C. Tiersch: Johannes Chrysostomus

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Titel
Johannes Chrysostomus in Konstantinopel (398-404). Weltsicht und Wirken eines Bischofs in der Hauptstadt des Oströmischen Reiches


Autor(en)
Tiersch, Claudia
Reihe
Studien und Texte zu Antike und Christentum 6
Erschienen
Tübingen 2002: Mohr Siebeck
Anzahl Seiten
X, 475 S.
Preis
€ 74,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tassilo Schmitt, Institut für Geschichte, Universität Bremen

Der heilige Johannes Chrysostomus ist nach wenigen Jahren als Bischof von Konstantinopel (398-404) gescheitert. Wie es dazu kommen konnte, ist die Ausgangsfrage der ursprünglich als Dissertation an der Technischen Universität Dresden entstandenen Untersuchung von Claudia Tiersch, die mit ihrer Antwort zugleich einen Beitrag zum Verständnis bischöflicher Macht in der Spätantike leisten will. Gegenstand ihrer Arbeit ist das Handeln des Kirchenmannes unter den Aspekten, welche Zustimmung, vor allem aber, welchen Widerstand es provozierte. Dieses Handeln wird nicht zuletzt durch die Predigten manifest, mit denen Johannes in Antiochia auf große Zustimmung gestoßen war, die aber in der Hauptstadt wesentlich zur Erosion seiner Position beitrugen. Die Analyse soll also auch spezifische Bedingungen kirchlichen Lebens und Handelns in der Stadt des östlichen Kaiserhofes deutlich machen.

Das Thema ist gut gewählt, die Fragestellung wohlbegründet, weil sich im Streit um Johannes, der gerade nicht entlang der heidnisch-christlichen Front verläuft, divergierende Erwartungen zeigen, die die Rolle eines Bischofs geformt haben. Als weiterführend muss auch die Entscheidung gelten, dass die seit 1975 von Fl. van Ommeslaeghe nachdrücklich als zeitgenössisch bezeichnete Grabesrede auf Johannes, die früher einem Martyrios zugeschrieben wurde, erstmals umfassend für eine historische Betrachtung herangezogen wurde. Denn dieser Text - für dessen Datierung Tiersch weitere Argumente anführen kann - gewährt gerade wegen seiner apologetischen Anliegen in besonderer Weise Einblick in die Konfliktlinien der Zeit.

Im ersten Kapitel leitet Tiersch die Rollenerwartungen an den Bischof von Konstantinopel überzeugend aus der endgültigen Etablierung der Stadt als kaiserlicher Residenz und Machtzentrum sowie aus der forcierten Religionspolitik des Theodosius ab, die einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung des Reiches leisten sollte. Johannes' Vorgänger Gregor von Nazianz und Nektarios hatten darauf in beinahe gegensätzlicher Weise - und beide unzureichend - reagiert: Gregor war als Theologe zu wenig Politiker, der vorsichtige Taktierer Nektarios konnte Erwartungen, die an Theologen gerichtet wurden, nicht erfüllen. Bei Johannes' Wahl und Ernennung hatte überdies nicht zuletzt das Kalkül des Eunuchen Eutropios eine wesentliche Rolle gespielt, der sich so einen loyalen Mitstreiter gewinnen wollte, aber ehrgeizige lokale Bewerber und vor allem den einen eigenen Kandidaten präsentierenden Bischof Theophilos von Alexandria brüskierte.

Etwas überraschend flicht Tiersch im Folgenden ein ausführliches Kapitel über Antiochia ein. Sie legt die im Vergleich zur Hauptstadt ganz andere Prägung dieser Metropole dar: Dort habe sich eine traditionelle städtische Identität halten können; das Christentum sei vielfach gespalten gewesen. Man könne "eher ein Auseinandertreten des religiösen und des politischen Raumes als spezifisch für die kulturelle Identität Antiochias" konstatieren (S. 59). Das wäre ein sensationeller Befund! Doch ist zu fragen, ob das vergleichsweise friedliche Nebeneinander von Religionen und Konfessionen wirklich mit Pluralismus und Offenheit richtig charakterisiert ist. Muss man nicht eher nach spezifischen Formen der Hegung und des Austrags von Konflikten fragen, die sich von denen anderswo im Kern nicht unterschieden, als der Stadt eine Atmosphäre zuzuschreiben, die sie völlig aus ihrem historischen Umfeld lösen würde? Im Bemühen, den Hintergrund für Johannes' Profil vor seiner Wahl zum Bischof auszuleuchten, begibt sich Tiersch in komplizierte neue Forschungsfelder, die sie im Rahmen ihrer Untersuchung gar nicht hinreichend bearbeiten kann. Und auch nicht muss: Denn selbst wenn das Milieu, aus dem der Prediger stammt, klar bestimmt wäre, hat man noch keine hinreichende Erklärung für seine persönliche Entwicklung - auch im Dogmatischen und Pastoralen - gefunden. So sehr man denn den anschließend vorgetragenen Überlegungen zustimmen kann, dass es dem jungen Prediger um die Verbreitung einer monastisch geprägten Lebensweise und Identität ging, bleiben doch Zweifel, wie entscheidend dafür die Antiochener Erfahrungen waren. Tiersch sieht das im Grunde selbst, wenn sie Johannes eine "sehr spezifische Art der Konfliktperspektive" (S. 63) auf der Basis einer "nicht mehr hinterfragte[n] Gewißheit" (S. 64) attestiert.

Methodisch geschickt und im Ergebnis überzeugend folgert Tiersch im Folgenden aus einer Analyse der Predigten (S. 60-91), die sich nie im Einzelnen verliert, sondern immer auf die Frage nach den Bedingungen des Erfolgs bezogen ist, dass Johannes sein Publikum als glänzender Redner sowie als geschickter Pädagoge und Seelenführer gewann und fesselte: Er selbst überzeugte mehr als seine Lehre, die auf eine neue christliche Ordnung des individuellen Lebens, der sozialen Beziehungen und der Gestaltung von Öffentlichkeit und Politik unter der Führung des Bischofs zielte. Für das Porträt konzentriert sich Tiersch stark auf die Virtuosität der Rede, die der Askese wird eher beiläufig erwähnt. Erstaunlicherweise werden die Beobachtungen nicht in einem theoretischen Konzept gebündelt: Max Webers Beschreibung des Charisma hätte Präzisierungen und weiterführende Vergleiche erlaubt. Tierschs gelegentliche Hinweise auf diese Qualitäten des Chrysostomus sind nirgends systematisch zusammengefasst, obwohl sie dann später in der Untersuchung immer wieder für die Argumentation verwendet werden. Mit Recht hebt Tiersch hervor, dass es Johannes' Auftreten im Kontext der Statuenaffäre von 387 gewesen ist (S. 92-110), das höchstwahrscheinlich die Aufmerksamkeit des Hofes erstmals auf ihn gelenkt hat. Die Rechtfertigung der kaiserlichen Position, die er als ordnungsstiftende Autorität bejahte und der er heilsgeschichtliche Bedeutung zuschrieb, musste ihn - in Kombination mit seinem Desinteresse an persönlicher Macht - in der Zentrale empfehlen.

Der spezifischen konfessionellen Lage in der Hauptstadt, in der die Nizäner keineswegs dominierten, gilt der nächste Abschnitt (S. 111-134). Tiersch macht verständlich, wie insbesondere aus der Lehre der arianischen Eunomianer, die die res divinae durch Diskussion glaubten fassen zu können, ein Legitimationsproblem für die göttliche Begründung des Kaisertums erwuchs. Die Religionspolitik des Theodosius war hier nicht erfolgreich gewesen, weil ihre Durchsetzung auf den Initiativgeist von Bischöfen oder Amtsträgern angewiesen war. Nektarios war dem in seiner theologischen Unbedarftheit nicht gewachsen gewesen. Der eunomianischen Vorstellung von einem individuellen Erkenntnisprozess hielt Johannes die Wahrheit des geoffenbarten Glaubens entgegen, setzte statt auf Reflexion auf Meditation und rechten Glaubensvollzug. Er versprach Sicherheit und betonte den Zugang zu Glaubenszuversicht auch für Ungebildete, die er zugleich durch aktives soziales Engagement für sich einnahm. "Die Arianer waren nicht widerlegt, doch ihre Bedeutung schwand allmählich". (S. 129)

Um seine strengen Erwartungen durchzusetzen, wandte sich Johannes auch einer Reform der Kirche zu. Seine Programmatik gegenüber dem Klerus unterschied sich dabei nicht von ähnlich gelagerten Bemühungen etwa des Ambrosius von Mailand. Gegen Johannes aber entstanden Unmut und Feindschaft, weil er im Bewusstsein seiner hierarchischen Position agierend unzugänglich wirkte und seinen Klerikern sowohl Patronagechancen im gesellschaftlichen Kontakt mit den Eliten als auch seine Zuwendung als Patron verweigerte (S. 135-151). Dies gilt insbesondere für den Umgang mit Kirchenvermögen. Tiersch konstatiert für Johannes einen Begriff von Eigentum als Treuhänderschaft für karitative Zwecke. Die erheblichen Aufwendungen dafür machten den Bischof zu einem Patron der Armen. Seine betont asketische Lebensweise schloss prächtige Einladungen oder die Teilnahme an Gastmählern aus. Die strikte Zweckbindung der Mittel brüskierte diejenigen, die von ihm standesgemäße Umgangsformen erwarteten. Der Bischof konnte seine eigenen geistlichen Überzeugungen und die Erwartungen an einen Patron nicht ausgleichen (S. 152-169). Konflikte mit Mönchen erwuchsen daraus, dass Johannes die monastische Lebensweise als "philosophischen" Gegenentwurf gegen die traditionelle Polis stilisieren und deren Vertreter - gegen deren durch Eustathios von Sebaste geprägte Tradition der Ungebundenheit - zugleich in seine hierarchisch geordnete Kirche einbeziehen wollte. Außerdem konkurrierte man in der Kranken- und Armenfürsorge; die Mönche könnten dabei auf mächtige Gönner setzen (S. 170-182).

Konfliktpotential mit dem Kaiser und dem Hof ergab sich daraus, dass Johannes zwar die Rechtfertigung des Kaisertums insoweit mittrug, als er es als gottgewollte Ordnungsmacht akzeptierte, aber deren Verhalten nach seinen rigorosen Maßstäben qualifizierte, es so seinem Urteil unterwarf und immer an einer Unterscheidung zwischen populus Romanus und populus Christianus festhielt (S. 183-205). Der Kaiserin Eudoxia, die zunächst deutliche Sympathien für Johannes zeigte und der Tiersch mit guten Gründen einen erheblichen politischen Einfluss zuspricht, entfremdete sich der Bischof, weil er deren Bemühungen um eine eigene Legitimation untergrub, indem er ihr das Idealbild einer sich demütig für die Armen in einer christlichen "Neuen Stadt" opfernden Frau entgegenhielt (S. 206-228). Auch die Nobilität brachte er gegen sich auf, weil seine Kritik an Luxus und Spielen die Mechanismen sozialer Ordnung und vor allem ihrer Repräsentation in Frage stellte. Er tat das bewusst im Interesse des Aufbaus einer neuen christlichen Gesellschaft: Nach Johannes war es kaum möglich, zugleich guter Senator und guter Christ zu sein. Den auch hier mit vielen Details belegten Ausführungen wird man grundsätzlich folgen können; aber die Beleuchtung einer "Nobilität" hätte durch eine Abgrenzung dieser Gruppe eingeleitet werden müssen, zu der vor allem Senatoren, aber etwa auch die obersten Eunuchen gerechnet werden. Immer mehr stellt sich die Frage, wer Johannes überhaupt noch stützen konnte (S. 229-250).

Seine Wirkung und sein reformerischer Einfluss in der breiten Öffentlichkeit erschienen zusammen mit seinem Engagement für die Armen vielen als Gefahr für die Ordnung. In der labilen, von Mobilitätsfolgen geprägten Hauptstadt fielen Johannes' Ausführungen auf einen anderen Boden als im traditionell gefestigteren Antiochia. Die Rezeption von Predigten als Sprechakten war eben auch von der Situation der Rezipienten abhängig (S. 259 mit Anm. 285). In Konstantinopel wurde der Bischof zum besonderen Patron der Unterschichten; seine Autorität war nicht hinreichend in die Macht- und Patronagestrukturen integriert. Obwohl er sich vehement gegen jeden Aufruhr aussprach und stellte, verschärfte er soziale Spannungen durch seine Rhetorik (S. 251-264).

In den eben besprochenen Kapiteln rekonstruiert Tiersch mit Umsicht und Akribie unterschiedliche Sichtweisen und Interessen und erlaubt so einen detaillierten Einblick in das Konfliktpotential sowie in einzelne Konfliktsituationen. Die Ausführungen sind gut in den Quellen begründet, und man beobachtet, je weiter man liest, desto mehr, wie sich die Schlinge um Johannes' Hals zuzieht. Dabei entsteht der Eindruck einer zwangsläufigen Entwicklung, der - versucht man etwas Abstand zu gewinnen - am Ende doch nicht recht überzeugen kann. Für Tierschs Design von Analyse und Darstellung spricht natürlich zunächst das Ergebnis: Der Bischof wurde gestürzt. Aber das gelang nicht mit einem Ruck, sodass es umgekehrt durchaus auch starke Unterstützung gegeben haben muss. Außerdem bescheinigt Tiersch dem Abgesetzten und Exilierten späte Lernfähigkeit (S. 402). Kann man die dem Bischof absprechen? Kurzum: Man hätte sich gewünscht, dass die Kräfte stärker profiliert dargestellt werden, die Johannes beistanden und in seiner Haltung doch wohl auch bestärkt haben. Den sicher richtig beschriebenen zahllosen Schroffheiten im Reden und Handeln müssen auch gewinnende Eigenschaften des Bischofs gegenübergestanden haben - nicht nur im Verhältnis zu den Armen. Sein Wahrheitsanspruch war vielleicht doch stärker reflektiert, als es ihm Tiersch zugesteht, die hier die rhetorische Eigenheit der Predigten unterschätzt, die klare und unmissverständliche Akzente setzen mussten.

Im weiteren Verlauf der Untersuchung, in der es im Einzelnen um die Umstände der Amtsenthebung geht, tritt die eben genannte Problematik stärker in Erscheinung. Das Geschehen war wohl sehr komplex bestimmt und nicht nur Resultante des zuvor bestimmten Potentials. Tiersch versäumt es zwar nicht, die einzelnen Ereigniszusammenhänge um den Sturz des Eunuchen Eutropios, die Gainas-Krise, die "Langen Brüder" samt Origenismusstreit, das Verhältnis zum Westreich und anderes einzubeziehen, aber die notwendige Konzentration auf das Schicksal des Johannes lässt die vielfältigen anderen Interdependenzen zu sehr im Dunkeln. Als Beispiel sei auf den Gegenspieler Theophilos von Alexandria verwiesen, der zwar als virtuoser und gerissener Machtpolitiker, aber in seiner Motivation erstaunlich eindimensional gezeichnet ist. Tiersch schreibt hier manche einseitige Charakteristiken der Quellen und auch manche Irrtümer der Forschung fort. Nun wird man nicht erwarten dürfen, dass im Rahmen einer einzigen Studie diese Aspekte alle hinreichend gewürdigt werden können. Aber eine deutlichere methodische Reflexion über die Grenzen und die Reichweite der eigenen Ergebnisse, über Struktur und Ereignis hätte man sich doch gewünscht. Das gilt auch für die Begrifflichkeit: "ungebremster" (S. 375) oder "massiver Terror" (S. 389) beispielsweise wird den Verhältnissen und Möglichkeiten im frühen 5. Jahrhundert bei allen Brutalitäten und Schrecken - denkt man etwa an den Terror als Herrschaftspraxis im Stalinismus - sicher nicht gerecht. Die Qualität der Ergebnisse sei damit keineswegs generell bestritten: Auch im letzten Drittel ihrer Arbeit eröffnet Tiersch allenthalben neue Perspektiven. Und die allgemeine epochale Bedeutung der Konflikte um den Bischof, in deren Folge die kirchlichen Oberhirten Mandatare des Kaisers wurden, wird deutlich und plausibel.

Claudia Tiersch gibt sich nie mit einfachen Antworten zufrieden. Oft nimmt sie nach voraufgegangenen subtilen Überlegungen den Faden noch einmal auf und beleuchtet das Problem aus einer anderen Perspektive. Dabei reiht sie nicht beliebig Aspekte aneinander, sondern verfugt die Argumente und gewichtet sie. Forschungsmeinungen finden sich meist als Anregungen, die sie selbständig und niemals gezwungen mit eigenen Interpretationen verbindet; Polemiken fehlen - vielleicht wird deswegen oft nicht sofort ersichtlich, wie neu und weiterführend im Einzelnen die eigenen Überlegungen sind. Wer sich ernsthaft mit den kirchenpolitischen Entwicklungen im Ostreich des frühen 5. Jahrhunderts beschäftigen will, wem am Verständnis der Eigenart des konstantinopolitanischen Hofes und seines Verhältnisses zur Stadt und zur Aristokratie liegt, muss sich mit den vielfältigen Einsichten auseinandersetzen, die Tiersch eröffnet und durch gründliche Stellen-, Orts- und Sachregister erschließt.

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18.03.2006
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