonisten gleiche Themen, Ansätze und Argumente wie in der Zeit des Dritten Reiches diskutiert worden, so etwa die Frage nach dem Einfluss kultureller Phänomene aus dem deutschen in den niederländischen Raum. Dabei sei etwa Köln als Zentralort eines Kulturraumes behandelt worden, dessen Grenzen bis weit in die Niederlande und an die belgisch-französische Sprachgrenze gereicht hätten.

In Kapitel 6 fasst Derks einige seiner Thesen noch einmal zusammen: die in den Niederlanden erfolgte Entwicklung der Staatsbürokratie und ihrer wissenschaftlichen Gefolgschaft zu „zweiten Besatzern“; der bei der SS bestehende, von Roloff und Petri verfolgte Plan, Belgien und die Niederlande zu Teilen eines Großgermanischen Reiches zu machen; die Kooperation zwischen deutschen Westforschern sowie niederländischen und belgischen Wissenschaftlern während des Dritten Reiches und nach seinem Ende „bis heute“. Zu den Erfolgen des „Westforschungskombinats“ (S. 247) habe u.a. gehört, dass die Besetzung wichtiger geisteswissenschaftlicher Stellen an den Universitäten Utrecht und Nijmegen weitgehend gesteuert worden sei und dass die Kulturraumforschung fortgesetzt werden konnte; Protagonist für den deutsch-niederländischen Raum sei nach 1945 der Petri-Schüler Horst Lademacher, Gründer und langjähriger Leiter des ‚Zentrums für Niederlande-Studien’, gewesen. Schließlich könne auch die mehrbändige, von niederländischen Autoren vorgelegte „Algemene Geschiedenis der Nederlanden„ „als ein Triumph der deutschen Westforscher gelesen werden.“ (S. 255). Demgegenüber sei in den Niederlanden die wissenschaftliche Alternative, der Ansatz Slicher van Baths, nur begrenzt zum Zuge gekommen.

Das Buch von Derks zerfällt nicht nur beim Umblättern sofort in seine Teile, auch die Argumentation ist wenig haltbar. Derks zieht zwar Quellen aus dem Amsterdamer Weltkriegsarchiv heran, behandelt die Zusammenarbeit niederländischer, belgischer und deutscher Wissenschaftler und geht über die Zeit des Dritten Reiches hinaus, bemüht sich aber weniger um Erkenntnis als um Anklage. Diese bleibt in den Hauptpunkten oberflächlich und spekulativ, ist z.T. ehrenrührig und scheint eher von ausgeprägt subjektiven Erfahrungen und Präferenzen bestimmt zu sein. Vier Kritikpunkte seien erwähnt. Zum ersten geht Derks unzureichend auf die Eigenständigkeit, Prinzipien und Ursachen der Resonanz der Volks- und Kulturraumforschung ein. Sie bildete – gerade im Vergleich zur weiterhin dominierenden ideen- und politikorientierten Geschichtsschreibung – mit ihren Grundbegriffen und Determinanten „Raum“ und „Volkstum“ und den daraus sich ergebenden, politische Grenzen und Epochen überschreitenden Arbeitsfeldern, der Erschließung neuer Quellen und Fragen, ihren kartografisch-statistischen und interdisziplinären Methoden sowie ihren – aus heutiger Sicht höchst spekulativen, z. T. auch falschen – Ergebnissen zweifellos eine wissenschaftliche Innovation. Diese Innovationskraft trug wesentlich zur Expansion der Landeskunde u. a. durch die Gründung zahlreicher neuer, primär außeruniversitärer Institutionen bei. Die Raum- und Volksorientierung machte diese Ansätze zudem auch angesichts der Reichsreformpläne während der Weimarer Republik innenpolitisch und angesichts der Revisionsbestrebungen des Versailler Vertrages außenpolitisch interessant und sicherte ihnen entsprechende finanzielle Förderung. Wissenschaftliche Innovationskraft und politische Verwendbarkeit zogen wiederum einen Teil des geisteswissenschaftlichen Nachwuchses innerhalb des Reiches, aber auch diejenigen Forscher des Auslandes an, denen die Grundgedanken des Ansatzes sprachlich zugänglich waren.

Neu und erkenntnisfördernd wäre es nun gewesen, wenn Derks die deutsche Volks- und Kulturraumforschung mit ihrem Interesse an der Erforschung germanischer Zeugnisse jenseits der zeitgenössischen politischen Grenzen als einzigartig hätte ermitteln bzw. ein etwaiges Wechselspiel von Reiz und Reaktion der wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Ansätze Deutschlands bzw. Frankreichs, Belgiens oder der Niederlande hinsichtlich der Erforschung ihrer historischen Grenzen hätte feststellen können.[14] Derks aber behandelt nicht einmal die Arbeiten des ‚Instituts für geschichtliche Landeskunde’, die drei Hauptwerke der Kulturraumforschung [15] oder die Ergebnisse der deutschen „Westforscher“ näher. Weiterführend hätte Derks dann sein können, wenn er die zeitgenössische nationale und internationale Rezeption dieser Arbeiten behandelt hätte, insbesondere inwieweit sie die in den Wissenschaften, etwa in Rezensionen oder Handbüchern, herrschende Meinung bestimmten.[16] Fortschrittlich hätte Derks schließlich auch dadurch sein können, dass er die Beurteilung der Ansätze und Ergebnisse der Raum- und Volksforschung durch die heutige Archäologie, Geschichte und Philologie einbezogen hätte.[17] Ohne die Berücksichtigung der zeitgenössischen und gegenwärtigen Kommentierungen und Einordnungen wird man die Konstruktionsversuche, Tendenzen und Spielräume der Interpretationen in den Arbeiten der Volks- und Kulturraumforscher nicht seriös einschätzen können. Derks macht es sich also in der Deskription und Analyse eines seiner Hauptgegenstände, nämlich dessen, was er Westforschung nennt, sehr einfach: Er stempelt ihre Vertreter und Ansätze ohne Einschränkung als politisiert ab und verschenkt damit einen wichtigen Bewertungsmaßstab für die Abwägung, was in ihren Arbeiten als wissenschaftlich und was als politisch motiviert gelten kann.

Zum Zweiten misslingt auch der Versuch von Derks, die organisatorischen und programmatischen Beziehungen zwischen Wissenschaft und Politik überzeugend nachzuzeichnen. Sicherlich bildete bereits die imperialistische Politik des Kaiserreichs und der verlorene Erste Weltkrieg mit seinen Gebietsabtretungen für manche Wissenschaftler ein wichtiges Motiv, sich der Erforschung der historischen Zusammenhänge diesseits und jenseits der deutschen Grenze zu widmen – wobei die Rückwendung auf die germanische Zeit als besonders ertragreich erschien –, und sicherlich wurden diese Interessen von den jeweiligen Staatsformen und insbesondere dem Dritten Reich mannigfach gefördert. D.h. Dispositionen und Interessen für eine Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik waren gegeben. Gerade das ‚Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande’ nahm seit seiner Gründung eine wissenschaftlich-politische Doppelrolle ein. Entscheidend ist aber doch, jeweils detailliert zu analysieren, ob oder inwieweit politisch bestimmte Arbeitsaufträge ausgeführt wurden oder ob eine Autonomie der Themenwahl gegeben war, ob wissenschaftliche Ergebnisse zugunsten politischer Interessen verfälscht wurden und ob eine kritische Diskussion unterdrückt wurde. Derks vermeidet diese Mühe.

Das Gleiche gilt für die Behandlung der deutschen Wissenschaftspolitik in Belgien während des Zweiten Weltkrieges. Worin lagen die Interessen der Militärverwaltung, worin diejenigen der SS? Wo gab es Übereinstimmungen, wo Differenzen? Was war das Ergebnis? Die von Derks hervorgehobenen Kontakte zwischen Vertretern der Besatzungsverwaltungen und der SS in den besetzten Ländern während des Zweiten Weltkrieges, die Fahlbusch in seiner Rezension zu „funktionierenden Arbeitsbeziehungen“ stilisiert und als neu betrachtet, waren selbstverständlich und lassen zunächst einmal keine Rückschlüsse auf inhaltliche Ergebnisse zu. Die von Derks herangezogenen Westland-Artikel Petris, in denen er Petri eine Ausgrenzung der Wallonen aus der nordischen Rasse unterstellt, so dass er sie gleichsam zur Umsiedlung oder zum Abschuss freigegeben habe, sagen m. E. gerade das Gegenteil aus. In diesen Artikeln vertritt Petri vielmehr seine alte Position, dass auch die Wallonen über germanisch-fränkische Wurzeln verfügen würden, m.a.W. nicht ausgegrenzt werden dürften.[18] Mit Fehlinterpretationen, bloßen Hinweisen auf Treffen mit SS-Führern, geschweige denn rhetorischen Fragen und Vermutungen lässt sich jedenfalls aus Petri – bei all seiner bereits detailliert beschriebenen Einsatzbereitschaft zugunsten des Dritten Reiches [19] – kein Stratege und Legitimator der SS-Pläne machen.[20]

Ein über den bisherigen Forschungsstand hinausgehender Nachweis von Vordenker- und Vollstreckerfunktionen deutscher Wissenschaftler im Westen, der es erlauben würde, die „Westforschung“ mit der „Ostforschung“ zu parallelisieren, bedürfte etwa des Nachweises eines Angebots oder einer Weisung, vor allem aber des Nachweises der Existenz eines Generalplans West, seiner Vorbereitung und seiner Umsetzung und nicht bloßer Vermutungen. Aus der Logik der Auffassungen von Kulturraumforschern wie Franz Steinbach und Franz Petri, die Nordwesteuropa in hohem Maße als fränkisch geprägt sahen, ließen sich im Westen zahlreiche politische Lösungen für etwaige politische Neuordnungen entwickeln; sie begegneten zudem den Völkern im Westen des Reiches mit einem ganz anderen Respekt als denen im Osten. Trotz aller Tendenzen zur Verwissenschaftlichung der Politik, die in Deutschland seit den 1920er-Jahren einsetzten, überschätzt Derks m.E. auch die Bedeutung der Wissenschaften für die nationalsozialistische Politik. Nicht nur war aus historischer Perspektive eine Vielzahl unterschiedlich weit reichender Raumkonstruktionen möglich, es wäre vielmehr auch erstaunlich gewesen, wenn sich gerade die Nationalsozialisten für ihre Expansionspolitik an „wissenschaftlich“ begründ- und begrenzbaren und nicht an militärisch-machtpolitischen Kriterien orientiert hätten.

Zum dritten bedarf die Betonung der Kollaboration zwischen Verwaltung und Wissenschaftlern in den Niederlanden mit der deutschen Besatzungsmacht, um überzeugend zu sein, mehr als des Hinweises auf einzelne Projekte und des Verweises darauf, dass in den Niederlanden deutlich mehr Juden als in Belgien umgebracht wurden: Hier wären bei den Vertretern der besetzten Länder in Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Politik Motive und Ziele zu rekonstruieren, Handlungsmöglichkeiten und -zwänge zu analysieren, die Frage zu berücksichtigen, ob sie den Besatzern Alternativen zu ihrer Politik soufflierten, und wenn möglich auch Vergleiche zu ziehen.

Zum vierten ist es geradezu abstrus, im Sinne von Derks eine Kontinuität der „Westforschung“ vom Kaiserreich „bis heute“ zu behaupten. Dieser versteht darunter offenbar jegliche Behandlung von germanischen oder deutschen Spuren jenseits der deutschen Westgrenzen oder der Beziehungen und Einflüsse Deutschlands auf die Länder im Westen und unterstellt ihr das Ziel, dass sie der Expansion Deutschlands dienen sollte und solle. Die damit vorgenommene Parallelisierung des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und der Bundesrepublik mit dem Dritten Reich sowie die Parallelisierung der Zielsetzungen von Arbeiten nicht namentlich genannter belgischer und niederländischer Wissenschaftler, des SFB 235 und Horst Lademachers mit politischen Zielsetzungen der „Westforschung“ des Dritten Reiches disqualifizieren Derks als ernst zu nehmenden Historiker.[21] Die eigentlich spannende Frage nach den wissenschaftlich-politischen Anpassungsformen der Wissenschaftler im Wechsel der Systeme, insbesondere vom Dritten Reich zur Bundesrepublik Deutschland, die der Historiografieforschung zum Dritten Reich auch ein gewisses öffentliches Interesse gebracht hat, wird mit einer blanken Kontinuitätsthese und dem Beibringen undurchdachter Beispiele gleichsam niedergetrampelt.

Was bleibt, ist eine in hohem Maße personenzentrierte Anklageschrift, die bislang das radikalste Produkt einer jüngeren historiografischen Tendenz bildet. In dieser Anklageschrift gehen die wenigen neuen Fakten unter bzw. erregt ihre Interpretation und Bewertung aufgrund der offenkundigen Voreingenommenheit Misstrauen. Es stellt sich deshalb die Frage, warum die Herausgeber der Reihe ‚Geschichtswissenschaft und Geschichtskultur im 20. Jahrhundert’ dieses offensichtliche Pamphlet ohne Darlegung von Gründen akzeptiert haben.

Anmerkung der Redaktion: Der Text erscheint auch in der Westfälischen Forschungen 52 (2002).

Anmerkungen:
[1] Vgl. Schönwälder, Karen, Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1992; Wolff, Ursula, Litteris et Patriae. Das Janusgesicht der Historie, Stuttgart 1996; Schöttler, Peter (Hg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt am Main 1997; Schulze, Winfried; Oexle, Otto Gerhard (Hgg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999; Fahlbusch, Michael, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ von 1931-1945, Baden-Baden 1999.
[2] Vgl. z. B. Burleigh, Michael, Germany Turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich, Cambridge 1988; Rössler, Mechtild, „Wissenschaft und Lebensraum“. Geographische Ostforschung im Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Disziplingeschichte der Geographie, Berlin 1990; Haar, Ingo, Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der “Volkstumskampf” im Osten, Göttingen 2000.
[3] Der Aspekt der „braunen Wurzeln“ der bundesdeutschen Sozialgeschichte ist frühzeitig von Willi Oberkrome behandelt und gültig beantwortet worden: vgl. Oberkrome, Willi, Volksgeschichte. Methodische Innovation und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918-1945, Göttingen 1993; Ders., Historiker im „Dritten Reich“. Zum Stellenwert volkshistorischer Ansätze zwischen klassischer Politik und neuerer Sozialgeschichte, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 50 (1999), S. 74-98; Ders., Zur Kontinuität ethnozentrischer Geschichtswissenschaft nach 1945, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 49 (2001), S. 50-61; vgl. ferner Schulze, Winfried, Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945, München 1989; zuletzt Etzemüller, Thomas, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001.
[4] Vgl. Schöttler, Peter, Die historische „Westforschung“ zwischen „Abwehrkampf“ und territorialer Offensive, in: Ders. (Hg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt am Main 1997, S. 204-261; Ders., Von der rheinischen Landesgeschichte zur nazistischen Volksgeschichte oder Die „unhörbare Stimme des Blutes“, in: Schulze, Winfried; Oexle, Otto Gerhard (Hgg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999, S. 89-113; Dietz, Burkhard, Die interdisziplinäre „Westforschung“ der Weimarer Republik und NS-Zeit als Gegenstand der Wissenschafts- und Zeitgeschichte. Überlegungen zu Forschungsstand und Forschungsperspektiven, in: Geschichte im Westen 14 (1999), S. 189-209.
[5] „Es handelt sich nicht nur um ein Projekt, das von 1987 bis 2003 im Kernraum der Westforscher von Mediävisten, Kunsthistorikern, Geographen, Landes- und Volkskundlern und Heimatforschern durchgeführt wird; es ist wahrscheinlich auch das größte humanwissenschaftliche Nachkriegsprojekt mit gegenwärtig 29 Teilprojekten, die zusammengenommen 200 Projektjahre dauern und – wenn ich richtig schätze – mindestens 1000 Wissenschaftler irgendwie und irgendwann in diesen Jahren mit Forschung, mit Tagungen oder Publikationen beschäftigt haben.“ Derks, S. 21.
[6] Im Übrigen habe auch ein parlamentarischer Fraktionsführer der niederländischen Sozialdemokratie „indirekt dazu aufgefordert [...], die Niederlande mit Deutschland zu verschmelzen, womit ein primäres Ziel der Westforschung erreicht sein würde.“ Derks, S. 20.
[7] Vgl. den Titel von Fahlbusch in Anmerkung 1.
[8] Für Steinbach stellt Derks auf der Basis eines Zitats aus dem Jahre 1926 fest, dass sich dieser „also früh und klar als prototypischer Nazi etabliert“ habe. Derks, S. 34.
[9] Zu Plaßmann vgl. Kater, Michael H., Das „Ahnenerbe“ der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches, München 2001, S. 46, 201f.; Lixfeld, Gisela, Das „Ahnernerbe“ Heinrich Himmlers und die ideologisch-politische Funktion seiner Volkskunde, in: Jacobeit, Wolfgang u.a. (Hgg.), Völkische Wissenschaft. Gestalten und Tendenzen der deutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Wien 1994, S. 217-255, 219ff; Lerchenmüller, Joachim; Simon, Gerd, Maskenwechsel. Wie der SS-Hauptsturmführer Schneider zum BRD-Hochschulrektor Schwerte wurde und andere Geschichten über die Wendigkeit deutscher Wissenschaft im 20. Jahrhundert. Mit zahlreichen Dokumenten und einem bisher ungedruckten Text von Hans Schwerte aus neuester Zeit, Tübingen 1999, S. 61ff.
[10] Derks, S. 87, rechnet dieses Institut im Übrigen zur Vorgeschichte des im Jahre 1989 gegründeten ‚Zentrums für Niederlande Studien.’
[11] „Die allgemeine Strategie im „Hollandplan“ in bezug auf die Forschung in wissenschaftlichen Institutionen war: allmähliche Konzentration auf einige wenige universitäre Institutionen, beschleunigte Germanisierung, völlige Dekonfessionalisierung und wachsender Einfluß der SS.“ Derks, S. 92. Nach den bei Lerchenmüller/Simon, S. 177f., abgedruckten Passagen bestand Plassmanns Holland-Plan primär in der Beobachtung und Beeinflussung der holländischen Presse in nationalsozialistischem Sinne.
[12] Vgl. Lademacher, Horst, Franz Petri zur Vollendung des 85. Lebensjahres, in: Westfälische Forschungen 38 (1988), S. 303-308; Ders., Franz Petri zum Gedächtnis *22.2.1903 +8.3.1993, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 57 (1993), S. VII-XIX; Ditt, Karl, Die Kulturraumforschung zwischen Wissenschaft und Politik. Das Beispiel Franz Petri (1903-1993), in: Westfälische Forschungen 46 (1996), S. 73-176. Dem Unterschlagungsvorwurf schließt sich Fahlbusch mit besonderem Vorwurf gegen Ditt an („Auslassungssünden“), nimmt dafür Horst Lademacher gegenüber den Attacken von Derks in Schutz.
[13] Hinzu komme, dass die Anlegung der Polder aufgrund der schweren Arbeitsbedingungen der niederländischen Verwaltung die Gelegenheit teils zur rassischen Selektion, teils zur Ausbeutung der Arbeitskraft gegeben habe. Derks, S. 185f.
[14] Dazu hätte z. B. gehört, die Schriften, insbesondere das mehrbändige Werk von Henri Pirenne, Histoire de Belgique, Bruxelles 1922ff., in denen er die Vorgeschichte Belgiens bis in das Mittelalter hinein behandelt, in ihrer Wirkung auf die deutsche Historiografie zu thematisieren. Vgl. auch Schöttler, „Westforschung“, S. 225ff.
[15] Vgl. Aubin, Hermann; Frings, Theodor; Müller, Josef, Kulturströmungen und Kulturprovinzen in den Rheinlanden. Geschichte. Sprache. Volkskunde, Bonn 1926, ND Darmstadt 1966; Ebert, Wolfgang; Frings, Theodor; Gleißner, Käte; Kötzschke, Rudolf; Streitberg, Gerhard, Kulturräume und Kulturströmungen im mitteldeutschen Osten, Halle 1936; Aubin, Hermann u.a. (Hgg.), Der Raum Westfalen, 6 Bände in 13 Teilbänden, Berlin 1931-1996.
[16] Vgl. Ditt, S. 90ff.
[17] Vgl. z. B. Haubrichs, Wolfgang, Germania Submersa. Zu Fragen der Quantität und Dauer germanischer Siedlungsinseln im romanischen Lothringen und in Südbelgien, in: Burger, Harald; Maas, Alois; von Matt, Peter (Hgg.), Verborum Amor. Studien zur Geschichte und Kunst der deutschen Sprache. Festschrift für Stefan Sonderegger zum 65. Geburtstag, Berlin 1992, S. 633-666; Ders., Über die allmähliche Verfestigung von Sprachgrenzen. Das Beispiel der Kontaktzonen von Germania und Romania, in: Ders., Schneider, Reinhard (Hgg.), Grenzen und Grenzregionen. Frontières et régions frontières, Borders and Border Regions, Saarbrücken 1994, S. 99-129; Brühl, Carlrichard, Deutschland-Frankreich. Die Geburt zweier Völker, Köln 1990, S. 182ff.; vgl. ferner das im Erscheinen begriffene Werk Dietz, Burkhard; Gabel, Helmut; Mölich, Georg (Hgg.), Griff nach dem Westen. Die „Westforschung“ der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919-1960), 2 Bände, Münster 2002.
[18] Nach der Referierung seiner eigenen Ergebnisse zu den germanischen Spuren in Nordfrankreich und Wallonien fasst Petri zusammen: „Auch die von der modernen Rassenforschung ermittelte Tatsache, daß Wallonien und das angrenzende Nordfrankreich heute eine vorwiegend nordische Rassenstruktur besitzen, passt zu der neuen [Steinbachs und Petris] Auffassung. Nach ihr ist die Wallonie weniger eine romanische Grenzmark als vielmehr ein ausgesprochenes germanisch-romanisches Grenzland, dessen Bevölkerung neben ihren alten vorgeschichtlichen und kelto-romanischen Grundlagen, die keineswegs geleugnet oder verkleinert werden sollten, auch eine wichtige germanische Komponente aufweist.“ Franz Petri, Um die Herkunft der Wallonen, in: Westland, Folge 1 (1943), S. 61, auch abgedruckt bei Derks, S. 268. Vgl. ferner ebd.: „Dass jedoch die wallonische und nordfranzösische Bevölkerung eine viel bedeutendere germanische Komponente besitzen, als bisher angenommen wurde, wird man heute schon als gesichertes volkswissenschaftliches Ergebnis betrachten dürfen. Es findet seine Bestätigung durch die rassenbiologischen Aufnahmen, die zur Zeit auf Anregung des Reichsführers-SS in Wallonien durchgeführt werden.“ Derks, S. 268f. Vgl. generell Ditt, S. 116f.; Schöttler „Westforschung“, S. 218ff.
[19] Die Aussage von Derks, dass der Rezensent Petri „zum Unschuldslamm und beinahe zum Naziopfer“ (S. 115) hochstilisiert habe, ist abstrus und deutet, wie auch das von Derks ebd. z.T. als Beleg herangezogene Zitat, auf Verständnisschwierigkeiten der deutschen Sprache hin.
[20] Petri hatte im Jahre 1937 eine von dem Hamburger Unternehmer gebotene Möglichkeit ausgeschlagen, eine volkspolitische Schulungs- und Lehrstätte sowie ein Institut für Grenz- und Auslandsdeutschtum aufzubauen, die ihn in einen engen Kontakt zu der SS-geführten Volksdeutschen Mittelstelle gebracht hätte. Vgl. Ditt, S. 94; Fahlbusch, S. 60f. Laut seiner Personalakte im Bundesarchiv Berlin-Zehlendorf war Petri seit 1937 Mitglied der NSDAP, nicht aber der SS. Nach seinen Forschungsergebnissen zum Frühmittelalter konnte Petri Nordfrankreich, die Niederlande und Belgien als weitgehend germanisch reklamieren. Damit war im Sinne völkisch-nationalsozialistischer Vertreter eine historische Legitimierung für eine informelle oder formelle „Rückkehr“ dieses Raumes in das Deutsche Reich möglich. Über die künftige politische Beherrschung und Gliederung dieses Raumes bzw. seiner Teilräume – Vasallenstaat, Reichsgaue etc. – gab es kein Einvernehmen; eine öffentliche Diskussion der politischen Neuordnung im Westen hatte Hitler verboten. Petris Vorstellungen dazu sind keineswegs nur auf den Nenner Großniederlande zu bringen (S. 96ff.), vielmehr war er hierin flexibel.
[21] Umgekehrt gesehen verharmlost die Behauptung der Kontinuität einer „Westforschung“ vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik einen Teil der entsprechenden Volks- und Kulturraumarbeiten sowie der Wissenschaftspolitik während des Dritten Reiches.

Kommentare

H. Derks: Deutsche Westforschung

Von Derks, Hans14.02.2003

In der Rezension von Karl Ditt über meine Publikation “Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert“ greift er meine Argumentation stark an. Da Ditt seine Kritik kaum begründet, was man jedoch von einem Wissenschaftler erwarten kann, liefert diese Rezension kaum Klärungen in der Debatte. Um der Kritik Ditts folgen und meine Antwort beurteilen zu können, sollte man sich Folgendes vergegenwärtigen.

Schon auf der ersten Seite des Textes mache ich klar, dass es sich um “eine Einführung in die Problemgeschichte der Westforschung [handelt...], wobei ganze Passagen sehr viel stärker ausgearbeitet werden könnten und sich so manche meiner Anmerkungen in eine Habilitationsschrift verwandeln ließe.”(S.9) Nicht mehr ist dargeboten, aber sicher auch nicht weniger: ein Panorama von möglichst vielen Problemen der Westforschung in einem mehr oder weniger klaren Zusammenhang und demonstriert mittels Analyse und Darstellung von konkreten Problemfällen und Merkmalen der Westforschung. Man darf selbstverständlich hinterfragen, ob ich dieses Panorama differenziert, kritisch, gerecht, usw. abgehandelt habe. Dies sollte jedoch nicht auf der Grundlage dessen geschehen, was man dazu noch alles hätte schreiben können, da das Studium der Westforschung noch in den Kinderschuhen steckt.

In dem Teil der Besprechung, der noch einigermaßen sachlich gehalten wurde, hat Ditt vier Kritikpunkte erwähnt, die ich hier kommentieren will. Dabei wird meine Antwort auf den ersten Kritikpunkt einige Bemerkungen für die drei folgenden vorwegnehmen.

Der erste Kritikpunkt besagt, dass ich 'unzureichend' auf die 'Resonanz der Volks- und Kulturraumforschung' eingegangen bin. Was meint Ditt damit? Diese Art Forschung ist, seiner Meinung nach, 'zweifellos eine wissenschaftliche Innovation' da diese 'wesentlich zur Expansion der Landeskunde' beitrug, 'außenpolitisch' für die damaligen Revisionisten des Versailler Vertrages 'interessant' war und 'entsprechende finanzielle Förderung' sicherte. Diese Art Forschung und 'Innovationskraft' zogen 'Nachwuchs innerhalb des Reiches' und ausländische Forscher nach. Ich wäre 'erkenntnisfördernd' gewesen, wenn ich die Einzigartigkeit dieser Kulturraumforschung mit ihren Germanenstudien gezeigt hätte oder 'weiterführend', wenn ich die (inter)nationale Rezeption dieser Schriften gezeigt hätte; 'fortschrittlich' wäre ich sogar gewesen, wenn ich die heutige Beurteilung der Kulturraumforschung in der Archäologie usw. einbezogen hätte. Was als wissenschaftlich und was als politisch motiviert gelten kann in dieser Forschung hätte herausgearbeitet werden müssen.

In seiner eigenen Petri-Schrift, zeigt auch Ditt oft genug wie Wissenschaftler wie Aubin, Steinbach und besonders Petri sich selbst als “Wissenschaftler im Einsatz” verstanden. Sie arbeiteten für eine deutsch-nationalistische Sache bzw. für eine imperialistische Expansion und dafür haben sie ihre Geschichte, Volkskunde, Archäologie, usw., kurz: ihre Kulturraumforschung erfunden und exploitiert. Hauptmotive waren: die Revision von “Versailles”, Identitätsstiftung und Mobilmachung des “Volkes” durch Rückgriff auf eine germanische Herrenmenschen-Kultur, die auf den mittelalterlichen oder früh-modernen Reichsgedanken zurückgreift.

Wenn Ditt heutzutage diese Aktivitäten noch immer politisch 'interessant' findet, kann ich das logisch nicht verstehen, politisch und moralisch nicht akzeptieren und innerhalb der Forschung nur als einen intellektuellen Rückschlag beurteilen. Als Historiker aber habe ich Ditt's laudative Darstellung der Volks- und Kulturraumforschung mehr oder weniger hinzunehmen und in meine Forschungen über diese “Bewegung” einzuarbeiten. In der Tat, eine meiner Thesen in Deutsche Westforschung, nach der auch heutzutage noch immer eine “Westforschung”, die an diese Argumentation anknüpft, bemerkbar ist und Unterstützung bekommt, hat damit leider wieder eine Bestätigung gefunden.

Darüber hinaus habe ich gezeigt, dass diese Kulturraumforschung bzw. die zusammenstellenden Teile davon nicht als Innovation bezeichnet werden können. (Kapitel 2) Es waren aus Revanchismus geborene wissenschaftliche Aktivitäten, die sich in einer germanischen und mittelalterlichen Vergangenheit, in Rassismus, in Geschichtsfälschung, artifiziellen wissenschaftlichen Konstruktionen und Modellen ergötzten. Nicht nur im gesamten zweiten Kapitel sondern auch in zahllosen Anmerkungen sind die dubiösen wissenschaftlichen Praktiken im Bereich der Sprach- bzw. Mundartforschung, Geschichte, Volkskunde, Sprachgeographie oder Archäologie mit Literaturangaben besprochen. Mehr konnte in dieser Einführung nicht erwartet werden.

Wenn Ditt meint, dass es in diesem Dossier möglich ist in letzter Instanz einen Unterschied zwischen wissenschaftlichen und politischen Motiven zu machen, dann hat er erstens das Selbstverständnis der Westforscher nicht gewürdigt (“Wissenschaftler im Einsatz”) und zweitens nicht verstanden, wie all diese wissenschaftlichen Aktivitäten auch heute weit hinter ausländischen Entwicklungen zurückfallen. Ditt hätte sich vergegenwärtigen müssen, um welche sehr lokale deutsche Angelegenheit es sich handelt. Nur mit viel Mühe wäre es im nachbarlichen Ausland zu vermitteln, so etwas wie Volkskunde in Deutschland noch immer für eine originelle wissenschaftliche Disziplin zu halten oder dass es 'fortschrittlich' ist, so etwas wie Kulturraumforschung erneut zu propagieren.

Diese Neo-Westforschung ist für viele ausländische Wissenschaftler beunruhigend. Nehmen wir Ditt's favorisierte Archäologie, dann kann das Lesen der aktuellen Aufsätze zur (Neo)Westforschung des französischen Archäologen Laurent Olivier ihm schnell aus dem Traum helfen (siehe z.B. Olivier's Artikel in Antiquités Nationales 32, 2000 S. 117-142). Aber nicht nur im Ausland gibt es scharfe Kritik an der Westforschung. Ditt denkt anscheinend, dass heutige Archäologen vorbehaltlos diese politisierten und ideologisierten Aktivitäten von Wissenschaftlern legitimieren.

Damit sind schon einige Antworten auf den zweiten Kritikpunkt gegeben, der vorwirft, dass es nicht gelungen sei, 'die organisatorischen und programmatischen Beziehungen zwischen Wissenschaft und Politik überzeugend nachzuzeichnen.' Wenn Ditt meint, dass ich nicht vollständig war, dann hat er sicher Recht: es gibt noch viel Arbeit zu tun in diesem Bereich. Dazu kommt, dass Michael Fahlbusch sein Buch über die Deutsche Forschungsgemeinschaft und Peter Schöttler seinen Artikel zur Westtumsforschung unlängst publiziert haben. Ich konnte nur ergänzen, was diese Autoren geschrieben hatten, was ich im dritten Kapitel getan habe. Dort wurde detailliert demonstriert, wie Westforscher wie Petri tief und verheerend in die politischen Verhältnisse Belgiens, der Niederlande, usw. eingegriffen haben. Ich weiß nicht, was Ditt meint, wenn er heute sagt, dass ihm 'die Rückwendung auf die germanische Zeit als besonders ertragreich erschien'. Für wen 'ertragreich'? Und war sie auch in heutiger Sicht 'ertragreich'? Welche Kriterien verwendet er hier eigentlich? Doch nicht die des Instituts für geschichtliche Landeskunde des Rheinlands in Bonn? Dieses Institut spielte “damals” überhaupt keine Doppelrolle wie Ditt meint. Im ersten Kapitel habe ich detailliert gezeigt, wie es von Anfang an durch Unterstützung von Aubin und Frings eine exklusive revanchistische und expansionistische Rolle spielte. Ihre heutige Website macht nicht den Eindruck, dass sie etwas aus dieser Geschichte gelernt haben. Die Beziehungen zwischen Westforschern und Politik sind ab 1945 nicht weniger klar von mir beschrieben (z.B. in Kapitel 5, S. 206-216). Ein so großer Faulenzer in dieser Hinsicht wie Ditt mich darstellt, bin ich also nicht gewesen.

Der dritte Kritikpunkt bezieht sich auf meine genau so vernachlässigende 'Behandlung der deutschen Wissenschaftspolitik in Belgien während des Zweiten Weltkrieges'. Die von mir hervorgehobenen Kontakte zwischen Besatzungsverwaltung (worin Franz Petri 'Kultur und Volkstum' bescherte) und SS sind für Ditt 'selbstverständlich'. Ausgerechnet für Belgien ist das sicher nicht wahr, da hier während der ganzen Besatzung (bis auf einige Wochen!) ein scharfer Kampf zwischen Besatzungsverwaltung und Wehrmacht tobte - unterstützt von Teilen der flämischen Kollaboration (VNV) gegen die SS, die auch von flämischen Kollaborateuren (DeVlag) unterstützt wurde, wodurch die SS immer mehr Macht enfaltete und gewann. Es ist gewiss auf 'Verständnisschwierigkeiten mit der niederländischen Sprache' zurückzuführen, dass Ditt die mehr als 1000seitige Studie von A.A. de Jonghe über diesen Kampf, die ich verwendete, nicht gelesen hat, sonst hätte er seine Bemerkung nicht gemacht. Mehr Mühe habe ich mit Ditt's falscher Aussage, dass meine Darstellung des Verhältnisses zwischen SS und Franz Petri nur auf 'rhetorischen Fragen und Vermutungen' beruht. Ich habe mehrere Archivalia, die Ditt vernachlässigt (darunter Petri's Zweiter Bericht, 1940), ausführlich verwendet und im Anhang für den Leser bereitgestellt. Darüber hinaus habe ich einen Holland-Belgien-Nordfrankreich Plan der SS entdeckt (wovon ich auf S. 201 eine wichtige Seite mit Franz Petris Namen im Original reproduzierte). Ditt verschweigt auch hier wieder diese wichtigen Fakten, um mich verdächtigen zu können. Das ist seine Sache, aber damit kann er niemals Petri's SS-Affiliation als Rhetorik oder Vermutung herunterspielen. Warum Ditt hier die 'Kulturraumforscher Steinbach und Petri als Quelle für 'zahlreiche politische Lösungen für etwaige politische Neuordnungen' ansieht, ist hoffentlich nicht ernst zu nehmen.

Der vierte Kritikpunkt ist gewiss interessanter. Er betrifft die Kontinuität der Westforschung nach 1945 'bis heute'. Ditt gibt sich hier plötzlich völlig ahnungslos, um sich einen Freiraum zu schaffen, mich ungehemmt beschimpfen zu können. Es ist ausgerechnet Ditt selbst, der in seiner Petri-Schrift über die Absichten der “Arbeitsgemeinschaft für Westdeutsche Landes- und Volksforschung” (AWLV, 1949), die Nachfolgeorganisation der Westforscher, schreibt, wie sie auf 'die alten bewährten Grundsätze der Rheinischen, später Westdeutschen Forschungsgemeinschaft' zurückgreifen will. Dazu bemerkt er über den Untersuchungsraum, der der AWLV vorschwebt: 'Südwestdeutschland, der Mittel- und Niederrhein, das angrenzende Hessen, Westfalen und das norddeutsche Küstengebiet, soweit ihre Angelegenheiten für die Westforschung von Belang sind. Im Rahmen der heutigen Möglichkeiten und mit einer Zielsetzung, die den nun europäischen Notwendigkeiten Rechnung trägt, [ist sie bemüht,] die früheren Wissenschaftsbeziehungen über die westlichen Grenzen wieder zu knüpfen.' (S. 209). Meine 'Verständigungsschwierigkeiten der deutschen Sprache' (Ditt) sind noch nicht dermaßen ernsthaft, dass ich dieses nicht als sehr klares Deutsch begreifen kann. In Kapitel 5 und 6 habe ich dazu zahllose Beispiele gegeben, aus der Bundesrepublik, Belgien und Niederlanden, an denen eine spezifische Kontinuität der Westforschung ersichtlich wird. Es handelt sich m.E. auch nicht mehr um die Frage, ob es eine Kontinuität gibt, sondern welche. Wenn man die Methodologie meiner Studie verstanden hat, dann ist ersichtlich, wie ich mit einer Werkdefinition von Westforschung angefangen habe (S.10), um dann mit einer ausführlichen Umschreibung (S. 239-242) zu enden. Wer daraus 'eine blanke Kontinuität' ableiten kann, muss überlesen haben, dass ich z.B. schrieb: 'Zukünftige Untersuchungen werden also die Aufgabe haben, das Phänomen Westforschung innerhalb des gesellschaftlichen Kontextes der Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegsperiode zu beschreiben und zu begreifen .. Die Erklärung und Bewertung wird im Prinzip für jede Periode unterschiedlich ausfallen ..' Ich hoffe hiermit Karl Ditt's Bemerkungen beantwortet zu haben und wünsche den Lesern viel Vergnügen mit Deutsche Westforschung. Ideologie und Praxis im 20.Jahrhundert, dem – wie Karl Ditt meint – 'radikalsten Produkt einer jüngeren historiographischen Tendenz.'


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03.12.2002
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