M.R. Salzman: The making of a Christian aristocracy

Cover
Titel
The making of a Christian aristocracy. Social and religious change in the Western Roman Empire


Autor(en)
Salzman, Michele Renee
Erschienen
Anzahl Seiten
XIV, 354 S.
Preis
$49.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Timo Stickler, Institut für Geschichte, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Von dem spätrömischen Senator Vettius Agorius Praetextatus (gest. 384 n.Chr.) ist das berühmte Diktum überliefert, er werde sofort zum christlichen Glauben übertreten, wenn man ihn zum Bischof von Rom mache (Facite me Romanae urbis episcopum, et ero protinus Christianus; Hier. c. Ioh. 8). Die Aussage, mit der einer der Vorkämpfer des stadtrömischen Heidentums am Ende des 4. Jahrhunderts n.Chr. Papst Damasus I. zu provozieren wusste, führt uns mitten hinein in das Thema, dem sich Michele Renee Salzman, eine auf dem Feld der Spätantike ausgewiesene Wissenschaftlerin, in dem hier anzuzeigenden Buch gewidmet hat. In sieben Kapiteln beschreibt sie die Christianisierung der spätrömischen Senatsaristokratie im 4. und 5. Jahrhundert unter vielerlei Aspekten. Jeweils zu Beginn und am Ende der einzelnen Abschnitte fasst die Autorin zentrale Ergebnisse ihrer Argumentation zusammen, so dass es dem Leser möglich ist, die wesentlichen Aussagen des Buches zügig zu erfassen. An den darstellenden Hauptteil (S. 1-219) schließen sich diverse Appendices an (S. 222-253), u.a. eine Prosopografie von 414 Senatorinnen und Senatoren, die von der Autorin an verschiedenen Stellen des Buches im Hinblick auf ihre Fragestellung ausgewertet wird. Das Zustandekommen dieser Prosopografie wird auf S. 231-242 erklärt. Am Ende des Buches finden sich eine Auswahlbibliografie (S. 254-257), ein reicher, auch die nichtangelsächsische Literatur angemessen berücksichtigender Anmerkungsapparat (S. 265-341) und ein Index (S. 342-354).

Die Grundthese von Salzmans Buch lässt sich folgendermaßen zusammenfassen (vgl. S. 13ff. u.ö.): Die Tatsache, dass ein spätrömischer Senator zum Christentum konvertierte, sei weniger eine Frage des individuellen Bekenntnisses gewesen; vielmehr müsse man sie stark im Zusammenhang mit Rang- und Statusfragen innerhalb der pars melior generis humani (Symm. epist. 1,52) betrachten. Erst als das Engagement für das Christentum ein ähnlich hohes Prestige mit sich brachte wie vorher die Ausübung heidnischer Priestertümer, sei es zu einer stärkeren Bewegung von Senatoren hin zum Christentum gekommen. Zeitlich wird von Salzman ein gewisser Wendepunkt in der Regierungszeit Kaiser Gratians (367-383) verortet, doch zog sich der Prozess noch bis in die ersten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, des 5. Jahrhunderts hin (S. 78ff.).

Im Übrigen beziehen sich die soeben referierten Aussagen Salzmans im Wesentlichen auf den stadtrömischen Senatsadel; senatorische Eliten in anderen Reichsteilen, z.B. in Gallien, mochten, da sie weniger den jahrhundertealten Traditionen der urbs Roma verpflichtet, dafür aber gerade in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts räumlich enger an den in Trier, Vienne und anderswo residierenden Kaiser gebunden waren, andere Wege einschlagen (S. 86ff.). Es ist das Verdienst der Autorin, dass sie solchen Differenzierungen innerhalb des ordo senatorius, seien sie auf die landsmannschaftliche oder soziale Herkunft oder auf den persönlichen Rang gegründet, nachgeht und sie in ihr Gesamtbild integriert (vgl. S. 69ff., 107ff.).

Salzman bettet die Frage nach der Entstehung einer christlichen Senatsaristokratie in eine umfassende Darstellung des adeligen Lebensstils im 4. Jahrhundert n.Chr. ein (S. 43ff.). Sie betont die Eigengesetzlichkeit des senatorischen Way of Life, die Besonderheit der Tätigkeiten und Werte, die den Angehörigen dieses ordo wesentlich erschienen und es ihnen ermöglichten, den Standesgenossen als solchen zu identifizieren und rangmäßig einzuordnen. Davon ausgehend übt Salzman Kritik an zwei verbreiteten, ihrer Meinung nach aber unzutreffenden Forschungsmeinungen: Zum einen zweifelt sie daran, dass senatorische Frauen bei der Konversion ihrer Männer zum Christentum eine besondere Rolle gespielt hätten (S. 138ff.). Die christliche Überlieferung weise dem Phänomen asketisch lebender Aristokratinnen, bisweilen mit tendenziöser Absicht, eine Bedeutung zu, die dieses nie gehabt habe. Vielmehr seien die auf die patria potestas ausgerichteten römischen Familienstrukturen auch in der Spätantike prinzipiell intakt geblieben. Die Konversion zum Christentum sei in den überwiegenden Fällen vom pater familias ausgegangen.

Der zweite wesentliche Kritikpunkt, den Salzman gegenüber der bisherigen Forschung ins Feld führt, betrifft die Rolle des Kaisers im Prozess des "making of a Christian aristocracy" (S. 178ff.). Gerade aufgrund der Eigengesetzlichkeit des senatorischen Lebensstils sei der Einfluss der Herrscher auf das religiöse Bekenntnis der Aristokraten, zumindest im italischen Kernland, durchaus begrenzt gewesen. Beamtenernennungen seien, selbst bei dezidiert christlichen Kaisern, immer auch unter sachlichen und rangmäßigen Gesichtspunkten erfolgt. Gleichwohl bestreitet Salzman nicht, dass das kaiserliche Vorbild und die kaiserliche Politik mittelbar Auswirkungen auf das Bekenntnis von Senatoren haben konnten. Bei nichtitalischen, am kaiserlichen Hof tätigen Aristokraten, erst recht bei homines novi finden wir deshalb tendenziell eher Christen als Heiden. Umgekehrt aber vermochten sich die alten, in Rom beheimateten Senatorengeschlechter, die zur Festigung ihres Ranges innerhalb des ordo senatorius nicht so sehr auf Beschäftigung in kaiserlichen Diensten angewiesen waren, sondern auf ihr ererbtes Prestige verweisen konnten, solchem impliziten Anpassungsdruck zu entziehen. In ihren Reihen finden wir denn auch besonders beharrliche Anhänger heidnischer Kulte.

Das Buch von Salzman ist ein gelungenes Werk; es stellt mit Recht die Frage nach der Konversion des senatorischen Adels zum Christentum in den Kontext weiterer sozialgeschichtlicher Betrachtungen. Das Ergebnis, die Betonung der besonderen Rolle von Rang und Prestige für den Senatsadel auch in religiösen Fragen, ist grundsätzlich überzeugend. Bisweilen nimmt die Autorin etwas apodiktisch Stellung zu Einzelfragen - etwa dann, wenn sie das Moment der persönlichen "Bekehrung" zum Christentum zugunsten ihrer These völlig in den Hintergrund drängt (vgl. S. 66, 219); oder wenn sie die Aufnahme eines asketischen Lebensstils durch senatorische Frauen gänzlich als Randphänomen zu erklären versucht (vgl. S. 175ff.). Aber selbst in diesen Fällen ist ihre Meinung nie unbegründet und immer bedenkenswert.

Zwei Punkte seien allerdings zum Schluss doch angeführt, die meines Erachtens eine kritische Nachfrage herausfordern; der eine ist methodischer Art, der andere begrifflich-definitorischer. Der methodische Einwand richtet sich gegen die Statistiken, die Salzman auf der Basis der genannten 414 Senatorinnen und Senatoren erstellt hat und die sie immer wieder zur Stützung ihrer Thesen heranzieht. Die Autorin weiß angesichts einer Gesamtzahl von mehreren zehntausend Senatoren im 4. Jahrhundert n.Chr. selbst, auf welch tönernen Füßen ihre Auswertungen stehen (vgl. S. 6ff.). Die wesentlichen Resultate ihrer Arbeit hätten auch einer Absicherung durch etwaige Statistiken nicht bedurft; sie lassen sich allein aus den üblichen Quellen, literarischen, archäologischen und dergleichen, gewinnen. Vielleicht hätte es also der Prosopografie und ihrer statistischen Auswertung, zumindest in dieser Form, nicht bedurft.

Der begrifflich-definitorische Einwand richtet sich gegen die Bezeichnungen "Christian" und "pagan". Allein die Tatsache, dass die Charakterisierung der spätrömischen Senatoren im Prozess des "making of a Christian aristocracy" beständig dieser Dichotomie folgt, lässt unweigerlich den Eindruck entstehen, als habe man es hierbei mit einem, wenn nicht unversöhnlichen, so doch signifikanten und schwerwiegenden Gegensatz zu tun. Daran kann man jedoch begründet zweifeln. Wenn sich der heidnische Stadtpräfekt Symmachus und der christliche Bischof Ambrosius ein literarisches Duell nach allen Regeln der Kunst über die Sinnhaftigkeit der Aufstellung des Victoria-Altars in der römischen Kurie lieferten (vgl. Symm. rel. 3 sowie Ambr. epist. 17, 18, 57), so ist bei allen Differenzen die gemeinsame, doch wohl durch die senatorische Wertewelt vermittelte Basis, von der ausgehend man miteinander stritt, spürbar. Der bis kurz vor seinem Tode heidnisch gebliebene Senator Volusianus (gest. 437 n.Chr.) ist für den angesprochenen Sachverhalt ein ebenso gutes Beispiel: Über zwanzig Jahre vor seiner Konversion zum christlichen Glauben war er dazu imstande, mit dem Kirchenvater Augustinus einen gelehrten brieflichen Dialog über dogmatische Probleme wie die Fleischwerdung Christi zu führen (vgl. Aug. epist. 132, 135, 137). Sicher sind beide Ereignisse vor allem ein Zeichen dafür, wie christliche und heidnische Ausdrucksformen, in diesem Falle literarischer Art, sich im Laufe der Zeit einander anglichen - Salzman hat diese Vorgänge in ihrem letzten Kapitel, in dem sie teilweise sogar eine "Aristokratisierung" des Christentums konstatiert, ausführlich zur Sprache gebracht (S. 200ff.). Wir haben es also mit Beispielen dafür zu tun, dass sich der christliche und der heidnische Diskurs, zumindest in späterer Zeit, einander angenähert hatten. Die trennenden Mauern, wenn es sie je gegeben hat, waren nun überwindbar, und es ist gut möglich, dass in dieser Situation das von Salzman in seiner Relevanz bestrittene persönliche Bekenntnis, auch die persönliche "Bekehrung", für die religiöse Entscheidung des Einzelnen an Bedeutung gewinnen konnte.

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Veröffentlicht am
24.05.2004
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