P. Sarasin: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse

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Titel
Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse.


Autor(en)
Sarasin, Philipp
Erschienen
Frankfurt am Main 2003: Suhrkamp Taschenbuch Verlag
Anzahl Seiten
257 S.
Preis
€ 11,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Achim Landwehr, Philosophische Fakultät, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Der Krieg war voll entbrannt und die Schlacht schien ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Die fremden Eindringlinge hatten den Kampf aufgenommen, die Unterlegenen würden ohne Zweifel ausgerottet, und nur wo die Verteidiger die Oberhand behielten, könnten sie ihre Todfeinde in die Flucht schlagen. Nein, die Rede ist hier nicht von den neuesten Kriegsberichterstattungen aus einem Krisengebiet, sondern von Bakterien. In seinem neuesten Buch widmet sich Philipp Sarasin unter anderem diesen Organismen, die dem Menschen – dem ‚heroischen‘ Verteidiger in diesem Kampf – das Leben zuweilen recht unangenehm machen können. Genauer gesagt interessiert er sich für die Art und Weise, wie diese Bakterien um 1900 beschrieben wurden und vor allem warum man sie auf genau diese und keine andere Weise ‚in Worte fasste‘. Am Beispiel der Bakteriologie lassen sich die beiden Problemstellungen exemplifizieren, die Sarasin in seinem Buch darzulegen versucht, nämlich was die Diskursanalyse in der Geschichtswissenschaft zu suchen hat und welchen besonderen Nutzen sie bringt.

Was eine historische Diskursanalyse auszeichnet, ist nicht die Feststellung, dass in der Mikrobiologie ein kämpferisches Vokabular verwendet wird. Diese Feststellung kann bereits auf eine lange Tradition zurückblicken. Die Rede vom ‚Krieg im Körper‘ ist seit langem wohl die wichtigste Metapher – denn um Metaphern geht es Sarasin in diesem Zusammenhang –, mit der Infektionen durch Bakterien bezeichnet werden. Auch die Verwendung von Migrationsmetaphern wurde bemüht, wenn beispielsweise eindringende Leukozyten als ‚Wanderzellen‘ gebrandmarkt wurden. Diese Feststellung ist, wie gesagt, noch wenig Aufsehen erregend. Anders sieht es schon aus, wenn man nach den Ursprüngen solcher Metaphern fragt, oder noch genauer: nach den Zusammenhängen, die sich erschließen, wenn man diese auf den ersten Blick so einleuchtende Rede vom Angriff der Bakterien auf den Körper als keineswegs selbstverständlich befragt und zum Ausgang des Staunens macht. Mit einer solchen Fragerichtung zeigt sich beispielsweise, dass die Sprache der Bakteriologie nicht einfach nur politisch ‚infiziert‘, sondern vielmehr selbst politisch war. Von der Migration der Bakterien in den Körper zu sprechen, stellte daher nur die Fortsetzung einer anderen unerwünschten Wanderungsbewegung dar, nämlich derjenigen von „Obdachlosen“, „ungarischen Mausefallenhändler“, „von außen“ oder aus den „Stammländern im Orient“ Kommenden (S. 227), die die Krankheit – in diesem Fall den Typhus in den Jahren 1879/80 – zunächst in den Körper der Nation und sodann in den Körper jedes einzelnen Menschen getragen hatten. Es ist also alles andere als ein Zufall, und auch nicht nur ein nützliches, weil adäquates Hilfsmittel, wenn hier von Migration und Fremdheit, von Vergiftung und Reinheit gesprochen wird. Vielmehr sind es diskursiv etablierte Formen der Wirklichkeitskonstitution, die hier sowohl in der Politik wie in der Bakteriologie in Anschlag gebracht werden, um den beobachteten Vorgängen Sinn zu verleihen – und zwar einen sehr spezifischen Sinn.

Zu Sarasins Verdiensten in diesem Band gehört es jedoch, nicht bei solchen Ergebnissen stehen zu bleiben. Vielmehr interessieren ihn ebenso die interdiskursiven Verbindungen, die aus dem engeren Bereich der Bakteriologie herausführten. Hier zeigt sich eine zum Teil rasche Übernahme bakteriologischer Sichtweisen im außerwissenschaftlichen Raum, wenn beispielsweise bestimmte Personengruppen als ‚Bazillus der Gesellschaft‘ denunziert wurden. „Während die ‚Wahrheit‘ des bakteriologischen Textes sich auf das metaphorische Supplement etwa des Sozialdarwinismus stützen konnte, um eine neue Sichtweise von Gesundheit, Krankheit und von Vorgängen im Körper plausibel zu machen, dienten [...] popularisierte Konzepte der Bakteriologie/Immunologie bald schon als Bedeutungsressource für Bilder des Körpers und der Gesellschaft, die gemäß der Logik dieser Bilder beide ihre Krisen kriegerisch bewältigen müssen und die von Vergiftungen bedroht sind.“ (S. 228)

Selbstverständlich ist man damit einmal mehr auf den Zusammenhang von Sprache und Wirklichkeit verwiesen. Sarasin wiederholt dabei die für viele immer noch provokante These, dass es in der Tat nicht möglich ist, sich außerhalb der Sprache zu bewegen, verstanden als Unmöglichkeit, einen unmittelbaren, sich ohne den ‚Umweg‘ über die Sprache vollziehenden Zugang zur Wirklichkeit ‚dort draußen‘ zu erhalten. Damit soll eben nicht ausgesagt werden, dass es keine Dinge unabhängig von unserer Sprache gäbe, sondern dass eine Wahrnehmung dieser Dinge außerhalb von Sprache und Diskursen unmöglich ist. In diesem Sinne will Sarasin Diskursanalyse „als das Bemühen verstehen, die formellen Bedingungen zu untersuchen, die die Produktion von Sinn steuern.“

Auf Sarasins theoretische Ausführungen, insbesondere auf seine Erweiterung von Foucaults Diskursanalyse durch Laclau/Mouffe einerseits sowie Lacan andererseits, kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Der ausführliche Einleitungsaufsatz in dem Band bietet sich jedoch sowohl für Neulinge als auch für Eingeweihte an, um erstmals oder nochmals über die Diskursanalyse nachzudenken und zu streiten. In den empirischen Beiträgen zu dem Band beschäftigt sich Sarasin mit unterschiedlichen Aspekten. Zum einen sind dort Aufsätze zu finden, die im Kontext von Sarasins Forschungen zur Körpergeschichte entstanden sind: Es geht um die Rationalisierung des Körpers im Taylorismus beziehungsweise Fordismus des frühen 20. Jahrhunderts und die damit in Zusammenhang stehenden Überlegungen zur Arbeitsphysiologie. In zwei weiteren Beiträgen zu diesem Komplex diskutiert er die grundsätzlichen Möglichkeiten und Schwierigkeiten einer Körpergeschichte als Diskursgeschichte. Dem Rahmen einer Diskursgeschichte des Politischen sind zwei Aufsätze über das Konzept der Nation als ‚imagined community‘ sowie über die Rolle der Alpenmetapher in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs zuzuordnen. Der Wissenschaftsgeschichte ist der bereits vorgestellte Artikel zur Bakteriologie und Politik sowie ein ebenfalls sehr instruktiver Beitrag zu den Wechselwirkungen zwischen universitärer Wissenschaft, Populärwissenschaft und Medien gewidmet.

Wenn es Sarasin mit diesem Buch durchaus gelingen dürfte, Werbung für diskursanalytische Verfahren in der Geschichtswissenschaft zu machen, so schwankt er bedauerlicherweise zuweilen – soweit es das eigene Vorgehen betrifft – zwischen Aufklärung und Verklärung. Einerseits versucht er seine Untersuchungsschritte transparent zu machen, was sich auch in einer durchgehend stringenten Argumentation und einem vorzüglichen Aufbau der einzelnen Beiträge bemerkbar macht; andererseits kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er ein allerletztes Geheimnis zu wahren versucht. Dies verdeutlicht bereits das Vorwort, in dem er schreibt: „Diskursanalyse beziehungsweise Diskurstheorie ist keine Methode, die man ‚lernen‘ könnte, sondern sie erscheint mir eher als eine theoretische, vielleicht sogar philosophische Haltung.“ (S. 8) Gegen die theoretisch-philosophische Haltung ist gar nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil ist sie sogar wichtige Voraussetzung für diskursanalytische Arbeiten. Warum aus dieser Haltung jedoch keine erlernbare Methode hervorgehen soll, ist allerdings schwerlich nachzuvollziehen. Will die historische Diskursanalyse Ressentiments, die ihr entgegengebracht werden, abbauen, dann muss sie durch Klarheit überzeugen und den Nimbus einer Geheimwissenschaft abstreifen. Durch seine empirischen Arbeiten trägt Sarasin wesentlich dazu bei – warum diese Leistungen nicht auch auf andere Bereiche übertragen?

Davon abgesehen sollte dieses Buch jedoch vor allem als Einladung gelesen werden, um Näheres über die Angebote herauszufinden, welche die Diskursanalyse der Geschichtswissenschaft sowohl in theoretischer wie in empirischer Hinsicht zu machen hat. Es bleibt zu hoffen, dass möglichst viele diese Einladung annehmen.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.10.2003
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