W. Krieger (Hg.): Geheimdienste in der Weltgeschichte

Cover
Titel
Geheimdienste in der Weltgeschichte. Spionage und verdeckte Aktionen von der Antike bis zur Gegenwart


Herausgeber
Krieger, Wolfgang
Erschienen
München 2003: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
379 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Gieseke, Abteilung Bildung und Forschung, BstU Berlin

Man kann diesen Sammelband über Spionage als einen Streifzug durch die Jahrtausende lesen. Er handelt von manchem berühmten Agenten, von gewonnenen Schlachten und verlorenen Kriegen, von klug erdachtem Gerät, von edlen Helden und düsteren Gestalten. Anders als zahllose Titel dieses verkaufsträchtigen Genres zählt er jedoch nicht zur Publizistik, die den Gesetzen der Unterhaltungsindustrie verfolgt und deshalb zur historischen Wahrheit ein nur instrumentelles Verhältnis pflegt. Der Herausgeber und die Autoren sind vielmehr mehrheitlich Professoren und Privatdozenten der Geschichte und der Politologie und suchen deshalb einen anderen, einen wissenschaftlichen Zugang zur Rolle von Geheimdiensten in der Geschichte.

Der Band ist daher zugleich als Bestandsaufnahme der historischen Geheimdienstforschung zu lesen, die in Deutschland bislang ein Schattendasein fristet, sieht man vom florierenden „Stasi-Business“ ab. Im angloamerikanischen Raum hingegen sind die Berührungen der seriösen Geschichtswissenschaft mit dieser geheimen Kehrseite der Weltläufe erheblich breiter entwickelt. Der mit beiden scientific communities vertraute Herausgeber Wolfgang Krieger hat es daher auf sich genommen, nicht zuletzt mit dem vorliegenden Band, für diese Disziplin in hiesigen Landen zu werben. Zusammengekommen ist „ein bunter Strauss von Beispielen und Perspektiven“ (S. 18), die die Vielfalt möglicher Aspekte und Untersuchungsebenen illustrieren.

Der Schwerpunkt liegt auf der Politik- und Militärspionage sowie Verdeckten Aktionen, klammert also das weite Feld der Wirtschafts- und Technikspionage aus. Die 22 Beiträge reichen zeitlich von den Militärspionen Alexanders des Großen bis zur Terrorismusbekämpfung nach dem 11. September 2001. Kritische Reflektionen zum öffentlichen Bild berühmter Agenten stehen neben der Technikgeschichte der Informationsbeschaffung einerseits und eher allgemeinen Abrissen zur Entwicklung einzelner Nachrichtendienste andererseits.

So reizvoll ein solcher Mut zum Universalismus ist, weckt er ein Verlangen nach systematisierender Zusammenschau. Einer der evidenten Befunde könnte zum Beispiel lauten: Das klassische Aktionsfeld der Spionage war und ist der Krieg und seine Vorbereitung. Das zeigen etwa die Studien von Jakob Seifert und Pedro Barcelo zu den Feldzügen Alexanders und Hannibals, aber auch die Erkundungen Ernest Mays zu den Spionageleistungen Deutschlands und Frankreichs im Vorfeld der Ardennenoffensive 1940. Auch die Arbeiten zur Verschlüsselungstechnik der Antike von Wolfgang Kuhoff und zur ENIGMA-Maschine der Wehrmacht von Jürgen Rohwer zeigen dies deutlich. In Militäroperationen zahlen sich Informationsvorsprünge als unmittelbar wirkende materielle Gewalt aus, um Feldzüge zu konzipieren und Schlachten zu gewinnen.

In den komplexen Willensbildungsprozessen ziviler Gesellschaften und in der internationalen Politik in Friedenszeiten ist die Reichweite von Geheimdienstoperationen hingegen geringer, wenngleich es auch dort nicht an Bemühungen fehlt, Überwachungsstrukturen oder verdeckte Einflussnahmen geschichtsmächtig werden zu lassen. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Stefan Weiß zum preußischen Kommunistenjäger Wilhelm Stieber, ist aber auch Loch K. Johnsons Abriss der Covert Action als bemerkenswert selbstverständlichem Instrument US-amerikanischer Außenpolitik.

Erstaunlich nüchtern lesen sich in diesem Zusammenhang auch die Erkenntnisse Hubertus Knabes zur Rolle Günther Guillaumes als Kanzleramtsspions, dessen reale Ausbeute an Geheiminformationen offenbar geringer war als in der DDR-Hagiografie gerne behauptet – ein Befund, der auch Knabes These von der westdeutschen „unterwanderten Republik“ zuwider läuft. (In diesem Zusammenhang kann nicht verschwiegen werden, dass Knabe darauf verzichtet hat, eine offensichtlich wesentliche Quelle seines Beitrags zu nennen, die Untersuchung von Stephan Konopatzky zu den Fällen Stiller und Guillaume in der SIRA-Datenbank der DDR-Staatssicherheit; erstmals öffentlich vorgetragen auf einer Tagung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen im November 2001 und publiziert in der Zeitschrift Horch und Guck im Heft 3/2002.)

Wie die Einzelfallstudien zeigen, lohnt es sich auch immer, nach den komplexen individuellen Motivlagen, den gesellschaftlichen Kontexten und den tatsächlichen Möglichkeiten von Agenten zu suchen. Hier sei besonders Thomas Noetzels Studie zum britischen Sowjetagenten Anthony Blunt hervorgehoben, die sehr genau die Stimmungslagen seiner Generation von „Oxbridge“-Absolventen herausarbeitet, die die Affinität zur Sowjetunion hervorbrachten. Analog zum Wissensfortschritt im Fall Guillaume verweist Noetzel auch darauf, dass es ohne den Zugang zu den Akten der sowjetischen Auslandsspionage schwierig ist, das reale Ausmaß des Geheimnisverrats Blunts und seiner anderen berühmten Bundesgenossen abzuschätzen.

Auch wenn der vorliegende Band als Publikumstitel ein anderes Ziel verfolgt, wäre es zu wünschen, dass gerade ein ausgewiesener Kenner der Materie wie Krieger alsbald einen solchen systematischen Rahmen entwerfen würde.

Bei allen notwendigen Bemühungen der historischen Geheimdienstforschung, ihren Gegenstand zu entmystifizieren und zu systematisieren, bleibt die eigentliche Crux freilich das ungelöste Quellenproblem. Dies bestätigt auch der Blick in den Anmerkungsapparat dieses Bandes. Der Zugriff auf nicht vorsortierte Akten möglichst unterschiedlicher Provenienz stellt die Ausnahme für den Geheimdiensthistoriker dar. Zuweilen liegen überhaupt keine deklassifizierten Materialien vor, zuweilen sorgsam aufbereitete Sammlungen aus der Hand der Nachrichtendienste selbst (oder ihrer Gegnerdienste). Qualitativ anders ist die Quellensituation nur in einigen Fällen abrupter Zusammenbrüche von politischen Systemen und ihren Geheimdiensten.

Antike-Experten und Mediävisten sind es gewohnt, aus ihrer begrenzten Überlieferung das Beste zu machen. (Der Althistoriker Wolfgang Kuhoff empfiehlt als vertiefende Fachliteratur kurzerhand die 15-bändige Enzyklopädie der Antike „Der neue Pauly“.) Spätestens bei den Zeithistorikern sieht es jedoch anders aus. Sie müssen sich mit einer Unmenge von publizistischen Enthüllungsgeschichten, Zeitungsmeldungen und nicht zuletzt mit den aktiven Geheimdiensten und ihren Protagonisten auseinandersetzen, deren Informations- und Desinformationspolitik sich auch viele Jahre nach dem eigentlichen Geschehen noch an „operativen“ Zielen orientiert, wie etwa die Legendenpolitik in den Memoiren Reinhard Gehlens und Markus Wolfs zeigt.

Obwohl sich Krieger einleitend aus guten Gründen von „jenen phantasievollen Sachbuchautoren und Journalisten“ distanziert, „die aus einigen gerichtsnotorischen Spionagefällen, anderen tatsächlichen oder vermeintlichen Geheimdienstpannen und bloßen Gerüchten allerlei Stimmungsbilder entwerfen, mit denen sie auf die Öffentlichkeit einwirken“ (S. 17), sprechen die Nachweise des Bandes hier eine andere Sprache. Zumindest für die Zeit nach 1945 sind solche Journalistenbücher und Zeitungsartikel sowie Insider-Memoiren in vielen Fällen die wichtigsten, zuweilen die einzigen Quellen. Krieger selbst hat zur Organisation Gehlen in den USA zwar mittlerweile einige Akten erhalten, konnte sie in seinen Beitrag jedoch nicht mehr einbeziehen.

Diese Situation ist naturgemäß nicht dem Historiker anzulasten, doch schränkt sie die Chancen empfindlich ein, die Vorzüge des wissenschaftlichen Blicks zu demonstrieren. Nicht zufällig gehen deshalb die Beiträge zur Versenkung des Greenpeace-Schiffes „Rainbow Warrior“ durch das französische DGSE sowie zum 11. September 2001 nicht über die einschlägige Presseberichterstattung hinaus. Diese Grundproblematik führt in der Forschung zur unangenehmen Situation, als Bittsteller gegenüber den Hütern der geheimen Akten aufzutreten, und zugleich besorgt zu sein, „zum Gespött von Geheimdienst-‚Insidern’“ (S. 17) zu werden, die unwiderlegbar behaupten können, man sei auf dem Holzweg. Soviel Abhängigkeit von den zeitgenössischen Akteuren oder ihren Interessenwaltern tut nicht gut.

Der Band „Geheimdienste in der Weltgeschichte“ präsentiert mithin eine Fülle von Perspektiven und Facetten der historischen Geheimdienstforschung und unterstreicht damit erfolgreich, dass diese Disziplin des Ausbaus bedarf. Auf diesem Weg werden sich die Forscher der systematischen Verknüpfung und der schwierigen Quellensituation weiterhin zu stellen haben. Insofern ist dem salomonischen Bekenntnis des Herausgebers Wolfgang Kriegers beizupflichten, die Sammlung sei „instruktiv im Hinblick auf das, was in der Forschung noch zu leisten ist“ (S. 18).

Redaktion
Veröffentlicht am
31.07.2003
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag